Torsten Meise in SPIEGEL-Online am 12.12.2001
http://www.spiegel.de/netzwelt/netzkultur/0,1518,172375,00.html
Platon und das Star-Trek-Universum
Lassen
sich die alten Griechen, Jean-Luc Picard und die Heisenbergsche
Unschärferelation in eine Romanhandlung pressen, ohne dass es peinlich wird?
Ein deutscher Ökologie-Professor hat dieses Abenteuer gewagt. Wirklich geglückt
ist es aber erst im Internet.
Seneca, Server, Shakespeare, Simpsons ... Wer sich in das Untergeschoss
der virtuellen Zitadelle Ureda verirrt, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Ein
scheinbar sinnfreies Sammelsurium von Stichwörtern empfängt den Besucher dieser
seltsamen Bibliothek. In alphabetischer Reihenfolge gesellen sich "Jauch,
Günther" zu "Jonas, Hans", "Paulus" zu "Per
Anhalter durch die Galaxis" oder "Weltgeist" zu "Wenders,
Wim". Will hier jemand seinen Spaß treiben?
Erst
wenn man den Spuren der Links folgt, bekommt die Wahllosigkeit eine Ordnung. Und
plötzlich hat man sich in einer verdammt gut geschriebenen Abhandlung über die
philosophischen Dimensionen des Star-Trek-Helden Jean-Luc Picard festgelesen.
Oder in einer Einführung in die platonische Philosophie. Ganz offensichtlich
hat hier ein kluger Kopf verstanden, wie man im Internet mit Inhalten umgeht.
Dieser Kopf hinter Ureda.de hört im Netz auf den Namen "Wendur", was
in Tolkiens Mittelweltsprache "Dunkles Mädchen" heißt. Verdreht man
die Silben, erscheint der bürgerliche Nachname des Schlossherrn. Der heißt
Karl-Josef Durwen, ist 51 Jahre alt und wäre gerne immer Erster.
Meistens
hat er das auch geschafft. Er war der erste promovierte Landschaftsökologe in
Deutschland, gehörte in den siebziger Jahren zu den ersten, die Computer in der
Ökologie nutzten und wurde deshalb auch der erste deutsche Professor für
Informatik in der Landschaftsplanung. Zwischendurch war er unter einem gewissen
Joschka Fischer erster Leiter eines damals neuen Referats für Umweltinformation
im hessischen Umweltministerium. Heute ist er an der Fachhochschule Nürtingen
Dekan des Fachbereichs Landschaftsarchitektur.
Nur
bei seiner jüngsten Leidenschaft, der Belletristik, war Durwen ausnahmsweise
Zweiter. Den Roman nämlich, den er Mitte der Neunziger schrieb, den gab es schon.
Es hieß "Sofies Welt" und stürmte gerade die Bestsellerlisten.
"Als ich das Buch von Jostein Gaarder in die Finger bekam, wollte ich
schon alles hinschmeißen", gesteht Durwen, den dieser Fehlschlag auch
heute noch wurmt. Doch nach einem Jahr Frust-Pause hatte sich Durwen ein neues
Konzept zurechtgelegt. Das Resultat ist zur jüngsten Frankfurter Buchmesse in
der winzigen Edition Tertium erschienen und heißt "Im Spiegel der
Möglichkeiten".
Das
Buch spielt mit der Virtualität: Der Roman handelt von den Schwestern Iris und Elena,
die im Internet ein scheinbares Computerspiel entdecken. Nach und nach werden
sie dabei jedoch von einem mysteriösen Mann namens Heureka in die virtuelle
Welt Ureda hineingezogen. Hier entdecken sie mit Siri und Anele Spiegelbilder
ihrer selbst, diskutieren über die Realität von Raum und Zeit und erkunden all
die Fragen und Antworten, die sich über die gesamte Philosophiegeschichte
hinweg angesammelt haben.
Von
Platons Höhlengleichnis bis hin zur Heisenbergschen Unschärferelation behandelt
das Buch so ziemlich alles, was zum ganzheitlich aufgeklärten Bildungskanon des
frühen 21. Jahrhunderts gehören sollte. Das macht den Roman nicht gerade zu
einer leichten Lektüre, auch wenn sich der Autor bemüht hat, alles sehr populär
zu halten. Am Ende jedoch siegte wohl der Professor über den Romancier.
...doch
erst im Web funktioniert das richtig. Umso erstaunlicher sind die Eleganz und die
Leichtigkeit, mit der das virtuelle Gegenstück des Romans daherkommt. Ureda.de
ist konzeptionell gut durchdacht und hervorragend gestaltet. Allein deshalb
nimmt es unter den nichtkommerziellen Webseiten bereits eine Ausnahmestellung
ein. Inhaltlich weckt es beim Besucher nach wenigen Klicks eine immense
Neugierde. Denn Ureda ist nicht nur eine "Teilinszenierung des
Buches", wie Durwen sagt, sondern auch eine netzadäquate Form der
Enzyklopädie. Alle Artikel sind intelligent verlinkt und mit zahlreichen
Verweisen auf externe Seiten gespickt.
Der
didaktische Trick Durwens, seine Leser über populäre Roman- und TV-Figuren in
philosophische und wissenschaftliche Regionen zu entführen, funktioniert auf
der Webseite ebenfalls deutlich besser als im Buch. Wer auf das Stichwort
"Simpsons" klickt, landet beispielsweise bei einem Artikel über den
alten Sänger Homer - und am Ende auch bei dem Bier trinkenden Mitglied der
Zeichentrick-Familie.
Noch
sind nicht alle Räume der sehenswerten Zitadelle belegt. Durwen wird aber
weiterhin an seiner kleinen Welt schreiben, in der scheinbar alles mit allem
zusammenhängt. Sein ganz privates Wettrennen mit Jostein Gaarder um den ersten
Platz bei philosophischen Romanen hat Karl-Josef Durwen zwar verloren, im
Internet ist er jedoch Meilen voraus. Und wie er nochmals Erster wird, das weiß
er auch schon. Denn bereits jetzt arbeiten Studenten der Filmakademie
Ludwigsburg an einem Konzept, den Inhalt des Buches auch für eine DVD
aufzubereiten.