Michael Kreisel in InKulturA-Buchkritik am 11.09.2002
http://www.inkultura-online.de/durwen.htm
In einer Zeit, welche die Mittelmäßigkeit zu ihrer prägenden
Erscheinung gewählt hat, in der gedankenlose Sucht nach Spaß vorherrscht, in
der es aus der Mode gekommen zu sein scheint, über sich selber und seine
Stellung in der Welt zu reflektieren und in der es geradezu verpönt ist, auf
die leisen Töne zu hören, in dieser Zeit schreibt, ja wagt geradezu ein Autor
etwas, was man getrost als einen Leitfaden durch die Irrungen und Wirrungen der
Philosophie bezeichnen kann. Ist dieser Mensch denn von allen guten Geistern
verlassen? <
Weiß er denn nicht, daß heute alles, was den Umfang von
wenigen Sätzen übersteigt, für die meisten Menschen Zeitverschwendung bedeutet,
daß allenfalls die Lektüre von witzigen Schlagzeilen und der monatliche
Kontoauszug ohne Murren auf sich genommen wird? Nein, er weiß es nicht und er
tut verdammt gut daran. Wer den Roman Im Spiegel der Möglichkeiten von
Karl-Josef Durwen zur Hand nimmt, der läßt sich auf ein nicht geringes
Abenteuer ein. Die grundlegenden Fragen der menschlichen Existenz, wer bin
ich?, wo gehe ich hin?, wo ist der Sinn von alledem?, wo ist mein Platz in
diesem Universum?, werden in diesem witzig und klug komponierten Roman mit
Hilfe der "Großen" der Philosophiegeschichte abgehandelt.
Zwei junge Mädchen 14 und 16 Jahre alt, werden durch eine
mysteriöse Internetseite in einen Strudel von Ereignissen gezogen, denen sie
sich nicht mehr entziehen können. Was zuerst den Eindruck eines raffinierten
Computerspiels macht, das läßt für beide bald die Grenzen von Wirklichkeit und
Illusion verwischen. Die Neugier ist geweckt, doch schnell auch das Entsetzen,
denn die sie umgebende Realität erweist sich als trügerisch. Sie begegnen ihren
virtuellen Doppelgängern in der Philosophenschule von Ureda und schnell taucht
die Frage nach Authentizität auf. Sind sie real, oder sind es ihre
Doppelgängerinnen? Was ist das, die Wirklichkeit? Schaffen wir sie uns selber,
oder werden wir von ihr geschaffen?
Dem Autor gelingt es sehr schnell, den Leser in die Tücken
und Fallstricke dessen zu führen, was wir gemeinhin als Realität bezeichnen. Mit
Hilfe von spannenden und witzigen Dialogen werden nicht nur die vier Mädchen,
real oder virtuell?, virtuell oder real?, zu einem neuen Bewußtsein ihrer
selbst gebracht. Die Trennung von Subjekt und Objekt, die so viele von den
Problemen unserer Zeit verschuldet hat, wird hier aufgehoben und eine neue,
ganzheitliche Sicht der Dinge vorgeschlagen.
Nicht umsonst sind die Hauptfiguren bis auf Wendur, den
geduldigen philosophischen Lehrer, weiblich. Nicht umsonst sind die
"Heldinnen" in einem Alter, in dem genau diese Fragen gestellt
werden, die jedoch in der Regel leider von niemandem gehört oder beantwortet
werden.
Ist es doch das Weibliche, welches als erstes Veränderungen
erspürt. Als Mutter die unausgesprochenen Veränderungen ihres Kindes, als Frau
und Freundin des Mannes die zwischenmenschlichen Töne des intergeschlechtlich
Transzendenten.
Es ist ein Roman für einen Wendepunkt des Lebens. Nicht
mehr Kind und noch nicht erwachsen. Fragen zur eigenen Existenz liegen brennend
auf der Seele und warten sehnsüchtig auf Antwort. Wohl denjenigen, die einen
weisen Lehrer haben. Einem Lehrer, dem es gelingt die Verwobenheit des Menschen
in die Welt und das Universum zu vermitteln. Der das Wagnis unternimmt, die
Trennung des Menschen von seiner Umwelt und von seinen Mitmenschen aufzuheben
und den Zusammenhang alles Lebendigen zu lehren.
Der Titel des Romans ist Programm. Der Spiegel steht für
die Möglichkeit dessen, was sein kann. Kongruent oder seitenverkehrt, vorwärts
oder rückwärts, positiv oder negativ. Das Dasein nicht als Fixpunkt der
Determination betrachtend, sondern als Möglichkeit auf dem Pfeil der Zeit. Die
Gegenwart als Chance der Geschichte und die Zukunft als Klaviatur, deren
richtigen Ton zu treffen uns die offenen Möglichkeiten nicht nur gestatten,
sondern geradezu fordern.
Dieser Roman von Karl-Josef Durwen wäre als Pflichtlektüre
in der Oberstufe wahrlich nicht fehl am Platz. Vereint er doch Exkurse von
Augustinus bis zur Quantentheorie, von Aritoteles zu Hans Jonas, von Platon zu
Hegel und viele weitere spannende mehr. Er weckt die Neugier und die Lust sich,
im philosophischen Sinn, mit sich selber zu beschäftigen. Herauskommen wird in
jedem Fall eine neue Möglichkeit.