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Liebe Sofie,
leider ist das neue Buch für Hilde noch nicht fertig. Den ersten
Teil habe ich zwar hier in der Majorshütte vor mir liegen, doch will
ich ihn dir noch nicht geben, bis ich sicher bin, dass das Ganze auch
fertig gestellt wird. Wie du dir denken kannst, ist ein Abschluss nicht
leicht, wenn es um die offene Zukunft geht. Doch da selbst die Unendliche
Geschichte recht endlich endet, wird sich wohl noch die Möglichkeit
ergeben, irgendwann ein Schleifchen um das fertige Manuskript zu binden.
Vermutlich ein Möbius-Schleifchen (du weißt hoffentlich, was
das ist. Wenn nicht, sieh in Hildes Lexikon nach).
Der mittlere Teil der Geschichte entfaltet sich derzeit geradezu von selbst.
Sogar doppelt, allerdings nicht gleichartig, vielmehr wie vor einem Spiegel,
der zwinkern kann und dabei die Symmetrie bricht. - Aber das ist eine
Anspielung, die du noch nicht verstehen kannst. Überhaupt merke ich,
dass ich mich zu abstrakt ausdrücke und als Beteiligter schon mitten
im Geschehen bin, statt dir erst einmal zu erklären, um was es überhaupt
geht.
Es geht wieder um einen philosophischen Roman. Diesmal steht nicht die
Geschichte der Philosophie im Mittelpunkt, sondern das Bild, das wir uns
von der Natur machen. Man kann auch von Metaphysik sprechen, weil die
Frage danach gestellt wird, was hinter der physischen Welt steht. Jedenfalls
ist das Bild der Natur immer das Spiegelbild von uns selbst. In ihm können
wir uns sehr verzerrt sehen: etwa winzig klein, bedroht und verloren oder
mächtig groß, herrschend und im Zentrum. Wir können uns
als Realität oder Phantom sehen, die Augen ganz verschließen,
sogar den Spiegel zerschlagen (was übrigens viele kleine Spiegel
gibt, in denen sich noch immer das Ganze zeigt, nicht etwa in jedem nur
ein Stück). Auch können wir in diesen Spiegel hineinzwinkern.
Aber schon wieder dichte ich, statt dir eine sachliche Schilderung zu
geben. Also: Es geht um die Schwestern Iris und Elena, deren Welt nach
einem Albtraum, geheimnisvollen Erscheinungen auf dem PC und einem merkwürdigen
Kontakt im Internet mit einem gewissen Heureka kaum mehr wie zuvor ist.
Es scheint ein interessantes Computerspiel zu sein, das sie neugierig
macht auf deine Welt. Doch immer unerklärlicher werden Form und Inhalt
der Kontakte. Ist das Ganze eine Inszenierung des philosophisch interessierten
Vaters? Doch wie können sie scheinbar in eine Spiegelwelt eintauchen,
von ihr beherrscht werden? Wie kann es sein, dass die Mädchen nach
Dialogen über Raum und Zeit deren Halt verlieren, den doppelten oder
dreifachen Freitag erleben? Wie können ihre Fragen in der Welt von
Anele und Siri - einer Spiegelwelt mit Antworten auf ungestellte Fragen
- auftauchen, dann sogar in der eigenen Zukunft? Unsinn! Alles Unsinn!
- Es sei denn, so befürchten die Mädchen, sie wären erfunden,
erdacht vom großen Unbekannten. Einem Unbekannten, der sogar selbst
erdacht sein könnte.
Auch in Ureda, der Welt von Siri und Anele, geschieht zunehmend Unbegreifliches:
Dein Zwinkerspiegel taucht auf, ihr Lehrer Wendur verschwindet, Antworten
und Fragen scheinen zu verschmelzen, ein geheimnisvolles Turmzimmer ist
wie die Kopie meiner Majorshütte. Die beiden finden darin ein Manuskript:
Im Spiegel der Möglichkeiten, das Buch, dessen erster Teil hier neben
mir liegt und das von Iris und Elena handelt. Doch auch Siri und Anele
kommen in diesem Manuskript vor und fragen sich, ob das alles eine Inszenierung
Wendurs ist. Stellt der Philosophielehrer sie derartig auf die Probe?
Handelt es sich um die Abschlussprüfung der letzten Schülerinnen
in der alten Philosophenschule? - Die Welten durchdringen sich. Die Geschwisterpaare
sehen sich gegenseitig wie durch Spiegel, Elena betritt sogar unbemerkt
das Turmzimmer und entwendet das Titelblatt des Manuskripts.
Wie kann der Tod des geliebten Meerschweinchens zum parallelen Zusammenbruch
von Elena und Anele führen, die Grenze zwischen Realem und Imaginärem
durchstoßen? Hat Wendurs Verschwinden mit der ergrabenen Antwort
Möglichkeitsraum zu tun? Was ist das für eine geheimnisvolle
Botschaft, die er in das Manuskript einschmuggelte? Was haben die doppelten
Geschwisterpaare mit der alten Auseinandersetzung zwischen Aristoteles
und Platon zu tun, was mit dem Rubicon-Effekt, mit dem der große
Unbekannte die Welt verändern will? Worin liegt das Geheimnis der
Seelenkette? - Fragen über Fragen! Doch nach und nach scheinen sie
die Antworten zu finden, selbst Antwort zu sein! Die Gegensätze heben
sich auf, die Vielfalt der Erscheinungen wird zum Ganzen, Zufall und Notwendigkeit
vereinen sich, erklären das Spiel der Fantasie.
Aber, liebe Sofie, das war ja nur ein Abriss der Handlung, die sich -
wie gesagt - derzeit von allein weiterentwickelt. Bei meinem Anliegen
an dich geht es aber um Philosophie. Lass mich daher schildern, was wir
behandelten - zumeist in Gesprächen, in denen sich die Mädels
prächtig schlugen und mich oft ganz schön forderten.
Wie du schon in unserem Kurs gelernt hast, war lange Zeit das mystische
Denken vorherrschend. Gerade auch die Existenz der Natur und das Geschehen
in ihr wurde so gedeutet. Die Ablösung durch logisches Denken gilt
als Geburt der abendländischen Philosophie. Das musste ich noch einmal
aufgreifen, denn die klassische Philosophie ist nun einmal unser Fundament.
Dann haben wir uns mit den wichtigsten Kategorien unseres Denkens beschäftigt
und damit dem Innenbild, das wir uns von der Natur zeichnen: Raum, Zeit,
Stoff und Kausalität. Da ich dich gut kenne, bin ich sicher, du weißt
genug davon, um mir bei meinem Anliegen zu helfen, denn es geht darum,
über diese Denkmuster hinauszukommen.
Das jeweilige Zeitverständnis prägt die Vorstellung von schicksalhafter
Unentrinnbarkeit oder zielgerichteter Zweckmäßigkeit, von Ursache
und Wirkung, abgeschlossenem Sein oder sich entfaltendem Werden. Damit
bestimmt sie wesentlich die Wertung, um die man nicht zuletzt in der uralten
Auseinandersetzung um das Primat von Stoff oder Geist stritt und noch
immer streitet. Da Platons Modell der zwei Welten den westlichen Glauben
prägte, später aber auch in der durch Descartes verschärften
Form zum Fundament des neuzeitlichen und wissenschaftlichen Denkens wurde,
haben wir viel darüber gesprochen. Du weißt ja, dass man der
bewegten materiellen Natur, die zum Uhrwerk wurde, die jenseitige ideale
Welt des Geistes gegenüberstellte, als absolute und wahre. Doch dieser
Himmel, zu dem die Seele die Verbindung halten soll, ist entrückt:
vom Götterberg im irdischen Himmelsgewölbe über den gestirnten
Himmel des Weltraums bis zum Jenseits außerhalb von Raum, Zeit,
Stoff und Kausalität. Vielleicht ist er dadurch zu weit entfernt,
die Bindung zerrissen. Doch - und darauf will ich nun hinaus - dieses
Jenseits außerhalb aller uns vertrauten Dimensionen ist paradoxerweise
allgegenwärtig: um uns und in uns.
Als die mittelalterliche Vorstellung zerbrach, rettete man sich in die
Anthropozentrik, um den Menschen als einzig denkend Ding im Zentrum allen
Seins zu erhalten. Den armen Descartes habe ich in den vielen Gesprächen
darüber oft ordentlich geprügelt, obwohl es wesentlich ist,
dass seither im Grundsatz jedem denkenden Ding die gleiche Würde
zukommt. Doch ging diese enorme Aufwertung jedes einzelnen Menschen, unabhängig
von Geburt und damit Stand, Geschlecht und Rasse, zulasten der Natur:
durch einen Schwerthieb, der die eigenen Wurzeln traf, das Ganze zertrennte,
Würde einzig mit Denken verband. - Eigentlich wollte man den Menschen
aus dem vermeintlichen Uhrwerk Natur lösen, ihn von dessen Zwängen
befreien. Doch brachte die Erforschung der Mechanismen mit den neuen Uhrmachermethoden
so viel materiellen Nutzen, dass man sich ihnen unbemerkt versklavte,
auch wenn die Sklaven goldene Ketten tragen. Um die Ketten zu schmieden,
riss man die Teile rücksichtslos aus der Natur.
Weitgehend vergessen scheint, dass Aristoteles zwar die Erscheinungen
der Welt ordnete und damit einteilte, dabei aber allen ihren Eigenwert
beließ und das Verbindende, den steten Prozess, das Werden betonte.
Er ließ jedem Ding seine eigene Möglichkeit in der Entfaltung
des Ganzen. - Die Mädchen sollen mir helfen, an die alten Werte seiner
Lehre zu erinnern und sie mit den neuen Erkenntnissen zu verbinden.
An dieser Stelle stehen wir nun und haben auch schon einige alternative
Skizzen gezeichnet, schon einige Positionen gewechselt, um aus dieser
oder jener Sicht einen Blick auf das Ganze zu werfen, das man ja nie vollständig
überblicken kann. Dabei halten sich die Mädchen tapfer und jonglieren
schon mit Liebe und Unendlichkeit, mit Werden und Sein, denken zunehmend
im Netz, sind voller Fantasie. Man merkt, dass sie Teil der Seelenkette
des Aristoteles sind. Doch als ein A-Quadrat (eine Anspielung auf die
Erkenntnisfähigkeit zweidimensionaler Wesen, die dir nichts sagen
wird, liebe Sofie) ist es schwer zu erkennen, dass die eigene Weltfläche
eine Würfelseite ist. Könnte man es, so wüsste man auch,
wie leicht der Würfel zu wenden ist, wie leicht aus Oben Unten wird,
wie trivial der Rubicon-Trick für den Spieler ist.
Will man es einmal können, so ist zuerst die Idee der künstlichen
Weltteilung zu überwinden. Dann gilt es, eine ganzheitliche Lösung
anzubieten. Deren Begründung und Herleitung macht mir Sorgen, wobei
es weniger um die Lösung selbst geht - du weißt ja, Antworten
haben wir mehr als genug - als um eine verständliche Darstellung.
Darum will ich dir, liebe Sofie, die Gespräche, die noch mit den
Mädchen zu führen sind, als Entwürfe zusenden. Bitte lies
sie und sag mir, ob das für jemanden wie dich und Hilde verständlich
und wertvoll ist. Du würdest mir damit sehr helfen, denn wenn es
zu weit von euch weg ist, dann können natürlich diese Gespräche
auch nicht mit den Schwestern geführt werden. Das täte mir sehr
leid, denn sie sind nahe am Ziel.
Herzliche Grüße auch an Hilde, Alberto und Hermes!
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