Gabriela Globisch in Heilbronner
Stimme am 01.07.03
Philosophieren über die Realität in
den Zeiten des Internet
- zeitgemäße
Bildung unter www.ureda.de - Roman
eines Nürtinger Professors ins Netz gestellt – Spannende Exkursion in die Welt
des Wissens -
Die altehrwürdige
Philosophie passt auch ins
Zeitalter von Multimedia. Herausragende
Verdienste erwarb sich der Nürtinger Ökologie-Professor Karl-Josef Durwen, der
in seinem faszinierenden Roman „Im Spiegel der Möglichkeiten" auf Realität
und Virtualität, Bewusstsein und Menschsein eingeht und dies auf eine ganz
abenteuerliche, spannende Weise tut.
Durwen bindet in
die Romanhandlung das Internet ein, was die gewohnten Denkformen von Lokalität
und Realität, Wahrheit und Inszenierung verwischt. Keine reine
Philosophiegeschichte wie bei Jostein Gaarders „Sophies Welt", sondern
handlungsorientierte Philosophie, die besonders Jugendliche ansprechen soll.
Spielt aber das Internet im Printwerk eine Rolle, so Durwen, ist es
folgerichtig, im Netz den Roman zu spiegeln und die weitergehenden
Möglichkeiten dieses Mediums zu nutzen. So entstanden zwei eigenständige und
jeweils mediengerechte Teile, die zusammen aber mehr sind. Denn ein Buch ist
fertig und kann konsumiert werden, während die Webpräsenz eine ständige
Veränderung, interaktiv, vernetzt bis chaotisch und flüchtig, letztlich
virtuell ist.
Die
Philosophenschule Ureda ist ein
infotainmentartiges Bildungsportal, die virtuelle Welt, in die Iris und Elena,
die jugendlichen Protagonistinnen des Romans, durch einen Internet-Kontakt
eindringen und dadurch die reale Welt und sich selbst neu entdecken. Der Surfer
kann per Mausklick in die bereits fertig gestellten Räume eindringen und den
Spiegel der Möglichkeiten entdecken. Die Backgroundmusik, einfach ein
Hörgenuss; die Grafik, sachlich, übersichtlich, ansprechend; einfache,
übersichtliche Navigation - alles ohne unnötigen Schnickschnack.
Im Untergeschoss
kann man im Lesesaal nach mannigfaltigen Begriffen zum Thema suchen. Die
Einträge sind stark persönlich gefärbt, dadurch erfährt man Interessantes, was
so woanders nicht steht. Gibt man Jostein Gaarder ein, erfährt man was über den
Autor, sein Hauptwerk „Sophies Welt" und kann ausgiebig mit vielen
Querverweisen und Links ins Thema eintauchen. Der Roman des Norwegers
durchdringt das Werk des Landschaftsökologen, der auf seine Weise davon so
fasziniert war und den bekannten Bestseller als Spannungselement in den eigenen
Roman integrierte. Durwen stellt fest, dass er im Unterschied zu Gaarder die
heutige Zeit und die Zukunft als auch die Naturwissenschaft nicht ausklammert.
Ganz im Gegenteil: So trifft Platon den Star-Trek-Capitain Jean-Luc Picard,
Heisenberg erscheint, relativ unscharf, und auf Klick gesellt sich noch Günther
Jauch dazu.
Das Erdgeschosses
lehnt an das Buch an, wo die Schwestern für die weltbewegenden Fragen im
Innenhof Luft holten; hier ist es das Forum zum Gedankenaustausch für
jedermann. Im Obergeschoss kann man zurzeit drei Zimmer erkunden. Im Sophiezimmer
ist Schmökern und Sinnieren angesagt, was ist wahr oder erdacht, Wendurs Kammer
ist die eigentliche Keimzelle Uredas, während es im Magiezimmer um Magie und
Philosophie geht.
Viele Stunden intelligentes Surfvernügen, gern auch
für junge Menschen, denen Durwen die schwierige Geistesmaterie
wirklichverständlich und kurzweilig nahe bringt. Die Website ist ein absoluter
Renner, doch was einfach schade ist: Ein einzigartiges Buch, das Fachwissen
handlungsorientiert präsentiert, im Moment aber einen neuen Verlag sucht, ein
fix und fertiger Prototyp der DVD, der an der Filmhochschule Ludwigsburg
erstellt worden ist, doch ruht das Projekt wegen fehlender finanzieller Mittel.
Das zeitaufwendige „Hobby" des Nürtinger Professors fand so bislang noch
nicht die richtige Würdigung.