Wie die Großen Drei die Welt veränderten

Skript zur Vorlesung in der »2. Kinderhochschule Nürtingen«

am 19. Juli 2005

von

Prof. Dr. Karl-Josef Durwen

 

Kinder sind Philosophen, denn sie fragen warum: »Warum muss ich in die Schule gehen? Warum regnet es? Warum gibt es mich und die Welt und darin das Böse? Warum kann man denken, warum muss man sterben?« – Kinder wollen Gründe wissen.

Die meisten Erwachsenen fragen nur noch wie: Wie ist deine Rechenarbeit ausgefallen? Wie komme ich zur Braike? Wie teuer ist die Brezel? Wie funktioniert das? – Das sind Fragen nach Nutzen und Zwecken, dem alltäglichen Zurechtkommen im Leben.

Dabei gibt es so viele ungeklärte Dinge. Etwa, dass man sich am Kopf kratzen kann. Denn wir alle lernen doch, dass es den Körper gibt und den Geist. Der gehört nicht zur körperlichen Welt und stammt angeblich aus dem Jenseits (der Natur). Das hat einer der drei, von denen hier die Rede ist, behauptet; nämlich Platon. Der Geist, so lernen wir, hat nichts mit Chemie und Physik zu tun, keine Muskeln und keine Kraft. Wie aber schafft es dann mein Wille, dass mein Körper den Arm hebt, die Finger bewegt und »ich mich« kratzen kann?

Um die Frage gleich zu beantworten: Wir wissen es nicht! Auch die heutige Wissenschaft kann nur die körperlichen Vorgänge beschreiben, nicht aber die Einwirkung des Geistes auf den Körper erfassen oder nachweisen. Es gibt sogar die Vermutung, dass sich der Körper ohne unseren Willen kratzt und sich der Geist nur einbildet, es ge­wollt und veranlasst zu haben. – Ich selbst denke, dass es ein Fehler ist, von der Trennung und gar dem Gegensatz von Geist und Körper auszugehen. Ich meine, dass es nur ein Ganzes gibt, das man gliedern aber nicht zerreißen kann.

Jedenfalls gab es und gibt es Männer und Frauen, die über solche Rätsel nachsinnen. Nicht zuletzt tun das die meisten Kinder. Menschen aber – egal ob groß oder klein –, die über so etwas nachdenken und sich nicht damit zu­frieden geben nur zu lernen, wie etwas funktioniert sind Philosophen. Philosophen wollen wissen warum die Welt ist wie sie ist und welchen Sinn die Dinge darin haben.

Philosophieren heißt, nachdenken und Antworten finden zu wollen. Nicht die im Quiz oder Kreuz­wort­rätsel, sondern die grundsätzlichen zur Welt, zum Leben und sich selbst. Der Antrieb der Philosophen ist die Neugier. Doch braucht man auch Mut. Nämlich den, immer und immer wieder ganz dumm nachzu­fragen, dann über die Antworten nachzudenken und diese wieder in Frage zu stellen. – Der Name Philosophie kommt aus dem Griechischen und heißt die Weisheit lieben.

Wie aber denkt man eigentlich? Wir denken heute meistens in Wörtern und in Beziehungen zwischen den Wörtern. Die nennt man Logik. Das war nicht immer so. Schon deswegen nicht, weil sich Sprache erst nach und nach entwickelte. Noch vor rund 3000 Jahren dachten die Menschen viel mehr in Bildern. Wenn man etwas weitererzählen wollte, dann tat man das in Geschichten und Liedern. Die konnte man sich leichter merken und in seiner Fantasie wie Bilder ausmalen. Bilder sind – trotz aller einzelnen Linien und Flächen – ein Ganzes.

 Die Geschichten, die davon handeln, wie zum Beispiel die Erde oder der Mensch entstanden oder was gut und was schlecht ist, nennt man Mythen. Wir verstehen diese Mythen heute nicht mehr, eben weil wir sie nicht mehr bildlich sondern wörtlich nehmen. So meinen wir, dass Herkules (richtig: Herakles) so etwas wie der Schwarzenegger der Antike war, der mit Muskeln und List die tollsten Abenteuer bestand. Ursprünglich ging es aber um die Beherrschung von Gefühlen, die die Anhänger der Hera (die Frau des Obergottes Zeus) in einer Art Priesterseminar lernen sollten. Diese Lehre wurde eben in der Bildersprache der damaligen Zeit vermittelt: Den Stier besiegen heißt, das aufbrausende Wesen beherr­schen. Die Schlange steht für Falschheit. Das Ausmisten des Stalles (des Augias) besagt, dass man Ordnung halten muss. Letztlich gewinnt der geistige Held die Äpfel der Hesperiden. Der Apfel ist das Symbol der Weisheit: Nicht einfach Wissen oder Schlauheit, sondern Erkenntnis und Einsicht. Diese Weisheit lässt Herkules sogar den Tod (Höllenhund) überlisten.

Wir verstehen das heute, wie gesagt, so wenig, wie die Menschen vor Jahrtausenden uns verstehen würden. Sie erklärten sich die Vorgänge in der Welt mit dem Wirken von Göttern und Geistern. Wer wirkt, der ist ein Verursacher oder Urheber. Wir denken dagegen heute in Ursachen und daraus folgenden Wirkungen. Solche „Sachen“ sind chemische und physikalische Kräfte, die wir mit Natur­gesetzen beschreiben. Auch dachten früher die Menschen noch nicht logisch und nicht in dem Sinne zeitlich, so wie wir das tun. Unsere Urahnen hatten andere Vorstellungen von der Welt, andere Erklä­rungen und andere Werte als wir. Dass wir heute so anders denken, dafür sind in ganz starkem Maße

die Großen Drei verantwortlich, von denen hier die Rede ist. – Diese sind Sokrates, Platon und Aristoteles.

Vor ihnen – die rund 400 Jahre vor Christus lebten – gab es schon viele andere griechische Philosophen. Diese dachten über die Natur nach. Sie wollten die Welt nicht mehr einfach mit dem Wirken der Götter erklären, sondern suchten nach Urstoffen und Ursprüngen (= Prinzipien). Sie stritten besonders gerne darüber, ob es die Welt schon immer gegeben habe oder ob sie Anfang und Ende hätte. Einige, wie Demokrit, fanden eine Lösung, die das ewige Bestehen mit dem dauernden Entstehen und Vergehen vereint: Sie dachten sich aus, dass die Welt aus Atomen besteht, die selbst ewig und unveränderlich sind und doch alles bilden, was sich verändert und vergeht. Also wie Bauklötze oder Legosteine, mit denen man immer wieder bauen und einreißen und neu machen kann: Die Steine bleiben, das aber, was sie bilden, ist wandelbar und vergänglich. Tatsächlich bestehen wir alle aus Sternenstaub: Jedes Atom unserer Körper wurde einmal in Sonnen gebildet, war vielleicht schon in einem Meteoriten, einer Sanddüne, einer Blume oder Pyramide, bevor es ein Teil von uns wurde. Halten wir fest: Zwei sich widersprechende Vorstellungen von der Welt wurden mit der Atom-Lösung vereint. Keine Gegensätze mehr, sondern ein neues und vereinendes Bild der Welt. – Die Zeit dieser Naturphilosophen endete mit Sokrates, weswegen man sie auch als »Vorsokratiker« zusammenfasst.

Sokrates, ein Steinmetz, der wohl nicht einmal lesen und schreiben konnte, dachte nämlich über die Menschen nach. Er fragte sich, was unsere Besonderheit ist und stellte fest: das Denken! Aber nicht in dem Sinne, dass man darüber nachdenkt, was es zum Mittagessen gibt, wie man Sandalen herstellt oder die Kinder groß zieht. Er meinte vielmehr, jeder Mensch könnte mit dem Denken die Wahrheit und das Gute ergründen.

Er machte genau das, was ich anfangs als das Wichtigste der Philosophie nannte: Fragen und in Frage stellen. Er lehrte, man dürfe nicht einfach die erste Antwort annehmen, sondern müsse prüfen und immer wieder prüfen, bis man an der Kern der Dinge kommt. Darüber diskutierte er mit Bauern und Handwerkern, mit Frauen und Sklaven, mit Fremden und Adligen. Er zeigte, dass letztlich alle zum gleichen Ergebnis kommen, wenn man Vorurteile (z.B. „Ausländer sind kriminell“) und Behauptun­gen (z.B. „Gott will das so“), Meinungen (z.B. „ich halte das für rich­tig“), Gewohnheiten (z.B. „das macht man schon immer so“) und Aussagen anderer (z.B. „der König hat aber gesagt“) als sol­che er­kennt und sie Schicht um Schicht wie beim Zwiebelschälen weg­nimmt. Was übrig bleibt, so sagte er, ist die Wahr­heit und das Gute. Das können alle Menschen erkennen, weil ihnen etwas ge­meinsam ist – die Ver­nunft.

Er sammelte Schüler um sich, die nachdachten und diskutierten und alles mit dieser Vernunft prüften. Deshalb sagten sie bald nicht mehr einfach, die Sonne sei ein Gott und würde jeden Tag von einem Pferdegespann über den Himmel gezogen, oder alle, die keine Griechen seinen (die nannte man Barba­ren) wären gar keine richtigen Menschen und könnten als Sklaven gehalten werden. Sie glaubten nicht mehr, dass Frauen dümmer sind als Männer oder Adlige besser als einfache Leute.

Das passte den Priestern und Regierenden und vielen anderen in Athen nicht. Darum wurde Sokrates wegen Gotteslästerung und Verführung der Jugend zum Tode verurteilt. Letztlich starb er freiwillig. Denn seine Schüler hätten ihn leicht aus der Stadt bringen können. Doch Sokrates war der Überzeu­gung: »Lieber Unrecht leiden, als Unrecht zu tun«. Selbst wenn er zu unrecht verurteilt wurde, so muss er doch nach seiner Überzeugung dem Richterspruch Folge leisten, sonst hätte er gegen das Recht verstoßen. Sokrates vertrat also eine klare Haltung, die man damals Tugend nannte. Heute spricht man allgemein von der Ethik als der Lehre vom Guten und Bösen. In diesem Sinne hat Sokrates die Vernunftethik begründet.

Das war der erste unserer drei Großen, der die Welt verändert hat. Er führte uns mit zum so genannten vernünftigen oder auch logischen Denken. Zudem sagte er, dies Vernunft sei die besondere Eigenart aller Menschen. Wenn das aber so ist, kann man eigentlich nicht sagen, dass einer besser oder schlechter ist, wenn er aus Athen oder Nürtingen kommt, Mann oder Frau ist, weiß oder schwarz, alt oder jung, reich oder arm. Jeder Mensch, so meinte Sokrates, müsse den anderen anerkennen, sich dessen Argumente anhörten, ernsthaft darüber nachdenken und ehrlich abwägen. Dann könnte man das Richtige und Gute finden und danach handeln. Das ist heute sogar ein Grundprinzip der Politik. Denkt nur an die Vereinten Nationen. Auch da diskutieren Schwarze und Weiße, Christen und Muslime, Kommunisten und Demokarten, Arme und Reiche, Männer und Frauen zusammen, um vernünftige Lösungen zu finden.

Der berühmteste Schüler des Sokrates war

Platon. Der stammte aus einem reichen und einflussreichen Elternhaus und hätte eigentlich Politiker werden sollen. Er führte aber die Philosophie des Sokrates weiter. Während dieser einfach seine Gesprä­che und den Unterricht auf dem Marktplatz abgehalten hatte, gründete Platon so etwas wie die erste Universität, die berühmte Akademie. Nach ihr sind bis heute viele Bildungseinrichtungen benannt. Auch das Wort Akademiker für Leute, die studiert haben, kommt daher.

Platon dachte weiter über das nach, was das Besondere des Menschen ist. Wenn es das ist, dass jeder Mensch vernünftig denken kann, das aber bestimmt nicht Steine können oder Pflanzen und auch die Tiere nicht (die ihren Trieben und Gefühlen und Instinkten gehorchen), dann ist das doch etwas, das sonst nicht in der Natur ist, sagte er sich. Er folgerte daraus, dass der Mensch nicht zur Natur gehört.

Schon lange gab es die Vorstellung der Seele als etwas, das nach dem körperlichen Tod übrig bleibt. Naturvölker gingen und gehen davon aus, dass alles in der Natur eine Seele hat – so etwas wie die Lebenskraft – und diese dann z.B. in ein anderes Wesen übergeht. Auch Sokrates hatte die Vernunft als der Teil der Seele verstanden. Platon lehrte nun, die Seele komme aus einer übernatürlichen Welt. Sie gehöre nicht zur Natur, sondern stamme aus etwas, das außerhalb oder eben Jenseits der Natur sei: Dem Reich der Vollkommenheit, das er die Welt der Ideen nannte. Was er sagen wollte, erklärte er mit dem berühmten Höhlengleichnis.

Um dieses zu verstehen, soll uns Uri Schmetterling helfen. Uri ist ein Schillerfalter, der von der Eule Wendula und der Schildkröte Kassiopeia dazu ausgebildet wird, eine Welt namens Ureda zu retten. Diese ist mit der unseren durch einen geheimnisvollen Spiegel (das Symbol des Bewusstseins) verbun­den. Uri weiß das alles nicht und fliegt an einem dreifachen Freitag dreimal durch den Spiegel. Dadurch lernt er denken und sprechen und einiges andere. Das wird in meinem neuen, noch unveröffentlichten Buch

Uri durch den Spiegel erzählt, zu dem ihr etwas unter http://www.ureda.de in »Sofies Zimmer« erfahrt. Lassen wir den Schillerfalter aus seiner Geschichte selbst zu Wort kommen:

„Ja, ich träumte. Ob ich auch diese Fähigkeit vom Spiegel erhielt oder schon besessen hatte, das weiß ich nicht. Auch erklärte mir erst Kassiopeia, dass es ein Traum war, denn mir schien es Wirklichkeit. Und noch immer tue ich mich schwer damit, dass der Traum in mir war, denn ich war doch im Traum!: Ich war nämlich wieder im Turm. Oder war es eine Höhle? Zumindest war es dunkel und eng. Ich hatte Angst. Angekettete Menschen saßen dort und starrten auf eine Wand. Die war vom Licht erhellt, das durch den Eingang herein fiel. Über die Wand aber flatterte ich. – Nicht wirklich, nur mein Schatten, denn ich bewegte mich bei meiner Flucht vor der hellen Öffnung.

»Oh, welch herrlich Ding!« schallte es da wir im Chor durch den Raum. Neugier und Eitelkeit bremsten mich. Die Gefesselten starrten auf meinen doch so plumpen Schatten, denn umdrehen konnten sie sich nicht. »Schön«, erschallte es wieder, »wunderbar, dass wir das sehen und erkennen können!« Noch immer aber meinten sie meinen flachen, grauen und verzerrten Schatten, der über die Wand kroch, nicht mich, die doch viel reichere, schönere Wirklichkeit. Gerne hätte ich ihnen das gesagt, mich ihnen körperlich, schillernd und im freien Flug gezeigt, doch meine Angst war zu groß; ich entfloh zurück ins Sonnenlicht, in dem ich wohlig erwachte.

Was ich nunmehr sah, war Kassiopeias Kopf, der sich langsam und prüfend aus der Panzerhöhle wagte. Wir waren beide in der Abendkühle an Ort und Stelle eingeschlafen und mit der Wärme des späteren Morgens erwacht. Von Wendula keine Spur. Das war mir recht. Ich habe nichts gegen die Käuzin, aber mit Kassiopeia tue ich mich leichter. Wir wechselte nur einen Blick und verstanden uns: Frühstück! Ich flog rasch zu meiner Schnecke, die nun zwar schon äußerlich arg vertrocknet aber auch prima verwest war[1]). Die Schildkröte schob sich nur ein wenig vor, um einen kleinen Bestand Taubnesseln abzuweiden. Danach entspannten wir noch etwas in der Morgensonne und in unausgesprochener Übereinstimmung.

»Du, Kassiopeia«, war natürlich ich derjenige, der schneller unruhig wurde, denn die Schildkröte hätte womöglich den halben Tag verdöst: »Du bist doch eigentlich in deiner Panzerhöhle gefangen. Ist das nicht schlimm?«

Sie glotzte mich an. »Schlimm, wieso schlimm? Das ist mein Haus, mein Schutz, meine eigene Welt!«

»Na ja, immerhin kannst du den Kopf heraus strecken und die Wirklichkeit sehen«, dachte ich laut über meinen Traum nach. Die Kröte glotzte mich weiter unverständig an. Da erzählte ich ihr das, was ich erlebt hatte. Scheinbar erlebt, wie sie mir bald erklärte. Kassiopeia zischelte und schnalzte vergnügt: »Der Philosoph[2]) träumt von Platons Höhlengleichnis! Wie das die alte idealistische Eule freuen würde, geckgeck.« Jetzt war es an mir, unverständig drein zu blicken.

»Platon«, erklärte die Alte, »ist ein ganz berühmter Philosoph. Er stammte aus Athen. Er war also ein Grieche, wie auch Achilles, mit dem ich mal um die Wette gerannt bin ...«

»P-l-a-t-o-n«, piepste ich so laut ich konnte, um Kassiopeia davor zurück zu halten, sich wieder in der Unendlichkeit[3]) zu verlieren. Es half zum Glück.

»Dieser Platon erzählte so ein Höhlengleichnis und wollte damit sagen, dass alles in der Natur wie gefesselt in Finsternis und Dummheit ist. Naturwesen erkennen nicht die Wahrheit, halten Schatten für Wirklichkeit. Als Teil der Natur haben wir nur Schein-Erkenntnisse der vollkommenen Welt jenseits der Höhle. Denn dort ist das Licht der Erkenntnis, ist Wahrheit und Vollkommenheit. Er nannte diese Welt außerhalb oder jenseits der Natur das Reich der Ideen. Es sei das Reich des Geistes, aus dem die menschliche Seele mit der Vernunft stamme.«

»Dann gehören also die Menschen nicht zur Natur und können alles erkennen und alles wissen und vollkommen sein?«

»Das meinen die Idealisten, wie Wendula und ganz viele Menschen. Sie meinen, der Geist sei übernatürlich, frei und gut. Doch er sei gefangen in Körpern, würde betrogen durch die Sinne, irritiert durch Gefühle. Sie meinen, die Natur lenke mit Hunger und Schmerz, Krankheit und Tod, Liebe und Leidenschaft immer nur von der Wahrheit ab. Sie gaukle plumpe Schatten als zum Beispiel Schmetterlinge vor. Nur mit der Befreiung von der Natur – also vom Materieellen – erreiche man das eigentlich wahre und gute Sein. Diese ideale Welt im Jenseits anzustreben, in die die Seele zurück kann, das soll der Sinn des irdischen Lebens sein. Es mag eine Chance oder Prüfung sein.«

»Aber Wendula frisst doch und ärgert sich oft. Gut und schön ist sie auch nicht gerade.«

»Idealistisch zu denken, heißt ja nicht, selbst ideal zu sein, was ja ohnehin auf Erden nicht gehen kann – und auch nicht in Ureda. Wichtig ist die Art des Denkens und Erkennens: Das Ideal ist wie ein vollkommenes Muster. Dieses Muster hat – so sagen die, die von Platons Lehre überzeugt sind – ein denkendes Wesen irgendwo im Hinterstübchen seiner Seele aus der Geisteswelt mitgebracht. Man nennt es auch Vernunft. Nimmt der Mensch etwas in der Natur wahr, so vergleicht er es mit den Mustern in seiner Seele. So erkennt er zum Beispiel den Schmetterling selbst dann, wenn das Ding nur wie ein grauer Schatten des idealen Schmetterlings ist. Kennst du in deiner Seele die ideale Eule, kannst du auch die unvollkommene Wendula als Eule erkennen. Es ist der Weg zur Erkenntnis von oben nach unten. Aus dem Höchsten kann man das Niedrigere ableiten. «

»Und du meinst das nicht?« wagte ich zu fragen, weil Wendula sie doch Matheartist, nein Materialist genannt hatte. »Wie erkennst du mich denn als Schmetterling?«

»Wir Realisten, wie ich lieber sage, gehen davon aus, dass die Natur nicht nur das Körperliche – die Materie oder das Reale – sondern auch die Denkfähigkeit hervor gebracht hat. Der Geist ist nichts Unnatürliches. Aristoteles, der größte Schüler Platons, sagte schon, es könne zwar eine Welt außerhalb der Natur geben, doch dazu könnten wir in dieser Welt rein gar nichts sagen. Daher dürfe man auch nicht behaupten, eine uns unbekannte Welt wäre vollkommen gut, die uns bekannte aber nur schlecht. Jedes Ding habe seinen eigenen Sinn und Wert in der Natur selbst, nicht als Schatten einer anderen Welt. Auch brauche man keine Welt der Ideale, um das Wesen der Dinge zu erkennen: Wenn wir unseren natürlichen Verstand – das ist die Fähigkeit, die Sinneseindrücke zu verarbeiten und zu ordnen – benutzen, dann können wir das auch.«

»Wendula erkennt mich und alles in der Welt durch Vergleich mit dem, was sie als Vernunft schon in sich hat. Das krieg ich auf die Reihe. Wie aber erkennt dein Verstand etwas, das er doch noch gar nicht kennt? Das verstehe oder vernunfte ich noch nicht!«

»Beobachte ich zum Beispiel uns Tiere, dann kann ich feststellen, dass viele schwimmen, viele fliegen, andere kriechen oder laufen. Somit kann man Flugtiere von Schwimmtieren unterscheiden. Sieht man genauer hin, gibt es bei euch Fliegern zumeist größere mit zwei Beinen, die wir Vögel nennen, und kleinere mit sechs Beinen, die wir Insekten nennen. Sehen wir uns diese Insekten wieder genauer an, so können wir vom Körperbau her Käfer von Wespen und Libellen von Schmetterlingen unterscheiden. Durch beobachten des Einzelnen,  trennen von Ungleichem und  zusammenfassen von Gleichem kann man also von unten nach oben die Welt ordnen. Gibt man allen Gliedern der Ordnung eigene Namen, so braucht man keine aus dem Jenseits mitgebrachten Erinnerung an ideale Schillerfalter und Käuze, um alte Eulen von jungen Faltern zu unterscheiden.«

»Aber du brauchst das, was Wendula Klein-klein nennt: Viele Beobachtungen und Vergleiche und Einordnungen.«

»Ja, es ist der Weg der Erfahrung: Beobachten, ordnen und Schlussfolgerungen ziehen. Eine Schlussfolgerung ist zum Beispiel: »Uri ist ein Schmetterling. Schmetterlinge sind Lebewesen. Alle Lebewesen müssen sterben. Also muss auch Uri sterben.« Das Einzelne konkrete Ding, wie du, Uri, wird zusammengefasst mit allem was ihm ähnlich ist. Oft über mehrere Stufen. Das Wissen um grundlegende Eigenschaften der ganzen Gruppe wird dann dem Einzelnen zugeordnet.«

Ich schluckte zwar, weil ich wieder an meinen Tod erinnert wurde, bemühte aber meinen Geist: »Ich verstehe: Die Materialisten sagen, man kann über die Sinne die Welt wahrnehmen, sich Bilder davon machen und denen Namen geben. Die Erfahrung erschließt uns die Welt. Wendula geht aber davon aus, dass es schon so etwas wie ein Urwissen in der Seele gibt und die Sinne betrügen. Der Geist erkennt die Dinge. – Den Idealisten erscheint der Mensch als Geistwesen, das durch die Natur angekettet ist. Vielleicht sogar mit diesen Molekülketten[4]. Für dich sind diese aber die Lebensstränge des Naturwesens Mensch, der mit seinem Geist von der Natur hervorbracht wurde.«

»Uri, du bist wirklich klug!« schnalzte die Kröte. »Aristoteles sagte, die Materie bietet die Möglichkeiten, der Geist ist die sie formende Kraft. Selbst aus einfachsten Baumaterialien kann unglaublich viel Verschiedenes geformt werden. Dafür muss aber nicht schon ein Geist vorher da sein oder irgendwann vom Himmel fallen.«“

Damit sind wir mit dem Auszug aus der Geschichte fertig und auch schon bei

Aristoteles.  

Der war – wie uns Kassiopeia schon sagte – ein Schüler des Platon. Doch wie Schüler manchmal so sind, widersprach er seinem Lehrer heftig: Wie wir schon mit Hilfe von Uri Schmetterling erfahren haben, ging er nicht von einem Jenseits aus, aus dem die Fähigkeit zum Denken, zur Erkenntnis und zum Gutsein stammt. Vielmehr entwickelte er die Methode, die von den Einzelnen Dingen in der Natur auf das Ganze schließt. Das ist bis heute die Methode der Naturwissenschaften. Aristoteles war in diesem Sinne der erste Naturwissenschaftler der Welt. Er traf auch schon die Unterscheidung in Mathe­matik, Physik, Biologie und schrieb jeweils die ersten Lehrbücher dazu, aber auch zur Ethik. Während Platon auf dem Bild oben zum Himmel weist, ist die Geste von Aristoteles im linken Bild: Bleib mal schön auf dem Boden, beobachte, ordne und ziehe Schlussfolgerungen.

Wir erkennen also, dass die Lehren und damit auch die Denkweisen von Platon und Sokrates sehr ver­schieden sind. Wir heutigen Menschen haben aber längst beide angenommen. Wir machen uns auch keine großen Gedanken mehr darum und wechseln oft von der einen in die andere. Ein Beispiel soll aber noch mal die Unterschiede klar machen:

 

Platon geht davon aus, dass die Seele aus der Welt der Ideen zum Beispiel die ideale Kugel kennt – wunderschön gleichmäßig rund. Sehen wir nun die Dinge in der Natur an, wie einen Apfel, dann vergleichen wir den mit der idealen Kugel. Wir müssen feststellen, dass er zwar kugelig aber doch verformt ist. Das natürliche Ding scheint also unvollkommen und schlecht. Und da nichts in der Natur ganz toll kugelig ist, auch kein Wassertropfen, keine Nuss und kein Kieselstein, gibt es nur die wahre Vollkommenheit und das wirklich Gute außerhalb der Natur. Nur der Geist oder die Seele, die nicht dazu gehören, sind wirklich wichtig. Die Natur ist nur eine mehr oder minder nützliche Sache.

Aristoteles sieht sich Äpfel und Nüsse und Wassertropfen und Eier an und stellt fest, dass Äpfel nun mal keine Nüsse und Eier keine Wassertropfen sind. Etwa, weil sie unterschiedlich hart sind und verschieden schmecken. All das, was man so feststellen kann, sind Eigenschaften der Dinge. In diesem Sinne hat jedes natürliche Wesen seine Eigenart, seinen Sinn und, das betont Aristoteles, seinen eigenen Wert. Äpfel und Nüsse haben aber eine gemeinsame Eigenschaft: Sie sind alle kugelig und nicht eckig und auch nicht eiförmig. Jedes ist zwar etwas anders kugelartig, doch wir können in Gedanken die Unterschiede ausgleichen. Wenn wir aber so denken, dann denken wir nicht dinglich sondern abstrakt. Wir trennen die Form von den realen Dingen, wir idealisieren sie. Nicht als Erinnerung an eine Welt der Ideen sondern als eigene Leistung des Verstandes: Der Mensch erkennt Prinzipien, erdenkt die vollkommene Kugel und kann sie sogar – viel gleichmäßiger als in der Natur – künstlich herstellen.

Dadurch aber hebt sich der Mensch aus der Natur heraus. Nur darf das Herausheben kein Trennen sein. Wir müssen uns ja nur vorstellen, einer wird hochgehoben und plötzlich sind die weg, von denen er getragen wird: dann stürzt er ab. Der Mensch ist also ein besonders Wesen, aber eines der Natur – das denkende und sprechende. Der Mensch hat viel mehr Möglichkeiten und mehr Macht als alle anderen Lebewesen, damit aber auch mehr Verantwortung.

Diese beiden Bilder der Welt liegen seit über zwei Jahrtausenden im Streit. So beeinflusste Platon stark unsere Religion. Die Schriften des Aristoteles waren dagegen lange Zeit von der Kirche verboten. Naturwissenschaft durfte nicht betrieben werden. Im späten Mittelalter dominierte dann wieder Aristo­teles, was auch dazu beitrug, dass es zur so genannten Erneuerung (französisch: Renaissance) kam und über Galilei, Kopernikus, später dann Newton u.a. die neue Zeit von Naturwissenschaft und Technik eingeleitet wurde. Dabei spielte auch der französische Philosoph Descartes eine wichtige Rolle. Der trennte wieder ganz ausdrücklich Körper und Geist. Er erklärte alle Natur zur Sache. Daher sah man mit dem Beginn der moderneren Technik wieder – verbreitet sogar bis heute – alles Natürliche als eine Art lebende Maschinerie an.

Immer mehr ging der ja auch mit Platon verknüpft Glaube verloren. Aus Idealen wurden oft Ideologien, das sind verzerrte Weltbilder. Aber auch der mit Aristoteles verbundenen Wissenschaft ging die Achtung der Natur verloren. Naturwissenschaft wurde nicht mehr zur Erkenntnis betrieben, sondern zur Ausbeutung und Beherrschung der Natur durch die Technik.

Doch es gab und gibt auch den

dritten Weg.

Schließlich ist hier von den Großen Drei die Rede: Schon der Maler Raffael (1483-1520), von dem die hier verwendeten Bilder von Platon und Aristoteles stammen, stellte die beiden nämlich nicht nur mit den typischen Gesten dar, sondern auch im Gespräch und im Blickkontakt. Der Maler sagt uns also in seiner Bildsprache (erinnern wir uns an das „alte“, symbolhafte Denken): Sie tauschen sich aus, bringen Argumente, prüfen und verwerfen sie. Sie philosophieren ganz im Sinne des Sokrates, der somit gar nicht im Bild fehlt. Er ist indirekt (heute würde man vielleicht sagen „virtuell“) zugegen: Gleichsam in ihnen, als ein Weltveränderer, der beider Denken mitgeprägt hat.

Damit könnten wir eigentlich aufhören. Aber nicht mit dem Weiterdenken!

Das haben zum Glück nämlich noch viele getan. Etwa der Stuttgarter Philosoph Hegel (1770 – 1831). Der stellte die Lehre auf, dass nicht nur Unterschiede, nein Gegensätze sein müssen. Die Spannung zwischen zwei Polen treibe nämlich alles an. Doch nicht dann, wenn sie unversöhnlich bleiben und auch nicht, wenn sie zu einem uninteressanten Mittel zusammen fallen. Nein, sie müssen sich zu einem Neuen aufheben. Aufheben (der Gegensätze) steht dabei für alle drei Wortbedeutungen: »Im Neuen aufgehen«, »darin geborgen sein« und »höher gehoben sein«.

Stellen wir es uns wie mit zwei gegenüberliegenden Punkten vor. Wenn wir sie verbinden, dann werden sie zu als Anfangs- und Endpunkten einer Linie. Sie sind im Neuen aufgegangen, doch nicht ver­schwunden, sondern geborgen. Das Neue ist aber etwas höheres, es ist nämlich räumlich. Punkte haben keine räumliche Dimension. Zwei gegenüberliegende Linien spannen – wenn man sie wieder verbindet – eine Fläche auf. Die hat zwei Raumdimensionen. Zwei gegenüberliegende Flächen können zum Würfel und damit zu einem dreidimensionalen Ding vereint werden. Nun hört unsere räumliche Vor­stellungskraft auf, aber das Beispiel konnte wohl das Prinzip erklären: These (das wäre der eine Pol) und Antithese (der Gegensätzliche) werden in der Synthese (der Vereinigung) etwas ganz neues. Denke vielleicht auch daran, dass zwei Gase, nämlich Sauerstoff und Wasserstoff, in der chemischen Synthese etwas ganz Neues werden – die Flüssigkeit namens Wasser.

In so einer Denkweise lösen sich auch Anfang und Ende, Ursache und Wirkung, Vorher und Nachher auf, wie es das Bild des Grafikers M.C. Escher (1899 – 1972) veranschaulichen mag. Ähnlich denken heute auch die Atomwissenschaftler. Für sie sind Teilchen und Welle – also etwas Körperliches und etwas Unkörperliches – längst keine Gegensätze mehr. Auch Raum und Zeit lösen sich in der Physik seit Albert Einstein als unabhängige und gegensätzliche „Dinge“ auf.  

Wenn man also ganzheitlich denkt, dann müssen auch die Lehren von Aristoteles und Platon nicht als Gegensätze stehen bleiben. Auch nicht der Gegensatz von Körper und Geist. Jeder von uns überwindet ihn ja auch täglich und sein Leben lang – als »Ich«. Denk mal darüber nach: Man wächst und lernt und altert und verändert sich, wird vielleicht auch krank. Doch immer bleibt man etwas, dass sich selbst und andere erkennen und sich selbst treu bleibt und das jeder sein ICH nennt.

Nicht trennend, sondern verbindend an die Dinge heran zu gehen, ist also eigentlich einfach und kann zu überraschenden Ergebnissen führen. – Das wollen wir zum Schluss ausprobieren:

Nehmen wir dazu einen Papierstreifen. Der hat eindeutig Anfang und Ende! Doch nur so lange, bis wir auf den Gedanken kommen, ihn einfach an diesen scheinbar gegensätzlichen Enden zusammen zu kleben. Dadurch wird der zweidimensionale Streifen zu einem dreidimensionalen Ding ohne Anfang und Ende und mit ganz anderer Form: einem Ring.

Der Ring aber hat doch eindeutig eine Innen- und eine Außenseite. Die sind scharf getrennt! Gleichsam wie zwei Welten: innen und außen, oben und unten, vorne und hinten (Erde und Himmel?).

Wieder falsch! Wir müssen nur weiter denken (oder probieren): Kleben wir den Streifen nämlich gedreht zusammen, dann erhalten wir ein ganz merkwürdiges Band, nämlich ein so genanntes


Möbiusband
.

Das heißt so nach einem Mathematiker Möbius, der es berechnet hat. In diesem Band heben sich wieder Gegensätze auf: Wir erhalten ein Ding, das kein Innen und Außen, kein Oben und Unten hat! Probier es selbst:

231Dazu brauchst du nur Schere, Papier, Stift und Klebstoff. Schneide einen Streifen Papier herunter. Dreh ihn 180° um die Längsachse

 

 

 

764und verklebe die Enden. – Fertig!

Jetzt zeigt sich das Fehlen der Rückseite: Setz einen Stift an und zieht das Papier so lange unter ihm durch, bis du wieder auf den Beginn des Striches stößt. Siehst du dir das Band nun an, so bemerkst du, dass man "beide" Seiten bemalt sind. – Ganz ohne abzusetzen!

8Zum endgültigen Beweis kann man das Band auch zerschnippeln:

Tatsächlich, beide Seiten sind angemalt, ohne dass je die Seite gewechselt wurde.

Aber vielleicht zerschneidest du es lieber nicht so, denn es gibt noch weitere »Tricks«: Versuchst du nämlich, das Band längs – also entlang des Striches – aufzuschneiden, so erhältst du nicht zwei Bänder, sondern ein doppelt so langes und doppelt gedrehtes Band.

Das mag uns überraschen, aber es kommt noch toller: Zeichne zwei parallele Linien auf das Band, vielleicht eine rote und eine blaue. Setze dann die Schere an, um das Band in drei Streifen zu zerlegen. Beginn z.B. auf dem blauen Strich: Du schneidest und schneidest und ...

hast zugleich auf dem roten Strich das Band zerschnitten! Wie kann das sein, da doch die beiden Striche parallel waren und sich nie berührten? Und warum hältst du nicht drei Streifen in Händen, sondern zwei: dabei nicht getrennt, vielmehr verschlungen?

Es scheint wie ein Wunder, dass wir die scheinbar unüberwindlichen Trennungen von zwei Seiten und parallelen Strichen überwinden, und dass ein Ganzes bleibt, obwohl wir trennen wollten. Es ist aber kein Wunder und kein Trick, nur eine Frage, wie wir die Welt sehen: Wenn wir uns von Schwarz-Weiß-Malerei, Vorurteilen und Denkfaulheit lösen, dann ist es ein Kinderspiel, sich vom alten Denken in schein­baren Gegensätzen zu lösen und die Welt als Ganzes – auch der von Körper und Geist – zu entdecken. Warum denn nicht!

 
Leseempfehlungen (aufsteigend nach Altersgruppen), die unter http://www.ureda.de in Wendurs Arbeitszimmer von jungen Leserinnen und Lesern aus dem Raum Nürtingen besprochen sind:

o        Michele Lemieux: Gewitternacht, Beltz 2002, TB € 8,90

o        Brigitte Labbe: Denk dir die Welt, Loewe 2003, € 12.90

o        Gabriele Münnix: Anderwelten, Beltz 2001, TB € 7,90

o        Christine Schulz-Reiss: Nachgefragt - Philosophie, Loewe 2005, € 12.90

o        Jostein Gaarder, Sofies Welt, dtv 1998, TB € 10,00

  • Karl-Josef Durwen: Im Spiegel der Möglichkeiten, edition tertium 2001, € 24,90  


[1]) Zur Erklärung: Die meisten Schmetterlinge saugen Nektar. Einige leben auch nur ganz kurz und fressen gar nichts in ihrem Leben. Die Schillerfaltermännchen saugen gerne an Kot und Verwesendem. Nektar ist nämlich Zucker und liefert viel Energie. Doch Schillerfaltermännchen rüsseln Eiweiß, was noch energiereicher ist.

[2]) Die Schildkröte nennt unseren Uri manchmal Philosoph, weil der einmal sagte, er wüsste, dass er nichts weiss. Das aber ist ein Ausspruch von Sokrates, den wir ja eben als wichtigen Philosophen kennen lernten. Sokrates wollte damit sagen, dass es wichtige ist zu begreifen, dass Meinungen, Vorurteile usw. kein gesichertes Wissen sind. Nur wer erkennt, dass er eigentlich noch unwissend ist, der wird sich um wirkliches Wissen bemühen. – Diese Szene aus dem Uri-Roman kannst du unter http://www.ureda.de/ im Sofie-Zimmer nachlesen, wenn du auf den dort in den Spiegel fliegenden Uri klickst.

[3]) Die Kröte hatte nämlich (was in Uris Geschichte vorher erzählt wurde) mit dem berühmten Helden Achilles einmal einen Wettlauf gemacht. Sie konnte, weil sie einen Vorsprung hatte, nie von ihm eingeholt werden. Ein Denkrätsel, das uns der Philosoph Zenon aufgab und das mit unserer Vorstellung von Zeit, Raum und Unendlichkeit zusammenhängt (mehr dazu in der Bibliothek von Ureda unter den Stichwörtern Kassiopeia, Schildkröte, Eleaten, Achill). Von diesem berühmten Wettkampf schwärmt die Kröte nicht nur dauernd, sie versucht auch immer wieder, bis Unendlich zu zählen (siehe auch dazu den oben genannten Ausschnitt in Ureda).

[4]) Dieses Gespräch findet im Zusammenhang mit der Erklärung der Ursprünge des Lebens und seiner Entwicklung statt. Dabei spielen chemische Verbindungen eine große Rolle, die Ketten bilden. Diese sind so etwas wie eine lebende Schrift. Darauf bezieht sich Uri.