Wolfgang Melchior in Widerspruch – Müchner Zeitung für Philosophie August 2004 (Auszug)

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... Durwens Roman geht in vier wesentlichen Punkten über das letztlich doch recht gelehrig-trockene Propädeutikum von Sofies Welt hinaus.

 

Erstens verfolgt Durwen einen holistisches Konzept von Wissen, in dem die philosophischen Ansätze nie nur um sich selbst kreisen und aus sich selbst oder auseinander expliziert werden, sondern diese werden immer wieder in Bezug gesetzt zu und eingebettet in naturwissenschaftliche(n) Theorien, ästhetische(n) Konstrukten, gesellschaftliche(n) Entwicklungen und technische(n) Errungenschaften

 

Zweitens geht es Durwen didaktisch nicht primär um die Darstellung eines bildungsbürgerlichen Bildungskanons, sondern um den Prozess ihrer Ermittlung und Genese. Zugegeben am Ende stehen die theoretischen Konstrukte, aber interessanter dabei ist immer das Wie, der Weg und die Mittel, über die die beiden Mädchen dorthin gelangt sind. Während dieses Prozesses wird auch immer wieder Durwens holistisches, anti-hierarchisches Wissenskonzept deutlich: es führen immer mehrere Wege zum Ziel, aber kein einzelner dieser Wege ist der Königsweg. Ob mit Hilfe des Romans Sofie Welt, eines Nachschlagewerkes, eines Filmes wie Star Trek, ob in Dialog- oder Monologform, alle Wege sind gleichwichtig ... deswegen wird die Reise der beiden Mädchen zum Abenteuer, zu einer intellektuellen Entdeckungsreise.

 

Drittens ist Durwens Roman ein Spiel mit Realität und Virtualität: in Ureda, dem virtuellen Raum ihrer Abenteuerreise, verschränken sich zunehmend die Lebenswelt der beiden mit künstlichen Welten, es entstehen immer mehr virtuelle Wesen, die jedoch Ähnlichkeiten mit realen oder anderen virtuellen/ästhetischen Wesen aufweisen. Theorie ist für Durwen im Wesentlich ein Spiel mit diesen Daseinsformen.

 

Und viertens und letztens basiert Durwens Roman auf einer (quantenmechanischen?) Prämisse: dass das Universum lediglich ein Möglichkeitsraum und das Dasein nur eine Art Knotenpunkt höherer Wahrscheinlichkeit darstellt, das wiederum einen Ausgangspunkt neuerer offener Möglichkeiten bietet. Unabhängig von der Valenz dieser halb-metaphysischen Wahrheit dieser Prämisse, steht dahinter folgende Motivation und Idee: es gibt keinen geschichtlichen Determinismus, sondern wir sind selbst Herr unserer Geschichte, weil es immer an uns liegt, eine vernünftige Entscheidung zwischen möglichen Alternativen zu treffen. Was im virtuellen und theoretischen Raum als Spiel auftritt, wird in der realen Praxis zur Wahlfreiheit zwischen Möglichkeiten. ....