Rainer Nübel in Sonntag aktuell am 29.12.2002
Platon lässt sich
linken
Ein Ökologie-Professor aus Nürtingen
macht Philosophie zum virtuellen Bestseller
Hält man‘s im Kopf aus? Tausende
Internet-Freaks klicken sich in die Geschichte von Sein und Bewusstsein,
hypermoderne Cyberspace-Fans beißen sich fest in weisen Abhandlungen über
Platons Höhlengleichnis oder Kants kategorischen Imperativ. Was fast wie Utopie
erscheint, wird unter www.ureda.de zur millionenfach abgerufenen Realität: Dem
Ökologie-Professor Karl-Josef Durwen aus Nürtingen ist es gelungen, Philosophie
zum virtuellen „Bestseller“ zu machen. Dabei ist sein Aufsehen erregendes
Internet-Projekt nur das Nebenprodukt eines opulenten Romans.
Durwens Trick ist link. Zwei, drei
Doppelklicks - und plötzlich ist der neugierige Surfer gefangen in der
virtuellen Zitadelle namens Ureda. Namen und Begriffe schwirren wie Irrlichter
umher, locken ihn in immer neue Räume, wo sich Begegnungen der seltsamen Art
ergeben. Der alte Platon trifft Star-Trek-Captain Jean-Luc Picard, Aristoteles,
Augustinus und Descartes reflektieren über Gott und die Welt, Heisenberg
erscheint, relativ unscharf, und auf Klick gesellt sich auch noch Günther Jauch
hinzu.
Der Herr dieser geheimnisvollen
Bibliothek, der das fein gesponnene Netz von Stichwörtern und verlinkten
Artikeln ausgelegt hat, schmunzelt: „Mit Speck fängt man Mäuse“, sagt
Karl-Josef Durwen, 52. Er wollte vor allem jungen Menschen die schwierige
Geistes-Materie schmackhaft machen.
Daher hat er Science-fiction-Helden, TV-Stars und Comic-Figuren als Lockmittel
eingesetzt. Immerhin schwirrt ja auch Star Trek um die Dimensionen Zeit und
Raum. Allenthalben Aha-Effekte.
Vernetzes Denken eben. Das ist bei
Durwen so etwas wie eine Berufskrankheit. „Ökologen müssen ganzheitlich
denken.“ Und der Wissenschaftler mit philosophisch-literarischer Ader war der
erste promovierte Landschaftsökologe überhaupt in Deutschland, wurde der erste
deutsche Professor für Informatik in der Landschaftsplanung. Frühzeitig nutzte
er die EDV-Technik für „grüne“ Belange. Durwen, bis Herbst Dekan des
Fachbereichs Landschaftsarchitektur an der Fachhochschule Nürtingen, führte
früh aber auch das Zusatzfach „Ethik“ ein. Den Mann mit den hellwachen Augen,
der lange überlegt, bevor er losredet, beschäftigte jahrelang eine Frage: „Wie
bekommt man die Menschen zum Nachdenken - ohne schulmeisterlich den Zeigefinger
zu heben?“
Durwen schrieb einen Roman, „Im Spiegel
der Möglichkeiten“. Ein raffiniertes Spiel mit Realität und Virtualität: Die
Schwestern Iris, 16, und Elena, 14, stoßen im Internet auf ein vermeintliches
Computerspiel. Der geheimnisvolle Webmaster Heureka bringt sie dazu, Fragen an
ihn zu stellen: ob ein Roboter wie Data aus „Star Trek“ nicht „so gut wie
lebendig“ ist, wie sich Leben, Gefühl, Bewusstsein, Zeit und Raum definieren.
Die Antworten irritieren sie zunächst, doch nach und nach finden sie den
Philosophielkram „cool“ und tauchen immer tiefer ein in die Ureda-Welt. In der
Mitte seines Romans hat Durwen den
blank geputzten „Spiegel der Möglichkeiten“ aufgestellt: Die Schwestern
befinden sich plötzlich in der virtuellen Zitadelle. Als Siri und Anele stoßen
sie auf ihre Spiegelbilder. Fragen und Antworten aus zig Jahrhunderten
Philosophiegeschichte werden reflektiert - im doppelten Wortsinn. „Man kann
sich im Gegenüber besser erkennen“, sagt Durwen, der blitzgescheite
Spiegelfechter.
Wie ein klassisches Drama hat er seinen
philosophischen Roman durchkomponiert. Die „Tragik“: Das Internetprojekt hatte
Durwen nur als Glossar zum Buch konzipiert. Doch gerade die Websites erwiesen
sich mit rund vier Millionen Aufrufen als Renner, wurden bereits mehrfach
ausgezeichnet. Der in der kleinen Edition tertium erschienene Roman hingegen,
478 Seiten dick und stilistisch beileibe nicht so schlank wie Jostein Gaarders
Bestseller „Sofies Welt“, verkauft sich
nur zäh. Durwen: „Er passt in keine Schublade des Buchhandels, es ist kein
Sachbuch, aber auch kein klassisches Jugendbuch.“
Gaarder war schneller als Durwen. Dafür
macht die Geistes-Geschichte des Ökologieprofessors Karriere in den neuen
Medien. Nicht nur im Internet. An der Ludwigsburger Filmakademie wird derzeit
der Inhalt des Buches für eine DVD aufbereitet. Und immerhin hat Durwen
bewiesen, dass aus Nürtingen neben Harald Schmidt ein weiterer ernster Denker
kommt - wenn man‘s im Spiegel der Möglichkeiten betrachtet.