Der Erfinder der Magie

Um 600 v. Chr. hielt einer im nordöstlichen Iran nicht viel vom herrschenden Mitrasglauben. Er vertrat eine revolutionäre Gegenposition: Es gibt nur einen einzigen Gott (Ahura Mazda), der im Himmel wohnt. Der hat einen Widersacher in der Hölle (Ahriman). Zwischen beiden, durch Licht und Finsternis symbolisiert, tobt der Kampf um Gut und Böse. Des Menschen Pflicht ist es, sich für das Gute einzusetzen. Dies geschieht nach drei Grundsätzen: gut denken, gut reden, gut handeln. Denn da alle Ereignisse auf Ursache und Wirkung beruhen, kann Gutes nur Gutes bewirken.

Der Name, den dieser Mann trug, wies ihn nach vermutlich falscher westlicher Übersetzung als „Besitzer goldfarbiger Kamele“ aus: Zoroaster, bekannter unter dem latinisierten Namen Zarathustra. Die indische Übersetzung klingt plausibler: Strahlendstes Wesen.
Jener Prophet sprach nicht nur, wie es im berühmten Buchtitel von Nietzsche heißt, er schrieb auch: Die heilige Schrift "Zend Avesta". Diese Avesta sind die heiligen Bücher der Parsen (der Perser, die vor der Verfolgung nach Indien flüchteten). Die Schriftgelehrten und Weisen dieser Religion aber heißen Maghav (oder gr. Magoi). Aristoteles bezeichnet sie als diejenigen, die, halb Dichter, halb Philosophen, alles Seiende aus einem obersten Prinzip ableiten.

Diogenes Laertius, ein griechischer Schriftsteller im 3. Jahrhundert nach Christus schrieb dann einen Bestseller: „Leben und Meinungen berühmter Philosophen“. Darin führt er gleich in der Einleitung aus, dass man sich täuscht, wenn man meint, die Barbaren hätten die Philosophie entwickelt. Nein, die Griechen waren es, die nicht nur mit der Philosophie, sondern mit der Bildung des Menschengeschlechts überhaupt den Anfang gemacht haben. Dabei wirft er Perser, Inder, Kelten und die restlichen Kulturen in diesen Barbarentopf und mischte auch Aristoteles, einer Hauptfigur meines Spiegels der Möglichkeiten hinein. Der hatte sich nämlich von seinem Schüler Alexander (dem Großen) möglichst viele Schriften aus dem eroberten Persien mitbringen lassen und über eben jene Magoi geschrieben: „Halb Dichter, halb Philosophen, alles Seiende aus einem obersten Prinzip ableitend“. Da es aber Barbaren waren, wissen wir in der von Laertius vorbereiteten Interpretation der Vereinfacher (zu denen viele Philosophen bis zur Renaissance nicht gehörten, die in der Magie die Lehre von den Kräften in der Natur sahen und sich auch auf die Aussage des Aristoteles berufen konnten, ein Magier sei ein weiser Menschen, der mit der Kraft zu handeln ausgestattet ist.), dass die Magoi, die Magier, die falsche Lehre vertraten, unkultiviert waren, mit Schamanen, Druiden und anderen Verdächtigen die Naturgeister beschworen.

So wenig okkultisch – also verborgen – ist die Erfindung der Magie im Sinne des sie bezeichnenden Wortes, so man es wissen will.