Erich Perschon in 1001-Buch, Juni 2003
(dem Publikationsorgan des Internationalen Institutes für Jugendliteratur und
Leseforschung (Wien) im Verbund mit dem Bibliothekenservice und dem
Büchereiverband Österreich)
Virtualität und Realität unserer
Welt(en)
(Kurzfassung unter
http://www.biblio.at/rezensionen/details.php3
in »biblio.at«)
Geheimnisvoller
Midi-Sound untermalt im ständigen Loop das Eingangsportal in die Welt von UREDA
- einem „Ort der Antworten, auf die die
Fragen fehlen“, einer virtuellen Welt, in die WebsurferInnen, wie die
Protagonistinnen des Romans „Im Spiegel der Möglichkeiten“, Iris und Elena,
eintreten können, um den Spiegel der Möglichkeiten zu entdecken. Als grafische
Metapher dient die Ansicht und der Grundriss einer alten Festung, die laut
Romantext auf der Insel im Meer der vergessenen Antworten steht und - als
Philosophenschule im Niedergang begriffen - die letzten SchülerInnen Siri und
Anele mit ihrem Meister Wendur beherbergt.
Aber zunächst einmal zum Roman:
Karl-Josef Durwen (Philosoph, Autor/Romancier, Hochschullehrer/Dekan) steht mit
diesem Text zweifellos in der Tradition des erzählenden Philosophie-Sachbuches,
dessen Durchbruch mit Gaarders „Sofies Welt“ 1991 begann und auch strukturell
und inhaltlich NachfolgerInnen fand, so z.B. mit dem Briefroman „Das Café der
toten Philosophen“ (1996) von Nora K./V. Hösle, mit Catherine Cléments „Theos
Reise“ (1998) und Gaarders „Maya oder Das Wunder des Lebens“ (1999).
Durwens philosophischer Roman „Im
Spiegel der Möglichkeiten“ versteht sich als Weiterführung und Vertiefung von
Erzählmustern wie „Alice hinter den Spiegeln“ und „Sofies Welt“. Starke
intertextuelle Bezüge zu anderen Werken (Kultserie „Star Trek“, Adams Kultbuch
„Per Anhalter durch die Galaxis“ u.a.m.) und umfangreiche philosophische
dialogische Exkurse bestimmen den Aufbau dieses nicht einfach zu lesenden
Textes.
Man stelle
sich vor, man schaut sich morgens in den Spiegel, gähnt und sieht, wie
plötzlich das eigene Spiegelbild einem mit beiden Augen zuzwinkert oder man
entdeckt sich selbst in einer Videosequenz eines Online-Spiels. Alles
existenzielle Irritationen, die letztlich zu grundlegenden Seinsfragen führen
können. Und darum geht es auch in Durwens Roman mit dem Untertitel »Abenteuer
um Realität und Virtualität, Bewusstsein und Menschsein«.
Eine
fiktive-virtuelle Philosophenschule, auf der Meister Wendur und seine zwei
letzten Schülerinnen konsequent ihren philosophischen Unterricht absolvieren,
wird durch die fiktiv-realen Figuren, der 16-jährigen Iris und ihrer jüngeren
Schwester Elena, über ein Online-Spiel auf der Web-Site des mysteriösen
Philosophen Heureka entdeckt. Immer mehr verschwimmen die beiden Welten für die
vier Protagonistinnen und immer dringender stellt sich die Frage nach der
Identität und dem Menschsein. Schließlich reifen Iris und Elena durch
Grenzerfahrungen, Traumerlebnisse und geheimnisvolle philosophische
Internet-Chat-Kontakte zu erstaunlich weisen Jugendlichen heran. Trotzdem lösen
sich weder die intellektuelle Ebene noch die Handlungsebene zuletzt auf,
sondern bleiben offen und führen die LeserInnen im Sinne einer Möbiusschleife
wieder an einen »neuen Anfang« bzw. zu sich selbst zurück.
Und was
bieten die philosophischen Gespräche in der Art von platonischen Dialogen?
Einen breiten Raum nehmen zunächst interessante Gedankenspielereien zu vielen
Aspekte des Phänomens Zeit ein. Dann geht es um Sein-Werden-Vergänglichkeit,
Möglichkeit-Wirklichkeit-Notwendigkeit, Raum-Zeit-Zusammenhänge, Entstehung und
Entwicklung des Kosmos, Kausalität, realisierte Welt und Möglichkeitsraum,
Freiheit und Zufall, Stellung des Menschen innerhalb der Evolution, Welt als
Schöpfung und Prozess, moderne Wissenschaft und ganzheitliches Denken,
Gottesbeweise, Todeserkenntnis, die Kraft der Liebe. ... Dabei werden
philosophiegeschichtliche Positionen von der Antike bis in die Neuzeit
aufgezeigt, verglichen, aktualisiert und variiert.
Begibt man sich in die virtuelle Welt
des Internet, so stößt man auf der Startseite der Web-Site http://www.ureda.de/
auf eine turmartige Festung, wobei das Untergeschoss mit 10 begehbaren Räumen
am belebtesten erscheint. Das Erdgeschoss
beherbergt den Empfangsbereich, den Innenhof, der zum Besucher-Forum der
Website führt, und den Speisesaal, wo man über Buch und Autor Informationen
erhalten kann. Im Obergeschoss verteilen sich drei geheimnisvolle Zimmer: das
Sofiezimmer, das Magische Zimmer und Wendurs Kammer. (...)
Das beste Stück auf dieser Website ist
allerdings das sehr umfangreiche Lexikon, die Bibliothek, mit unzähligen Links
innerhalb der Lexikonartikel und mit dem www vernetzt – ein dichtgewebter
Hypertext lädt zum stundenlangen Stöbern ein. Unter philosophiegeschichtlichen
Erläuterungen, Philosophen-Biografien, Problemaufrissen, Stichworten zu
klassischen Paradoxien und Gedankenexperimenten, zeitgemäßen
naturwissenschaftlichen und ethischen Problemstellungen ist so mancher interessante
Fund zu verzeichnen.
Liest man Durwens Kommentar zu »Sofies
Welt«, zu Gaarders Büchern insgesamt und seine Bemerkungen zur
Entstehungsgeschichte seines eigenen Romans, so bekommt man den Eindruck, dass
Durwen mit seinen Ideen immer ein wenig zu spät gekommen ist. Nun hat er mit
seinem Roman aber ein intertextuell dicht gewebtes Werk veröffentlicht, dass
durchaus eine Weiterentwicklung, Modernisierung darstellt. (...)
Das Parallelerlebnis neben einer intellektuellen
Auseinandersetzung auch eine spannende Romanhandlung zu verfolgen wie etwa bei
»Sofies Welt« oder »Theos Welt« wird einem nicht leicht gemacht. Dazu kommt
noch, dass die philosophischen Gesprächspartien hohe Anforderungen an das
Mitdenken der LeserInnen stellen, dies aber in einem erzählerischen Umfeld, das
durch Zugeständnisse an jugendliche Gesprächsführung und flapsige
Zwischenbemerkungen oft stark vom ernsten Gehalt der gedanklichen Höhenflüge
ablenkt. Ohne Zweifel ist dem Autor aber ein interessanter mehrperspektivischer
Zugang zu Menschheitsfragen wie Realität und Virtualität unserer Welt gelungen,
wenn er die Bereiche Naturwissenschaft, Religion, Philosophie, Sciencefiction,
Evolution und persönliche Erkenntnis zu Wort kommen lässt und ebenso die Medien
Buch und Internet miteinander verlinkt.