Andrej Schwabe in DSI, Mai 2003

http://startrek-index.de/features/?id=buecher/2003-05-08

 

 

Star Trek einmal anders

 

Leser von Jostein Gaarders "Sofies Welt" werden den Beginn des Buches wenig überraschend finden, führt Durwen sie doch fast schon parallel in die Welt der Philosophie ein. Und so erweckt das 600 Seiten starke Buch auch zunächst den Eindruck, ein besserer Abklatsch von "Sofies Welt" zu sein, doch langsam beginnt Durwen mit den Geschehnissen in "Sofies Welt" zu spielen; so vermutet Iris hinter dem Philosophen Heureka (das scheinbare Pendant zum Briefeschreiber aus "Sofies Welt" ) einen Kinderschänder und überhaupt ist der Umgangston zwischen ihr und ihren Eltern viel realistischer als der von Sofie, was ein lockerer Umgang mit der deutschen Sprache beweist. ...

 

Die Dialoge sind (vom Ende des Buches her betrachtet) sehr clever eingefädelt und auch die Handlung ist intelligent geführt. Die Mitte des Romans ist der Spiegel, vor dem die Probleme und hinter dem die Antworten stehen, die zu neuen Fragen führen. Die philosophischen Dialoge sind sehr interessant und aufschlussreich, dennoch ist dieses Buch auf keinen Fall leichte Lektüre. Und hier sehe ich das größte Problem des Buches: Es ist nichts für den Leser, der das alles mal nebenbei liest; es verlangt viel Muße und eine gewisse Vorbildung in Philosophie, sonst steigt man schnell aus.


Doch ist dies alles gegeben, so beginnt das Buch am Ende immer verständlicher und spannender zu werden, denn wer "Sofies Welt" kennt, wird wissen, dass solche Romane mit einem großen philosophischen Knall enden, der zum verstärkten Nachdenken über die eigene Welt anregen soll. Und der ist hier mit Sicherheit sehr gut gelungen. - Und dann wird einem auch klar, woher der kryptische Titel kommt. ...

 

... die Ideen von Durwen sind - auf den Punkt gebracht - äußerst faszinierend. Es ist eine völlig andere Sicht, die Welt zu sehen, als ich sie bisher hatte. Es fällt schwer das in verständliche Sätze zu pressen, aber ich schreibe sicher nichts Falsches, wenn ich einfach sage, dass es ihm um die Vereinigung oder besser um das Nebeneinander von wissenschaftlichem Reduktionismus und Glauben geht, um die Vernetzung der Welt, um die Bedeutung des einzelnen Lebens in der großen Weltgeschichte, um Möglichkeiten und Realität. Besonders attraktiv finde ich seinen Ansatz, unsere Sicht der Welt über die biologische und später psychologische (und soziale) Entwicklung zu erklären. Denn letztlich werden wir, ob wir es wollen oder nicht, genau dadurch geprägt. Und da er nicht den Anspruch erhebt, einzige Erklärung zu sein, hat sich Durwen damit perfekt aus der Affäre gezogen - im positiven Sinne. ...

 

Durwen ist es leicht anzumerken, dass er sich eingehender mit Science Fiction im Allgemeinen und Star Trek im Besonderen beschäftigt hat. Als wichtigster Trek-Charakter taucht Data auf und der Autor erzählt auf eigenwillige und humorvolle Weise den Beginn der TNG-Episode »Decent 1« nach, in der Newton, Einstein und Hawking mit Data pokern. Kritikwürdig ist aber auf jeden Fall, dass Star Trek als Thema nur am Anfang und am Ende des Buches auftauchen, so dass ich den Eindruck bekommen habe, dass ihm erst später wieder eingefallen ist, dass er ja auch noch was mit Star Trek machen wollte...

Für einen deutschen Autor jedenfalls ist das Buch phänomenal, zumindest kenne ich nicht viele deutsche, zeitgenössische Autoren, die ein derart hohes Niveau an Spannung, Anspruch und Unterhaltung zu bieten haben.

 

Fazit: Für den satten Preis von knapp 25 € bekommt man nicht nur ein raffiniertes Layout geboten, sondern auch tiefe philosophische Probleme. Und dass das alles mit Star Trek verbunden ist, ist eigentlich auch nur von Vorteil, weil Star Trek weniger ein Podium zur großartigen Diskussion philosophischer Theorien darstellt, sondern eher eine Möglichkeit zu deren Präsentation und Illustration, was Durwen geschickt aufgreift und ausnutzt