Daniel Gebühr in Nürtinger Zeitung am Sa. 19.01.2001

http://www.ntz.de/lokalnachrichten/kultur/index.php?action=shownews&id=140503

 

Ein ganz reales literarisches Erlebnis in einer virtuellen Welt

 

Die Philosophie ist ein weites Feld, und dieses in einen Roman zu bringen, ist nicht ganz einfach. Dem Nürtinger Fachhochschul-Professor Karl-Josef Durwen ist das mit seinem Buch über die Geschichte der Philosophie gelungen. Der bei der edition tertium erschienene Roman "Im Spiegel der Möglichkeiten" (480 Seiten, 24,90 Euro) enthüllt so manches philosophische Geheimnis ganz nebenbei. Die Romanhandlung findet für alle Interessierten ihre Fortsetzung im Internet. Das reizt, das Buch ständig neu zu lesen.

 

Um es vorweg zu sagen: Das "Abenteuer um Realität und Virtualität, Bewusstsein und Menschsein", wie Durwen sein Buch nennt, spielt überall und nirgends. Dieses Nirgends hat einen Namen: Ureda. Eine Spiegelwelt, eine virtuelle Welt.

 

Virtuelle Welten gibt es viele, das ist nicht immer nur das Internet oder ein Computerspiel. Im Prinzip könnte jede Romanwelt als virtuell betrachtet werden - vor allem, wenn in dieser Welt andere physikalische Gesetze herrschen als in unserer Realität. Eines der besten Beispiele dafür ist die Scheibenwelt von Terry Pratchett. Durwen zitiert sie gern und oft. Und oft zitiert er auch andere virtuelle Welten, die Welt des Raumschiffs Enterprise zum Beispiel. In diesen virtuellen Welten beginnen auf einmal die Schwestern Iris und Elena sich zu bewegen, geführt von einem geheimnisvollen Heureka. Ganz nebenbei werden auf dieser Reise durch die Virtualität die großen Erkenntnisse der Philosophie erklärt, von Platon bis Heisenberg. Schrödingers Katze bekommt sogar ein eigenes Kapitel - denn wo, wenn nicht dort, lässt sich der Zusammenhang, wenn nicht gar die Einheit von Philosophie und Naturwissenschaften erläutern.

 

Die Form, die zur Erläuterung der philosophischen Konzepte der Menschheit in diesem Roman verwendet wird, ist der Dialog. In den Dialogen finden sich dann zwar wunderbare Sätze wie: "Wieso redet der Mensch so geschwollen, wenn er meint, etwas lehren zu können." Doch wirklich gut wird das Buch erst mit seiner Verknüpfung in unsere reale Virtualität: das Internet. Das gesamte Stichwortverzeichnis ist in das Internet ausgelagert (www.ureda.de) - und dort liegt es sehr gut. Hier erst beginnt man zu begreifen, was der Autor eigentlich will - und was er einem sagen will und kann.

 

Wie so oft finden sich in den Anmerkungen die eigentlichen Lösungswege für die im Text geschilderten Probleme - und der Leser hat sich in dieser virtuellen Welt des real erreichbaren Ureda sehr schnell festgelesen. Hier findet sich dann auch kein überflüssiges "cool" oder sonstige moderne Wörter, hier ist der Text purer Text und pures Vergnügen.

 

Die Ansätze, die im Buch vorhanden sind, die auch schon sehr weit vorangetragen werden, die Ansätze von einer Vereinheitlichung der Weltsicht auf die unterschiedlichen virtuellen Welten und deren Verzahnung mit der Realität, finden in der virtuellen Welt des Internet erst ihre Erfüllung. So geht das Gesamtkonzept des "Spiegels der Möglichkeiten" und Uredas über das hinaus, was "Sofies Welt" zu bieten hat, und wird zu einem ganz realen virtuellen Erlebnis.