KARL-JOSEF DURWEN

Im Spiegel der Möglichkeiten

Abenteuer um
Realität und Virtualität,
Bewusstsein und Menschsein

edition tertium


ISBN 3-930717-68-9
© 2001 edition tertium, Ostfildern vor Stuttgart
www.tertium.de
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Alles, was ich denke, haben schon andere gedacht.
Alles, was ich schreibe, haben schon andere geschrieben.
Doch alles ist neu - durch die Verbindung.


Teil I

Gefangen im Netz


Ein Fall und die Folgen

"Nein, nein, nein!", schreit sie im Sturz, im scheinbar unendlichen Fall, den auch kein noch so verzweifeltes Armrudern bremst. Dann ein Schlag gegen die Hand: Schmerz, Erwachen, Angstschweiß.
An Wiedereinschlafen ist nicht mehr zu denken, dafür sitzt die Beklemmung zu tief. Zudem dieses Scharren und Klappern, das nicht geträumt sein kann! - Kuschel! Iris knipst das Licht an, nimmt das Meerschweinchen aus seinem Stall, um sich zu trösten, die Angst wegzustreicheln. Ob Meerschweinchen auch Träume und Angst haben? Richtige Angst, nicht nur Erschrecken? Vielleicht sogar Angst zu sterben, so wie sie? Iris denkt darüber nach, kommt aber zu keinem Ergebnis, ahnt nur, dass Angst und Tod etwas miteinander zu tun haben.
Zehn nach Fünf, liest sie von der Uhr. Also ohnehin nur noch knapp eine Stunde bis zum Aufstehen. - Blöde Schule!
Soll sie vielleicht eine Geschichte über Angst schreiben? Gern und oft schreibt Iris auf ihrem PC Storys oder kleine Romane, früher von Donald Duck und Claas Clever, jetzt im Stil von Star Trek. Aber nein, Angst, das ist zu schwer und hässlich. Lieber liest sie etwas. Sie greift nach ihrem augenblicklichen Schmöker: Licht der Fantasie. Komisch, dieser Zweiblum dort, der hat nie Angst. Läuft als Tourist auf Pratchetts Scheibenwelt herum, findet alles toll und folkloristisch und besteht so die irrsten Abenteuer, ohne jede Spur von Angst. - Ja, der Traum, der sitzt immer noch in der Seele. Oder sonst wo, gefühlsmäßig eher im Bauch. Darüber sollen sich ruhig Bio- und Relilehrerin streiten. Ist ihr reichlich egal!
Doch wieso hat Zweiblum nie Angst, kennt keine Gefahr, während sein Freund Rincewind so ein Feigling ist? Wieder anders ist es bei Cohan, dem alt gewordenen Barbaren, der die Gefahr sieht, aber dennoch seine Heldentaten vollbringen muss, die Angst bewältigt.
Typisch die Szene, die sie da liest: Da wollen die Druiden ein Mädchen opfern. Zweiblum tritt ganz selbstverständlich in den Kreis der bewaffneten Priester und versucht - in aller Höflichkeit versteht sich - sie darauf aufmerksam zu machen, dass man den Göttern symbolisch auch Beeren und Nüsse anbieten könne. Cohan dagegen sondiert die Lage und entwickelt einen Plan (mangels Zähnen etwas undeutlich): In Tempel ftürmen, die Priefter erledigen, Gold ftehlen, Mädchen retten und abhauen.
Rincewind darauf: Ich schlage vor, wir beschränken uns auf den letzten Punkt.
Die Umstände, so denkt Iris, sind für alle die gleichen, die Angstempfindungen aber völlig unterschiedlich. Angst drängt sich also nicht zwangsläufig auf wie Durst, scheint abhängig von der jeweiligen Einstellung. Vielleicht auch von dem, was so großartig Bewusstsein genannt wird. Bewusstsein haben jedoch, das lernt man in der Schule, nur Menschen. Demnach hätte Kuschel keine Angst. "Du hast es gut", flüstert sie mit etwas Neid dem kleinen Tier zu und streichelt es sanft.
Ob das wirklich stimmt? Lehrer reden zwar klug daher, doch oft den größten Quatsch. Gewiss hat das Meerschweinmädchen ein Bewusstsein, so klug wie es ist! Ob Iris ihren Vater fragen soll? Der liest doch Bücher über Philosophie und Evolution und derart theoretischen Kram. - Aber nein, lieber nicht; denn eigentlich spricht sie nie richtig mit ihm. Höchstens mal über Computer. Als Sechzehnjährige mit dem Vater zu reden, das ist verdammt schwer. Dazu noch über Angst? Etwa sagen: He, wie steht's denn eigentlich mit der Angst? - Nein, das geht nicht! Warum auch? Nun ist der Traum schon weit entfernt. Zudem hört Iris schon die Mutter in der Küche und hat, wie üblich, noch nicht ihre Hausaufgaben gemacht. Fünfzehn Minuten dafür, statt zu frühstücken, das muss reichen.

Am späten Abend nahm Iris eines ihrer Dauerbäder, die der Vater nicht schätzt, wegen Wasser- und Stromverbrauch, Kosten und Umweltschutz. Duschen soll sie, als ob das ein Genuss wäre! Der Alte schaltet auch dauernd die Treppenbeleuchtung aus und kann es nicht leiden, wenn der Fernseher ständig läuft. Er ist eben mehr oder minder ein Grüner oder ein Geizhals.
Nach dem Bad verspürte sie, wie üblich um diese Zeit, Heißhunger und ging hinunter in die Küche. Mutter, nun schon im Bett, weil sie immer früh aufstehen muss, hat ihr schon oft von diesem späten Essen abgeraten und einmal sogar gesagt, davon bekäme man schlechte Träume. Vielleicht hat sie Recht, wenn Iris an die letzte Nacht denkt. Plötzlich schmeckte es ihr nicht. Käse und Milch ließ sie in der Küche stehen. Durch die offen gelassene Tür vernahm sie das "Licht aus!" ihres Vaters, der, wie gewöhnlich um diese Zeit, im angrenzenden Wohnzimmer in seinem Lesesessel bei einem Glas Wein las und dabei diese grässliche Klassik hörte. Dann vernahm sie, wie er in die Küche ging, um Milchflasche und Käse in den Kühlschrank zurückzustellen, das Geschirr in die Spülmaschine zu geben, das Küchenlicht zu löschen, die offene Tür zu schließen und die Treppenbeleuchtung auszuschalten. Sie weiß, dass er die Unordnung, die sie überall verbreitet, hasst, und eigentlich hatte sie alles wirklich selbst wegräumen wollen, ganz bestimmt! Doch irgendwie ...
In ihrem Zimmer lief schon der Computer. Den Kopfhörer auf die Ohren, das Textprogramm laden, an der Story weiterschreiben. Joe Cocker erfüllte die Ohren, Captain Picard von der Enterprise ihre Fantasie, als Iris undeutlich eine mechanisch klingende Stimme hörte, die - wenn sie recht verstand - bewusst sein sagte. Das Mädchen blickte zur Zimmertür, vermutete den Vater, doch war allein! Sollte etwas auf das Musikband geraten sein? Rasch zurückgespult, konzentriert gelauscht: Nein, nichts! Wohl nur Einbildung. Sicher war sie zu müde nach der vergangenen Nacht, hatte zu wenig Schlaf gehabt.
Kein Traum schreckte Iris in jener Nacht hoch, keine Stimme störte sie. Der Morgen verlief völlig normal. Am Nachmittag nahm sie sich erneut die Story vor. Elena, ihre jüngere und selbstverständlich viel ordentlichere Schwester, sollte abends aus der Kur zurückkommen, dann wollte sie ihr die neue Geschichte zu lesen geben. Es gab beinahe einen kleinen literarischen Wettstreit zwischen ihnen, denn auch Elena schreibt begeistert und wünscht sich sogar, Schriftstellerin zu werden. Gerne ließen die Schwestern ihren Fantasien freien Lauf.
Fantasie, schoss es Iris in den Kopf, hat bestimmt auch mit Angst zu tun und mit Bewusstsein. Vielleicht empfindet man umso mehr Angst, je mehr Fantasie man besitzt! Ob Kuschel Fantasie hat: sich Löwenzahn, Möhren und Heu vorstellt? Wenn ja, ist es dann wirklich Fantasie oder nur Erinnerung? Muss nicht Fantasie mit Unbekanntem, Andersartigem verbunden sein? Kann sich Kuschel neue Dinge oder Wesen ausdenken, so wie sie? - Wohl kaum! Doch sie kann es. Ihre Fantasie ließ ganze Universen entstehen, die von der Enterprise erforscht werden. Es ist toll, Fantasie zu haben, überhaupt denken zu können! Eigentlich komisch, dass man selbst über sich nachdenken kann und sogar darüber, dass man denken kann.
Warum fällt ihr das erst jetzt auf? Seit dem Angsttraum stimmt irgendetwas nicht! Warum grübelt sie schon wieder über Dinge, die zu nichts führen? - Aber diese komische Stimme! Bewusstsein? Nein, die Betonung war anders, zwei Wörter: bewusst sein. Na wenn schon, ist sowieso kein Unterschied und überhaupt alles Quatsch! Nur Einbildung. Bestimmt war die Stimme nicht wirklich gewesen, nur Fantasie, wie die Figuren in ihren Geschichten. Vielleicht ist wirklich alles nur Fantasie!
Iris erschrak bei diesem Gedanken. Quatsch! Sie ist ganz bestimmt, ist ganz, ganz real. Genau: das sagt ihr das Bewusstsein. Sie ist, denn sie ist sich ihrer selbst bewusst. Ein guter Beweis. Der Gedanke gefiel ihr, machte sie fast etwas stolz. Wenn sie jedoch, nur mal angenommen, nicht wirklich wäre, lediglich Figur in einer Geschichte, was dann?
Ist das nicht ein Thema in diesem philosophischen Roman, von dem ihr Vater so schwärmt und den sie, wie er meint, unbedingt lesen sollte? Sofies Welt heißt er wohl. - Als ob sie sich für Philosophiequatsch interessierte! Überhaupt, wenn ihr Vater das schon gut findet! Der liest ja sogar Goethe. Wie in der Schule, echt ätzend! Obwohl: die Scheibenweltromane hat er auch gekauft und gelesen, und die waren voll okay. Per Anhalter durch die Galaxis war auch sein Tipp und wirklich cool. Vielleicht ..., wie hieß nur das Buch? - Ach egal, vergiss es!
Oder doch nicht! Das wäre vielleicht das Thema für eine Story: Die Suche nach der Realität. In der Fantasie ist alles möglich. Das ist ja das Spannende, dass scheinbar Unmögliches real wird, wenn man es sich ausdenkt, erzählt, aufschreibt, verfilmt. Dann ist einfach alles möglich. Manchmal sogar wirklicher als das Zimmer ringsum oder das Scharren von Kuschel. - Doch Kuschel war da, nicht nur im Kopf. Auch der Computer war da und Elena.
Nun, Elena, der eigentlich das Meerschwein gehört, das sie als Geschenk während der langen Krankheit im letzten Jahr getröstet hatte, eigentlich nicht. Noch nicht, denn noch war sie auf dem Heimweg aus der Kur. Aber es gibt sie, ganz bestimmt! Oder? Was, wenn sie sich nur ausgedacht hätte, eine Schwester zu haben, mit der sie Geschichten austauscht, Rollenspiele macht, vor dem Fernseher hängt? "Oh Mann, ich glaub, ich spinne!", entfuhr es ihr.
Also auf die Geschichte konzentriert! Auf eine Geschichte, die bestimmt Fantasie ist, geschrieben von ihr selbst, die bestimmt ganz wirklich ist. Die Geschichte über ein kleines Pelztier wie Kuschel, das superintelligent ist, einen Roboter, wie Data aus Star Trek, und über das Geheimnis der Angst, das die beiden lösen. Ja, das ist ein Thema!
Leicht war es nicht. Schon deswegen nicht, weil ihr einfiel, dass dieser Besserwisser von Vater einmal gesagt hat, ohne aufrechten Gang gebe es keine wirkliche Intelligenz, denn die hätte sich mit dem Gebrauch von Werkzeugen entwickelt. Werkzeuge könne man nicht handhaben, wenn man wie ein Meerschwein auf allen Vieren läuft. Doch der Alte macht sowieso immer alles mies! Sie verstand damals den Zusammenhang nicht ganz. Aber wenn es so ist, dann ist Fantasie eben schöner als Realität. Genau deswegen erfindet sie doch solche Wesen und Geschichten. Als wenn immer alles logisch und alltäglich sein müsste!
Ich versichere ihnen, es hat sich genau so zugetragen,
tippte sie auf der Tastatur.
Der Roboter kam herein und brach in Tränen aus.
Na, ist das nicht daneben, ein weinender Roboter? Woher sollten Gefühle und Tränen kommen? So viel Realitätsbezug muss schon sein. Löschtaste. Neu:
Der Roboter kam herein und sah aus wie einer, der in Tränen ausbrechen würde, wenn er es nur könnte.
Ja, das war besser! Nicht einmal Data, der perfekte Androide, besitzt Gefühle, und eine Maschine kann natürlich auch nicht weinen, weil man dafür irgendwas wie Drüsen braucht, die man ihr wohl kaum einbauen wird. Und wenn, dann wäre sie so albern wie früher ihre Puppe, die Mama sprechen und weinen konnte, aber total blöde war und nach dem Auffüllversuch mit Milch ganz verklebte Augen hatte und immer sauer roch.
Im Grunde muss das Fantastische doch möglich sein, wenn es nicht albern oder absurd sein soll. Spannend ist nur etwas, das vielleicht tatsächlich irgendwo oder irgendwann einmal war, ist, werden könnte. Die Spannung, so schien es ihr, ist wie eine dünne Haut zwischen Möglichem, Unmöglichem und Realem, mit Fantasie zu durchdringen. Sein, Bewusstsein, Angst, Möglichkeit, Realität, Fantasie: die Begriffe tanzten in ihrem Kopf, hüpften dort wirr umher. Zwecklos, sich auf die Story konzentrieren zu wollen. - Warum nur war seit dem Traum alles so verdreht?
Entschlossen tat Iris, was sonst nicht ihre Art war, allenfalls die ihrer Schwester: Sie ging zum Bücherregal im Wohnzimmer und schlug im Lexikon nach, um Ordnung in diesen Begriffstanz zu bringen. Sie wollte sich, erstmals freiwillig in ihrem Leben, theoretisches Wissen aneignen.
Doch welche Enttäuschung! Unter Sein stand akademisch trocken und kaum verständlich: Grundlegende Bestimmung, die jedem ->Seienden zukommt: dass es ist (->transzendental). Jetzt war sie wirklich viel schlauer! Unter Bewusstsein las sie: Psychologisch der Zustand des Habens von Erlebnissen; unterschieden in gegenständl. B. u. Ich-B., d.h. das Wissen um mich selbst als Subjekt meiner Erlebnisse, zugleich mit dem gegenständl. B., und das Selbstbewusstsein, das Wissen um die Identität meiner selbst in der Zeit. Mann, was für ein geschraubter Stuss! Ein Erlebnis hatte sie nun wirklich, das von Frust.
Dennoch schlug sie auch unter Angst nach. Dort stand: [von lat. angustus: eng, schmal], stark unlustgetönter ->Affekt. Die Daseinsanalyse sieht d. Ursprung d. Angst in einer fundamentalen Existenzbedrohung. Stark unlustgetönt war sie jetzt auch, doch mehr durch Wut als Angst. - Nein, das ist nicht ihr Weg, nicht ihre Sache, diese Wortakrobatik, diese Abkürzungen und Verweise! Das Lexikon blieb liegen, während sie zurück zu ihrem Computer ging. Mit einem kleinen Umweg über die Küche, um im Schrank nach Süßem als Trost zu forschen.
Wieder in ihrem Zimmer angekommen, stutzte sie. Ein roter Schriftzug bedeckte den Bildschirm, obwohl sie nie ihre Texte rot schrieb: Ich denke, also bin ich. Ach, wieder einer der Scherze ihres Vaters! Der hat schon oft in die Startroutine so tolle Sprüche geschrieben wie: Wenn du nicht bald das Zimmer aufräumst, dann explodiere ich - dein Computer. Das soll wohl Erziehung sein! Aber erstens hatte er so etwas schon länger nicht mehr getan, und zweitens passte dieser komische Spruch zu ihrem Problem, von dem der Erziehungsberechtigte nichts wissen konnte. Oder doch? - Sie hatte das Lexikon offen liegen gelassen. Wenn er die aufgeschlagene Seite gelesen und richtig kombiniert hatte und einmal wieder einen seiner unpassenden Scherze anbringen wollte, während sie in der Küche war ...
Iris lief zurück ins Wohnzimmer. - Ja, da lag das Lexikon noch aufgeschlagen, jedoch bei A wie Angst und nicht etwa beim Begriff Sein. Sicherheitshalber ging sie dennoch zum Arbeitszimmer ihres Vaters. Unbewohnt! Klar, er war doch auf Dienstreise. Elena war nicht da, und Mutter versteht nichts von Computern. Verdammter Problemscheiß! Sie drehte dem Combi wütend den Saft ab.

Data hat Angst

Nachmittags um vier Uhr, vor dem Fernseher, ging Iris der Satz noch immer im Kopf herum: Ich denke, also bin ich. - Das kann doch nicht stimmen! Wenn schon, dann würde umgekehrt ein Schuh daraus: Weil es sie gibt, kann sie denken. Der Ausspruch erschien ihr genauso blöd wie das, was neulich der junge Vertretungslehrer, wohl ein Möchtegernphilosoph, erzählte: So ein alter Grieche hätte behauptet, selbst ein Superläufer wie dieser Achill mit seiner berühmten Sehne - die wohl schon damals den Sportlern Probleme bereitete - sei wegen der unendlichen Teilbarkeit von Raum und Zeit nicht in der Lage, eine Schildkröte zu überholen. Wie sagt doch Asterix: Die spinnen ja, die Römer. - Und die Griechen wohl auch.
Von derartigem Quatsch handelt womöglich auch dieses Sofie-Buch, das oben im Regal stand. Vater hatte behauptet, man müsste es glatt als Schulbuch einführen. Menschen wären nun mal mehr als Computer oder Roboter, daher solle man Schüler nicht mit Fakten und dem ganzen Funktionswissen vollstopfen. Menschen müssten sich mit Sinnfragen und Zusammenhängen beschäftigen. Die Töchter sollten das Buch unbedingt lesen. - Mögliches Schulbuch, und dann noch lesen! Nein, danke. Doch hatte der Vater es Elena, als es ihr so schlecht ging, stundenlang am Bett vorgelesen. Aber zumeist war die Kranke ohnehin nicht bei Bewusstsein, hatte bestimmt kaum etwas davon mitbekommen, vermutlich nur Stimme und Nähe bemerkt.
Wie war nur der Spruch auf den Bildschirm gekommen? Vielleicht ein Virus? Diese Computerviren werden ja immer bedrohlicher. Ihr Biolehrer hat einmal die echten Viren als Trittbrettfahrer der Evolution, als heimliche Herrscher der Erde und Aliens in jedem von uns bezeichnet. Diese Bilder hatten ihr gefallen, und kurz hatte sie überlegt, ob die Computerviren als Trittbrettfahrer der modernen Technik noch bedrohlicher werden könnten. Wie auch immer, auf alle Fälle sollte sie den Virenscanner starten. - Aber die Stimme? Kam die auch von einem Virus auf der Soundkarte? Ja, das muss es gewesen sein, denn sonst wäre alles zu unheimlich. Gerne hätte sie dieses Rätsel mit Elena geteilt und damit leichter gemacht ...
Doch nun wurde es Zeit, die aktuelle Folge von Star Trek aufzunehmen, die ihre Schwester unbedingt würde sehen wollen. Ohnehin nahmen sie jede Folge auf und haben eine beinahe lückenlose Sammlung. Bei Captain Picard sind mysteriöse Stimmen und Nachrichten auf dem Bildschirm geradezu die Regel. Jedes Rätsel wird da gelöst. Nicht zuletzt von Data, dem perfekten Roboter in Menschengestalt, der über gigantisches Wissen verfügt. Den müsste man fragen können! Mist: jetzt hatte sie gar nicht auf den Anfang der Folge geachtet und darauf, ob Marc Alaimo, ihr Lieblingsschauspieler, im Intro aufgeführt war.
Bald war Iris ganz in das Bildschirmgeschehen eingetaucht; denn das, was sich dort entwickelte, faszinierte sie immer mehr. Data hatte etwas nicht logisch ableiten und erklären können, mit der Folge, dass der Roboter Angst bekam. Angst vor etwas, das sich seinem Computergehirn entzieht. Das Fundament seiner Existenz - nämlich, dass alles logisch analysierbar ist - schien ins Wanken gekommen, und der Roboter reagierte, ebenso unlogisch wie unerklärlich, mit dem menschlichen Gefühl der Angst.
Konnte es Zufall sein, dass gerade jetzt diese Episode gesendet wurde? Zudem, verdammt, ausgerechnet noch als Zweiteiler! Dabei sind Fortsetzungen bei Star Trek selten; aber natürlich, genau dieses Mal gab es noch keine Lösung!
Abends war dann endlich Elena wieder da. Es gab viel zu berichten, und die Ereignisse der letzten beiden Tage kamen Iris inzwischen weit weniger merkwürdig und wichtig vor: Computervirus, Übermüdung, Zufall. Was soll's! Jedenfalls wollte sie sich vor ihrer Schwester nicht lächerlich machen mit Gedanken über Angst und plötzlichem Interesse an Spinnerfragen. - Nur die Sache mit Data, die war voll im grünen Bereich, die konnte man ansprechen. Ohnehin würde ihre Schwester möglichst bald die Folge von Star Trek sehen wollen.
Am nächsten Mittag, zwischen Schule und Fortsetzung der Fernsehserie, sahen sich die Schwestern die Aufzeichnung vom Vortag an. Sie waren sich einig, dass Data, so menschlich er äußerlich scheint, doch ein Apparat bleibt, eine gefühllose, seelenlose Maschine. Er kann unmöglich Angst haben, höchstens so etwas wie eine Verwirrung in den Schaltkreisen oder einen Defekt im Programm. Angst gehört zum Leben, nicht zu Roboterfunktionen.
"Obwohl", meinte Iris, "eigentlich ist Data so gut wie lebendig. Wo ist eigentlich der Unterschied? Ich meine, wenn man nicht wüsste, dass er nicht aus Fleisch und Blut ist, sondern aus Kunststoff, Chips, Minimotoren und so? Ob Muskeln oder Motoren, ob Nerven oder Leitungen, das macht keinen Unterschied. Und sein Elektronengehirn ist besser als das jedes Menschen."
"Was aber nichts mit Gefühlen zu tun hat", warf Elena ein. "Oder vielleicht doch? Wir Menschen haben schließlich viel mehr Hirn, zugleich bestimmt auch mehr Gefühle als zum Beispiel eine Amsel oder eine Schnecke."
"Du Elena, wenn man über so was nachdenkt, dann merkt man erst, wie wenig man weiß. Richtig weiß, meine ich, nicht nur Kenntnisse oder erlernte Formeln wie a2 + b2 = c2 und so'n Schulkram." Dann gestand sie: "Vorletzte Nacht, da hatte ich einen Albtraum. Danach habe ich überlegt, ob Kuschel auch Angst haben kann, was Angst überhaupt ist. Auch meinte ich, ich hätte so eine komische Stimme gehört, die bewusst sein sagte. Und ein Virus hat mir einen Satz über Sein und Denken auf den Schirm geschrieben. Jetzt das mit Data! Zusammen ist das beinahe unheimlich, macht mir tatsächlich etwas Angst. Vielleicht ist das alles kein Zufall und gehört irgendwie zusammen. Darum macht es mich auch neugierig. Das wäre doch spannend, so ein Rätsel zu lösen! Oder?"
"Na ja", die Begeisterung der Jüngeren hielt sich in Grenzen. Immerhin wollte Elena einen konstruktiven Vorschlag machen: "Wir könnten mal unter Roboter oder Angst oder Gefühl im Lexikon nachsehen."
"Kannst du dir sparen. Schon probiert. Weißt du hinterher noch weniger."
"Vielleicht so ein Psychobuch", schlug Elena vor. "Wir können mal in der Stadtbücherei nachsehen ... oder bei Mama", denn ihre Mutter interessierte sich für Charakterkunde, Erziehung, Gesundheit und Psychologie. Und Elena interessierte sich generell für Bücher, speziell für diejenigen ihrer Mutter. Daher erwärmte sie sich allmählich für das Rätsel, selbst wenn ihr das Angstproblem wenig behagte.
Rasch die Treppen hoch zum Absturzregal. Das stand, obschon ein Hängeregal, auf dem Boden in Mutters Arbeitsecke im Dachgeschoss und war vor Monaten mitsamt offensichtlich zu vielen Büchern, zu schwachen Wandhaken und riesigem Gepolter dem Gesetz der Schwerkraft gefolgt. Vaters Versprechen, es wieder zu richten, unterlag dagegen dem Gesetz der Trägheit und war noch nicht eingelöst. Ohnehin erwies es sich als viel bequemer und lustiger, auf dem Boden zu sitzen oder zu liegen, um die provisorisch wieder eingeräumten Bücher zu durchforschen, als stehen und Augen und Arme strecken zu müssen.
"Ha, sag ich doch!" Iris las vor: "Es gibt keine scharfe Grenze zwischen Lebendigem und Unbelebtem! Das gefiel ihr: Man kennt Systeme, die nur einige Merkmale des Lebens aufweisen, z.B. Makromoleküle mit der Fähigkeit zur Selbstvermehrung, wie Gene und Viren."
"Aber", wandte Elena ein, "gerade mit der Fortpflanzung dürfte es wohl bei Data Probleme geben". Sie sahen sich an, jede dachte sich ihren Teil, beide kicherten. "Jedenfalls gehört die Fortpflanzung zum Leben."
"Wobei es schon komisch klingt, wenn man sagt, Tiere oder Menschen pflanzen sich fort", fiel Iris auf.
Doch Elena argumentierte weiter: "Somit kann auch die perfekteste Maschine nicht lebendig sein."
Die Ältere gab noch nicht auf: "Wenn ein Roboter selbst wieder Roboter baut, dann ist das wie Selbstvermehrung, wenn auch nicht biologisch." Dann las sie weiter vor: "Das Substrat aller Lebenserscheinungen ist das Protoplasma. Das Leben ist gebunden an Eiweiße, Nucleinsäuren, Kohlehydrate und Fette."
"Damit ist alles klar", resümierte Elena.
Doch der Dickkopf ihrer Schwester wollte sich noch immer nicht überzeugen lassen: "Pah, bloß weil bisher die Chemie so funktioniert hat, heißt das noch lange nicht, dass es unbedingt nur so sein kann. Wenn wir alle von einer Urzelle abstammen, dann wird immer nach deren Rezept gekocht. Das heißt aber lange noch nicht, dass andere Suppen nicht auch gelingen. Die Lexikonschreiber machen es sich leicht!"
Sie schob das Buch verärgert von sich. Elena nahm es, las - erst still, um den Anschluss zu finden, dann laut: "Ein lebendes System lebt nur dann, wenn ständig Veränderungen an ihm vor sich gehen. Diese Vorgänge äußern sich als Stoffwechsel, der immer einem Energiewechsel einhergeht."
"Data verbraucht auch Energie und muss sie sich über diesen Selikonmix wieder reinziehen", verteidigte Iris ihren Serienhelden.
Die Jüngere las unbeirrt weiter: "Die Frage, ob sich Leben völlig mit physikalischen und chemischen Gesetzen erklären lässt, wird von der modernen Naturwissenschaft bejaht; von den Vitalisten wird dagegen ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Leben und unbelebter Materie gesehen und eine dynamische, übernatürliche Lebenskraft angenommen, die den Lebewesen innewohnt."
"Siehst du: Kann man halten, wie man will", bekam Iris wieder Oberwasser und wiederholte: "Leben lässt sich völlig mit physikalischen und chemischen Gesetzen erklären. - Data auch! Wo, bitte schön, ist der Unterschied?"
"Der kleine Unterschied ...", das Kichern machte sich selbstständig, "... ist vielleicht gerade der, dass es diese übernatürliche Lebenskraft gibt."
"Reliquatsch!"
"Aber schöner als nur Chemie und Physik. Denn die Wand hier ist auch Physik und die Gardine Chemie. Doch die leben bestimmt nicht: Ich schon!"
"Okay, okay. Es war ja auch vom System die Rede und von steter Veränderung und Energieverbrauch. Das ist eben der Unterschied zwischen der Wand, die kein System ist, und dir oder auch Data."
"Und ein Auto, das ist ebenfalls ein System und verbraucht Energie. Lebt das dann, weise Schwester?"
"Es hat eben kein Hirn, nicht einmal ein elektronisches!"
"Aber elektronische Steuerungen und Bordcomputer sind längst normal. Und ...", erinnerte Elena, "es geht um Datas Angst und Gefühle. Und die kommen wohl nicht aus dem Gehirn, zumindest nicht aus einem künstlichen."
"Verdammt", entfuhr es plötzlich Iris, die aufsprang. "Wir haben Star Trek verpasst, und ich habe den Timer für die Aufnahme nicht eingestellt!"
Mit riesigem Gepolter stürzten die Schwestern die Treppe hinunter. Kuschel raste in den großen Blumentopf, der ihr im Stall als Unterschlupf diente. Die Mutter kam - wohl kaum weniger erschrocken als das Tier - aus der Küche gerannt. Der Fernseher flog beinahe von seinem Untertisch, als Iris auf die Einschalttaste schlug. Fernsehbild und Mutter erschienen gleichzeitig, Letztere zog jedoch hinsichtlich der Aufmerksamkeit den Kürzeren. Es war sowieso klar, dass sie etwas über Schrecken und Krach und Benehmen absondern würde, während Data ..., ja Data war, nun schon kurz vor Ende der Sendung, wieder ganz der Alte. - Sie hatten es verpasst!
"Scheiße, Scheiße, Scheiße", schrie Iris und schlug wütend auf den nächsten Sessel ein, während ihre Schwester "So ein Saumist!" fluchte und der Mutter endgültig der Kragen platzte: "Jetzt benehmt euch! Ihr habt sie wohl nicht mehr alle! Hört auf! Und raus hier! Am besten unter die kalte Dusche!"
"Das ist ja nicht zu fassen", murmelte sie und musste sich erst einmal setzen. So konnte sie den dramatischen Abgang ihrer Töchter bewundern, die wutschnaubend aus dem Zimmer stapften. Das laute Schlagen der Tür beendete den Akt. Kuschel aber blieb noch lange in seinem Topf verborgen.

Heureka

Am nächsten Tag war der Vater von seiner Dienstreise zurück und werkelte an seinem Computer und dem Telefonanschluss, um eine Netzwerkverbindung in Betrieb zu nehmen.
"Wurde auch Zeit", kommentierte Iris, die in der Gebrauchsanweisung blätterte, denn ein Internetanschluss war nach ihrer Auffassung längst überfällig.
"Fräulein Tochter", versuchte der Vater die Relationen zurechtzurücken, "das ist erstens mein Anschluss an meinem Computer. Zweitens ist es für meine Arbeit und nicht für dein Vergnügen da. Drittens kostet es Gebühren."
"Aber ..."
"Gar kein Aber! - Ich werde nicht Hunderte im Monat ausgeben, damit du irgendwelche verblödenden Spiele runterlädst oder irgendjemand Unbekanntem in Australien im Chat die herzzerreißende Botschaft übermittelst, dass dein Fahrrad einen Platten hat."
"Aber, wegen der Schule, da wäre ..."
"Schule ist doch sonst ein Fremdwort für dich. Dafür brauchst du bestimmt keinen Netzanschluss."
"Ja doch, wegen Infos und so. Wenn man was sucht, ..."
"Dann schlag gefälligst in deinen Schulbüchern nach. - Falls du sie findest."
Iris zog in ihr Zimmer ab. Das war wieder typisch! Immer diese Seitenhiebe auf ihre Unordnung. Typisch: ihr Erzeuger kann jetzt im Netz surfen. Und sie? Ist doch immer so. Er hat einen Farbdrucker und einen Scanner. Und sie? Dabei braucht sie beides dringend! Wenn sie aber an seinen Computer geht, dann heißt es gleich: "Ich muss jetzt an meinen Rechner. Hast ja schließlich selbst einen. Und kopier mir nicht immer die Platte voll ..."
Nach einigen Minuten klopfte der Vater, der letztlich immer wieder nachgibt, an ihre Zimmertür: "So, es ist angeschlossen. Willst du mit ausprobieren?"
Natürlich wollte sie. Zudem erreichte Iris, dass sie in den nächsten Tagen - immer wenn ihr Vater im Institut ist - ans Netz durfte. Im Preis war nämlich eine zehntägige Freischaltung enthalten. Zudem hatte sie ihren Vater inzwischen davon überzeugt, dass die heranwachsende Generation auf die Anforderungen der Mediengesellschaft vorbereitet werden muss.
Elena interessierte sich weit weniger für Computer, ließ sich allerdings am nächsten Tag von ihrer Schwester zeigen, was diese schon alles an Funktionen, Verbindungen und Möglichkeiten entdeckt hatte. Während sie dem ziemlich langwierigen Bildaufbau für eine Satellitenwetterkarte mit zunehmendem Desinteresse folgten, kam Elena auf das Thema des vorgestrigen Tages zurück: "Wollen wir denn die Frage nach der Angst, nach Data und den Gefühlen noch verfolgen? Oder lassen wir's?"
Iris hatte über die Beschäftigung mit dem Internet schon nicht mehr an dieses Rätsel, ihren Angsttraum und die etwas mysteriösen Erlebnisse gedacht. Nun aber kam ihr ein Gedanke: "Vielleicht hilft uns ja dieses nette kleine Weltnetz. Da hängen doch Tausende von Datenbanken dran und Millionen User. Da müsste man doch Klarheit kriegen können!"
"Cool. Los, frag nach!"
Iris brach den Aufbau des noch immer erst halb erschienenen Wetterbildes ab, rätselte dann jedoch. "Nur wie? Ich brauch einen Link. Schließlich kann ich ja nicht einfach eintippen Was ist Leben? oder Gefühle gesucht. Ob es einen geeigneten Chat dazu gibt? Mal sehen." Mit dem Explorer blätterte sie durch endlose Listen von Nutzergruppen: Lebensmittel, Lifestyle, Liebeskummer, Lollyfans und Lebertranhasser fand sie als Themen. Dann: Lebensfragen. Das könnte etwas sein.
Natürlich wieder alles in Englisch. Darin war sie, wie Elena, die diese Fremdsprache erst seit zwei Jahren als Schulfach hatte, zwar gut, doch brauchten sie einige Zeit und Raterei, bis sie herausgefunden hatten, dass es hier um Horoskope, Diäten, Sektierer und Mode ging. Da war nichts zu erwarten. Vielleicht, wenn sie sich in eine Fachdatenbank einloggen könnten. Aber dafür benötigt man Zugriffsberechtigungen und Passwörter. Blieben noch die bisher nicht ausprobierten Suchmaschinen. Als Begriff gab sie Leben ein und erhielt nach einiger Zeit eine Verweisliste mit über tausend Internetadressen aus den Bereichen Biologie, Medizin, Philosophie, Geschichte, Prominente. Wie sollten sie da weiterkommen?
Dann hatte Iris die Idee, als Suchbegriff bewusst sein einzugeben, das ihr vor einigen Tagen im Ohr geklungen hatte. Ungewöhnlich schnell wurde ein einziger Treffer angezeigt: http://www.ureda.de/heureka.
"Uff, das sieht gut aus. Nur eine Adresse, dazu noch in Deutschland", freute sich Iris und war stolz auf ihre Leistung. Rasch war die Verbindung aufgebaut. Eine schmucklose Nachricht erschien:
Derzeit leider kein Direktzugriff und Dialog möglich. Beantworte aber gerne alle Fragen zum bewussten Dasein. - Bitte Briefkasten für Standardmailing benutzen. Name und Adresse angeben. Ich melde mich.

An heureka@ureda.de
Name: __________________________________________
Adresse: ________________________________________
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Die Schwestern berieten sich kurz. Das schien der Volltreffer zu sein. Warum sollten sie nicht ihre Frage stellen? Über Kabel war das ganz leicht. Also folgten sie der Anweisung und schrieben:
Wir, Iris (16) und Elena (14), haben ein Problem, denn irgendwie ist es ganz selbstverständlich, dass wir lebendig sind und Gefühle haben und auch so ein Bewusstsein, obwohl uns etwas schwammig ist, was man damit meint. Trotzdem bleibt alles unklar: Ist nicht ein perfekter Roboter wie Data (aus Star Trek, vielleicht kennen Sie die Serie - wäre schön!) so gut wie lebendig? Doch, wie kann er als Maschine Angst haben? Ja, und dann noch: Wieso ist ein Gefühl wie Angst nicht genauso da und für alle gleich wie ein Kilo Kohl, sondern für den einen mehr und für den anderen weniger und für einen Dritten noch nicht einmal Kohl?
Sie fanden, dass sie ihr Problem ganz gut formuliert hätten und es zudem - jedoch jede für sich - ganz prima und einfach ist, so einem Unbekannten über das Netz Fragen zu stellen, die sie nie ihren Eltern, Lehrern oder Bekannten hätten stellen können. Denn so etwas fragt man, warum auch immer, üblicherweise nicht. Fragen wie die, warum es schneit, wer der letzte Fußballweltmeister ist oder wie man Käsekuchen backt, sind leicht gestellt und werden gerne beantwortet. Da freut sich der Angesprochene über das Interesse und darüber, dass er Wissen zeigen darf. Aber Fragen nach dem Lebenssinn, die sind irgendwie peinlich, so, als ob man sich ausziehen würde, was man selbst vor der eigenen Schwester nicht gerne tut. Daher auch jetzt: nur keine Peinlichkeit aufkommen lassen.
"Ich wette, der oder die kennt Star Trek nicht. Bestimmt ein ganz gelehrter Professor. Oder ein Astrologe oder Pastor", meinte Iris.
"Und wie kriegen wir jetzt die Antwort?", wollte ihre Schwester wissen.
"Im Prinzip ganz einfach: Mit der Mail wird diesem Heureka unser Briefkasten bei einem so genannten Provider im Internet mitgeteilt. Er liest und beantwortet dann die Frage. Falls er sie beantwortet. Er schickt seine Nachricht dann an unsere elektronische Anschrift. Sie wird gespeichert, und wir können sie irgendwann aufrufen und lesen." Iris erklärte es gerne und nicht ohne Stolz.

Klar, dass Iris schon nach einer Stunde und abends noch einmal nachsah. Doch nichts. Auch am nächsten Mittag, nach der Schule, das gleiche Ergebnis. Also wohl nur ein Flop. Nachmittags brachte dann jedoch ihr Vater einen Ausdruck. "Hier, für dich. Hab ich aus meiner Mailbox ausgedruckt. Sind ja ganz neue Seiten meiner Tochter. Gut, gut!"
Das "gut, gut" war beinahe die höchste Anerkennung, die der Alte überhaupt aussprechen konnte, machte sie aber mehr verlegen als froh. Sie spürte, dass sie einen roten Kopf bekam. Doch zum Glück hatte ihr Vater das Zimmer schon wieder verlassen. Rasch las sie den Text:
Hallo ihr beiden!
Schön, dass ihr euch mit diesen interessanten Fragen bei mir gemeldet habt; denn ich habe so viele Antworten vorrätig, dass mich jede Frage glücklich macht. Auch sollte es nicht schwer sein, das Passende im Lager zu finden. Da gibt es ganz andere Probleme, sage ich euch: Ich habe Antworten, die sind schon seit Jahrzehnten ohne Nachfrage. Etwa die zum Möglichkeitsraum. Keiner will sie haben, keine Frage passt.
Iris sah vom Ausdruck auf und murmelte: "Ein Spinner. Hätte man sich denken können." Dennoch las sie weiter:
Aber kommen wir zu eurem Problem, das übrigens auch das von Data ist, der erst neulich bei mir nachfragte.
"Der nimmt uns glatt auf den Arm", entrüstete sich Iris und knüllte schon wütend das Papier. Doch dann hatte sie wieder Vaters Gesicht vor Augen und hörte förmlich sein "gut, gut". Es muss einen anderen Grund gehabt haben als ein spinnertes Schreiben, das er gelesen hatte. Also strich sie das Blatt wieder glatt:
Zweifellos ist die Frage nach dem Leben sehr wichtig, und die nach dem eigenen bestimmt die wichtigste. Wer so fragt, der ist - bitte erschreckt nicht! - ein Philosoph (oder eine Philosophin, wenn ihr nicht selbstbewusst genug seid, um männliche Bezeichnungen für Charaktere, Berufe u.a. hinzunehmen, ohne euch zurückgesetzt zu fühlen). Philosophen sind nämlich Leute, die staunen, suchen und fragen.
Wie gesagt, an Antworten mangelt es nicht. Doch um diese verstehen zu können, müssen wir sie drehen und wenden und genau betrachten. Denn das ist nicht so eindeutig wie 1+1=2. Außerdem brauchen wir so etwas wie eine Brille, um klarer sehen zu können. Diese kann man sich aber nicht beim Optiker holen, sondern muss sie selbst entwickeln. Dabei hat man sich auf viele Überraschungen gefasst zu machen, so wie du, Iris, bei deinen Abenteuer-Spielen auf dem Computer ...
Wie kann diese(r) Heureka wissen, dass sie solche Fantasygames mitunter nächtelang spielt? Da ist doch etwas oberfaul! Hat ihr Vater diesen angeblichen Ausdruck selbst ...? Nein, der weiß ja nichts von ihrer Anfrage, könnte höchstens - ja, das wäre möglich - die echte Antwort verändert haben. Obwohl, das ist unsinnig. Wäre es so eine übliche Aufforderung zum Zimmeraufräumen oder ein Hinweis auf den Badewasserverbrauch, dann bingo. Aber dieser harmlose Hinweis auf die Rollenspiele hat keinen Nährwert. - Nun, vermutlich ging Heureka einfach davon aus, dass alle Computerfreaks in ihrem Alter solche Spiele lieben.
... mit Hindernissen, Fallgruben und zunächst unwichtig erscheinenden Fundstücken, die man später unbedingt braucht, um weiterzukommen. Gerne will ich mit euch ein solches Abenteuer beginnen. Habt ihr Lust? Ihr wisst ja, wie ich erreichbar bin.
Iris ließ das Schreiben sinken. Ob sie Lust hat, das wusste sie jetzt wirklich nicht. Es war alles recht verwirrend und ... ja, unwirklich. So kompliziert muss es gewiss nicht sein; sie hatte doch nur an eine verständliche Antwort gedacht. Klar, dass man die nicht gerade so bekommt wie einen Beipackzettel zum Walkman. Doch gleich Philosophie! Und dann musste das ausgerechnet noch der Alte mitkriegen. Zudem, typisch, war Elena auch wieder nicht da: Arztbesuch.

Als Iris am späteren Nachmittag ihrer Schwester berichtete und ihr den Ausdruck zeigte, war der Entschluss schon gefasst. Was Heureka geschrieben hatte, klang doch eigentlich interessant. Vor allem das mit dem Abenteuerspiel. Schließlich kann sie sich, wenn es ihr zu dumm wird, einfach nicht mehr im Internet melden. Blöd zwar, dass ihr Vater die Antwort erhalten hatte, aber man kann es auch als Vorteil sehen, denn er fand das ja offensichtlich richtig und wird sie somit eher an seinen Rechner und das Netz lassen. Wenn er nur, hoffentlich, keine Fragen stellt!
Elena musste nicht allzu sehr überzeugt werden, sodass sie bald an zwei Formulierungen arbeiteten: Die eine war die Antwort an Heureka, die zweite eine auf eventuelle Fragen ihres Vaters. Die erste Erwiderung war schnell und leicht formuliert: Lieber Heureka! Wir haben deine Antwort erhalten und danken dir! Gern wollen wir dein Angebot annehmen.
Diesen Text hielten sie für höflich, knapp und sachlich; denn auf die verwirrenden Aspekte wie die wohl unmögliche Anfrage von Data einzugehen, erschien ihnen ebenso problematisch, wie gleich neue Fragen zu stellen oder gar Heureka um Infos zu seiner Person zu bitten. Sollte ruhig ihr unbekannter Partner erst den nächsten Zug machen.
Das Problem der zu erwartenden väterlichen Nachfrage erwies sich als schwieriger. Obwohl: warum sich wie ertappt vorkommen? Warum sollten sie sich nicht für Lebensfragen interessieren? Im Gegenteil, es freut den Vater bestimmt. Aber trotzdem ... Letztlich zieht der Trick mit der Schule immer. Etwa, dass man einen Walkman braucht, um Sprachkassetten zu hören, den Computer für Lernprogramme, abends eine Freundin treffen muss, nur wegen der Schulaufgaben. Natürlich sind auch die Eltern nicht dämlich. Aber offensichtlich müssen solch kleine Spielchen sein, um Notwendigkeit oder Nützlichkeit vorzuschieben, statt einfach von eigenen Wünschen auszugehen.
So gerüstet drangen sie zum väterlichen Computer vor, der jedoch von seinem Besitzer blockiert war. "Können wir heute noch ran?", ging Iris in die Offensive und zog gleich ihre Trumpfkarte: "Ich muss nämlich einen saublöden Aufsatz zum Sinn des Lebens schreiben. Und wir hatten eine tolle Verbindung gefunden, die Material liefern könnte. Wir dachten, du guckst sowieso gleich das Fußballspiel im Fernseher."
Eine Meisterleistung der Diplomatie: Mit dem saublöd kam der notwendige Grad an Zwang und Unwillen durch (müssen kommt immer besser an als wollen), allen etwaigen Nachfragen war durch das Aufsatzthema vorgebeugt, und dem Vater war ein angenehmer Grund gegeben, seinen Arbeitsplatz zu räumen. Natürlich konnte er sich nicht so einfach verdrängen lassen: "Na gut, in zehn Minuten. Erst muss ich das hier noch fertig schreiben."
Eine Viertelstunde später war die Verbindung aufgebaut und die Antwort an Heureka in die Dialogbox eingetippt. Ihr Kommunikationspartner saß offensichtlich am Gerät, denn prompt erschien eine Rückantwort.
Hallo Elena und Iris!
Ich hatte eigentlich erwartet, dass ihr alle möglichen Fragen zu meiner Person stellen würdet. Aber ich bin gar nicht wichtig, darum freut es mich, dass ihr zum Wesentlichen kommen wollt.
Die Schwestern blickten sich an und waren stolz auf sich, hatten sie doch offensichtlich die richtige Eröffnung gewählt. Heureka fuhr fort:
Zunächst müssen wir ein wenig organisieren. Elektronische Briefe können wir zwar immer senden, doch so einen Dialog, wie der jetzt, wollen wir nicht dem Zufall überlassen. Da sollten wir eine tägliche Zeit vereinbaren. Klärt dies am besten mit eurem Vater ab, damit es keinen Ärger mit seinem Rechner gibt.
"Was", stöhnte Elena auf, "wieso weiß er, dass wir an Vaters Combi sitzen?" Sie wurde jedoch gleich beruhigt.
Der elektronischen Mailadresse entnehme ich nämlich einen männlichen Namen und denke mir ohnehin, dass ihr euch einen Netzanschluss und die Gebühren noch nicht leisten könnt. Also, gebt mir morgen bitte eine Zeit an.
Iris schrieb:
O.k., gerne. Irgendwann nach der Schule.
Dann lasen sie, was weiter auf dem Bildschirm erschien:
Was die Brille oder das Handwerkszeug angeht, das wir brauchen, so hilft es auf alle Fälle, wenn ihr Sofies Welt lest. Dieses Buch, das ich wohl besser kenne als irgendjemand sonst, leiht euch euer Vater sicher gerne aus.
"Verdammt, woher weiß er nun wieder, dass Papa den Schmöker hat?", warf Iris ein, doch der Text floss weiter:
Nur denkt immer daran, das ist ein Buch, eine gut gemachte, spannende und lehrreiche Geschichte. Wir aber - ihr und ich -, wir sind Realität! Nicht, dass ihr das vergesst!
Wenn ihr also das Buch, eigentlich hätte es Sofies Geschichte heißen sollen, weil es um die Geschichte der (Philo) Sofie geht, lest, dann kann ich mir viele Erklärungen sparen.
"Ich wollt's eh schon mal lesen", murmelte Elena beflissen, und Iris fand es kaum noch erstaunlich, dass sie erst vor wenigen Tagen an das Buch gedacht hatte - nach dem Traum, mit dem alles begonnen hatte.
Eure Frage nach dem Leben will ich in einen größeren Zusammenhang stellen, denn nur so können wir sie, hoffentlich, beantworten. Meistens geht man heute leider andersherum vor und löst das Ganze in immer kleinere Teile auf, die man zu verstehen meint, bis nichts mehr übrig bleibt, das zu verstehen lohnt. Doch das hilft uns bei Lebensfragen wenig, und die Gefahr ist groß, dass wir mit der Fülle der Details das aus dem Auge verlieren, um was es wirklich geht.
So bedeutet Leben natürlich auch Tod, das ist klar, und der Tod schlägt eine Brücke zur Angst. Sich bewusst zu machen, dass man selbst lebt - das Bewusstsein war ja Teil eurer Fragen -, kann nur aus Leben erwachsen, ist aber mehr, hängt mit dem zusammen, was man Geist nennt. Würden wir jedoch gleich mit dem anfangen, wäre es, als hätten wir die Blüte vom Stängel und diesen von der Wurzel gerissen. Wir könnten uns an ihr erfreuen, jedoch nicht die ganze Pflanze verstehen, die diese Schönheit hervorgebracht hat. Beim Leben anzufangen, ohne über das umfassendere Sein oder Dasein - und damit Raum und Zeit - nachgedacht zu haben, wäre ebenso ein Bruchstück.
Ihr merkt, wir haben einen ganz schönen Berg vor uns. Da müsst ihr euch schon überlegen, ob ihr wirklich klettern wollt. Außerdem kann man sich noch in platonische Höhlen verirren und muss aufpassen, nicht in cartesische Spalten zu fallen.
Seilschaft bereit, gab Iris spontan ein, denn gerade die zuletzt genannten Aussichten reizten sie, auch wenn sie sich den Berg sehr real vorstellte und bei Höhlen und Spalten nicht unbedingt an geistige Abenteuer dachte.

Sofies Welt

Sofie bereitete Probleme. Zumindest indirekt, denn ein Buch und zwei, die es lesen wollen, das geht schlecht auf. Es sei denn mit vorlesen. Aber das schien den Schwestern zu albern. Sich abzuwechseln wäre zwar gegangen, doch wollte nun unbedingt jede das Buch, das zuvor Wochen lang unbeachtet herumgestanden hatte, zuerst haben. Auch wäre es unbequem gewesen, nach einem abgestimmten Zeitplan lesen zu müssen. Glücklicherweise gelang es Elena gleich am nächsten Tag, in der Stadtbücherei noch ein Exemplar auszuleihen, sodass sie nun beide das Buch studieren und sich über den Inhalt austauschen konnten. Mit Vater war eine spätnachmittägliche Nutzungszeit für das Internet vereinbart worden, die sie bereits Heureka per Mail mitgeteilt hatten.
Nachmittags diskutierten sie mit untergeschlagenen Beinen, bei Saft und Plätzchen und ab und zu Kuschel einige Streicheleinheiten verpassend, im Chaoszimmer - von Vater so genannt, nur weil ab und zu ein paar ihrer Sachen etwas herumlagen. Vielleicht auch ein paar mehr und öfter, aber schließlich war es ihr Zimmer! - Wenigstens beinahe, denn ursprünglich war es als Gästezimmer und für Mutter zum Nähen und Bügeln gedacht gewesen. Nach einigen Aufräum- und Putzkämpfen, wenn die Mutter es tatsächlich nutzen wollte oder einmal ein Gast übernachten sollte, hatten die Schwestern dann den Sieg davongetragen: Mutter bügelte schon lange im Schlafzimmer, und Vater hatte zuletzt einen Freund im Gasthof einquartiert.
"Es ist bei Sofie beinahe wie bei uns", meinte Elena. "Nur werden ihr die Fragen, wie die Wer bist du?, so geheimnisvoll zugetragen. Aber diese Frage ist gar nicht so weit von unserer nach dem Bewusstsein oder Selbstbewusstsein entfernt."
"Dass das Buch auch noch mit einer Diskussion über den Unterschied zwischen Mensch und Roboter anfängt, das ist schon hart", urteilte Iris.
"Bei Sofie kommen die Kontakte über den Hausbriefkasten, bei uns über den elektronischen."
"Aber die Höhle im Gestrüpp kann man nur schwer mit dem Zimmer hier vergleichen", fand Iris.
"Vor allem, so würde Papa sagen, ist bestimmt jedes Gestrüpp ordentlicher", ergänzte ihre Schwester und suchte nach weiteren Unterschieden: "Wirklich anders ist, dass wir zu zweit sind."
"Eigentlich ist auch Sofie nicht allein", schränkte Iris ein. "Denn immerhin ist da Sofies Freundin Jorunn. Und mit Hilde, an die die mysteriösen Postkarten adressiert sind, könnte sie auch zusammenkommen. Das bleibt abzuwarten."
"Wenn Sofie heimlich Philosophieunterricht nimmt und sich dafür geradezu schämt, dann geht es ihr wie mir", bemerkte Elena. "Hätte Heureka uns nicht davor gewarnt, Realität und Erfindung zu verwechseln, dann käme ich mir wie ... wie aus dem Buch abgeschrieben vor. Kein schöner Gedanke! - Kuschels Rolle wäre wohl die der Katze Sherekan. Na, würde dir das gefallen?" Sie hob das kleine Tier hoch und rieb ihre Nase an der seinen.
"Jedenfalls gefällt mir Kuschel besser als jede Katze, vor allem besser als das Kaninchen, das der Autor aus dem Zauberhut zieht und mit der Welt vergleicht. Sich die Welt als Kaninchen vorzustellen, ist abwegig, selbst wenn es um ein Bild für die Erschaffung der Welt geht."
"Natürlich interessiert mich auch die Frage, woher die Welt kommt, die auf Sofies Zettel steht. Aber wenn man dafür einen Zauberer bemühen muss, dann ist's wie die Neuauflage der Bibel." Elena war unzufrieden. "Zieht man die Welt aus einem Hut, muss man erklären, woher der kommt."
Iris blätterte durch das Buch und meinte: "Es ist wohl nur so ein Bild zum Einstieg. Bestimmt gibt es noch bessere Erklärungen. Heutzutage weiß doch jeder was von Urknall und Evolution. Vor allem hat uns doch Heureka so großartige Ankündigungen gemacht. Wenn er nicht über den Schmöker hier raus geht, braucht er sich nicht wichtig zu machen!" Inzwischen hatte das Mädchen die Stelle gefunden, über die sie gerade diskutierten, und las vor: "Was das Kaninchen betrifft, so ist uns klar, dass der Zauberkünstler uns an der Nase herumgeführt hat. Wenn wir über die Welt reden, liegen die Dinge etwas anders. Wir wissen, dass die Welt nicht Lug und Trug ist, und sind ein Teil der Welt. Im Grunde sind wir das weiße Kaninchen, das aus dem Zylinder gezogen wird. Der Unterschied zwischen uns und dem weißen Kaninchen ist nur, dass es nicht weiß, dass es an einem Zaubertrick mitwirkt. Mit uns ist das anders." Iris legte das Buch zur Seite und kommentierte: "Ich bin mir nämlich gar nicht so sicher, ob wir wirklich so viel besser wissen, was Wirklichkeit ist. - Nach dem Traum und den Sprüchen hab ich mir sogar einmal überlegt, ob es dich, Elena, überhaupt außerhalb meiner Gedanken gibt. - Au!"
Elena, die ihre Schwester in die Seite geboxt hatte, lachte. "Na, gibt es mich?"
"Anscheinend ja, elender Philosophiewurm!"
Die Jüngere verstand die Anspielung, denn das Gleichnis besagt weiter, die Welt sei wie das Kaninchen, in dessen Fell tief unten die Menschen wie Gewürm herumkriechen. Nur die Philosophen versuchen, an den Haaren nach oben zu klettern. Elena stimmte der Kritik zu. "Auch ich finde das Bild unhygienisch. Ich mag mir einfach nicht vorstellen, dass es in dem Kaninchenfell von Würmern wimmelt, selbst wenn es nur symbolische sind." Sie nahm Kuschel an sich: "Jedenfalls hast du ein sauberes Fell und bist ein ganz liebes Tier."
"Statisch gibt es auch Probleme, wenn so ein Philosophenwurm an einem Haar hochklettert", ergänzte Iris. "Aber das mit den Postkarten ist schon geheimnisvoll. Bin gespannt, was daraus wird."
"Das hängt zusammen: die Philosophenpost und die Hilde-Postkarten. Lässt sich voraussehen!"
"Schon peinlich, wenn die Mutter mit dem Kuvert des Philosophen aus dem Briefkasten ankommt", konnte sich Iris in die Situation der Buchheldin versetzen und dachte daran, wie ihr Vater mit Heurekas Ausdruck angekommen war.
Da Elena noch nicht so weit gelesen hatte, ließen sich jedoch keine weiteren Erfahrungen austauschen. Zudem war es ohnehin schon nach Fünf, also bald Zeit für die Kontaktaufnahme.

Nachdem die Verbindung hergestellt und berichtet war, dass sie sich mit dem "Lehrbuch" von Gaarder bereits - und inzwischen gerne - beschäftigten, mussten natürlich die erstaunlichen Gemeinsamkeiten ihrer Situation mit derjenigen Sofies angesprochen werden. Die Antwort Heurekas war allerdings nüchtern und eher enttäuschend:
Geheimnisvoll ist an der scheinbaren Ähnlichkeit eigentlich nichts, wenn wir logisch vorgehen: Zunächst einmal habe ich gewissermaßen mit meiner gestrigen Warnung, ihr sollt Realität und Buchinhalt nicht verwechseln, einen Köder ausgelegt oder - um es vornehmer zu sagen - euch sensibilisiert. Denn wenn man aufmerksam ist, nimmt man besser wahr. Um nicht in der Flut der Eindrücke, die unsere Sinne aufnehmen, zu ertrinken, filtern wir nämlich ständig aus und konzentrieren uns bewusst oder unbewusst auf bestimmte Interessensbereiche.
"So wie bei Tonaufnahmen", musste Iris ihr erst vor einer Woche schmerzlich gewonnenes Wissen kundtun. Da war nämlich ihr Lieblingsschauspieler zur Autogrammstunde in der Stadt gewesen. Sie hatte sich extra ein Tonbandgerät ausgeliehen, um eine Aufnahme zu machen. Obschon sie ihn klar und deutlich hatte verstehen können, war nachher auf dem Band ein Wust von blödem Geplapper, Rufen, Türeschlagen, Stühlerücken und wer weiß was zu hören, und das, worum es ihr ging, war kaum zu verstehen. Sie hatte sich maßlos geärgert.
Letztlich habt ihr durch meinen Hinweis Argumente dafür finden wollen, eure und Sofies Situation gleichzusetzen. Aber alle Jugendlichen beschäftigen sich nun einmal mit Robotern. Also nichts Besonderes. Auch sollte es ganz normal sein, dass man in eurem Alter über sich und seine Rolle in der Welt nachdenkt. Ebenso normal sind Haustiere. Dass man - ganz anders als in Kindertagen - nicht mehr gerne mit den Eltern spricht und seine Geheimnisse hat, ist ebenso nicht ungewöhnlich.
Aber es freut mich, dass euch das Buch gefällt. Lest es nicht zu schnell, denn ich will mich nach und nach darauf beziehen. Dies ist eine ganz bewusste Ähnlichkeit, denn schließlich ist die größte Gemeinsamkeit mit Sofie die, dass auch ihr einen Fernkurs in Philosophie macht. Aber das alleine soll es nicht sein. Denn ihr habt eigene Fragen, auf die es einzugehen gilt. Zudem bedrängen mich meine herrenlosen Antworten. Gerade habe ich wieder eine gefunden, die einige Unruhe in meinem Archiv verursacht und eine intensive Behandlung braucht.
Data fände es nett, einmal mit euch selbst zu reden, und - das denkt ihr euch sicher - es gibt noch mehr Kunden, um die ich mich kümmern muss. Ein persönliches Treffen im größeren Kreis erscheint mir daher durchaus angebracht. Aber das muss vorbereitet werden. Wundert euch daher bitte nicht, wenn ich mich zu den vereinbarten Zeiten nicht immer persönlich melde, sondern einige Multimedia-Klips für euch laufen: Einen Videotreiber und Soundboxen hat der PC eures Vaters ja. - Und wundert euch auch nicht, dass euch dann wieder eine Parallele zu Sofies Welt auffällt! Aber an Multimedia ist nichts Geheimnisvolles, und, ihr wisst ja, wir sind die Realität.
Also, bis bald!
"Uff", kommentierte Iris, "das ist viel versprechend, wobei das mit Data natürlich nur ein Witz oder wieder so ein Sensibilisierungstrick ist."
"Oder meinst du", schwang neben Hoffnung etwas Furcht bei Elena mit, "der Schauspieler von Datas Rolle könnte gemeint sein und tatsächlich zu einem Treffen mit uns kommen?"
"Glaub ich nicht. Überhaupt ist das mit dem Treffen wenig realistisch. Wer weiß, wo die Typen alle wohnen? Und Heureka erst? Ehrlich, so ein Dutzend Knackis, die alle nach dem Sinn des Lebens ächzen oder aus jeder Ecke ihr verschüttetes Selbst vorkramen wollen, fänd ich horrormäßig."
"Immerhin sind wir auch solche Knackis! Zumindest angehende. Und vielleicht ist es gar nicht so beknackt. Jedenfalls werde ich jetzt weiterlesen!"

In Sofies Welt erreichte Elena den Abschnitt, in dem der Unbekannte von der Gewöhnung schreibt, davon, dass der Philosoph stets staunen und sich wundern sollte wie ein Kind und nicht wie die meisten Menschen die Welt einfach akzeptieren und es sich im Kaninchenfell gemütlich machen könne.
Wieder dieses Kaninchenfell! Obwohl es zum Sich-Gemütlichmachen passt. Sie hat sich gewiss noch nicht an alles in der Welt gewöhnt und wunderte sich: Wenn das alles ist, um Philosophin zu sein! Aber schließlich muss man sich auch an die Welt gewöhnen und aus ihr seine Eindrücke filtern, wie Heureka sich ausgedrückt hatte, wenn sich nicht ein chaotisches Sammelsurium ergeben soll. Würde sie sich beispielsweise auf dem Schulweg für jeden Hund begeistern und für jedes Blümchen, dann käme sie immer zu spät und hätte ganz schönen Ärger. So war das mit der kindlichen Verwunderung und Aufnahmefähigkeit bestimmt nicht gemeint. Wohl eher allgemein und eben nicht wie bei den Leuten im Reisebus zu Pfingsten. Da hatten sie nämlich einen Ausflug mit einer Gesellschaft gemacht und ständig von Mitreisenden hören müssen, dass dieses sie an ihren letzten Urlaub erinnere und jenes längst nicht so großartig sei wie da und dort. Egal, was sie auf der Tour auch sahen, immer musste sich Elena anhören, dass es offensichtlich nur die schlechtere Variante von etwas ist, das diese Leute schon kannten. Das hatte sie furchtbar geärgert, denn sie fand vieles ganz toll. Da hätten die Mitreisenden, besonders diese zickige Lehrerin, doch gleich zu Hause bleiben können, wenn sie gar nichts sehen und neu erleben wollen. Das ist es wohl, was der Sofie-Philosoph meint, wenn er sagt, Erwachsene könnten einfach nicht mehr über die Welt staunen, nehmen alles hin oder behandeln alles als normal und weitgehend uninteressant, eben alltäglich und damit wertlos.
Ist man nicht schon so gut wie tot, wenn einen nichts mehr zum Staunen und Freuen und Fragen bringt? Müssen darum solche Menschen in immer fernere Länder reisen, zu immer flippigeren Partys gehen, die neueste Mode tragen oder an Gummibändern von Brücken springen: Damit kurzlebige Reize ihnen signalisieren, dass sie noch leben, es noch irgendetwas zu erleben gibt? Sie wollte sich lieber täglich neu darüber wundern, dass es sie selbst, Elena, gibt und kleine Knöteriche in Pflasterfugen und Wolken, die wie Schäfchen aussehen, und Regen und die Gedanken anderer Menschen, die sie lesen kann, im Buch. Mit diesem Entschluss wandte sie sich wieder Sofie zu.
Der Philosophiekurs beginnt mit den Mythen, den Göttererzählungen. Elena wurde klar, dass man sich mit den mythischen Erzählungen die Wirklichkeit erklärt, die Geschichten in bildhafter Form Antworten auf Grundfragen geben, wie auf die nach Anfang und Sinn der Welt, dem Leben und den Menschen. Die Bilder und Figuren stammen aus Lebenserfahrung: In der Savanne würde kein Delfin in eine Göttersage geraten und auf einer Südseeinsel kein Löwe. Damit schenken sie das nötige Vertrauen, werden wahr, werden zu Symbolen für die Prinzipien der Welt, werden zusammen zum Weltbild.
Heute, so überlegte sie, lächelt man vielleicht über die alten Weltanschauungen oder hält Mythen für Märchen. Aber besitzen wir eigentlich ein so viel besseres Erklärungsmodell für die Welt? Ist die Urknalltheorie etwas anderes als ein Schöpfungsmythos der modernen Wissenschaft? Sagt sie mehr, als dass die Welt einen Anfang hat und man dennoch nicht weiß woher und warum? Und die Evolutionstheorie, sagt sie mehr, als dass es seit jenem Knall eine Entwicklung gibt, an der wir teilnehmen? Sagt sie warum und wozu? Ist der Unterschied eigentlich so groß zwischen unseren Erklärungen mit dem Wirken von Kräften und dem Wirken von Göttinnen und Göttern? Zu diesen Göttern, die voll im Geschehen der Welt standen, konnte man wenigstens Beziehungen aufbauen ...
Jedenfalls ist es gar nicht so übel, einmal über verschiedene Weltbilder nachzudenken. Gibt es wohl noch mehr Erklärungen als die mythischen oder mystischen Vorstellungen - der Unterschied war ihr nicht so klar - und die wissenschaftliche? Was für eine Vorstellung hat Kuschel von sich und der Welt? Kann sich das Tierchen ein mythisches Bild machen, vielleicht mit der Menschenmutter als Futtergöttin? Oder akzeptiert es einfach alles, wie es nun einmal ist, ohne auch nur im Geringsten nach irgendeiner Erklärung zu fragen oder eine zu benötigen? Wozu sollte Kuschel so etwas wie eine Erklärung und einen Mythos brauchen? Schließlich bekommt sie ihr Futter selbst dann, wenn sie dafür keinen Grund sieht, ja nicht einmal im Entferntesten auf die Idee kommt, dass es eine Erklärung für Futter geben könnte. Sind Erklärungen nicht völlig überflüssig?
Und angenommen, das Meerschweinchen hätte eine eigene Erklärung, dann könnte es sie doch keinem anderen Wesen mitteilen. Alle seine Vorstellungen und die aller anderen wären also gleich richtig oder falsch, jedes Bild der Welt die beste Deutung. Sind Mythen demnach so etwas wie die Einigung auf eine gemeinsame Vorstellung, ein gemeinsam ausgemaltes Bild?
Ja, so muss es wohl sein. Die Welt braucht bestimmt keine Erklärung, und die Dinge in ihr auch nicht. Nur das Denken über die Welt will Erklärungen - heureka, jetzt hat sie es! -, weil sich ein denkendes Wesen seiner selbst bewusst sein will. Und Sozialwesen brauchen wohl so etwas wie ein gemeinsames Bewusstsein. Darum gab und gibt es bei allen Völkern Mythen. Aber wenn die Erklärungen so unterschiedlich sind, dann können sie ja nicht alle richtig sein. Man muss doch Ausgedachtes von wirklich Wahrem unterscheiden können ...
Dieser Thales von Milet, von dem sie nun las, der hat wohl den Weg gewiesen. Den interessierten nicht die Dinge als solche, die physis. Vielmehr wollte er wissen, was das Wesen der Dinge ist, was dahinter steht. Thales war der erste Metaphysiker. Er dachte einfach logisch und entlarvte diese Götter-Intrigen als Menschenfantasie. Er ersetzte die Personen durch ein Prinzip: Hinter allem und in allem steckt etwas Gleiches, Ursprüngliches, das er mit dem Bild vom Wasser veranschaulicht. Es zeige sich stets in neuer Gestalt, mal als Regen, mal als Bach, als Meer, Eis oder Dampf. Dennoch bleibt es in allen Erscheinung Wasser, in der Vielfalt das Eine. - Der Junge hatte echt was drauf, und Philosophie scheint sogar spannend zu sein!

Im Netz

Iris zappte sich derweil durch die Fernsehkanäle: Spielshow, Werbung, Nachrichten, Werbung, Werbung, Sport, Volksmusik, Werbung, Serie, Werbung, Serie, Pop, Talkshow, Werbung, Krimi, Spielshow, Pop. Mit dieser ziellosen Suche wollte sie der Ratlosigkeit entgehen, den inneren Leerraum überbrücken, der sich plötzlich aufgetan hatte, wollte fliehen, sich betäuben. Nichts passte mehr zusammen seit diesem Angsttraum: Bruchstücke von unbeantworteten Fragen, ein versprochenes Abenteuer, das nun auf ein Treffen mit Unbekannten hinauszulaufen scheint - was ihr überhaupt nicht passt. Wer weiß, auf was man sich da einlässt? Womöglich eine Sekte, ein übler Verkaufstrick oder Schlimmeres, gar ein Kinderschänder? Nein, genau dieser Punkt passte ihr überhaupt nicht.
Werbung, Talkshow, Sport, Erotik, Volksmusik, Werbung, Pop, Serie, Werbung, Action, Serie, Pop, Talkshow, Werbung, Pop, Krimi, Spielshow. - Angenommen, es steckt wirklich ein Philosoph dahinter, ist es dann nicht ebenso dumm weiterzumachen? Bisher war sie ganz gut und mit weniger Problemen zurechtgekommen. Das Philosophenzeug ist doch aufgesetzt und überflüssig! Warum sollte sie ein bescheuertes Sofie-Buch lesen, warum es sich nicht im Kaninchenfell gemütlich machen, warum nicht Data Gefühle zuschreiben, ohne wenn und aber?
Comedy, Sport, Werbung, Talkshow, Sport, Volksmusik, Nachrichten. Oh, ein Tierfilm. Ach, den kennt sie schon. Werbung, Quatsch, Pop, Krimi, Serie, Werbung. - Die Philosophiererei mag was für Elena sein. Die ist ja ein Streber. Immer gute Noten. Liest sogar in der Tageszeitung. Ist natürlich jetzt auf einmal voll dabei. Und das, obwohl es eigentlich ihre Sache ist. Sie, Iris, hatte schließlich die mysteriöse Stimme und die Bildschirmnachricht registriert, sie hatte Heureka im Internet gefunden. Aber klar, ihre Schwester verschlingt jetzt den ollen Schmöker, schlägt bestimmt sogar Begriffe nach, glaubt den ganzen Heureka-Quatsch und findet ihn sicher supertoll.
Werbung, Talkshow, Sport, Volksmusik, Sport, Action, Erotik, Werbung. - Elena ist wirklich genauso beknackt wie das liebe Fräulein S. aus diesem Schinken. Welches normale Mädchen begeistert sich für Fragen wie Gibt es einen Urstoff? und schwindelt sogar seiner Mutter vor, es bekäme Liebesbriefe, nur um heimlich einen Philosophiekurs zu machen! Sie hätte diesem Arsch etwas anderes erzählt, wenn er ihr anonyme Briefe geschickt und versucht hätte, sie an der Nase herumzuführen. Heureka ist bestimmt von der gleichen Sorte. Sie macht da nicht mehr mit. - Werbung, Talkshow, Volksmusik, Werbung, Nachrichten, Pop, aus.
Iris ging Kuschel streicheln und konnte, verdammt noch mal, die Fragen nicht verdrängen, ob das kleine Tier richtige Angst empfindet, sich seiner selbst bewusst ist, sich etwas Nicht-Alltägliches vorstellen kann, womöglich gar, so wie sie, echt gefrustet sein kann ...
Zugegeben, die Ankündigung von Heurekas Videosequenzen klang nicht uninteressant. Zu irgendeinem Treffen kann sie schließlich nicht gezwungen werden. Eigentlich wäre es ganz interessant, ihn zu enttarnen. Und herauszufinden, wer Sofies Briefschreiber ist, sollte zumindest unterhaltsam sein. - So las Iris doch im Buch weiter und müsste sich über diesen Thales ärgern. Entzaubert der doch einfach den Götterglauben und ersetzt die bunten, so schön zu lesenden und auszumalenden Geschichten von himmlischem Zank und göttlichen Listen und Abenteuern durch langweilige, alltägliche, fantasielose Physik. - Oh arme Welt!
Am nächsten Mittag, Vater war zum Glück nicht im Haus, lag ein elektronischer Brief von Heureka in der Mailbox, den Iris ausdruckte, mitnahm und las:
Hallo,
was machen die Studien?
Ich hoffe, ihr habt inzwischen schon von den Vorsokratikern gelesen, den griechischen Denkern vor dem wichtigen Philosophen Sokrates. Die stellten dem Mythos das sachliche, logische und begriffliche Denken gegenüber. Und damit begann die westliche Philosophie und der ganze Ärger, denn vorher war die Welt unmittelbar und einfach mit in Bilder und Geschichten übersetzte Erfahrungen der Natur zu verstehen gewesen. Kennt man - um ein Beispiel zu geben - das Feuer und das Rad, so ist die Beobachtung, dass die Sonne scheinbar über den Himmel zieht, damit zu erklären, dass ein Feuerwagen über das Firmament fährt. Natürlich muss der Wagen gesteuert werden; auch das lehrt die tägliche Erfahrung. Also gibt es einen Lenker. Nun ist es zweifellos wichtig, dass der Sonnenwagen auch künftig und täglich fährt. Also muss man sich mit dem Wagenlenker oder dem, der dessen Herr ist, gut stellen, ihm immer wieder versichern, dass man ihn verehrt (anbetet) und dankbar ist, was man durch Opfer bezeugt.
Die Mythen geben Erklärungen und auch Anweisungen. Sie machen das Fremde griffig. Vor allem Unbekannten und dem, was man nicht beeinflussen kann, hat der Mensch nämlich Angst. Was man sich erklären kann, verliert von seiner Bedrohung. Geben wir den Dingen Namen, so meinen wir, sie auch zu kennen. Stellt man durch eigenes Tun auch noch eine aktive Beziehung her, dann wird das zuvor Angsteinflößende beherrschbarer, vielleicht sogar nützlich. Die Beziehung zum Übermenschlichen bedarf selbstverständlich einer angemessenen Form, braucht Regeln, nach denen man verfährt: Die kultischen Handlungen oder Riten machen aus dem zuvor nur ausgelieferten Teil der Weltordnung einen mitwirkenden.
Kleidet man das Ganze dann noch in ein Geheimnis, so kommt es zur religiösen Steigerung. Schon Plutarch - ein alter Römer - schrieb: Gerade das Geheimnis erhöht den Wert dessen, was man erfährt. Selbst die Grundangst, nämlich diejenige vor dem Tod - und die kann, da stimmt ihr mir wohl zu, nur ein Wesen haben, das weiß, dass es sterben wird, sich des Todes (was immer das ist: schon wieder ein zurückzustellendes Problem!) bewusst ist -, kann so zur Furcht gemildert werden. Ja, es kann sogar die Wandlung zum Positiven gelingen, etwa durch den Glauben an ein besseres Leben nach dem irdischen Tod.
Riten und Zeremonien sind gleichsam Gefäße, solche Glaubensinhalte aufzunehmen, zu sammeln und - möglichst spannend - wieder verfügbar zu machen. Leider bleibt später oft nur die Hülle übrig: Man befolgt die Regeln und vollzieht die Handlungen eher mechanisch und bemerkt nicht, dass sie längst sinnentleert sind. Nahezu alle Kirchen demonstrieren dies meisterhaft.
Im engeren Sinn bezeichnen wir die Göttersagen als Mythen. Doch sind sie nur ein Ausdruck des mythischen Denkens, das eine urzeitliche, lange vorherrschende und auch heute noch wichtige Art des Denkens ist. Das mythische Denken ist denken in Bildern und Zusammenhängen, ist anschaulich und vieldeutig, assoziativ und kennt kaum Subjekt und Objekt. Es ist ein Denken ähnlich unseren Träumen, die uns, erwacht, vielleicht noch kurz erfüllen, beglücken, bedrohen, beherrschen, schnell aber als unlogisch, sprunghaft, irreal vergessen werden. Mit dem Erwachen verlassen wir das Universum ohne Zeit und Kausalität, betreten das neue, das die Vorsokratiker wesentlich mitschufen. Denn sie stellten zunehmend dem mythischen Denken die Rationalität oder Vernunft gegenüber: Heraklit führte den Logos ein und suchte nach dem geordneten Weltganzen oder dem Prinzip. Insbesondere Thales sprach dann Tacheles: Er fand deutliche Worte dafür, dass diese vermenschlichten Götter nur Erfindung seien und keine vernünftige Ordnung herrschen könne bei einem Himmel voller sich zankender oder Scherze treibender, oft ganz schön verlotterter Wesen. Stattdessen wollte er - ich hoffe, ihr habt es schon gelesen -, ebenso wie seine Kollegen nach ihm und heute noch viele Naturwissenschaftler, alle Dinge in der Welt auf einen Urstoff oder ein Prinzip, eine allgemeine Regel zurückführen. Das stand in krassem Gegensatz zum Glauben an die Erschaffung und Steuerung der Welt durch menschenähnliche und von Menschen beeinflussbare Götter.
Dieses neue Denken, also das Verstehen von Naturvorgängen ohne Rückgriff auf den Mythos und ohne Beeinflussung durch Riten, entzweite erstmals die entstehende Naturwissenschaft von der Religion. Die Folgen reichen bis in unseren heutigen Alltag. Ich könnte euch dieses E-Mail nicht senden, hätten Thales und andere Philosophen aus Milet nicht die unpersönlichen Ursachen in eine Welt eingeführt, die vorher nur Urheber, also handelnde Wesen kannte. Weil die Natur unpersönlich wurde, entzog man ihr jedoch auch Ehre, Furcht und Liebe, verlor sie an Wert, steht sie nun auf dem Spiel. Denn mit der Abkehr vom Mythos und der Abtrennung wissenschaftlicher Erklärungsmodelle von religiösen wurden auch die Brücken, die bis dahin getragen hatten, unbrauchbar. Und ohne mythisches Denken, ohne Träume, ohne Bilder, die uns erfüllen, leben wir nur auf der rationalen Oberfläche, aus der keine Kunst entspringen und auf der kein Glaube wachsen kann, es keine Liebe gibt.
Die Mythen erklärten Ursprung und Sinn, gaben Moral und Hoffnung. Denkt etwa an die Prometheus-Sage. Dieser Titan formte aus Ton die Menschen, denen Pallas den Odem einblies. Dann lehrte er sie alles Nötige, außer die Götter zu ehren mit Opfer, Gebet und Gehorsam, wie es gefordert war. Mehr noch, Prometheus stahl für sie das Feuer vom Sonnenwagen. Die Strafe musste in moralischer Konsequenz folgen. Zeus ließ ihn für Jahrhunderte an den Kaukasus schmieden. Herkules jedoch erbarmte sich, erlöste ihn und stieg sogar für ihn in den Hades hinab. - Die Parallelen zu vielen anderen Mythen und zur Bibel sind offensichtlich.
Mythisches und rationales Denken sind also zwei Wege zur Beantwortung unserer Grundfragen, und in zwei großen Pendelschlägen versuchten später die voneinander getrennten Kräfte des Glaubens und des rationalen Wissens jeweils zu dominieren: Im Mittelalter unterdrückte die Religion die Wissenschaft, in der Neuzeit machte die Wissenschaft die Religion scheinbar überflüssig. Doch aus Einseitigkeit kann kein neues Ganzes entstehen, wie es der Zukunft unabdingbar ist. Der Philosophie, die weder Religion noch Wissenschaft oder aber beides zugleich ist, fällt daher die Aufgabe zu, die dritte Variante, die Synthese, zu begründen. Das kann sie, weil Philosophen furchtbar gerne streiten. Denn zur Verschmelzung, zur Reaktion von These und Antithese, aus der das Neue entsteht, braucht es Energie. Gigantisch ist die Streitenergie der Jünger des Platon einerseits und andererseits des Aristoteles. Nutzen wir sie!
Doch wir dürfen uns nicht auf die Denker beschränken, sondern müssen uns auch mit dem Denken beschäftigen. Das aber ist ohne Leben unvorstellbar, das seinerseits nur Teil der ganzen Natur ist. Somit reicht es nicht, lediglich auf die Anfänge der westlichen Philosophie zurückzublicken. Nein, wir müssen bis zu den Anfängen der Welt zurück und uns mit dem Wunder des Werdens, der ersten Geburt aus der geschenkten Möglichkeit beschäftigen.
Es ist ein langer und gewundener Weg durch Zeit und Raum und Möglichkeit, auf den wir uns begeben wollen. Darum jetzt genug, denn ich habe noch einiges vorzubereiten. Schließlich soll mein Programm besser sein als dasjenige, das du, Iris, beim Zappen gefunden hast.
Dieser Mistbock! Wie kommt er jetzt wieder auf's Zappen? Er kann schließlich kein Hellseher sein oder Geist oder ... Scheiße!: Der beobachtet und verarscht mich total, kaum dass ich wieder auf Kurs bin. Da hatte sie ihr Gefühl doch nicht getrogen. Schluss jetzt, endgültig! Soll sich doch die kluge Elena allein verschaukeln lassen. Man wird schon sehen, wer hier den Durchblick hat! - Den zerknüllten Ausdruck warf sie ihrer Schwester vor die Zimmertür und ging in den Keller, den Punchingball malträtieren.
Nachdem Iris sich in Schweiß geschlagen und den Rest ihres Ärgers noch bei Kuschel abgebaut hatte, fasste sie jedoch einen anderen Entschluss: Sie würde diesen Heureka weder so billig siegen lassen noch ihm auf den Leim gehen. Soll er doch sein Kasperltheater spielen, das kann sie nur amüsieren! Sie wird mit ihm (oder ihr?) spielen, ihn (oder sie?) mit Fragen bombardieren, im Netz seiner eigenen Fäden fangen. Ja, das wird ihr Abenteuerspiel: unter ihrer Regie. Auf so einfache Bauernfängertricks wird sie nicht hereinfallen. Auch das mit dem Zappen war bestimmt nur ein Schrotschuss: Die Richtung stimmte, denn wer switcht sich nicht von Zeit zu Zeit gelangweilt durch die Programme? Mit etwas Glück saß halt ein Kügelchen im Ziel. Wer weiß, wie viele Kids der Typ so beeindrucken wollte.
Da Elena noch immer nicht da war, glücklicherweise der Vater auch nicht, druckte Iris an dessen PC Heurekas Brief noch einmal aus - jedoch ohne den Schlusssatz -, kopierte den Text auf eine Diskette, löschte die Mitteilung in der Mailbox und deponierte das Schreiben vor Elenas Zimmertür. Dann ging sie zu ihrem Rechner, definierte ein Verzeichnis, in dem sie die E-Mail speicherte, und legte ein Datenblatt zu Heureka an und schrieb:
Momentaner Wissenstand: Name Heureka. Griechisch für Ich habe es gefunden! Weist auf Liebe zur Klassik hin. Philosophisch interessiert. Sicher intelligent. Kennt sich mit Computern und Sciencefiction (zumindest Star Trek) aus, daher wohl nicht uralt. Internetanschluss mit .de, daher anzunehmender Wohnsitz: Deutschland. Möglicherweise gefährlich!
Nun, sehr viel war das nicht, aber ein Anfang.

Um halb Sechs saßen die Schwestern, jede mit unterschiedlichen Erwartungen und Absichten, am Computer. Erst freudig, dann verwirrt stellten sie fest, dass Heureka inzwischen eine Infoseite mit Hypertext eingerichtet hatte. Nun konnte man innerhalb einer Bildschirmseite unterstrichene Wörter und Textzeilen anklicken und dadurch auf andere Ebenen verzweigen:

H. HEUREKA, freut sich über Ihren virtuellen Besuch.
Ich halte, was der NAME verspricht.
Sie suchen ANTWORTEN? -- Ich habe sie.
Derzeit SONDERVERKAUF von erdfrischen Antwortfragmenten, zumeist gut
erhalten.

Momentan im Programm:
-- SEINSFRAGENGENERATOR
-- LAST MINUTE ZEITREISEN
-- HOLISTISCHE APHORISMEN
-- (R)EVOLUTIONÄRE GEDANKEN
-- NEUES AUS DEM JENSEITS
-- INTERSTELLARE BEZIEHUNGSKISTEN
-- ETHISCHE LADENHÜTER
-- ENDE

"Ja, spinn ich denn?", entfuhr es Elena, während Iris durch die Zähne pfiff und sich bestätigt fühlte: "Das ist doch ein Verrückter, Scharlatan oder dubioser Geschäftemacher."
Selbstverständlich klickte sie zuerst auf den Namen HEUREKA, um mehr über den Unbekannten zu erfahren. Es erschien jedoch lediglich die Mitteilung:
Aktivierbar erst ab Level 5. Sie haben Level 0.
Die Schwestern sahen sich an, und es klang wie aus einem Mund: "Ein Computerspiel!"
Nun war Iris' Spielernatur erwacht: "Das Game spiel ich gern; Heureka wird geknackt!"
Elena dagegen war enttäuscht: "Ich hatte tatsächlich gedacht, da wäre ein echter und vernünftiger Gesprächspartner im Netz. Es ließ sich eigentlich ganz gut an. - Wobei ..., das könnte auch wieder ein Trick oder Gag von Heureka sein. Vielleicht will er uns nur was vorgaukeln oder hat so einfach seine Infoseite spannender gestalten wollen. Probier mal weiter!"
Diese Aufforderung war überflüssig und kam schon zu spät, denn natürlich hatte Iris, deren Augen nun Zielstrebigkeit, ja beinahe Besessenheit ausdrückten, schon mit der Maus auf das Wort Name geklickt. Es erschien:

Nomen est Omen,1) sagt der Lateiner.
Bitte geben Sie Ihren Namen an -- oder kennen Sie sich nicht? 2)

Name:_______________________________________________
Ort:_________________________________________________
Zweck der Kontaktaufnahme:____________________________
____________________________________________________

1) Weissagungen führen wir nicht.
2) Selbstbewusstsein wird vorausgesetzt. Selbstfindungskurse können vermittelt werden.

"Sollen wir?", fragte Iris eigentlich mehr sich selbst als ihre Schwester und gab gleich die Antwort: "Spielen wir doch das Spielchen." Dann tippte sie:
Unbenannt und Unbekannt
Auf dem Weg von nirgendwo nach irgendwo
Ratten fangen
Kaum waren die drei Zeilen eingegeben, ertönte zu ihrem Schreck eine Stimme:
"Identifizierung: Iris und Elena.
Erste Eingabe: originell.
Zweite Eingabe: philosophisch.
Dritte Eingabe: frech und mich traurig stimmend, schließlich gebe ich mir viel Mühe mit euch."
"Schleimer!", kommentierte Iris. Doch Elena war blass geworden: "Hast du die Stimme nicht erkannt? Das war Data! ... Und das Ratten fangen war wirklich blöd. Du bist überhaupt heute so aggressiv ..."
"Mit Recht, lieb Schwesterlein, mit Recht! - Aber Datas Stimme, bist du da sicher?"
"Er war's, da bin ich ziemlich sicher. Wir sollten uns entschuldigen. Tipp was ein!"
"Ich denk gar nicht dran! Merkst du denn nicht, wie der Typ uns und wer weiß wen noch alles anschmiert? Da passt eine verstellte Data-Stimme genau ins Bild. Wie du mir, so ich dir, das ist mein Motto! - Entschuldigen? - Da würde der sich in die Hose machen vor Lachen! Näh!"
Da sich weiter nichts tat, gingen sie zur Homepage zurück, und Iris klickte auf Antworten. Es erschien der Text:
Irrtümlicherweise meinen die meisten Menschen, es gäbe zu viele Fragen und zu wenige Antworten. Tatsächlich aber ist der Vorrat an Antworten geradezu unerschöpflich. Das eigentliche Problem ist, die zugehörigen Fragen zu finden.
Neben dem Text war ein Icon mit einer Filmszenenklappe positioniert. Während Elena über den Sinngehalt des Textes nachzudenken versuchte, der in Heurekas Brief schon einmal angeklungen war, hatte Iris ihr Urteil bereits gefällt: "Kommt sich großartig originell vor, unser Heureka. Mal sehn, was er uns denn hier schönes bietet." Sie klickte auf das Icon und aktivierte damit eine Filmszene.

Zu sehen ist ein alter gebeugter Mann in einem höhlenartigen Raum: "Packen wir's an!", ermuntert er sich und beginnt, den Staub der Vergangenheit von ungefragten Antworten zu schaben. Mächtig sind die Schichten, verkrustet und hart. Doch dann schimmert eine erste Antwort hervor, wird der matte Abglanz eines größeren Fragments sichtbar.
Vorsichtig kratzt er, nimmt die Bürste der Erkenntnis zur Hilfe, löst das Stück mit dem Hebel der Zeit heraus. "Aha!" Fachmännisch dreht und wendet er die Antwort, prüft sie mit dem geistigen Finger, taxiert. Dann beschriftet er das Fundstück mit Antwort: Möglichkeitsraum. In Regal Lebensfragen, Klasse Schöpfungsideen. Nähere Zuordnung fraglich. Dieses Regal quillt bereits über, trägt die Last der Antworten, zu denen nie die passende Frage gestellt wurde, trägt die Fülle der Erkenntnisse, für die es noch keinen Erkennenden gibt.
"Sehr schön", sagt der Alte zu sich selbst: "Drei bessere Antworten heute Morgen. Das langt. Mittagspause!"
Während man ihn im Hintergrund am Tisch sieht, ertönt die Stimme eines Sprechers: "Lassen wir ihn in seiner verdienten Pause und die Antwort auf eine Lebensfrage im Regal der späten Erkenntnis ruhen. - Ruhen? Nein, das gewiss nicht; denn die Antwort wird aktiv, schleicht sich in jedes Gehirn, mehr oder minder drängend, kürzer oder länger besetzend, suchend nach der Frage. Möglichkeitsraum ist die Antwort, ist Erklärung, Modell. Doch wovon? ... Wir werden es, glaubt es mir und euch, herausfinden und merken, dass wir es schon immer wussten.
Mit anderen Antworten im Regal wie Das Universum krümmt sich in sich selbst zurück oder Zeit ist die Summe der Vielfalt wird es uns ähnlich gehen. Wir werden die Zusammenhänge finden, werden sie erfinden. Wir werden die angehäuften Fragmente und neue, die er oder ihr ergrabt, verschmelzen zu der einen Frage, auf die ihr selbst die Antwort seid!"
Der alte Mann, das sehen die Schwestern nun, hat seine Pause beendet. Auch in ihm, den die Fülle der Antworten umgibt wie andere Mineralien- oder Kunstsammlungen, hat sich der Möglichkeitsraum eingenistet. Ein gutes Zeichen, das weiß er aus Erfahrung. Eine drängende Antwort, eine, die reicher macht!
"Also nicht nur drei bessere, sogar eine gute", murmelt er zufrieden, nimmt die letzte Antwort noch einmal zur Hand, lässt sie wirken, in sich dringen. - Ja, die erste Taxierung war richtig, drängt sich verstärkt auf: Schöpfungsideen. Warum? Schöpfung, Erschaffung, Idee und Realisation, Gestaltwerden aus Möglichkeit. Ja! - Doch Raum, wieso Raum? - Vielfalt, Fülle in Potenz der Dimensionen?
Schön zu spüren, wie die Antwort ausschwärmt, assoziiert, anregt. Ja, eine gute Antwort, ein sehr gute, dessen ist er nun sicher. Er legt sie auf den Spieltisch drängender Lösungen, überlässt sie dort mit anderen Antworten, die sie schon erwarten, dem Wirken von Zufall und Notwendigkeit.
Nach einer Blende sehen die Mädchen den Sammler, irgendwann später, in seiner Bibliothek. Hier, so weiß er, entdeckt er die meisten Fragen: die Gedanken der Sucher, die Träume der Forscher, die ungestillten Hoffnungen der Poeten, den leeren Wahn der Fanatiker. Hier wird er, so der Zufall und seine inspirative Selektionsmethode es wollen, eine Zuordnung finden.
Der Möglichkeitsraum, obschon noch unzureichend aufbereitet, drängt sich erneut und begierig auf. Er treibt den Alten achtlos an den Sälen mit der Literatur der exakten Naturwissenschaften vorbei, an den Kriminalromanen und Gedichten, selbst an Philosophie und Religion, hin zum Gewölbe mit der Evolutionsliteratur. Auf dem Weg dorthin, einer spontanen Eingebung folgend, betritt er die Halle der Fiktionen und Fanasien, streift an Regalen entlang, zieht Per Anhalter durch die Galaxis heraus. Ach ja, der Unwahrscheinlichkeitsantrieb! Mit dem unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive im Nichtigstel einer Sekunde durch den Hyperraum. - Vielleicht ein Indiz: Unwahrscheinlichkeit, Möglichkeit, Raum ...
Zumindest, so schmunzelt der Alte, wäre kein Antrieb geeigneter, in den Möglichkeitsraum vorzustoßen, als der der Unwahrscheinlichkeit. Aber sie ist nicht die Frage zur suchenden Antwort. Also weiter. Philosophie: Bruno, ein unendlicher Kosmos, eine unendliche Schöpfung. Ja, das gehört dazu. Oder doch lieber zur Evolution? Der Sucher greift zur Selbstschöpfung des Universums, zu Prigogines Werken, nimmt Bücher von Ditfurth, Riedl und Hawking (warum steht der hier?) zur Hand, greift ein dünnes Bändchen, Manuskript nur, kaum der Rede wert: (R)evolutionäre Gedanken. Autor unbekannt. Voller Fragen, Widersprüche, Ungereimtheiten.
Der Alte blättert, überfliegt, liest auszugsweise: "Realität ist die eine Möglichkeit. Sie verdeckt die Fülle der anderen Möglichkeiten. Doch schämt sie sich ihrer Unvollkommenheit, verleugnet ihre Armut, versteckt den Möglichkeitsraum. Darum lobt sie den, der sie fantasielos bejaht, bestraft den, der den Mangel sieht oder ahnt. Erfolg ist der Lohn dessen, der im Paradigma steht. Das Glück aber küsst den, der dem Gewebe der Realität durch die Maschen fällt."
Er steckt das Bändchen ein und geht wieder zum Spieltisch drängender Lösungen. Dort hat sich inzwischen die Antwort einer anderen genähert, die heißt: Unwahrscheinlichkeit ist Zeit mal Idee, geteilt durch Selektion. Diese hatte in ihrer Verwirrtheit bisher nur Kontakt zur Antwort Evolution ist in Materie geronnene Zeit gefunden, die ihrerseits Anknüpfungspunkte zu Kreativität transformiert Möglichkeit in Realität suchte. So gibt es, als der Ausgräber sich wieder über den Tisch beugt, bereits eine reizvolle Kombination von Antworten, mit denen er spielerisch experimentiert.
Dann schwenkt die Kamera zum Fenster des Raums, in dem zwei Mädchengesichter erkennbar werden ...
"Nein!", schreit Elena. Iris wird bleich: "Das können wir nicht sein. Unmöglich! Wieder nur Trick ..."
Die Kamera aber fährt näher heran, das Unmögliche wird zur Gewissheit. Auch der Alte hat sie nun entdeckt, lächelt freundlich: "Kommt doch herein!"
"Schalt aus! Schalt aus!", kreischt Elena, und ihre Schwester drückt den Power-Schalter.
Nichts geschieht, beziehungsweise eben doch; denn weiterhin sieht man den Mann, eine Tür, die sich öffnet ... Iris drückt mehrfach auf den Aus-Schalter. Nichts! Panik, dann Reaktion: Heraus mit dem Stromkabel aus der Steckdose. Unbeeindruckt betreten die Filmschwestern den Raum, stellen sich zu dem Mann an den Tisch, begutachten das Spiel der Antworten.
Das Bild zoomt nun auf diesen Tisch, in das Kreisen der Strukturen, das Trennen und Binden, Morphose, Formung, Vergehen, Entstehen: auflösend, aufnehmend, ergreifend, einsaugend ...

Die vierte Dimension

"Warum wünscht man sich oft, fliegen zu können?"
"Weil es einfach toll wäre, sich frei bewegen, die Welt von oben sehen zu können, ohne Ecken ans Ziel zu kommen, sich leicht zu fühlen."
"Und wie ist es mit dem Schwimmen?"
"Nicht ganz so super, aber auch schön. Man kann sich vom Wasser tragen lassen, tauchen, sich nicht stoßen; man ist wie eingebettet."
"Was haben Fliegen und Schwimmen gemein? Oder sagen wir: Fisch und Vogel, wenn sie sich in ihrem Element fortbewegen?"
"Meinst du die ähnlichen Bewegungen von Flügel und Flosse, das Gleiten, oder dass sie sich frei in alle Richtungen bewegen können?"
"Ich denke vor allem daran, dass sich Fische und Vögel eigenständig im dreidimensionalen Raum bewegen, während wir Erdverhafteten uns nur in zwei Richtungen bewegen können."
"Auch ich kann doch vor und zurück, links und rechts, rauf und runter gehen!"
"Ja und nein. Natürlich können wir uns in drei Dimensionen bewegen, doch ist unsere Bewegung selbst nur zweidimensional. Sie hat, wie man sagt, lediglich zwei Freiheitsgrade, sieht man einmal vom kurzen Augenblick eines Sprungs ab. Du musst unterscheiden zwischen deiner eigenen Bewegung und dem Weg, den du damit zurücklegst."
"Kapier ich nicht."
"Dann stell dir einen Serpentinenweg im Gebirge vor. Betrachtest du ihn aus der Vogelperspektive senkrecht von oben, dann ist er eine Schlangenlinie auf horizontaler Fläche. Betrachtest du ihn aus der Froschperspektive, dann schlängelt er sich von einem unteren zu einem oberen Punkt auf scheinbar senkrechter Wand. Erst eine mittlere Beobachterposition zeigt - vorausgesetzt, der Beobachter hat mehr als nur ein Auge - den dreidimensionalen Verlauf."
"Trotzdem geh ich doch auf dem Weg durch den dreidimensionalen Raum. Ist mir doch egal, ob und wie mich dabei Vögel oder Frösche sehen."
"Welche Beinbewegung machst du dabei?"
"Nun, ich setze einen Fuß vor den anderen und gehe vorwärts. - Ah, jetzt weiß ich, worauf du hinaus willst."
"Eben! Du kannst die Beine immer nur parallel nach vorne bewegen und ohnehin nicht vom Weg abweichen, weil auf der einen Seite die Felswand ist und auf der anderen der Abgrund. Du kannst nur vorwärts oder rückwärts, bewegst dich streng genommen nur auf einer Linie."
"Capito: Ein Fußgänger hat nur einen Freiheitsgrad. Wie die Eisenbahn, die immer nur geradeaus auf dem Gleis fahren kann, auch wenn dieses seinerseits gekrümmt ist oder über Hügel führt."
"Würden wir dir Scheuklappen und Wunderschuhe verpassen, die dir Steigungen nicht anstrengend erscheinen lassen, so könnten wir dich im Kreis, in Schlangenlinien, über Bergpässe oder auf schnurgerader Ebene führen: Für dich wäre es subjektiv immer die gleiche Vorwärtsbewegung. Nur einem Beobachter, einem Außenstehenden, der eine höhere Dimension einnehmen kann, ist sie als eine Bewegung durch zwei oder drei Raumdimensionen bemerkbar."
"Deswegen hat es sicher so lange gedauert, bis man darauf gekommen ist, dass die Erde eine Kugel ist."
"So lange nun auch wieder nicht. Das haben ägyptische Philosophen schon vor Jahrtausenden angenommen und errechnet. Sie haben gedanklich die Position eines außenstehenden Beobachters eingenommen. Tatsächlich aber fehlt uns diese Anschauung und Erfahrung, erleben wir die Welt anders als sie ist. Auch ist solches Wissen nicht notwendig, um einen beschränkten Lebensraum zu meistern. Im Gegenteil, Erkenntnisse, die nicht nutzbringend anzuwenden sind, schränken oft die Überlebenschance ein."
"Du meinst, bis eine Maus, die eine Katze auf sich zukommen sieht, darüber nachsinnt, ob sie einfach nach links oder rechts wegläuft oder - weil sie erkannt hat, dass sie auf einer Kugel lebt - andersherum der Katze in den Rücken gelangt, ist sie schon längst gefangen?"
"Ja, so ungefähr. Das Wissen von den Bewegungsmöglichkeiten auf einer Kugel, die viel zu groß ist, als dass die Maus sie umrunden könnte, wäre nicht unmittelbar nützlich. Die biologische Evolution - und die Maus ist mit ihrer Erkenntnisfähigkeit ein Ergebnis der natürlichen Entwicklung - konnte nicht primär die Fähigkeit zu wahren Erkenntnissen fördern. Sie musste sich vielmehr auf das Zweckmäßige beschränken. Erst die geistige oder kulturelle Evolution des Menschen kann darüber hinausgehen. Dennoch können auch wir die Welt nicht wahrnehmen, wie sie ist, wir können uns nur Denkmodelle von ihr machen. - Übrigens könnte es deine Maus sogar schaffen, über oder unter die Katze zu kommen."
"Indem sie springt oder im Loch verschwindet."
"Mit Geschick auch das. Ich dachte aber an eine mehr abstrakte Flucht. - Hast du schon einmal etwas von der Möbius-Schleife gehört?"
"Ist das diese Spirale mit den Erbanlagen?"
"Nein, falsch! Du kennst vermutlich nur den Namen nicht, bestimmt aber das, worum es geht. Denn sicher hast du schon einmal einen Papierstreifen in sich selbst gedreht und dann seine Enden wieder zusammengeklebt."
"Jetzt weiß ich, was du meinst: Das haben wir mit auf beiden Seiten unterschiedlich gefärbtem Papier gemacht. Das gibt einen hübschen Ring, dessen äußere Farbe zur inneren wird und sich dann wieder herausdreht."
"Eben! Was, wenn nun die Katze auf dieser Schleife sitzen bliebe und die Maus darauf wegliefe?"
"Dann würde sie nach ihrer Auffassung immer auf der Oberseite geradeaus wetzen, nach einer Runde aber unter der Katze ankommen, quasi Pfote an Pfote. Die Katze jedoch wüsste nicht, dass sie nur ein Loch graben müsste, um ihre Beute zu erwischen."
"Und die Maus wäre der Meinung, weit weg zu sein und nicht nur einen Millimeter im dreidimensionalen Raum. - Uns geht es mit der vierten Dimension genauso."
"Ist nicht die Zeit die vierte Dimension?"
"Das kann man nicht ohne weiteres sagen. Es ist schon etwas kompliziert mit der Zeit. Versuchen wir es zunächst so: Kennst du den braven Soldaten Schwejk?"
"Olle Klamotte!"
"Na, das ist ein Generationenproblem. Egal! - Jedenfalls verabredet der sich mit seinem Freund in ihrer Stammkneipe nach dem Krieg um Fünf."
"Das klappt nie! Was nutzt die Uhrzeit, wenn man den Tag nicht kennt, vielleicht Wochen braucht, um von irgendeiner Front zurückzukommen?"
"Das ist ja das Groteske, die präzise Stundenangabe bei vager Gesamtterminierung. Aber das Beispiel zeigt, dass man für ein Rendezvous exakte Raum- und Zeitangaben braucht. Man muss vier Angaben machen, zu jedem Freiheitsgrad eine: zwei zur Ebene, etwa im Haus Ecke Gartenstraße / Kellerweg, eine zur Höhe, wie zweiter Stock, und eine zur Zeit mit Datum und Stunde."
"Das Erste erinnert mich sehr unliebsam an die Schule: x-, y-, z-Koordinaten. Ist aber klar: Wenn das Haus stimmt und ebenso die Zeit, doch jeder im anderen Stock ist, dann geht es ihnen wie bei unserem Katz-und-Maus-Spiel. Und wenn die Zeit nicht stimmt, dann steht jeder einmal wartend im Zimmer, doch sie verpassen sich."
"Jetzt die Pointe: Was würde ein Beobachter sehen, der zwar den Raum, nicht aber die Zeit registrieren kann?"
"Hm, ja ... ich denke, auch wenn es komisch ist, er würde beide zugleich im Zimmer sehen, auch wenn sie sich dort erst nacheinander befänden."
"Schon etwas unheimlich, nicht? Es wäre wie in einem Geisterfilm. Beide stehen, nimmt man die Zeitunterschiede weg, vielleicht sogar an der selben Stelle, durchdringen sich gewissermaßen."
"Uff! Wirklich unheimlich! Da könnten ja die 4D-Wesen gerade jetzt und hier neben oder gar in mir stehen ..."
"Ja, mit einer zusätzlichen Dimension kann man durch unsere 3D-Welt tunneln und in ihr zu einer anderen Zeit wieder auftauchen oder in einer anderen Welt."

Während die beiden Mädchen mit dem Alten durch die schier endlos scheinenden Gänge ziehen, ist ihnen, als würden sie beobachtet. Mehrmals dreht sich die Jüngere um, als wolle sie einen Verfolger stellen. Doch da ist nichts.
Endlich treffen sie im Gewölbe vergessener Antworten ein, dem ausgewählten Ausgrabungsort. Die zuletzt erreichte Schicht könnte im wahrsten Wortsinn aufschlussreich sein. Tatsächlich hat der Schürfer nach kurzer Zeit die Fragmente Die Geschichte der Evolution ist die Geschichte der Information und Die Erkenntnis bedarf des Spiegels, der Geist der Materie freigelegt und geborgen.
"Evolution und Erkenntnis", murmelt er, spricht mehr mit sich selbst als zu den Schwestern und streichelt geradezu liebevoll die verkrusteten Stücke. "Tragt sie zum Spieltisch", bittet er die Mädchen, schlurft selbst zu einem Regal und fügt noch eine Antwort hinzu: Der Tod treibt die Evolution, die Seele schenkt den Weg. Zufrieden betrachten alle drei die kleine Sammlung, von der bereits sich ständig verstärkende Fantasiewellen ausströmen, Kombinationstriebe zu wachsen beginnen.
Der Alte weiß, dass nun Geduld gefragt ist, ebenso, dass das Kreativitätsfeld durch geeignete Resonanzformer verstärkt werden kann. Daher gruppiert er mithilfe der Schwestern einige Bücher um den Tisch: Rudy Rucker, Cramer, Die unendliche Geschichte, Bruno, Per Anhalter durch die Galaxis, Goethe, Monod, Gödel / Escher / Bach; eine bunte, scheinbar unsystematische Sammlung. Zunehmend aber fühlt er sich bedrängt, besetzt, beherrscht und bereichert durch den Möglichkeitsraum.
Die jüngere der Schwestern blickt sich immer wieder um, fühlt sich beobachtet, sieht plötzlich in zwei Gesichter, schreit "Nein!", hört ihre Schwester flüstern: "Unmöglich, das können nicht wir sein ...", bemerkt auf dem Tisch das aufschäumende Kreisen der Strukturen, das Trennen und Binden, Morphose, Formung, Vergehen und Entstehen, hört von Ferne ein Kreischen: "Schalt aus! Schalt aus!"
Iris drückte den Power-Schalter. Das Bild erlosch. Stille und Dunkelheit. Hitze, rascher Atem, Schweiß und Angst.
"Was schreist du denn so, du dumme Kuh!"
Der vertraute Ärger ihrer Schwester war eine Erlösung, die zur Schlichtung des vermeintlichen Streits herbeigeeilte Mutter einem rettenden Engel gleich. Bevor dieser jedoch etwas sagen oder fragen konnte, drückten sich die Töchter an der Mutter vorbei durch die Tür. Jede suchte rasch ihr Zimmer auf. Der rettende Engel aber fuhr fort, den Meerschweinchenstall zu säubern; eigentlich eine Aufgabe der Kinder.

Am nächsten Morgen belauerten sich die Schwestern verunsichert aus den Augenwinkeln: Benimmt sich die andere normal? Träumte ich nur?
"Habt ihr euch also doch gestritten?!", stellte die Mutter mehr fest als sie fragte, denn das Verhalten ihrer Kinder war nicht zu übersehen, die Verstörung für eine Mutter offensichtlich.
Das Frühstück wurde lange Zeit wortlos konsumiert. Doch da wegen der getrennten Schulwege kaum Gelegenheit war, einige Worte zu wechseln, ohne dass sie die Mutter mithört, fragte Iris unvermittelt: "Vierte Dimension?"
Elena antwortete: "Möbius-Schleife."
Diese codeartige Kommunikation, die die Mutter mit nur geringer Verwunderung registrierte - Mütter haben schließlich ihre Erfahrungen -, reichte völlig aus. Jeder der Schwestern wurde klar: Es kann kein Traum gewesen sein. Denn noch nie hat man gehört, dass zwei Menschen parallel und identisch träumen (was belegt, dass die Welt der Träume weit reicher und individueller ist als die der Realität mit ihrer Gleichschaltung).

Der Schulmorgen verlief schleppend und war für die beiden Schwestern nicht gerade mit konzentrierter Aufmerksamkeit gesegnet, der Heimweg dagegen mit großer Zielstrebigkeit. Zum Glück war es Freitag, sodass ihnen zwei Tage Ruhe von der Penne bevorstanden. Das Chaoszimmer war selbstverständlicher Treffpunkt.
"Eines muss man ihm lassen", begann Iris, "er versteht sein Geschäft. Der hat Tricks drauf, die macht ihm so schnell keiner nach. Da grüßt doch glatt das Murmeltier."
"Es war so wirklich! Gar nicht wie im Computer. Wenn es nun tatsächlich was mit der vierten Dimension war und wir zugleich da ..."
"Quatsch! Ein perfekter Computertrick! Wie, weiß ich nicht. Noch nicht! So sehr ich für Sciencefiction bin. Dass wir mal so eben vor dem Abendessen eine kleine Zeitreise machen oder durch eine Parallelwelt latschen, halte ich wirklich für Blödsinn."
"Aber warum ließ sich das Gerät nicht ausschalten, warum wusste ich plötzlich nicht mehr, dass ich ich bin, dass ich nur etwas ansehe? ... Es war so unheimlich ..., ist noch immer unheimlich."
"Ja, es war verdammt real. - Dennoch kann es nicht wirklich gewesen sein. Es war irgendein Trick. Und ich will diesem Trickser auf die Schliche kommen!"
"Meinst du, der Alte ist Heureka?"
"Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber die Bücher, die charakterisieren ihn zumindest."
"Ich kannte davon gar keines, abgesehen natürlich von der Unendlichen Geschichte", konstatierte Elena.
"Per Anhalter von Adams habe ich auch gelesen. Tipp von Dad."
"Du, Iris ..."
"Ja?"
Elena druckste herum: "Ich weiß bestimmt, dass Vater neulich erst Bücher über diesen Bruno gelesen hat. Vor seiner Romtour. Und von den anderen, glaub ich, hat er auch welche."
"Du meinst, der Alte ..."
"Nein, eigentlich nicht. Kann nicht sein. Nur eben die Bücher ..."
"Die können uns weiterhelfen, klar! Vielleicht ist der Gedanke gar nicht so blöd. Kombiniere: Das Ganze nahm seinen Anfang mit Papas Internetanschluss, beziehungsweise kurz davor. Doch passte es zu genau. Dann waren wir an seinem Rechner. Den könnte er präpariert haben. Eventuell eine zweite Stromversorgung! Dann seine Bücher ..."
"Aber Frau Sherlok Holmes: Warum? Denkst du, Dad betreibt so einen Aufwand, nur um uns zu foppen? Das gibt keinerlei Sinn. Zudem hat er bestimmt nicht die Zeit. - Und wie soll er das so real hingekriegt haben?"
"Sinn gibt es nicht. - Trotzdem!"
Iris eilte in Vaters Arbeitszimmer. Der Herr des Hauses war nicht da, sein PC bald eingehend, jedoch ohne besondere Erkenntnisse untersucht. Elena hatte unterdessen die Bücherregale inspiziert und war sich ziemlich sicher - selbst wenn sie sich an die ihr ungeläufigen Buch- oder Autorennamen in der Computerszene nicht genau erinnern konnte -, dass dort mehr oder minder die vom Antwortenschürfer aufgelisteten Bücher stehen. Allein, was half dieser Befund?
"Im Grunde", meinte Elena, "kann es uns egal sein, wer oder was Heureka ist und wie er es geschafft hat, uns so zu faszinieren. Ist doch eigentlich toll, unheimlich und spannend! Ich glaube nicht, dass uns Heureka reinlegen will. - Auch möchte ich mehr von ihm wissen und finde es gemein von uns, ihm wie einem Verbrecher nachzuschnüffeln."
Iris wollte zunächst aufbrausen, ihre Schwester der Naivität bezichtigen, Vorbehalte und Gründe anführen. Sie besann sich jedoch eines Besseren, denn einerseits hatte Elena nicht ganz Unrecht und andererseits musste sie, egal was da komme, die Heureka-Tricks herausfinden. Sie würde nicht aufgeben, bevor sie das Rätsel gelöst hat. Deshalb wäre es unklug gewesen, die Jüngere, die ihr helfen kann, zu provozieren. "Okay, lassen wir ihn sein Spiel spielen. Fünf-dreißig am Combi!"

Die Mädchen hätten, da der Vater ohnehin abwesend war, schon früher ins Netz gehen können. Doch drängte das mulmige Gefühl nicht zur Tat, und es gab noch einiges zu erledigen. So ergänzte Iris zunächst auf ihrem Zimmer das Datenblatt über Heureka mit den Einträgen:
Supertrickser, der es schafft, einem mittels Videoklip glatt den Kopf zu verdrehen. Buchhinweise deuten auf Vater (Verdacht nachgehen, wenn auch unwahrscheinlich).
Dann nahm sich Iris wieder Sofie vor, schließlich hatte Heureka auf dieses Buch verwiesen. Hier mussten sich Lösungshinweise finden lassen. So las sie noch einmal von den griechischen Naturphilosophen, die erklären wollten, warum überhaupt etwas existiert und sich dieses Sein ständig verändert. Es erschien ihr plausibel, wenn die einen behaupteten, dass schon immer alles gewesen sei, weil aus dem Nichts nichts werden könne. Vor allem die Inder, so meinte sie gehört zu haben, gingen davon aus, dass alles schon immer war und sich gewissermaßen in endlosen Kreisen wiederholt.
Ebenso fand sie die These derer überzeugend, die behaupteten, dass sich alles ständig verändere und aus einer Ursache oder einem Urstoff entwickelt habe. Diese Vorstellung vertritt ja auch die moderne Wissenschaft: Peng, Urknall, aus nichts wird alles, aus irgendwas der Wasserstoff, daraus die ganze Welt. - Aber neulich hieß es im Fernsehen, Forscher meinten, der Weltraum dehne sich erst und falle dann wieder in sich zusammen, es hätte vielleicht schon oft einen Urknall gegeben. Würde das beide Auffassungen vereinen? - Na ja, man kann es sich wohl aussuchen. Ist ihr auch reichlich egal.
Dass dieser Demokrit die These von den Atomen als kleinsten Bausteinen aufbrachte und damit gewissermaßen die Legosteine erfand, weil man sich die ganze Welt als deren immer wieder neue Kombination vorstellen kann, ist stark! Handelt es sich dabei um eine geniale Erkenntnis, die dann zweieinhalbtausend Jahre später als Weltmodell bewiesen wurde, selbst wenn man später noch kleinere Bausteine gefunden hat? Oder war man genau deshalb auf die Atome gestoßen, weil man sie auf Grund dieser uralten Idee einfach finden wollte? Schließlich ist doch niemand so verrückt und forscht nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen, die da nicht hingehört. Sagt aber einer mit Überzeugung, diese Nadel gibt es, und sucht man mit größtem Aufwand alle Heuhaufen ab, so lässt sich sicher einmal eine verlorene Nadel finden. Wäre das nicht wie bei diesem komischen Heureka, bei dem angeblich die Antworten die Fragen suchen?
Hatte man alle bei der Suche zuvor gefundenen Steinchen oder Hosenknöpfe und tausend anderen Dinge achtlos beiseite gelegt, weil man ganz auf die Nadel fixiert war? Was wäre geschehen, wenn die Idee am meisten fasziniert hätte, dass es keinen kleinsten Baustein geben kann, weil alle materiellen Erscheinungen nur Verklumpungen in einem Seinsbrei sind, aus dem nichts wirklich zu isolieren ist? Würde dann die Wissenschaft in immer mikroskopischeren Bereichen Belege dafür finden, dass es immer feinere Breischichten gibt, dabei alles Teil einer einzigen Masse bleibt, alles ein Einziges ist? Neuerdings hieß es ja, Atome oder deren Bestandteile wären nicht winzige Materieteilchen, sondern nur Kraftwolken. Ist ein grundsätzlicher Unterschied zwischen diesen Wolken und ihrem Brei?
Würde man ohne die Idee kleinster Teile die Welt nicht ganz anders sehen? Als Einheit und nicht mehr als Zusammengesetztes oder gar nur Summe? War es das, was Heureka meinte, wenn er anfangs schrieb, sie sollten Zusammenhänge herstellen und nicht, wie üblich, alles immer mehr aufteilen und damit nur kleiner machen? - Ach, egal! Viel spannender war das mit der Videokassette im Sofie-Buch: Da entführt dieser Alberto Knox doch das Mädel per Video - wie immer er das auch gemacht hat - ins alte Athen zu Sokrates und Platon und taucht sogar selbst dort auf. - Das ist doch eine dreiste Parallele zu ihrem Erlebnis mit Heurekas Internet-Inszenierung. Wenn aber dieser Alberto Knox, also Sofies Philosophielehrer, diese in eine andere Welt entführte und ihr dort erschien, dann sollte der Alte in der mysteriösen Computerszene, in die ihr Philosophielehrer sie entführt hatte, doch wohl Heureka selbst sein. - Bestimmt ist sie auf dem richtigen Weg, das Rätsel mithilfe von Sofies Welt zu lösen!

Elena war bei der Schnüffelei in Vaters Bücherregalen ein Titel aufgefallen: Die Wunderwelt der vierten Dimension von einem Rudy Rucker. Dieser Name, dessen war sie sich sicher, weil er so originell klang, war in der ominösen Szene vorgekommen. Zudem war das Thema genau das des merkwürdigen Gesprächs, von dem sie nicht wusste, ob sie es am Monitor verfolgt, geträumt oder tatsächlich geführt hatte. Mit diesem Rucker-Buch wollte sie sich beschäftigen.
Beim Durchblättern fielen ihr zuerst die skurrilen Zeichnungen auf: Der Schmöker könnte ganz lustig sein. Beim Anlesen bemerkte sie jedoch, dass es keineswegs ein Schmöker ist, obwohl sich das Buch zunächst locker lesen lässt. Vertraut kamen ihr die ersten Beispiele zur ein-, zwei- und dreidimensionalen Welt vor, und sie überlegte, ob dieser Rucker ein alter bärtiger Mann ist und dieser komische Name durch den ebenso komischen Namen Heureka ersetzt werden könnte ...
Schon bald wurde es im Dimensionen-Buch aber ganz schön kniffelig, es überstieg immer mehr ihre Vorstellungskraft. Sich die Flächenwelt von A-Quadrat auszumalen, das ist noch leicht. Auch kann man sich dabei in der eigenen Überlegenheit sonnen und über das Unvermögen und die Probleme der Flächenländler schmunzeln: Da meint doch so ein 2D-Wesen, es sei durch eine einfache Umgrenzungslinie als Haus allen Blicken entzogen, obwohl jeder aus der Vogelperspektive in das Innere des Hauses und sogar das seines Bewohners sehen kann. Während es für die Flächenländler außerhalb jeder Vorstellung liegt, hinter eine umschließende Linie zu blicken, kann ein 3D-Wesen mühelos beide Seiten der Linien, die ganze Form und deren Inneres mit einem Blick erfassen.
Gut konnte sie sich vorzustellen, dass eine Kugel, die durch diese zweidimensionale Ebene der Flächenwelt fällt, dort lediglich als erst immer größer werdender und dann wieder schrumpfender Kreis zu registieren wäre; denn mit Schnittflächen hatten sie sich schon im Geometrieunterricht befasst. Die Folgerung, dass wir das Durchfallen eines 4D-Körpers durch unsere 3D-Welt nur als Folge dreidimensionaler Erscheinungen erkennen würden - wir also nur einen Schatten höherer Wirklichkeit wahrnehmen könnten -, mag zwar logisch sein, aber kaum vorstellbar. Und dass ein 4D-Wesen ganz selbstverständlich unsere ganze dreidimensionale Welt mit einem Blick zugleich von vorne und hinten und außen und innen sehen könnte - also problemlos auch ins Innere unserer Häuser und Körper -, das gefiel ihr absolut nicht. Sie hoffte nur, dass es nicht tatsächlich einen Hyperraum gibt!

Damit sind Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wieder beim Intro: Der Formung, dem Entstehen, dem ersten Aufnehmen in die Welt von Ureda. Hier beginnen die eigentlichen Abenteuer. Im Buch sind es die der Mädchen, die immer tiefer in diese virtuellle Welt eindringen und dabei mehr von der realen verstehen, sich gar verlieren, um realer zu werden. - Dringen auch Sie ein!