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KARL-JOSEF DURWEN
Im Spiegel der Möglichkeiten
Abenteuer um
Realität und Virtualität,
Bewusstsein und Menschsein
edition tertium
ISBN 3-930717-68-9
© 2001 edition tertium, Ostfildern vor Stuttgart
www.tertium.de
Alle Rechte, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen
oder digitalen Wiedergabe, vorbehalten.
Alles, was ich denke, haben schon andere gedacht.
Alles, was ich schreibe, haben schon andere geschrieben.
Doch alles ist neu - durch die Verbindung.
Teil I
Gefangen im Netz
Ein Fall und die Folgen
"Nein, nein, nein!", schreit sie im Sturz,
im scheinbar unendlichen Fall, den auch kein noch so verzweifeltes Armrudern
bremst. Dann ein Schlag gegen die Hand: Schmerz, Erwachen, Angstschweiß.
An Wiedereinschlafen ist nicht mehr zu denken, dafür sitzt die Beklemmung
zu tief. Zudem dieses Scharren und Klappern, das nicht geträumt sein
kann! - Kuschel! Iris knipst das Licht an, nimmt das Meerschweinchen aus
seinem Stall, um sich zu trösten, die Angst wegzustreicheln. Ob Meerschweinchen
auch Träume und Angst haben? Richtige Angst, nicht nur Erschrecken?
Vielleicht sogar Angst zu sterben, so wie sie? Iris denkt darüber
nach, kommt aber zu keinem Ergebnis, ahnt nur, dass Angst und Tod etwas
miteinander zu tun haben.
Zehn nach Fünf, liest sie von der Uhr. Also ohnehin nur noch knapp
eine Stunde bis zum Aufstehen. - Blöde Schule!
Soll sie vielleicht eine Geschichte über Angst schreiben? Gern und
oft schreibt Iris auf ihrem PC Storys oder kleine Romane, früher
von Donald Duck und Claas Clever, jetzt im Stil von Star Trek. Aber nein,
Angst, das ist zu schwer und hässlich. Lieber liest sie etwas. Sie
greift nach ihrem augenblicklichen Schmöker: Licht der Fantasie.
Komisch, dieser Zweiblum dort, der hat nie Angst. Läuft als Tourist
auf Pratchetts Scheibenwelt herum, findet alles toll und folkloristisch
und besteht so die irrsten Abenteuer, ohne jede Spur von Angst. - Ja,
der Traum, der sitzt immer noch in der Seele. Oder sonst wo, gefühlsmäßig
eher im Bauch. Darüber sollen sich ruhig Bio- und Relilehrerin streiten.
Ist ihr reichlich egal!
Doch wieso hat Zweiblum nie Angst, kennt keine Gefahr, während sein
Freund Rincewind so ein Feigling ist? Wieder anders ist es bei Cohan,
dem alt gewordenen Barbaren, der die Gefahr sieht, aber dennoch seine
Heldentaten vollbringen muss, die Angst bewältigt.
Typisch die Szene, die sie da liest: Da wollen die Druiden ein Mädchen
opfern. Zweiblum tritt ganz selbstverständlich in den Kreis der bewaffneten
Priester und versucht - in aller Höflichkeit versteht sich - sie
darauf aufmerksam zu machen, dass man den Göttern symbolisch auch
Beeren und Nüsse anbieten könne. Cohan dagegen sondiert die
Lage und entwickelt einen Plan (mangels Zähnen etwas undeutlich):
In Tempel ftürmen, die Priefter erledigen, Gold ftehlen, Mädchen
retten und abhauen.
Rincewind darauf: Ich schlage vor, wir beschränken uns auf den letzten
Punkt.
Die Umstände, so denkt Iris, sind für alle die gleichen, die
Angstempfindungen aber völlig unterschiedlich. Angst drängt
sich also nicht zwangsläufig auf wie Durst, scheint abhängig
von der jeweiligen Einstellung. Vielleicht auch von dem, was so großartig
Bewusstsein genannt wird. Bewusstsein haben jedoch, das lernt man in der
Schule, nur Menschen. Demnach hätte Kuschel keine Angst. "Du
hast es gut", flüstert sie mit etwas Neid dem kleinen Tier zu
und streichelt es sanft.
Ob das wirklich stimmt? Lehrer reden zwar klug daher, doch oft den größten
Quatsch. Gewiss hat das Meerschweinmädchen ein Bewusstsein, so klug
wie es ist! Ob Iris ihren Vater fragen soll? Der liest doch Bücher
über Philosophie und Evolution und derart theoretischen Kram. - Aber
nein, lieber nicht; denn eigentlich spricht sie nie richtig mit ihm. Höchstens
mal über Computer. Als Sechzehnjährige mit dem Vater zu reden,
das ist verdammt schwer. Dazu noch über Angst? Etwa sagen: He, wie
steht's denn eigentlich mit der Angst? - Nein, das geht nicht! Warum auch?
Nun ist der Traum schon weit entfernt. Zudem hört Iris schon die
Mutter in der Küche und hat, wie üblich, noch nicht ihre Hausaufgaben
gemacht. Fünfzehn Minuten dafür, statt zu frühstücken,
das muss reichen.
Am späten Abend nahm Iris eines ihrer Dauerbäder,
die der Vater nicht schätzt, wegen Wasser- und Stromverbrauch, Kosten
und Umweltschutz. Duschen soll sie, als ob das ein Genuss wäre! Der
Alte schaltet auch dauernd die Treppenbeleuchtung aus und kann es nicht
leiden, wenn der Fernseher ständig läuft. Er ist eben mehr oder
minder ein Grüner oder ein Geizhals.
Nach dem Bad verspürte sie, wie üblich um diese Zeit, Heißhunger
und ging hinunter in die Küche. Mutter, nun schon im Bett, weil sie
immer früh aufstehen muss, hat ihr schon oft von diesem späten
Essen abgeraten und einmal sogar gesagt, davon bekäme man schlechte
Träume. Vielleicht hat sie Recht, wenn Iris an die letzte Nacht denkt.
Plötzlich schmeckte es ihr nicht. Käse und Milch ließ
sie in der Küche stehen. Durch die offen gelassene Tür vernahm
sie das "Licht aus!" ihres Vaters, der, wie gewöhnlich
um diese Zeit, im angrenzenden Wohnzimmer in seinem Lesesessel bei einem
Glas Wein las und dabei diese grässliche Klassik hörte. Dann
vernahm sie, wie er in die Küche ging, um Milchflasche und Käse
in den Kühlschrank zurückzustellen, das Geschirr in die Spülmaschine
zu geben, das Küchenlicht zu löschen, die offene Tür zu
schließen und die Treppenbeleuchtung auszuschalten. Sie weiß,
dass er die Unordnung, die sie überall verbreitet, hasst, und eigentlich
hatte sie alles wirklich selbst wegräumen wollen, ganz bestimmt!
Doch irgendwie ...
In ihrem Zimmer lief schon der Computer. Den Kopfhörer auf die Ohren,
das Textprogramm laden, an der Story weiterschreiben. Joe Cocker erfüllte
die Ohren, Captain Picard von der Enterprise ihre Fantasie, als Iris undeutlich
eine mechanisch klingende Stimme hörte, die - wenn sie recht verstand
- bewusst sein sagte. Das Mädchen blickte zur Zimmertür, vermutete
den Vater, doch war allein! Sollte etwas auf das Musikband geraten sein?
Rasch zurückgespult, konzentriert gelauscht: Nein, nichts! Wohl nur
Einbildung. Sicher war sie zu müde nach der vergangenen Nacht, hatte
zu wenig Schlaf gehabt.
Kein Traum schreckte Iris in jener Nacht hoch, keine Stimme störte
sie. Der Morgen verlief völlig normal. Am Nachmittag nahm sie sich
erneut die Story vor. Elena, ihre jüngere und selbstverständlich
viel ordentlichere Schwester, sollte abends aus der Kur zurückkommen,
dann wollte sie ihr die neue Geschichte zu lesen geben. Es gab beinahe
einen kleinen literarischen Wettstreit zwischen ihnen, denn auch Elena
schreibt begeistert und wünscht sich sogar, Schriftstellerin zu werden.
Gerne ließen die Schwestern ihren Fantasien freien Lauf.
Fantasie, schoss es Iris in den Kopf, hat bestimmt auch mit Angst zu tun
und mit Bewusstsein. Vielleicht empfindet man umso mehr Angst, je mehr
Fantasie man besitzt! Ob Kuschel Fantasie hat: sich Löwenzahn, Möhren
und Heu vorstellt? Wenn ja, ist es dann wirklich Fantasie oder nur Erinnerung?
Muss nicht Fantasie mit Unbekanntem, Andersartigem verbunden sein? Kann
sich Kuschel neue Dinge oder Wesen ausdenken, so wie sie? - Wohl kaum!
Doch sie kann es. Ihre Fantasie ließ ganze Universen entstehen,
die von der Enterprise erforscht werden. Es ist toll, Fantasie zu haben,
überhaupt denken zu können! Eigentlich komisch, dass man selbst
über sich nachdenken kann und sogar darüber, dass man denken
kann.
Warum fällt ihr das erst jetzt auf? Seit dem Angsttraum stimmt irgendetwas
nicht! Warum grübelt sie schon wieder über Dinge, die zu nichts
führen? - Aber diese komische Stimme! Bewusstsein? Nein, die Betonung
war anders, zwei Wörter: bewusst sein. Na wenn schon, ist sowieso
kein Unterschied und überhaupt alles Quatsch! Nur Einbildung. Bestimmt
war die Stimme nicht wirklich gewesen, nur Fantasie, wie die Figuren in
ihren Geschichten. Vielleicht ist wirklich alles nur Fantasie!
Iris erschrak bei diesem Gedanken. Quatsch! Sie ist ganz bestimmt, ist
ganz, ganz real. Genau: das sagt ihr das Bewusstsein. Sie ist, denn sie
ist sich ihrer selbst bewusst. Ein guter Beweis. Der Gedanke gefiel ihr,
machte sie fast etwas stolz. Wenn sie jedoch, nur mal angenommen, nicht
wirklich wäre, lediglich Figur in einer Geschichte, was dann?
Ist das nicht ein Thema in diesem philosophischen Roman, von dem ihr Vater
so schwärmt und den sie, wie er meint, unbedingt lesen sollte? Sofies
Welt heißt er wohl. - Als ob sie sich für Philosophiequatsch
interessierte! Überhaupt, wenn ihr Vater das schon gut findet! Der
liest ja sogar Goethe. Wie in der Schule, echt ätzend! Obwohl: die
Scheibenweltromane hat er auch gekauft und gelesen, und die waren voll
okay. Per Anhalter durch die Galaxis war auch sein Tipp und wirklich cool.
Vielleicht ..., wie hieß nur das Buch? - Ach egal, vergiss es!
Oder doch nicht! Das wäre vielleicht das Thema für eine Story:
Die Suche nach der Realität. In der Fantasie ist alles möglich.
Das ist ja das Spannende, dass scheinbar Unmögliches real wird, wenn
man es sich ausdenkt, erzählt, aufschreibt, verfilmt. Dann ist einfach
alles möglich. Manchmal sogar wirklicher als das Zimmer ringsum oder
das Scharren von Kuschel. - Doch Kuschel war da, nicht nur im Kopf. Auch
der Computer war da und Elena.
Nun, Elena, der eigentlich das Meerschwein gehört, das sie als Geschenk
während der langen Krankheit im letzten Jahr getröstet hatte,
eigentlich nicht. Noch nicht, denn noch war sie auf dem Heimweg aus der
Kur. Aber es gibt sie, ganz bestimmt! Oder? Was, wenn sie sich nur ausgedacht
hätte, eine Schwester zu haben, mit der sie Geschichten austauscht,
Rollenspiele macht, vor dem Fernseher hängt? "Oh Mann, ich glaub,
ich spinne!", entfuhr es ihr.
Also auf die Geschichte konzentriert! Auf eine Geschichte, die bestimmt
Fantasie ist, geschrieben von ihr selbst, die bestimmt ganz wirklich ist.
Die Geschichte über ein kleines Pelztier wie Kuschel, das superintelligent
ist, einen Roboter, wie Data aus Star Trek, und über das Geheimnis
der Angst, das die beiden lösen. Ja, das ist ein Thema!
Leicht war es nicht. Schon deswegen nicht, weil ihr einfiel, dass dieser
Besserwisser von Vater einmal gesagt hat, ohne aufrechten Gang gebe es
keine wirkliche Intelligenz, denn die hätte sich mit dem Gebrauch
von Werkzeugen entwickelt. Werkzeuge könne man nicht handhaben, wenn
man wie ein Meerschwein auf allen Vieren läuft. Doch der Alte macht
sowieso immer alles mies! Sie verstand damals den Zusammenhang nicht ganz.
Aber wenn es so ist, dann ist Fantasie eben schöner als Realität.
Genau deswegen erfindet sie doch solche Wesen und Geschichten. Als wenn
immer alles logisch und alltäglich sein müsste!
Ich versichere ihnen, es hat sich genau so zugetragen,
tippte sie auf der Tastatur.
Der Roboter kam herein und brach in Tränen aus.
Na, ist das nicht daneben, ein weinender Roboter? Woher sollten Gefühle
und Tränen kommen? So viel Realitätsbezug muss schon sein. Löschtaste.
Neu:
Der Roboter kam herein und sah aus wie einer, der in Tränen ausbrechen
würde, wenn er es nur könnte.
Ja, das war besser! Nicht einmal Data, der perfekte Androide, besitzt
Gefühle, und eine Maschine kann natürlich auch nicht weinen,
weil man dafür irgendwas wie Drüsen braucht, die man ihr wohl
kaum einbauen wird. Und wenn, dann wäre sie so albern wie früher
ihre Puppe, die Mama sprechen und weinen konnte, aber total blöde
war und nach dem Auffüllversuch mit Milch ganz verklebte Augen hatte
und immer sauer roch.
Im Grunde muss das Fantastische doch möglich sein, wenn es nicht
albern oder absurd sein soll. Spannend ist nur etwas, das vielleicht tatsächlich
irgendwo oder irgendwann einmal war, ist, werden könnte. Die Spannung,
so schien es ihr, ist wie eine dünne Haut zwischen Möglichem,
Unmöglichem und Realem, mit Fantasie zu durchdringen. Sein, Bewusstsein,
Angst, Möglichkeit, Realität, Fantasie: die Begriffe tanzten
in ihrem Kopf, hüpften dort wirr umher. Zwecklos, sich auf die Story
konzentrieren zu wollen. - Warum nur war seit dem Traum alles so verdreht?
Entschlossen tat Iris, was sonst nicht ihre Art war, allenfalls die ihrer
Schwester: Sie ging zum Bücherregal im Wohnzimmer und schlug im Lexikon
nach, um Ordnung in diesen Begriffstanz zu bringen. Sie wollte sich, erstmals
freiwillig in ihrem Leben, theoretisches Wissen aneignen.
Doch welche Enttäuschung! Unter Sein stand akademisch trocken und
kaum verständlich: Grundlegende Bestimmung, die jedem ->Seienden
zukommt: dass es ist (->transzendental). Jetzt war sie wirklich viel
schlauer! Unter Bewusstsein las sie: Psychologisch der Zustand des Habens
von Erlebnissen; unterschieden in gegenständl. B. u. Ich-B., d.h.
das Wissen um mich selbst als Subjekt meiner Erlebnisse, zugleich mit
dem gegenständl. B., und das Selbstbewusstsein, das Wissen um die
Identität meiner selbst in der Zeit. Mann, was für ein geschraubter
Stuss! Ein Erlebnis hatte sie nun wirklich, das von Frust.
Dennoch schlug sie auch unter Angst nach. Dort stand: [von lat. angustus:
eng, schmal], stark unlustgetönter ->Affekt. Die Daseinsanalyse
sieht d. Ursprung d. Angst in einer fundamentalen Existenzbedrohung. Stark
unlustgetönt war sie jetzt auch, doch mehr durch Wut als Angst. -
Nein, das ist nicht ihr Weg, nicht ihre Sache, diese Wortakrobatik, diese
Abkürzungen und Verweise! Das Lexikon blieb liegen, während
sie zurück zu ihrem Computer ging. Mit einem kleinen Umweg über
die Küche, um im Schrank nach Süßem als Trost zu forschen.
Wieder in ihrem Zimmer angekommen, stutzte sie. Ein roter Schriftzug bedeckte
den Bildschirm, obwohl sie nie ihre Texte rot schrieb: Ich denke, also
bin ich. Ach, wieder einer der Scherze ihres Vaters! Der hat schon oft
in die Startroutine so tolle Sprüche geschrieben wie: Wenn du nicht
bald das Zimmer aufräumst, dann explodiere ich - dein Computer. Das
soll wohl Erziehung sein! Aber erstens hatte er so etwas schon länger
nicht mehr getan, und zweitens passte dieser komische Spruch zu ihrem
Problem, von dem der Erziehungsberechtigte nichts wissen konnte. Oder
doch? - Sie hatte das Lexikon offen liegen gelassen. Wenn er die aufgeschlagene
Seite gelesen und richtig kombiniert hatte und einmal wieder einen seiner
unpassenden Scherze anbringen wollte, während sie in der Küche
war ...
Iris lief zurück ins Wohnzimmer. - Ja, da lag das Lexikon noch aufgeschlagen,
jedoch bei A wie Angst und nicht etwa beim Begriff Sein. Sicherheitshalber
ging sie dennoch zum Arbeitszimmer ihres Vaters. Unbewohnt! Klar, er war
doch auf Dienstreise. Elena war nicht da, und Mutter versteht nichts von
Computern. Verdammter Problemscheiß! Sie drehte dem Combi wütend
den Saft ab.
Data hat Angst
Nachmittags um vier Uhr, vor dem Fernseher, ging Iris
der Satz noch immer im Kopf herum: Ich denke, also bin ich. - Das kann
doch nicht stimmen! Wenn schon, dann würde umgekehrt ein Schuh daraus:
Weil es sie gibt, kann sie denken. Der Ausspruch erschien ihr genauso
blöd wie das, was neulich der junge Vertretungslehrer, wohl ein Möchtegernphilosoph,
erzählte: So ein alter Grieche hätte behauptet, selbst ein Superläufer
wie dieser Achill mit seiner berühmten Sehne - die wohl schon damals
den Sportlern Probleme bereitete - sei wegen der unendlichen Teilbarkeit
von Raum und Zeit nicht in der Lage, eine Schildkröte zu überholen.
Wie sagt doch Asterix: Die spinnen ja, die Römer. - Und die Griechen
wohl auch.
Von derartigem Quatsch handelt womöglich auch dieses Sofie-Buch,
das oben im Regal stand. Vater hatte behauptet, man müsste es glatt
als Schulbuch einführen. Menschen wären nun mal mehr als Computer
oder Roboter, daher solle man Schüler nicht mit Fakten und dem ganzen
Funktionswissen vollstopfen. Menschen müssten sich mit Sinnfragen
und Zusammenhängen beschäftigen. Die Töchter sollten das
Buch unbedingt lesen. - Mögliches Schulbuch, und dann noch lesen!
Nein, danke. Doch hatte der Vater es Elena, als es ihr so schlecht ging,
stundenlang am Bett vorgelesen. Aber zumeist war die Kranke ohnehin nicht
bei Bewusstsein, hatte bestimmt kaum etwas davon mitbekommen, vermutlich
nur Stimme und Nähe bemerkt.
Wie war nur der Spruch auf den Bildschirm gekommen? Vielleicht ein Virus?
Diese Computerviren werden ja immer bedrohlicher. Ihr Biolehrer hat einmal
die echten Viren als Trittbrettfahrer der Evolution, als heimliche Herrscher
der Erde und Aliens in jedem von uns bezeichnet. Diese Bilder hatten ihr
gefallen, und kurz hatte sie überlegt, ob die Computerviren als Trittbrettfahrer
der modernen Technik noch bedrohlicher werden könnten. Wie auch immer,
auf alle Fälle sollte sie den Virenscanner starten. - Aber die Stimme?
Kam die auch von einem Virus auf der Soundkarte? Ja, das muss es gewesen
sein, denn sonst wäre alles zu unheimlich. Gerne hätte sie dieses
Rätsel mit Elena geteilt und damit leichter gemacht ...
Doch nun wurde es Zeit, die aktuelle Folge von Star Trek aufzunehmen,
die ihre Schwester unbedingt würde sehen wollen. Ohnehin nahmen sie
jede Folge auf und haben eine beinahe lückenlose Sammlung. Bei Captain
Picard sind mysteriöse Stimmen und Nachrichten auf dem Bildschirm
geradezu die Regel. Jedes Rätsel wird da gelöst. Nicht zuletzt
von Data, dem perfekten Roboter in Menschengestalt, der über gigantisches
Wissen verfügt. Den müsste man fragen können! Mist: jetzt
hatte sie gar nicht auf den Anfang der Folge geachtet und darauf, ob Marc
Alaimo, ihr Lieblingsschauspieler, im Intro aufgeführt war.
Bald war Iris ganz in das Bildschirmgeschehen eingetaucht; denn das, was
sich dort entwickelte, faszinierte sie immer mehr. Data hatte etwas nicht
logisch ableiten und erklären können, mit der Folge, dass der
Roboter Angst bekam. Angst vor etwas, das sich seinem Computergehirn entzieht.
Das Fundament seiner Existenz - nämlich, dass alles logisch analysierbar
ist - schien ins Wanken gekommen, und der Roboter reagierte, ebenso unlogisch
wie unerklärlich, mit dem menschlichen Gefühl der Angst.
Konnte es Zufall sein, dass gerade jetzt diese Episode gesendet wurde?
Zudem, verdammt, ausgerechnet noch als Zweiteiler! Dabei sind Fortsetzungen
bei Star Trek selten; aber natürlich, genau dieses Mal gab es noch
keine Lösung!
Abends war dann endlich Elena wieder da. Es gab viel zu berichten, und
die Ereignisse der letzten beiden Tage kamen Iris inzwischen weit weniger
merkwürdig und wichtig vor: Computervirus, Übermüdung,
Zufall. Was soll's! Jedenfalls wollte sie sich vor ihrer Schwester nicht
lächerlich machen mit Gedanken über Angst und plötzlichem
Interesse an Spinnerfragen. - Nur die Sache mit Data, die war voll im
grünen Bereich, die konnte man ansprechen. Ohnehin würde ihre
Schwester möglichst bald die Folge von Star Trek sehen wollen.
Am nächsten Mittag, zwischen Schule und Fortsetzung der Fernsehserie,
sahen sich die Schwestern die Aufzeichnung vom Vortag an. Sie waren sich
einig, dass Data, so menschlich er äußerlich scheint, doch
ein Apparat bleibt, eine gefühllose, seelenlose Maschine. Er kann
unmöglich Angst haben, höchstens so etwas wie eine Verwirrung
in den Schaltkreisen oder einen Defekt im Programm. Angst gehört
zum Leben, nicht zu Roboterfunktionen.
"Obwohl", meinte Iris, "eigentlich ist Data so gut wie
lebendig. Wo ist eigentlich der Unterschied? Ich meine, wenn man nicht
wüsste, dass er nicht aus Fleisch und Blut ist, sondern aus Kunststoff,
Chips, Minimotoren und so? Ob Muskeln oder Motoren, ob Nerven oder Leitungen,
das macht keinen Unterschied. Und sein Elektronengehirn ist besser als
das jedes Menschen."
"Was aber nichts mit Gefühlen zu tun hat", warf Elena ein.
"Oder vielleicht doch? Wir Menschen haben schließlich viel
mehr Hirn, zugleich bestimmt auch mehr Gefühle als zum Beispiel eine
Amsel oder eine Schnecke."
"Du Elena, wenn man über so was nachdenkt, dann merkt man erst,
wie wenig man weiß. Richtig weiß, meine ich, nicht nur Kenntnisse
oder erlernte Formeln wie a2 + b2 = c2 und so'n Schulkram." Dann
gestand sie: "Vorletzte Nacht, da hatte ich einen Albtraum. Danach
habe ich überlegt, ob Kuschel auch Angst haben kann, was Angst überhaupt
ist. Auch meinte ich, ich hätte so eine komische Stimme gehört,
die bewusst sein sagte. Und ein Virus hat mir einen Satz über Sein
und Denken auf den Schirm geschrieben. Jetzt das mit Data! Zusammen ist
das beinahe unheimlich, macht mir tatsächlich etwas Angst. Vielleicht
ist das alles kein Zufall und gehört irgendwie zusammen. Darum macht
es mich auch neugierig. Das wäre doch spannend, so ein Rätsel
zu lösen! Oder?"
"Na ja", die Begeisterung der Jüngeren hielt sich in Grenzen.
Immerhin wollte Elena einen konstruktiven Vorschlag machen: "Wir
könnten mal unter Roboter oder Angst oder Gefühl im Lexikon
nachsehen."
"Kannst du dir sparen. Schon probiert. Weißt du hinterher noch
weniger."
"Vielleicht so ein Psychobuch", schlug Elena vor. "Wir
können mal in der Stadtbücherei nachsehen ... oder bei Mama",
denn ihre Mutter interessierte sich für Charakterkunde, Erziehung,
Gesundheit und Psychologie. Und Elena interessierte sich generell für
Bücher, speziell für diejenigen ihrer Mutter. Daher erwärmte
sie sich allmählich für das Rätsel, selbst wenn ihr das
Angstproblem wenig behagte.
Rasch die Treppen hoch zum Absturzregal. Das stand, obschon ein Hängeregal,
auf dem Boden in Mutters Arbeitsecke im Dachgeschoss und war vor Monaten
mitsamt offensichtlich zu vielen Büchern, zu schwachen Wandhaken
und riesigem Gepolter dem Gesetz der Schwerkraft gefolgt. Vaters Versprechen,
es wieder zu richten, unterlag dagegen dem Gesetz der Trägheit und
war noch nicht eingelöst. Ohnehin erwies es sich als viel bequemer
und lustiger, auf dem Boden zu sitzen oder zu liegen, um die provisorisch
wieder eingeräumten Bücher zu durchforschen, als stehen und
Augen und Arme strecken zu müssen.
"Ha, sag ich doch!" Iris las vor: "Es gibt keine scharfe
Grenze zwischen Lebendigem und Unbelebtem! Das gefiel ihr: Man kennt Systeme,
die nur einige Merkmale des Lebens aufweisen, z.B. Makromoleküle
mit der Fähigkeit zur Selbstvermehrung, wie Gene und Viren."
"Aber", wandte Elena ein, "gerade mit der Fortpflanzung
dürfte es wohl bei Data Probleme geben". Sie sahen sich an,
jede dachte sich ihren Teil, beide kicherten. "Jedenfalls gehört
die Fortpflanzung zum Leben."
"Wobei es schon komisch klingt, wenn man sagt, Tiere oder Menschen
pflanzen sich fort", fiel Iris auf.
Doch Elena argumentierte weiter: "Somit kann auch die perfekteste
Maschine nicht lebendig sein."
Die Ältere gab noch nicht auf: "Wenn ein Roboter selbst wieder
Roboter baut, dann ist das wie Selbstvermehrung, wenn auch nicht biologisch."
Dann las sie weiter vor: "Das Substrat aller Lebenserscheinungen
ist das Protoplasma. Das Leben ist gebunden an Eiweiße, Nucleinsäuren,
Kohlehydrate und Fette."
"Damit ist alles klar", resümierte Elena.
Doch der Dickkopf ihrer Schwester wollte sich noch immer nicht überzeugen
lassen: "Pah, bloß weil bisher die Chemie so funktioniert hat,
heißt das noch lange nicht, dass es unbedingt nur so sein kann.
Wenn wir alle von einer Urzelle abstammen, dann wird immer nach deren
Rezept gekocht. Das heißt aber lange noch nicht, dass andere Suppen
nicht auch gelingen. Die Lexikonschreiber machen es sich leicht!"
Sie schob das Buch verärgert von sich. Elena nahm es, las - erst
still, um den Anschluss zu finden, dann laut: "Ein lebendes System
lebt nur dann, wenn ständig Veränderungen an ihm vor sich gehen.
Diese Vorgänge äußern sich als Stoffwechsel, der immer
einem Energiewechsel einhergeht."
"Data verbraucht auch Energie und muss sie sich über diesen
Selikonmix wieder reinziehen", verteidigte Iris ihren Serienhelden.
Die Jüngere las unbeirrt weiter: "Die Frage, ob sich Leben völlig
mit physikalischen und chemischen Gesetzen erklären lässt, wird
von der modernen Naturwissenschaft bejaht; von den Vitalisten wird dagegen
ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Leben und unbelebter Materie
gesehen und eine dynamische, übernatürliche Lebenskraft angenommen,
die den Lebewesen innewohnt."
"Siehst du: Kann man halten, wie man will", bekam Iris wieder
Oberwasser und wiederholte: "Leben lässt sich völlig mit
physikalischen und chemischen Gesetzen erklären. - Data auch! Wo,
bitte schön, ist der Unterschied?"
"Der kleine Unterschied ...", das Kichern machte sich selbstständig,
"... ist vielleicht gerade der, dass es diese übernatürliche
Lebenskraft gibt."
"Reliquatsch!"
"Aber schöner als nur Chemie und Physik. Denn die Wand hier
ist auch Physik und die Gardine Chemie. Doch die leben bestimmt nicht:
Ich schon!"
"Okay, okay. Es war ja auch vom System die Rede und von steter Veränderung
und Energieverbrauch. Das ist eben der Unterschied zwischen der Wand,
die kein System ist, und dir oder auch Data."
"Und ein Auto, das ist ebenfalls ein System und verbraucht Energie.
Lebt das dann, weise Schwester?"
"Es hat eben kein Hirn, nicht einmal ein elektronisches!"
"Aber elektronische Steuerungen und Bordcomputer sind längst
normal. Und ...", erinnerte Elena, "es geht um Datas Angst und
Gefühle. Und die kommen wohl nicht aus dem Gehirn, zumindest nicht
aus einem künstlichen."
"Verdammt", entfuhr es plötzlich Iris, die aufsprang. "Wir
haben Star Trek verpasst, und ich habe den Timer für die Aufnahme
nicht eingestellt!"
Mit riesigem Gepolter stürzten die Schwestern die Treppe hinunter.
Kuschel raste in den großen Blumentopf, der ihr im Stall als Unterschlupf
diente. Die Mutter kam - wohl kaum weniger erschrocken als das Tier -
aus der Küche gerannt. Der Fernseher flog beinahe von seinem Untertisch,
als Iris auf die Einschalttaste schlug. Fernsehbild und Mutter erschienen
gleichzeitig, Letztere zog jedoch hinsichtlich der Aufmerksamkeit den
Kürzeren. Es war sowieso klar, dass sie etwas über Schrecken
und Krach und Benehmen absondern würde, während Data ..., ja
Data war, nun schon kurz vor Ende der Sendung, wieder ganz der Alte. -
Sie hatten es verpasst!
"Scheiße, Scheiße, Scheiße", schrie Iris und
schlug wütend auf den nächsten Sessel ein, während ihre
Schwester "So ein Saumist!" fluchte und der Mutter endgültig
der Kragen platzte: "Jetzt benehmt euch! Ihr habt sie wohl nicht
mehr alle! Hört auf! Und raus hier! Am besten unter die kalte Dusche!"
"Das ist ja nicht zu fassen", murmelte sie und musste sich erst
einmal setzen. So konnte sie den dramatischen Abgang ihrer Töchter
bewundern, die wutschnaubend aus dem Zimmer stapften. Das laute Schlagen
der Tür beendete den Akt. Kuschel aber blieb noch lange in seinem
Topf verborgen.
Heureka
Am nächsten Tag war der Vater von seiner Dienstreise
zurück und werkelte an seinem Computer und dem Telefonanschluss,
um eine Netzwerkverbindung in Betrieb zu nehmen.
"Wurde auch Zeit", kommentierte Iris, die in der Gebrauchsanweisung
blätterte, denn ein Internetanschluss war nach ihrer Auffassung längst
überfällig.
"Fräulein Tochter", versuchte der Vater die Relationen
zurechtzurücken, "das ist erstens mein Anschluss an meinem Computer.
Zweitens ist es für meine Arbeit und nicht für dein Vergnügen
da. Drittens kostet es Gebühren."
"Aber ..."
"Gar kein Aber! - Ich werde nicht Hunderte im Monat ausgeben, damit
du irgendwelche verblödenden Spiele runterlädst oder irgendjemand
Unbekanntem in Australien im Chat die herzzerreißende Botschaft
übermittelst, dass dein Fahrrad einen Platten hat."
"Aber, wegen der Schule, da wäre ..."
"Schule ist doch sonst ein Fremdwort für dich. Dafür brauchst
du bestimmt keinen Netzanschluss."
"Ja doch, wegen Infos und so. Wenn man was sucht, ..."
"Dann schlag gefälligst in deinen Schulbüchern nach. -
Falls du sie findest."
Iris zog in ihr Zimmer ab. Das war wieder typisch! Immer diese Seitenhiebe
auf ihre Unordnung. Typisch: ihr Erzeuger kann jetzt im Netz surfen. Und
sie? Ist doch immer so. Er hat einen Farbdrucker und einen Scanner. Und
sie? Dabei braucht sie beides dringend! Wenn sie aber an seinen Computer
geht, dann heißt es gleich: "Ich muss jetzt an meinen Rechner.
Hast ja schließlich selbst einen. Und kopier mir nicht immer die
Platte voll ..."
Nach einigen Minuten klopfte der Vater, der letztlich immer wieder nachgibt,
an ihre Zimmertür: "So, es ist angeschlossen. Willst du mit
ausprobieren?"
Natürlich wollte sie. Zudem erreichte Iris, dass sie in den nächsten
Tagen - immer wenn ihr Vater im Institut ist - ans Netz durfte. Im Preis
war nämlich eine zehntägige Freischaltung enthalten. Zudem hatte
sie ihren Vater inzwischen davon überzeugt, dass die heranwachsende
Generation auf die Anforderungen der Mediengesellschaft vorbereitet werden
muss.
Elena interessierte sich weit weniger für Computer, ließ sich
allerdings am nächsten Tag von ihrer Schwester zeigen, was diese
schon alles an Funktionen, Verbindungen und Möglichkeiten entdeckt
hatte. Während sie dem ziemlich langwierigen Bildaufbau für
eine Satellitenwetterkarte mit zunehmendem Desinteresse folgten, kam Elena
auf das Thema des vorgestrigen Tages zurück: "Wollen wir denn
die Frage nach der Angst, nach Data und den Gefühlen noch verfolgen?
Oder lassen wir's?"
Iris hatte über die Beschäftigung mit dem Internet schon nicht
mehr an dieses Rätsel, ihren Angsttraum und die etwas mysteriösen
Erlebnisse gedacht. Nun aber kam ihr ein Gedanke: "Vielleicht hilft
uns ja dieses nette kleine Weltnetz. Da hängen doch Tausende von
Datenbanken dran und Millionen User. Da müsste man doch Klarheit
kriegen können!"
"Cool. Los, frag nach!"
Iris brach den Aufbau des noch immer erst halb erschienenen Wetterbildes
ab, rätselte dann jedoch. "Nur wie? Ich brauch einen Link. Schließlich
kann ich ja nicht einfach eintippen Was ist Leben? oder Gefühle gesucht.
Ob es einen geeigneten Chat dazu gibt? Mal sehen." Mit dem Explorer
blätterte sie durch endlose Listen von Nutzergruppen: Lebensmittel,
Lifestyle, Liebeskummer, Lollyfans und Lebertranhasser fand sie als Themen.
Dann: Lebensfragen. Das könnte etwas sein.
Natürlich wieder alles in Englisch. Darin war sie, wie Elena, die
diese Fremdsprache erst seit zwei Jahren als Schulfach hatte, zwar gut,
doch brauchten sie einige Zeit und Raterei, bis sie herausgefunden hatten,
dass es hier um Horoskope, Diäten, Sektierer und Mode ging. Da war
nichts zu erwarten. Vielleicht, wenn sie sich in eine Fachdatenbank einloggen
könnten. Aber dafür benötigt man Zugriffsberechtigungen
und Passwörter. Blieben noch die bisher nicht ausprobierten Suchmaschinen.
Als Begriff gab sie Leben ein und erhielt nach einiger Zeit eine Verweisliste
mit über tausend Internetadressen aus den Bereichen Biologie, Medizin,
Philosophie, Geschichte, Prominente. Wie sollten sie da weiterkommen?
Dann hatte Iris die Idee, als Suchbegriff bewusst sein einzugeben, das
ihr vor einigen Tagen im Ohr geklungen hatte. Ungewöhnlich schnell
wurde ein einziger Treffer angezeigt: http://www.ureda.de/heureka.
"Uff, das sieht gut aus. Nur eine Adresse, dazu noch in Deutschland",
freute sich Iris und war stolz auf ihre Leistung. Rasch war die Verbindung
aufgebaut. Eine schmucklose Nachricht erschien:
Derzeit leider kein Direktzugriff und Dialog möglich. Beantworte
aber gerne alle Fragen zum bewussten Dasein. - Bitte Briefkasten für
Standardmailing benutzen. Name und Adresse angeben. Ich melde mich.
An heureka@ureda.de
Name: __________________________________________
Adresse: ________________________________________
________________________________________________
________________________________________________
Die Schwestern berieten sich kurz. Das schien der Volltreffer zu sein.
Warum sollten sie nicht ihre Frage stellen? Über Kabel war das ganz
leicht. Also folgten sie der Anweisung und schrieben:
Wir, Iris (16) und Elena (14), haben ein Problem, denn irgendwie ist es
ganz selbstverständlich, dass wir lebendig sind und Gefühle
haben und auch so ein Bewusstsein, obwohl uns etwas schwammig ist, was
man damit meint. Trotzdem bleibt alles unklar: Ist nicht ein perfekter
Roboter wie Data (aus Star Trek, vielleicht kennen Sie die Serie - wäre
schön!) so gut wie lebendig? Doch, wie kann er als Maschine Angst
haben? Ja, und dann noch: Wieso ist ein Gefühl wie Angst nicht genauso
da und für alle gleich wie ein Kilo Kohl, sondern für den einen
mehr und für den anderen weniger und für einen Dritten noch
nicht einmal Kohl?
Sie fanden, dass sie ihr Problem ganz gut formuliert hätten und es
zudem - jedoch jede für sich - ganz prima und einfach ist, so einem
Unbekannten über das Netz Fragen zu stellen, die sie nie ihren Eltern,
Lehrern oder Bekannten hätten stellen können. Denn so etwas
fragt man, warum auch immer, üblicherweise nicht. Fragen wie die,
warum es schneit, wer der letzte Fußballweltmeister ist oder wie
man Käsekuchen backt, sind leicht gestellt und werden gerne beantwortet.
Da freut sich der Angesprochene über das Interesse und darüber,
dass er Wissen zeigen darf. Aber Fragen nach dem Lebenssinn, die sind
irgendwie peinlich, so, als ob man sich ausziehen würde, was man
selbst vor der eigenen Schwester nicht gerne tut. Daher auch jetzt: nur
keine Peinlichkeit aufkommen lassen.
"Ich wette, der oder die kennt Star Trek nicht. Bestimmt ein ganz
gelehrter Professor. Oder ein Astrologe oder Pastor", meinte Iris.
"Und wie kriegen wir jetzt die Antwort?", wollte ihre Schwester
wissen.
"Im Prinzip ganz einfach: Mit der Mail wird diesem Heureka unser
Briefkasten bei einem so genannten Provider im Internet mitgeteilt. Er
liest und beantwortet dann die Frage. Falls er sie beantwortet. Er schickt
seine Nachricht dann an unsere elektronische Anschrift. Sie wird gespeichert,
und wir können sie irgendwann aufrufen und lesen." Iris erklärte
es gerne und nicht ohne Stolz.
Klar, dass Iris schon nach einer Stunde und abends
noch einmal nachsah. Doch nichts. Auch am nächsten Mittag, nach der
Schule, das gleiche Ergebnis. Also wohl nur ein Flop. Nachmittags brachte
dann jedoch ihr Vater einen Ausdruck. "Hier, für dich. Hab ich
aus meiner Mailbox ausgedruckt. Sind ja ganz neue Seiten meiner Tochter.
Gut, gut!"
Das "gut, gut" war beinahe die höchste Anerkennung, die
der Alte überhaupt aussprechen konnte, machte sie aber mehr verlegen
als froh. Sie spürte, dass sie einen roten Kopf bekam. Doch zum Glück
hatte ihr Vater das Zimmer schon wieder verlassen. Rasch las sie den Text:
Hallo ihr beiden!
Schön, dass ihr euch mit diesen interessanten Fragen bei mir gemeldet
habt; denn ich habe so viele Antworten vorrätig, dass mich jede Frage
glücklich macht. Auch sollte es nicht schwer sein, das Passende im
Lager zu finden. Da gibt es ganz andere Probleme, sage ich euch: Ich habe
Antworten, die sind schon seit Jahrzehnten ohne Nachfrage. Etwa die zum
Möglichkeitsraum. Keiner will sie haben, keine Frage passt.
Iris sah vom Ausdruck auf und murmelte: "Ein Spinner. Hätte
man sich denken können." Dennoch las sie weiter:
Aber kommen wir zu eurem Problem, das übrigens auch das von Data
ist, der erst neulich bei mir nachfragte.
"Der nimmt uns glatt auf den Arm", entrüstete sich Iris
und knüllte schon wütend das Papier. Doch dann hatte sie wieder
Vaters Gesicht vor Augen und hörte förmlich sein "gut,
gut". Es muss einen anderen Grund gehabt haben als ein spinnertes
Schreiben, das er gelesen hatte. Also strich sie das Blatt wieder glatt:
Zweifellos ist die Frage nach dem Leben sehr wichtig, und die nach dem
eigenen bestimmt die wichtigste. Wer so fragt, der ist - bitte erschreckt
nicht! - ein Philosoph (oder eine Philosophin, wenn ihr nicht selbstbewusst
genug seid, um männliche Bezeichnungen für Charaktere, Berufe
u.a. hinzunehmen, ohne euch zurückgesetzt zu fühlen). Philosophen
sind nämlich Leute, die staunen, suchen und fragen.
Wie gesagt, an Antworten mangelt es nicht. Doch um diese verstehen zu
können, müssen wir sie drehen und wenden und genau betrachten.
Denn das ist nicht so eindeutig wie 1+1=2. Außerdem brauchen wir
so etwas wie eine Brille, um klarer sehen zu können. Diese kann man
sich aber nicht beim Optiker holen, sondern muss sie selbst entwickeln.
Dabei hat man sich auf viele Überraschungen gefasst zu machen, so
wie du, Iris, bei deinen Abenteuer-Spielen auf dem Computer ...
Wie kann diese(r) Heureka wissen, dass sie solche Fantasygames mitunter
nächtelang spielt? Da ist doch etwas oberfaul! Hat ihr Vater diesen
angeblichen Ausdruck selbst ...? Nein, der weiß ja nichts von ihrer
Anfrage, könnte höchstens - ja, das wäre möglich -
die echte Antwort verändert haben. Obwohl, das ist unsinnig. Wäre
es so eine übliche Aufforderung zum Zimmeraufräumen oder ein
Hinweis auf den Badewasserverbrauch, dann bingo. Aber dieser harmlose
Hinweis auf die Rollenspiele hat keinen Nährwert. - Nun, vermutlich
ging Heureka einfach davon aus, dass alle Computerfreaks in ihrem Alter
solche Spiele lieben.
... mit Hindernissen, Fallgruben und zunächst unwichtig erscheinenden
Fundstücken, die man später unbedingt braucht, um weiterzukommen.
Gerne will ich mit euch ein solches Abenteuer beginnen. Habt ihr Lust?
Ihr wisst ja, wie ich erreichbar bin.
Iris ließ das Schreiben sinken. Ob sie Lust hat, das wusste sie
jetzt wirklich nicht. Es war alles recht verwirrend und ... ja, unwirklich.
So kompliziert muss es gewiss nicht sein; sie hatte doch nur an eine verständliche
Antwort gedacht. Klar, dass man die nicht gerade so bekommt wie einen
Beipackzettel zum Walkman. Doch gleich Philosophie! Und dann musste das
ausgerechnet noch der Alte mitkriegen. Zudem, typisch, war Elena auch
wieder nicht da: Arztbesuch.
Als Iris am späteren Nachmittag ihrer Schwester
berichtete und ihr den Ausdruck zeigte, war der Entschluss schon gefasst.
Was Heureka geschrieben hatte, klang doch eigentlich interessant. Vor
allem das mit dem Abenteuerspiel. Schließlich kann sie sich, wenn
es ihr zu dumm wird, einfach nicht mehr im Internet melden. Blöd
zwar, dass ihr Vater die Antwort erhalten hatte, aber man kann es auch
als Vorteil sehen, denn er fand das ja offensichtlich richtig und wird
sie somit eher an seinen Rechner und das Netz lassen. Wenn er nur, hoffentlich,
keine Fragen stellt!
Elena musste nicht allzu sehr überzeugt werden, sodass sie bald an
zwei Formulierungen arbeiteten: Die eine war die Antwort an Heureka, die
zweite eine auf eventuelle Fragen ihres Vaters. Die erste Erwiderung war
schnell und leicht formuliert: Lieber Heureka! Wir haben deine Antwort
erhalten und danken dir! Gern wollen wir dein Angebot annehmen.
Diesen Text hielten sie für höflich, knapp und sachlich; denn
auf die verwirrenden Aspekte wie die wohl unmögliche Anfrage von
Data einzugehen, erschien ihnen ebenso problematisch, wie gleich neue
Fragen zu stellen oder gar Heureka um Infos zu seiner Person zu bitten.
Sollte ruhig ihr unbekannter Partner erst den nächsten Zug machen.
Das Problem der zu erwartenden väterlichen Nachfrage erwies sich
als schwieriger. Obwohl: warum sich wie ertappt vorkommen? Warum sollten
sie sich nicht für Lebensfragen interessieren? Im Gegenteil, es freut
den Vater bestimmt. Aber trotzdem ... Letztlich zieht der Trick mit der
Schule immer. Etwa, dass man einen Walkman braucht, um Sprachkassetten
zu hören, den Computer für Lernprogramme, abends eine Freundin
treffen muss, nur wegen der Schulaufgaben. Natürlich sind auch die
Eltern nicht dämlich. Aber offensichtlich müssen solch kleine
Spielchen sein, um Notwendigkeit oder Nützlichkeit vorzuschieben,
statt einfach von eigenen Wünschen auszugehen.
So gerüstet drangen sie zum väterlichen Computer vor, der jedoch
von seinem Besitzer blockiert war. "Können wir heute noch ran?",
ging Iris in die Offensive und zog gleich ihre Trumpfkarte: "Ich
muss nämlich einen saublöden Aufsatz zum Sinn des Lebens schreiben.
Und wir hatten eine tolle Verbindung gefunden, die Material liefern könnte.
Wir dachten, du guckst sowieso gleich das Fußballspiel im Fernseher."
Eine Meisterleistung der Diplomatie: Mit dem saublöd kam der notwendige
Grad an Zwang und Unwillen durch (müssen kommt immer besser an als
wollen), allen etwaigen Nachfragen war durch das Aufsatzthema vorgebeugt,
und dem Vater war ein angenehmer Grund gegeben, seinen Arbeitsplatz zu
räumen. Natürlich konnte er sich nicht so einfach verdrängen
lassen: "Na gut, in zehn Minuten. Erst muss ich das hier noch fertig
schreiben."
Eine Viertelstunde später war die Verbindung aufgebaut und die Antwort
an Heureka in die Dialogbox eingetippt. Ihr Kommunikationspartner saß
offensichtlich am Gerät, denn prompt erschien eine Rückantwort.
Hallo Elena und Iris!
Ich hatte eigentlich erwartet, dass ihr alle möglichen Fragen zu
meiner Person stellen würdet. Aber ich bin gar nicht wichtig, darum
freut es mich, dass ihr zum Wesentlichen kommen wollt.
Die Schwestern blickten sich an und waren stolz auf sich, hatten sie doch
offensichtlich die richtige Eröffnung gewählt. Heureka fuhr
fort:
Zunächst müssen wir ein wenig organisieren. Elektronische Briefe
können wir zwar immer senden, doch so einen Dialog, wie der jetzt,
wollen wir nicht dem Zufall überlassen. Da sollten wir eine tägliche
Zeit vereinbaren. Klärt dies am besten mit eurem Vater ab, damit
es keinen Ärger mit seinem Rechner gibt.
"Was", stöhnte Elena auf, "wieso weiß er, dass
wir an Vaters Combi sitzen?" Sie wurde jedoch gleich beruhigt.
Der elektronischen Mailadresse entnehme ich nämlich einen männlichen
Namen und denke mir ohnehin, dass ihr euch einen Netzanschluss und die
Gebühren noch nicht leisten könnt. Also, gebt mir morgen bitte
eine Zeit an.
Iris schrieb:
O.k., gerne. Irgendwann nach der Schule.
Dann lasen sie, was weiter auf dem Bildschirm erschien:
Was die Brille oder das Handwerkszeug angeht, das wir brauchen, so hilft
es auf alle Fälle, wenn ihr Sofies Welt lest. Dieses Buch, das ich
wohl besser kenne als irgendjemand sonst, leiht euch euer Vater sicher
gerne aus.
"Verdammt, woher weiß er nun wieder, dass Papa den Schmöker
hat?", warf Iris ein, doch der Text floss weiter:
Nur denkt immer daran, das ist ein Buch, eine gut gemachte, spannende
und lehrreiche Geschichte. Wir aber - ihr und ich -, wir sind Realität!
Nicht, dass ihr das vergesst!
Wenn ihr also das Buch, eigentlich hätte es Sofies Geschichte heißen
sollen, weil es um die Geschichte der (Philo) Sofie geht, lest, dann kann
ich mir viele Erklärungen sparen.
"Ich wollt's eh schon mal lesen", murmelte Elena beflissen,
und Iris fand es kaum noch erstaunlich, dass sie erst vor wenigen Tagen
an das Buch gedacht hatte - nach dem Traum, mit dem alles begonnen hatte.
Eure Frage nach dem Leben will ich in einen größeren Zusammenhang
stellen, denn nur so können wir sie, hoffentlich, beantworten. Meistens
geht man heute leider andersherum vor und löst das Ganze in immer
kleinere Teile auf, die man zu verstehen meint, bis nichts mehr übrig
bleibt, das zu verstehen lohnt. Doch das hilft uns bei Lebensfragen wenig,
und die Gefahr ist groß, dass wir mit der Fülle der Details
das aus dem Auge verlieren, um was es wirklich geht.
So bedeutet Leben natürlich auch Tod, das ist klar, und der Tod schlägt
eine Brücke zur Angst. Sich bewusst zu machen, dass man selbst lebt
- das Bewusstsein war ja Teil eurer Fragen -, kann nur aus Leben erwachsen,
ist aber mehr, hängt mit dem zusammen, was man Geist nennt. Würden
wir jedoch gleich mit dem anfangen, wäre es, als hätten wir
die Blüte vom Stängel und diesen von der Wurzel gerissen. Wir
könnten uns an ihr erfreuen, jedoch nicht die ganze Pflanze verstehen,
die diese Schönheit hervorgebracht hat. Beim Leben anzufangen, ohne
über das umfassendere Sein oder Dasein - und damit Raum und Zeit
- nachgedacht zu haben, wäre ebenso ein Bruchstück.
Ihr merkt, wir haben einen ganz schönen Berg vor uns. Da müsst
ihr euch schon überlegen, ob ihr wirklich klettern wollt. Außerdem
kann man sich noch in platonische Höhlen verirren und muss aufpassen,
nicht in cartesische Spalten zu fallen.
Seilschaft bereit, gab Iris spontan ein, denn gerade die zuletzt genannten
Aussichten reizten sie, auch wenn sie sich den Berg sehr real vorstellte
und bei Höhlen und Spalten nicht unbedingt an geistige Abenteuer
dachte.
Sofies Welt
Sofie bereitete Probleme. Zumindest indirekt, denn
ein Buch und zwei, die es lesen wollen, das geht schlecht auf. Es sei
denn mit vorlesen. Aber das schien den Schwestern zu albern. Sich abzuwechseln
wäre zwar gegangen, doch wollte nun unbedingt jede das Buch, das
zuvor Wochen lang unbeachtet herumgestanden hatte, zuerst haben. Auch
wäre es unbequem gewesen, nach einem abgestimmten Zeitplan lesen
zu müssen. Glücklicherweise gelang es Elena gleich am nächsten
Tag, in der Stadtbücherei noch ein Exemplar auszuleihen, sodass sie
nun beide das Buch studieren und sich über den Inhalt austauschen
konnten. Mit Vater war eine spätnachmittägliche Nutzungszeit
für das Internet vereinbart worden, die sie bereits Heureka per Mail
mitgeteilt hatten.
Nachmittags diskutierten sie mit untergeschlagenen Beinen, bei Saft und
Plätzchen und ab und zu Kuschel einige Streicheleinheiten verpassend,
im Chaoszimmer - von Vater so genannt, nur weil ab und zu ein paar ihrer
Sachen etwas herumlagen. Vielleicht auch ein paar mehr und öfter,
aber schließlich war es ihr Zimmer! - Wenigstens beinahe, denn ursprünglich
war es als Gästezimmer und für Mutter zum Nähen und Bügeln
gedacht gewesen. Nach einigen Aufräum- und Putzkämpfen, wenn
die Mutter es tatsächlich nutzen wollte oder einmal ein Gast übernachten
sollte, hatten die Schwestern dann den Sieg davongetragen: Mutter bügelte
schon lange im Schlafzimmer, und Vater hatte zuletzt einen Freund im Gasthof
einquartiert.
"Es ist bei Sofie beinahe wie bei uns", meinte Elena. "Nur
werden ihr die Fragen, wie die Wer bist du?, so geheimnisvoll zugetragen.
Aber diese Frage ist gar nicht so weit von unserer nach dem Bewusstsein
oder Selbstbewusstsein entfernt."
"Dass das Buch auch noch mit einer Diskussion über den Unterschied
zwischen Mensch und Roboter anfängt, das ist schon hart", urteilte
Iris.
"Bei Sofie kommen die Kontakte über den Hausbriefkasten, bei
uns über den elektronischen."
"Aber die Höhle im Gestrüpp kann man nur schwer mit dem
Zimmer hier vergleichen", fand Iris.
"Vor allem, so würde Papa sagen, ist bestimmt jedes Gestrüpp
ordentlicher", ergänzte ihre Schwester und suchte nach weiteren
Unterschieden: "Wirklich anders ist, dass wir zu zweit sind."
"Eigentlich ist auch Sofie nicht allein", schränkte Iris
ein. "Denn immerhin ist da Sofies Freundin Jorunn. Und mit Hilde,
an die die mysteriösen Postkarten adressiert sind, könnte sie
auch zusammenkommen. Das bleibt abzuwarten."
"Wenn Sofie heimlich Philosophieunterricht nimmt und sich dafür
geradezu schämt, dann geht es ihr wie mir", bemerkte Elena.
"Hätte Heureka uns nicht davor gewarnt, Realität und Erfindung
zu verwechseln, dann käme ich mir wie ... wie aus dem Buch abgeschrieben
vor. Kein schöner Gedanke! - Kuschels Rolle wäre wohl die der
Katze Sherekan. Na, würde dir das gefallen?" Sie hob das kleine
Tier hoch und rieb ihre Nase an der seinen.
"Jedenfalls gefällt mir Kuschel besser als jede Katze, vor allem
besser als das Kaninchen, das der Autor aus dem Zauberhut zieht und mit
der Welt vergleicht. Sich die Welt als Kaninchen vorzustellen, ist abwegig,
selbst wenn es um ein Bild für die Erschaffung der Welt geht."
"Natürlich interessiert mich auch die Frage, woher die Welt
kommt, die auf Sofies Zettel steht. Aber wenn man dafür einen Zauberer
bemühen muss, dann ist's wie die Neuauflage der Bibel." Elena
war unzufrieden. "Zieht man die Welt aus einem Hut, muss man erklären,
woher der kommt."
Iris blätterte durch das Buch und meinte: "Es ist wohl nur so
ein Bild zum Einstieg. Bestimmt gibt es noch bessere Erklärungen.
Heutzutage weiß doch jeder was von Urknall und Evolution. Vor allem
hat uns doch Heureka so großartige Ankündigungen gemacht. Wenn
er nicht über den Schmöker hier raus geht, braucht er sich nicht
wichtig zu machen!" Inzwischen hatte das Mädchen die Stelle
gefunden, über die sie gerade diskutierten, und las vor: "Was
das Kaninchen betrifft, so ist uns klar, dass der Zauberkünstler
uns an der Nase herumgeführt hat. Wenn wir über die Welt reden,
liegen die Dinge etwas anders. Wir wissen, dass die Welt nicht Lug und
Trug ist, und sind ein Teil der Welt. Im Grunde sind wir das weiße
Kaninchen, das aus dem Zylinder gezogen wird. Der Unterschied zwischen
uns und dem weißen Kaninchen ist nur, dass es nicht weiß,
dass es an einem Zaubertrick mitwirkt. Mit uns ist das anders." Iris
legte das Buch zur Seite und kommentierte: "Ich bin mir nämlich
gar nicht so sicher, ob wir wirklich so viel besser wissen, was Wirklichkeit
ist. - Nach dem Traum und den Sprüchen hab ich mir sogar einmal überlegt,
ob es dich, Elena, überhaupt außerhalb meiner Gedanken gibt.
- Au!"
Elena, die ihre Schwester in die Seite geboxt hatte, lachte. "Na,
gibt es mich?"
"Anscheinend ja, elender Philosophiewurm!"
Die Jüngere verstand die Anspielung, denn das Gleichnis besagt weiter,
die Welt sei wie das Kaninchen, in dessen Fell tief unten die Menschen
wie Gewürm herumkriechen. Nur die Philosophen versuchen, an den Haaren
nach oben zu klettern. Elena stimmte der Kritik zu. "Auch ich finde
das Bild unhygienisch. Ich mag mir einfach nicht vorstellen, dass es in
dem Kaninchenfell von Würmern wimmelt, selbst wenn es nur symbolische
sind." Sie nahm Kuschel an sich: "Jedenfalls hast du ein sauberes
Fell und bist ein ganz liebes Tier."
"Statisch gibt es auch Probleme, wenn so ein Philosophenwurm an einem
Haar hochklettert", ergänzte Iris. "Aber das mit den Postkarten
ist schon geheimnisvoll. Bin gespannt, was daraus wird."
"Das hängt zusammen: die Philosophenpost und die Hilde-Postkarten.
Lässt sich voraussehen!"
"Schon peinlich, wenn die Mutter mit dem Kuvert des Philosophen aus
dem Briefkasten ankommt", konnte sich Iris in die Situation der Buchheldin
versetzen und dachte daran, wie ihr Vater mit Heurekas Ausdruck angekommen
war.
Da Elena noch nicht so weit gelesen hatte, ließen sich jedoch keine
weiteren Erfahrungen austauschen. Zudem war es ohnehin schon nach Fünf,
also bald Zeit für die Kontaktaufnahme.
Nachdem die Verbindung hergestellt und berichtet war,
dass sie sich mit dem "Lehrbuch" von Gaarder bereits - und inzwischen
gerne - beschäftigten, mussten natürlich die erstaunlichen Gemeinsamkeiten
ihrer Situation mit derjenigen Sofies angesprochen werden. Die Antwort
Heurekas war allerdings nüchtern und eher enttäuschend:
Geheimnisvoll ist an der scheinbaren Ähnlichkeit eigentlich nichts,
wenn wir logisch vorgehen: Zunächst einmal habe ich gewissermaßen
mit meiner gestrigen Warnung, ihr sollt Realität und Buchinhalt nicht
verwechseln, einen Köder ausgelegt oder - um es vornehmer zu sagen
- euch sensibilisiert. Denn wenn man aufmerksam ist, nimmt man besser
wahr. Um nicht in der Flut der Eindrücke, die unsere Sinne aufnehmen,
zu ertrinken, filtern wir nämlich ständig aus und konzentrieren
uns bewusst oder unbewusst auf bestimmte Interessensbereiche.
"So wie bei Tonaufnahmen", musste Iris ihr erst vor einer Woche
schmerzlich gewonnenes Wissen kundtun. Da war nämlich ihr Lieblingsschauspieler
zur Autogrammstunde in der Stadt gewesen. Sie hatte sich extra ein Tonbandgerät
ausgeliehen, um eine Aufnahme zu machen. Obschon sie ihn klar und deutlich
hatte verstehen können, war nachher auf dem Band ein Wust von blödem
Geplapper, Rufen, Türeschlagen, Stühlerücken und wer weiß
was zu hören, und das, worum es ihr ging, war kaum zu verstehen.
Sie hatte sich maßlos geärgert.
Letztlich habt ihr durch meinen Hinweis Argumente dafür finden wollen,
eure und Sofies Situation gleichzusetzen. Aber alle Jugendlichen beschäftigen
sich nun einmal mit Robotern. Also nichts Besonderes. Auch sollte es ganz
normal sein, dass man in eurem Alter über sich und seine Rolle in
der Welt nachdenkt. Ebenso normal sind Haustiere. Dass man - ganz anders
als in Kindertagen - nicht mehr gerne mit den Eltern spricht und seine
Geheimnisse hat, ist ebenso nicht ungewöhnlich.
Aber es freut mich, dass euch das Buch gefällt. Lest es nicht zu
schnell, denn ich will mich nach und nach darauf beziehen. Dies ist eine
ganz bewusste Ähnlichkeit, denn schließlich ist die größte
Gemeinsamkeit mit Sofie die, dass auch ihr einen Fernkurs in Philosophie
macht. Aber das alleine soll es nicht sein. Denn ihr habt eigene Fragen,
auf die es einzugehen gilt. Zudem bedrängen mich meine herrenlosen
Antworten. Gerade habe ich wieder eine gefunden, die einige Unruhe in
meinem Archiv verursacht und eine intensive Behandlung braucht.
Data fände es nett, einmal mit euch selbst zu reden, und - das denkt
ihr euch sicher - es gibt noch mehr Kunden, um die ich mich kümmern
muss. Ein persönliches Treffen im größeren Kreis erscheint
mir daher durchaus angebracht. Aber das muss vorbereitet werden. Wundert
euch daher bitte nicht, wenn ich mich zu den vereinbarten Zeiten nicht
immer persönlich melde, sondern einige Multimedia-Klips für
euch laufen: Einen Videotreiber und Soundboxen hat der PC eures Vaters
ja. - Und wundert euch auch nicht, dass euch dann wieder eine Parallele
zu Sofies Welt auffällt! Aber an Multimedia ist nichts Geheimnisvolles,
und, ihr wisst ja, wir sind die Realität.
Also, bis bald!
"Uff", kommentierte Iris, "das ist viel versprechend, wobei
das mit Data natürlich nur ein Witz oder wieder so ein Sensibilisierungstrick
ist."
"Oder meinst du", schwang neben Hoffnung etwas Furcht bei Elena
mit, "der Schauspieler von Datas Rolle könnte gemeint sein und
tatsächlich zu einem Treffen mit uns kommen?"
"Glaub ich nicht. Überhaupt ist das mit dem Treffen wenig realistisch.
Wer weiß, wo die Typen alle wohnen? Und Heureka erst? Ehrlich, so
ein Dutzend Knackis, die alle nach dem Sinn des Lebens ächzen oder
aus jeder Ecke ihr verschüttetes Selbst vorkramen wollen, fänd
ich horrormäßig."
"Immerhin sind wir auch solche Knackis! Zumindest angehende. Und
vielleicht ist es gar nicht so beknackt. Jedenfalls werde ich jetzt weiterlesen!"
In Sofies Welt erreichte Elena den Abschnitt, in dem
der Unbekannte von der Gewöhnung schreibt, davon, dass der Philosoph
stets staunen und sich wundern sollte wie ein Kind und nicht wie die meisten
Menschen die Welt einfach akzeptieren und es sich im Kaninchenfell gemütlich
machen könne.
Wieder dieses Kaninchenfell! Obwohl es zum Sich-Gemütlichmachen passt.
Sie hat sich gewiss noch nicht an alles in der Welt gewöhnt und wunderte
sich: Wenn das alles ist, um Philosophin zu sein! Aber schließlich
muss man sich auch an die Welt gewöhnen und aus ihr seine Eindrücke
filtern, wie Heureka sich ausgedrückt hatte, wenn sich nicht ein
chaotisches Sammelsurium ergeben soll. Würde sie sich beispielsweise
auf dem Schulweg für jeden Hund begeistern und für jedes Blümchen,
dann käme sie immer zu spät und hätte ganz schönen
Ärger. So war das mit der kindlichen Verwunderung und Aufnahmefähigkeit
bestimmt nicht gemeint. Wohl eher allgemein und eben nicht wie bei den
Leuten im Reisebus zu Pfingsten. Da hatten sie nämlich einen Ausflug
mit einer Gesellschaft gemacht und ständig von Mitreisenden hören
müssen, dass dieses sie an ihren letzten Urlaub erinnere und jenes
längst nicht so großartig sei wie da und dort. Egal, was sie
auf der Tour auch sahen, immer musste sich Elena anhören, dass es
offensichtlich nur die schlechtere Variante von etwas ist, das diese Leute
schon kannten. Das hatte sie furchtbar geärgert, denn sie fand vieles
ganz toll. Da hätten die Mitreisenden, besonders diese zickige Lehrerin,
doch gleich zu Hause bleiben können, wenn sie gar nichts sehen und
neu erleben wollen. Das ist es wohl, was der Sofie-Philosoph meint, wenn
er sagt, Erwachsene könnten einfach nicht mehr über die Welt
staunen, nehmen alles hin oder behandeln alles als normal und weitgehend
uninteressant, eben alltäglich und damit wertlos.
Ist man nicht schon so gut wie tot, wenn einen nichts mehr zum Staunen
und Freuen und Fragen bringt? Müssen darum solche Menschen in immer
fernere Länder reisen, zu immer flippigeren Partys gehen, die neueste
Mode tragen oder an Gummibändern von Brücken springen: Damit
kurzlebige Reize ihnen signalisieren, dass sie noch leben, es noch irgendetwas
zu erleben gibt? Sie wollte sich lieber täglich neu darüber
wundern, dass es sie selbst, Elena, gibt und kleine Knöteriche in
Pflasterfugen und Wolken, die wie Schäfchen aussehen, und Regen und
die Gedanken anderer Menschen, die sie lesen kann, im Buch. Mit diesem
Entschluss wandte sie sich wieder Sofie zu.
Der Philosophiekurs beginnt mit den Mythen, den Göttererzählungen.
Elena wurde klar, dass man sich mit den mythischen Erzählungen die
Wirklichkeit erklärt, die Geschichten in bildhafter Form Antworten
auf Grundfragen geben, wie auf die nach Anfang und Sinn der Welt, dem
Leben und den Menschen. Die Bilder und Figuren stammen aus Lebenserfahrung:
In der Savanne würde kein Delfin in eine Göttersage geraten
und auf einer Südseeinsel kein Löwe. Damit schenken sie das
nötige Vertrauen, werden wahr, werden zu Symbolen für die Prinzipien
der Welt, werden zusammen zum Weltbild.
Heute, so überlegte sie, lächelt man vielleicht über die
alten Weltanschauungen oder hält Mythen für Märchen. Aber
besitzen wir eigentlich ein so viel besseres Erklärungsmodell für
die Welt? Ist die Urknalltheorie etwas anderes als ein Schöpfungsmythos
der modernen Wissenschaft? Sagt sie mehr, als dass die Welt einen Anfang
hat und man dennoch nicht weiß woher und warum? Und die Evolutionstheorie,
sagt sie mehr, als dass es seit jenem Knall eine Entwicklung gibt, an
der wir teilnehmen? Sagt sie warum und wozu? Ist der Unterschied eigentlich
so groß zwischen unseren Erklärungen mit dem Wirken von Kräften
und dem Wirken von Göttinnen und Göttern? Zu diesen Göttern,
die voll im Geschehen der Welt standen, konnte man wenigstens Beziehungen
aufbauen ...
Jedenfalls ist es gar nicht so übel, einmal über verschiedene
Weltbilder nachzudenken. Gibt es wohl noch mehr Erklärungen als die
mythischen oder mystischen Vorstellungen - der Unterschied war ihr nicht
so klar - und die wissenschaftliche? Was für eine Vorstellung hat
Kuschel von sich und der Welt? Kann sich das Tierchen ein mythisches Bild
machen, vielleicht mit der Menschenmutter als Futtergöttin? Oder
akzeptiert es einfach alles, wie es nun einmal ist, ohne auch nur im Geringsten
nach irgendeiner Erklärung zu fragen oder eine zu benötigen?
Wozu sollte Kuschel so etwas wie eine Erklärung und einen Mythos
brauchen? Schließlich bekommt sie ihr Futter selbst dann, wenn sie
dafür keinen Grund sieht, ja nicht einmal im Entferntesten auf die
Idee kommt, dass es eine Erklärung für Futter geben könnte.
Sind Erklärungen nicht völlig überflüssig?
Und angenommen, das Meerschweinchen hätte eine eigene Erklärung,
dann könnte es sie doch keinem anderen Wesen mitteilen. Alle seine
Vorstellungen und die aller anderen wären also gleich richtig oder
falsch, jedes Bild der Welt die beste Deutung. Sind Mythen demnach so
etwas wie die Einigung auf eine gemeinsame Vorstellung, ein gemeinsam
ausgemaltes Bild?
Ja, so muss es wohl sein. Die Welt braucht bestimmt keine Erklärung,
und die Dinge in ihr auch nicht. Nur das Denken über die Welt will
Erklärungen - heureka, jetzt hat sie es! -, weil sich ein denkendes
Wesen seiner selbst bewusst sein will. Und Sozialwesen brauchen wohl so
etwas wie ein gemeinsames Bewusstsein. Darum gab und gibt es bei allen
Völkern Mythen. Aber wenn die Erklärungen so unterschiedlich
sind, dann können sie ja nicht alle richtig sein. Man muss doch Ausgedachtes
von wirklich Wahrem unterscheiden können ...
Dieser Thales von Milet, von dem sie nun las, der hat wohl den Weg gewiesen.
Den interessierten nicht die Dinge als solche, die physis. Vielmehr wollte
er wissen, was das Wesen der Dinge ist, was dahinter steht. Thales war
der erste Metaphysiker. Er dachte einfach logisch und entlarvte diese
Götter-Intrigen als Menschenfantasie. Er ersetzte die Personen durch
ein Prinzip: Hinter allem und in allem steckt etwas Gleiches, Ursprüngliches,
das er mit dem Bild vom Wasser veranschaulicht. Es zeige sich stets in
neuer Gestalt, mal als Regen, mal als Bach, als Meer, Eis oder Dampf.
Dennoch bleibt es in allen Erscheinung Wasser, in der Vielfalt das Eine.
- Der Junge hatte echt was drauf, und Philosophie scheint sogar spannend
zu sein!
Im Netz
Iris zappte sich derweil durch die Fernsehkanäle:
Spielshow, Werbung, Nachrichten, Werbung, Werbung, Sport, Volksmusik,
Werbung, Serie, Werbung, Serie, Pop, Talkshow, Werbung, Krimi, Spielshow,
Pop. Mit dieser ziellosen Suche wollte sie der Ratlosigkeit entgehen,
den inneren Leerraum überbrücken, der sich plötzlich aufgetan
hatte, wollte fliehen, sich betäuben. Nichts passte mehr zusammen
seit diesem Angsttraum: Bruchstücke von unbeantworteten Fragen, ein
versprochenes Abenteuer, das nun auf ein Treffen mit Unbekannten hinauszulaufen
scheint - was ihr überhaupt nicht passt. Wer weiß, auf was
man sich da einlässt? Womöglich eine Sekte, ein übler Verkaufstrick
oder Schlimmeres, gar ein Kinderschänder? Nein, genau dieser Punkt
passte ihr überhaupt nicht.
Werbung, Talkshow, Sport, Erotik, Volksmusik, Werbung, Pop, Serie, Werbung,
Action, Serie, Pop, Talkshow, Werbung, Pop, Krimi, Spielshow. - Angenommen,
es steckt wirklich ein Philosoph dahinter, ist es dann nicht ebenso dumm
weiterzumachen? Bisher war sie ganz gut und mit weniger Problemen zurechtgekommen.
Das Philosophenzeug ist doch aufgesetzt und überflüssig! Warum
sollte sie ein bescheuertes Sofie-Buch lesen, warum es sich nicht im Kaninchenfell
gemütlich machen, warum nicht Data Gefühle zuschreiben, ohne
wenn und aber?
Comedy, Sport, Werbung, Talkshow, Sport, Volksmusik, Nachrichten. Oh,
ein Tierfilm. Ach, den kennt sie schon. Werbung, Quatsch, Pop, Krimi,
Serie, Werbung. - Die Philosophiererei mag was für Elena sein. Die
ist ja ein Streber. Immer gute Noten. Liest sogar in der Tageszeitung.
Ist natürlich jetzt auf einmal voll dabei. Und das, obwohl es eigentlich
ihre Sache ist. Sie, Iris, hatte schließlich die mysteriöse
Stimme und die Bildschirmnachricht registriert, sie hatte Heureka im Internet
gefunden. Aber klar, ihre Schwester verschlingt jetzt den ollen Schmöker,
schlägt bestimmt sogar Begriffe nach, glaubt den ganzen Heureka-Quatsch
und findet ihn sicher supertoll.
Werbung, Talkshow, Sport, Volksmusik, Sport, Action, Erotik, Werbung.
- Elena ist wirklich genauso beknackt wie das liebe Fräulein S. aus
diesem Schinken. Welches normale Mädchen begeistert sich für
Fragen wie Gibt es einen Urstoff? und schwindelt sogar seiner Mutter vor,
es bekäme Liebesbriefe, nur um heimlich einen Philosophiekurs zu
machen! Sie hätte diesem Arsch etwas anderes erzählt, wenn er
ihr anonyme Briefe geschickt und versucht hätte, sie an der Nase
herumzuführen. Heureka ist bestimmt von der gleichen Sorte. Sie macht
da nicht mehr mit. - Werbung, Talkshow, Volksmusik, Werbung, Nachrichten,
Pop, aus.
Iris ging Kuschel streicheln und konnte, verdammt noch mal, die Fragen
nicht verdrängen, ob das kleine Tier richtige Angst empfindet, sich
seiner selbst bewusst ist, sich etwas Nicht-Alltägliches vorstellen
kann, womöglich gar, so wie sie, echt gefrustet sein kann ...
Zugegeben, die Ankündigung von Heurekas Videosequenzen klang nicht
uninteressant. Zu irgendeinem Treffen kann sie schließlich nicht
gezwungen werden. Eigentlich wäre es ganz interessant, ihn zu enttarnen.
Und herauszufinden, wer Sofies Briefschreiber ist, sollte zumindest unterhaltsam
sein. - So las Iris doch im Buch weiter und müsste sich über
diesen Thales ärgern. Entzaubert der doch einfach den Götterglauben
und ersetzt die bunten, so schön zu lesenden und auszumalenden Geschichten
von himmlischem Zank und göttlichen Listen und Abenteuern durch langweilige,
alltägliche, fantasielose Physik. - Oh arme Welt!
Am nächsten Mittag, Vater war zum Glück nicht im Haus, lag ein
elektronischer Brief von Heureka in der Mailbox, den Iris ausdruckte,
mitnahm und las:
Hallo,
was machen die Studien?
Ich hoffe, ihr habt inzwischen schon von den Vorsokratikern gelesen, den
griechischen Denkern vor dem wichtigen Philosophen Sokrates. Die stellten
dem Mythos das sachliche, logische und begriffliche Denken gegenüber.
Und damit begann die westliche Philosophie und der ganze Ärger, denn
vorher war die Welt unmittelbar und einfach mit in Bilder und Geschichten
übersetzte Erfahrungen der Natur zu verstehen gewesen. Kennt man
- um ein Beispiel zu geben - das Feuer und das Rad, so ist die Beobachtung,
dass die Sonne scheinbar über den Himmel zieht, damit zu erklären,
dass ein Feuerwagen über das Firmament fährt. Natürlich
muss der Wagen gesteuert werden; auch das lehrt die tägliche Erfahrung.
Also gibt es einen Lenker. Nun ist es zweifellos wichtig, dass der Sonnenwagen
auch künftig und täglich fährt. Also muss man sich mit
dem Wagenlenker oder dem, der dessen Herr ist, gut stellen, ihm immer
wieder versichern, dass man ihn verehrt (anbetet) und dankbar ist, was
man durch Opfer bezeugt.
Die Mythen geben Erklärungen und auch Anweisungen. Sie machen das
Fremde griffig. Vor allem Unbekannten und dem, was man nicht beeinflussen
kann, hat der Mensch nämlich Angst. Was man sich erklären kann,
verliert von seiner Bedrohung. Geben wir den Dingen Namen, so meinen wir,
sie auch zu kennen. Stellt man durch eigenes Tun auch noch eine aktive
Beziehung her, dann wird das zuvor Angsteinflößende beherrschbarer,
vielleicht sogar nützlich. Die Beziehung zum Übermenschlichen
bedarf selbstverständlich einer angemessenen Form, braucht Regeln,
nach denen man verfährt: Die kultischen Handlungen oder Riten machen
aus dem zuvor nur ausgelieferten Teil der Weltordnung einen mitwirkenden.
Kleidet man das Ganze dann noch in ein Geheimnis, so kommt es zur religiösen
Steigerung. Schon Plutarch - ein alter Römer - schrieb: Gerade das
Geheimnis erhöht den Wert dessen, was man erfährt. Selbst die
Grundangst, nämlich diejenige vor dem Tod - und die kann, da stimmt
ihr mir wohl zu, nur ein Wesen haben, das weiß, dass es sterben
wird, sich des Todes (was immer das ist: schon wieder ein zurückzustellendes
Problem!) bewusst ist -, kann so zur Furcht gemildert werden. Ja, es kann
sogar die Wandlung zum Positiven gelingen, etwa durch den Glauben an ein
besseres Leben nach dem irdischen Tod.
Riten und Zeremonien sind gleichsam Gefäße, solche Glaubensinhalte
aufzunehmen, zu sammeln und - möglichst spannend - wieder verfügbar
zu machen. Leider bleibt später oft nur die Hülle übrig:
Man befolgt die Regeln und vollzieht die Handlungen eher mechanisch und
bemerkt nicht, dass sie längst sinnentleert sind. Nahezu alle Kirchen
demonstrieren dies meisterhaft.
Im engeren Sinn bezeichnen wir die Göttersagen als Mythen. Doch sind
sie nur ein Ausdruck des mythischen Denkens, das eine urzeitliche, lange
vorherrschende und auch heute noch wichtige Art des Denkens ist. Das mythische
Denken ist denken in Bildern und Zusammenhängen, ist anschaulich
und vieldeutig, assoziativ und kennt kaum Subjekt und Objekt. Es ist ein
Denken ähnlich unseren Träumen, die uns, erwacht, vielleicht
noch kurz erfüllen, beglücken, bedrohen, beherrschen, schnell
aber als unlogisch, sprunghaft, irreal vergessen werden. Mit dem Erwachen
verlassen wir das Universum ohne Zeit und Kausalität, betreten das
neue, das die Vorsokratiker wesentlich mitschufen. Denn sie stellten zunehmend
dem mythischen Denken die Rationalität oder Vernunft gegenüber:
Heraklit führte den Logos ein und suchte nach dem geordneten Weltganzen
oder dem Prinzip. Insbesondere Thales sprach dann Tacheles: Er fand deutliche
Worte dafür, dass diese vermenschlichten Götter nur Erfindung
seien und keine vernünftige Ordnung herrschen könne bei einem
Himmel voller sich zankender oder Scherze treibender, oft ganz schön
verlotterter Wesen. Stattdessen wollte er - ich hoffe, ihr habt es schon
gelesen -, ebenso wie seine Kollegen nach ihm und heute noch viele Naturwissenschaftler,
alle Dinge in der Welt auf einen Urstoff oder ein Prinzip, eine allgemeine
Regel zurückführen. Das stand in krassem Gegensatz zum Glauben
an die Erschaffung und Steuerung der Welt durch menschenähnliche
und von Menschen beeinflussbare Götter.
Dieses neue Denken, also das Verstehen von Naturvorgängen ohne Rückgriff
auf den Mythos und ohne Beeinflussung durch Riten, entzweite erstmals
die entstehende Naturwissenschaft von der Religion. Die Folgen reichen
bis in unseren heutigen Alltag. Ich könnte euch dieses E-Mail nicht
senden, hätten Thales und andere Philosophen aus Milet nicht die
unpersönlichen Ursachen in eine Welt eingeführt, die vorher
nur Urheber, also handelnde Wesen kannte. Weil die Natur unpersönlich
wurde, entzog man ihr jedoch auch Ehre, Furcht und Liebe, verlor sie an
Wert, steht sie nun auf dem Spiel. Denn mit der Abkehr vom Mythos und
der Abtrennung wissenschaftlicher Erklärungsmodelle von religiösen
wurden auch die Brücken, die bis dahin getragen hatten, unbrauchbar.
Und ohne mythisches Denken, ohne Träume, ohne Bilder, die uns erfüllen,
leben wir nur auf der rationalen Oberfläche, aus der keine Kunst
entspringen und auf der kein Glaube wachsen kann, es keine Liebe gibt.
Die Mythen erklärten Ursprung und Sinn, gaben Moral und Hoffnung.
Denkt etwa an die Prometheus-Sage. Dieser Titan formte aus Ton die Menschen,
denen Pallas den Odem einblies. Dann lehrte er sie alles Nötige,
außer die Götter zu ehren mit Opfer, Gebet und Gehorsam, wie
es gefordert war. Mehr noch, Prometheus stahl für sie das Feuer vom
Sonnenwagen. Die Strafe musste in moralischer Konsequenz folgen. Zeus
ließ ihn für Jahrhunderte an den Kaukasus schmieden. Herkules
jedoch erbarmte sich, erlöste ihn und stieg sogar für ihn in
den Hades hinab. - Die Parallelen zu vielen anderen Mythen und zur Bibel
sind offensichtlich.
Mythisches und rationales Denken sind also zwei Wege zur Beantwortung
unserer Grundfragen, und in zwei großen Pendelschlägen versuchten
später die voneinander getrennten Kräfte des Glaubens und des
rationalen Wissens jeweils zu dominieren: Im Mittelalter unterdrückte
die Religion die Wissenschaft, in der Neuzeit machte die Wissenschaft
die Religion scheinbar überflüssig. Doch aus Einseitigkeit kann
kein neues Ganzes entstehen, wie es der Zukunft unabdingbar ist. Der Philosophie,
die weder Religion noch Wissenschaft oder aber beides zugleich ist, fällt
daher die Aufgabe zu, die dritte Variante, die Synthese, zu begründen.
Das kann sie, weil Philosophen furchtbar gerne streiten. Denn zur Verschmelzung,
zur Reaktion von These und Antithese, aus der das Neue entsteht, braucht
es Energie. Gigantisch ist die Streitenergie der Jünger des Platon
einerseits und andererseits des Aristoteles. Nutzen wir sie!
Doch wir dürfen uns nicht auf die Denker beschränken, sondern
müssen uns auch mit dem Denken beschäftigen. Das aber ist ohne
Leben unvorstellbar, das seinerseits nur Teil der ganzen Natur ist. Somit
reicht es nicht, lediglich auf die Anfänge der westlichen Philosophie
zurückzublicken. Nein, wir müssen bis zu den Anfängen der
Welt zurück und uns mit dem Wunder des Werdens, der ersten Geburt
aus der geschenkten Möglichkeit beschäftigen.
Es ist ein langer und gewundener Weg durch Zeit und Raum und Möglichkeit,
auf den wir uns begeben wollen. Darum jetzt genug, denn ich habe noch
einiges vorzubereiten. Schließlich soll mein Programm besser sein
als dasjenige, das du, Iris, beim Zappen gefunden hast.
Dieser Mistbock! Wie kommt er jetzt wieder auf's Zappen? Er kann schließlich
kein Hellseher sein oder Geist oder ... Scheiße!: Der beobachtet
und verarscht mich total, kaum dass ich wieder auf Kurs bin. Da hatte
sie ihr Gefühl doch nicht getrogen. Schluss jetzt, endgültig!
Soll sich doch die kluge Elena allein verschaukeln lassen. Man wird schon
sehen, wer hier den Durchblick hat! - Den zerknüllten Ausdruck warf
sie ihrer Schwester vor die Zimmertür und ging in den Keller, den
Punchingball malträtieren.
Nachdem Iris sich in Schweiß geschlagen und den Rest ihres Ärgers
noch bei Kuschel abgebaut hatte, fasste sie jedoch einen anderen Entschluss:
Sie würde diesen Heureka weder so billig siegen lassen noch ihm auf
den Leim gehen. Soll er doch sein Kasperltheater spielen, das kann sie
nur amüsieren! Sie wird mit ihm (oder ihr?) spielen, ihn (oder sie?)
mit Fragen bombardieren, im Netz seiner eigenen Fäden fangen. Ja,
das wird ihr Abenteuerspiel: unter ihrer Regie. Auf so einfache Bauernfängertricks
wird sie nicht hereinfallen. Auch das mit dem Zappen war bestimmt nur
ein Schrotschuss: Die Richtung stimmte, denn wer switcht sich nicht von
Zeit zu Zeit gelangweilt durch die Programme? Mit etwas Glück saß
halt ein Kügelchen im Ziel. Wer weiß, wie viele Kids der Typ
so beeindrucken wollte.
Da Elena noch immer nicht da war, glücklicherweise der Vater auch
nicht, druckte Iris an dessen PC Heurekas Brief noch einmal aus - jedoch
ohne den Schlusssatz -, kopierte den Text auf eine Diskette, löschte
die Mitteilung in der Mailbox und deponierte das Schreiben vor Elenas
Zimmertür. Dann ging sie zu ihrem Rechner, definierte ein Verzeichnis,
in dem sie die E-Mail speicherte, und legte ein Datenblatt zu Heureka
an und schrieb:
Momentaner Wissenstand: Name Heureka. Griechisch für Ich habe es
gefunden! Weist auf Liebe zur Klassik hin. Philosophisch interessiert.
Sicher intelligent. Kennt sich mit Computern und Sciencefiction (zumindest
Star Trek) aus, daher wohl nicht uralt. Internetanschluss mit .de, daher
anzunehmender Wohnsitz: Deutschland. Möglicherweise gefährlich!
Nun, sehr viel war das nicht, aber ein Anfang.
Um halb Sechs saßen die Schwestern, jede mit
unterschiedlichen Erwartungen und Absichten, am Computer. Erst freudig,
dann verwirrt stellten sie fest, dass Heureka inzwischen eine Infoseite
mit Hypertext eingerichtet hatte. Nun konnte man innerhalb einer Bildschirmseite
unterstrichene Wörter und Textzeilen anklicken und dadurch auf andere
Ebenen verzweigen:
H. HEUREKA, freut sich über Ihren virtuellen Besuch.
Ich halte, was der NAME verspricht.
Sie suchen ANTWORTEN? -- Ich habe sie.
Derzeit SONDERVERKAUF von erdfrischen Antwortfragmenten, zumeist gut
erhalten.
Momentan im Programm:
-- SEINSFRAGENGENERATOR
-- LAST MINUTE ZEITREISEN
-- HOLISTISCHE APHORISMEN
-- (R)EVOLUTIONÄRE GEDANKEN
-- NEUES AUS DEM JENSEITS
-- INTERSTELLARE BEZIEHUNGSKISTEN
-- ETHISCHE LADENHÜTER
-- ENDE
"Ja, spinn ich denn?", entfuhr es Elena,
während Iris durch die Zähne pfiff und sich bestätigt fühlte:
"Das ist doch ein Verrückter, Scharlatan oder dubioser Geschäftemacher."
Selbstverständlich klickte sie zuerst auf den Namen HEUREKA, um mehr
über den Unbekannten zu erfahren. Es erschien jedoch lediglich die
Mitteilung:
Aktivierbar erst ab Level 5. Sie haben Level 0.
Die Schwestern sahen sich an, und es klang wie aus einem Mund: "Ein
Computerspiel!"
Nun war Iris' Spielernatur erwacht: "Das Game spiel ich gern; Heureka
wird geknackt!"
Elena dagegen war enttäuscht: "Ich hatte tatsächlich gedacht,
da wäre ein echter und vernünftiger Gesprächspartner im
Netz. Es ließ sich eigentlich ganz gut an. - Wobei ..., das könnte
auch wieder ein Trick oder Gag von Heureka sein. Vielleicht will er uns
nur was vorgaukeln oder hat so einfach seine Infoseite spannender gestalten
wollen. Probier mal weiter!"
Diese Aufforderung war überflüssig und kam schon zu spät,
denn natürlich hatte Iris, deren Augen nun Zielstrebigkeit, ja beinahe
Besessenheit ausdrückten, schon mit der Maus auf das Wort Name geklickt.
Es erschien:
Nomen est Omen,1) sagt der Lateiner.
Bitte geben Sie Ihren Namen an -- oder kennen Sie sich nicht? 2)
Name:_______________________________________________
Ort:_________________________________________________
Zweck der Kontaktaufnahme:____________________________
____________________________________________________
1) Weissagungen führen wir nicht.
2) Selbstbewusstsein wird vorausgesetzt. Selbstfindungskurse können
vermittelt werden.
"Sollen wir?", fragte Iris eigentlich mehr
sich selbst als ihre Schwester und gab gleich die Antwort: "Spielen
wir doch das Spielchen." Dann tippte sie:
Unbenannt und Unbekannt
Auf dem Weg von nirgendwo nach irgendwo
Ratten fangen
Kaum waren die drei Zeilen eingegeben, ertönte zu ihrem Schreck eine
Stimme:
"Identifizierung: Iris und Elena.
Erste Eingabe: originell.
Zweite Eingabe: philosophisch.
Dritte Eingabe: frech und mich traurig stimmend, schließlich gebe
ich mir viel Mühe mit euch."
"Schleimer!", kommentierte Iris. Doch Elena war blass geworden:
"Hast du die Stimme nicht erkannt? Das war Data! ... Und das Ratten
fangen war wirklich blöd. Du bist überhaupt heute so aggressiv
..."
"Mit Recht, lieb Schwesterlein, mit Recht! - Aber Datas Stimme, bist
du da sicher?"
"Er war's, da bin ich ziemlich sicher. Wir sollten uns entschuldigen.
Tipp was ein!"
"Ich denk gar nicht dran! Merkst du denn nicht, wie der Typ uns und
wer weiß wen noch alles anschmiert? Da passt eine verstellte Data-Stimme
genau ins Bild. Wie du mir, so ich dir, das ist mein Motto! - Entschuldigen?
- Da würde der sich in die Hose machen vor Lachen! Näh!"
Da sich weiter nichts tat, gingen sie zur Homepage zurück, und Iris
klickte auf Antworten. Es erschien der Text:
Irrtümlicherweise meinen die meisten Menschen, es gäbe zu viele
Fragen und zu wenige Antworten. Tatsächlich aber ist der Vorrat an
Antworten geradezu unerschöpflich. Das eigentliche Problem ist, die
zugehörigen Fragen zu finden.
Neben dem Text war ein Icon mit einer Filmszenenklappe positioniert. Während
Elena über den Sinngehalt des Textes nachzudenken versuchte, der
in Heurekas Brief schon einmal angeklungen war, hatte Iris ihr Urteil
bereits gefällt: "Kommt sich großartig originell vor,
unser Heureka. Mal sehn, was er uns denn hier schönes bietet."
Sie klickte auf das Icon und aktivierte damit eine Filmszene.
Zu sehen ist ein alter gebeugter Mann in einem höhlenartigen
Raum: "Packen wir's an!", ermuntert er sich und beginnt, den
Staub der Vergangenheit von ungefragten Antworten zu schaben. Mächtig
sind die Schichten, verkrustet und hart. Doch dann schimmert eine erste
Antwort hervor, wird der matte Abglanz eines größeren Fragments
sichtbar.
Vorsichtig kratzt er, nimmt die Bürste der Erkenntnis zur Hilfe,
löst das Stück mit dem Hebel der Zeit heraus. "Aha!"
Fachmännisch dreht und wendet er die Antwort, prüft sie mit
dem geistigen Finger, taxiert. Dann beschriftet er das Fundstück
mit Antwort: Möglichkeitsraum. In Regal Lebensfragen, Klasse Schöpfungsideen.
Nähere Zuordnung fraglich. Dieses Regal quillt bereits über,
trägt die Last der Antworten, zu denen nie die passende Frage gestellt
wurde, trägt die Fülle der Erkenntnisse, für die es noch
keinen Erkennenden gibt.
"Sehr schön", sagt der Alte zu sich selbst: "Drei
bessere Antworten heute Morgen. Das langt. Mittagspause!"
Während man ihn im Hintergrund am Tisch sieht, ertönt die Stimme
eines Sprechers: "Lassen wir ihn in seiner verdienten Pause und die
Antwort auf eine Lebensfrage im Regal der späten Erkenntnis ruhen.
- Ruhen? Nein, das gewiss nicht; denn die Antwort wird aktiv, schleicht
sich in jedes Gehirn, mehr oder minder drängend, kürzer oder
länger besetzend, suchend nach der Frage. Möglichkeitsraum ist
die Antwort, ist Erklärung, Modell. Doch wovon? ... Wir werden es,
glaubt es mir und euch, herausfinden und merken, dass wir es schon immer
wussten.
Mit anderen Antworten im Regal wie Das Universum krümmt sich in sich
selbst zurück oder Zeit ist die Summe der Vielfalt wird es uns ähnlich
gehen. Wir werden die Zusammenhänge finden, werden sie erfinden.
Wir werden die angehäuften Fragmente und neue, die er oder ihr ergrabt,
verschmelzen zu der einen Frage, auf die ihr selbst die Antwort seid!"
Der alte Mann, das sehen die Schwestern nun, hat seine Pause beendet.
Auch in ihm, den die Fülle der Antworten umgibt wie andere Mineralien-
oder Kunstsammlungen, hat sich der Möglichkeitsraum eingenistet.
Ein gutes Zeichen, das weiß er aus Erfahrung. Eine drängende
Antwort, eine, die reicher macht!
"Also nicht nur drei bessere, sogar eine gute", murmelt er zufrieden,
nimmt die letzte Antwort noch einmal zur Hand, lässt sie wirken,
in sich dringen. - Ja, die erste Taxierung war richtig, drängt sich
verstärkt auf: Schöpfungsideen. Warum? Schöpfung, Erschaffung,
Idee und Realisation, Gestaltwerden aus Möglichkeit. Ja! - Doch Raum,
wieso Raum? - Vielfalt, Fülle in Potenz der Dimensionen?
Schön zu spüren, wie die Antwort ausschwärmt, assoziiert,
anregt. Ja, eine gute Antwort, ein sehr gute, dessen ist er nun sicher.
Er legt sie auf den Spieltisch drängender Lösungen, überlässt
sie dort mit anderen Antworten, die sie schon erwarten, dem Wirken von
Zufall und Notwendigkeit.
Nach einer Blende sehen die Mädchen den Sammler, irgendwann später,
in seiner Bibliothek. Hier, so weiß er, entdeckt er die meisten
Fragen: die Gedanken der Sucher, die Träume der Forscher, die ungestillten
Hoffnungen der Poeten, den leeren Wahn der Fanatiker. Hier wird er, so
der Zufall und seine inspirative Selektionsmethode es wollen, eine Zuordnung
finden.
Der Möglichkeitsraum, obschon noch unzureichend aufbereitet, drängt
sich erneut und begierig auf. Er treibt den Alten achtlos an den Sälen
mit der Literatur der exakten Naturwissenschaften vorbei, an den Kriminalromanen
und Gedichten, selbst an Philosophie und Religion, hin zum Gewölbe
mit der Evolutionsliteratur. Auf dem Weg dorthin, einer spontanen Eingebung
folgend, betritt er die Halle der Fiktionen und Fanasien, streift an Regalen
entlang, zieht Per Anhalter durch die Galaxis heraus. Ach ja, der Unwahrscheinlichkeitsantrieb!
Mit dem unendlichen Unwahrscheinlichkeitsdrive im Nichtigstel einer Sekunde
durch den Hyperraum. - Vielleicht ein Indiz: Unwahrscheinlichkeit, Möglichkeit,
Raum ...
Zumindest, so schmunzelt der Alte, wäre kein Antrieb geeigneter,
in den Möglichkeitsraum vorzustoßen, als der der Unwahrscheinlichkeit.
Aber sie ist nicht die Frage zur suchenden Antwort. Also weiter. Philosophie:
Bruno, ein unendlicher Kosmos, eine unendliche Schöpfung. Ja, das
gehört dazu. Oder doch lieber zur Evolution? Der Sucher greift zur
Selbstschöpfung des Universums, zu Prigogines Werken, nimmt Bücher
von Ditfurth, Riedl und Hawking (warum steht der hier?) zur Hand, greift
ein dünnes Bändchen, Manuskript nur, kaum der Rede wert: (R)evolutionäre
Gedanken. Autor unbekannt. Voller Fragen, Widersprüche, Ungereimtheiten.
Der Alte blättert, überfliegt, liest auszugsweise: "Realität
ist die eine Möglichkeit. Sie verdeckt die Fülle der anderen
Möglichkeiten. Doch schämt sie sich ihrer Unvollkommenheit,
verleugnet ihre Armut, versteckt den Möglichkeitsraum. Darum lobt
sie den, der sie fantasielos bejaht, bestraft den, der den Mangel sieht
oder ahnt. Erfolg ist der Lohn dessen, der im Paradigma steht. Das Glück
aber küsst den, der dem Gewebe der Realität durch die Maschen
fällt."
Er steckt das Bändchen ein und geht wieder zum Spieltisch drängender
Lösungen. Dort hat sich inzwischen die Antwort einer anderen genähert,
die heißt: Unwahrscheinlichkeit ist Zeit mal Idee, geteilt durch
Selektion. Diese hatte in ihrer Verwirrtheit bisher nur Kontakt zur Antwort
Evolution ist in Materie geronnene Zeit gefunden, die ihrerseits Anknüpfungspunkte
zu Kreativität transformiert Möglichkeit in Realität suchte.
So gibt es, als der Ausgräber sich wieder über den Tisch beugt,
bereits eine reizvolle Kombination von Antworten, mit denen er spielerisch
experimentiert.
Dann schwenkt die Kamera zum Fenster des Raums, in dem zwei Mädchengesichter
erkennbar werden ...
"Nein!", schreit Elena. Iris wird bleich: "Das können
wir nicht sein. Unmöglich! Wieder nur Trick ..."
Die Kamera aber fährt näher heran, das Unmögliche wird
zur Gewissheit. Auch der Alte hat sie nun entdeckt, lächelt freundlich:
"Kommt doch herein!"
"Schalt aus! Schalt aus!", kreischt Elena, und ihre Schwester
drückt den Power-Schalter.
Nichts geschieht, beziehungsweise eben doch; denn weiterhin sieht man
den Mann, eine Tür, die sich öffnet ... Iris drückt mehrfach
auf den Aus-Schalter. Nichts! Panik, dann Reaktion: Heraus mit dem Stromkabel
aus der Steckdose. Unbeeindruckt betreten die Filmschwestern den Raum,
stellen sich zu dem Mann an den Tisch, begutachten das Spiel der Antworten.
Das Bild zoomt nun auf diesen Tisch, in das Kreisen der Strukturen, das
Trennen und Binden, Morphose, Formung, Vergehen, Entstehen: auflösend,
aufnehmend, ergreifend, einsaugend ...
Die vierte Dimension
"Warum wünscht man sich oft, fliegen zu können?"
"Weil es einfach toll wäre, sich frei bewegen, die Welt von
oben sehen zu können, ohne Ecken ans Ziel zu kommen, sich leicht
zu fühlen."
"Und wie ist es mit dem Schwimmen?"
"Nicht ganz so super, aber auch schön. Man kann sich vom Wasser
tragen lassen, tauchen, sich nicht stoßen; man ist wie eingebettet."
"Was haben Fliegen und Schwimmen gemein? Oder sagen wir: Fisch und
Vogel, wenn sie sich in ihrem Element fortbewegen?"
"Meinst du die ähnlichen Bewegungen von Flügel und Flosse,
das Gleiten, oder dass sie sich frei in alle Richtungen bewegen können?"
"Ich denke vor allem daran, dass sich Fische und Vögel eigenständig
im dreidimensionalen Raum bewegen, während wir Erdverhafteten uns
nur in zwei Richtungen bewegen können."
"Auch ich kann doch vor und zurück, links und rechts, rauf und
runter gehen!"
"Ja und nein. Natürlich können wir uns in drei Dimensionen
bewegen, doch ist unsere Bewegung selbst nur zweidimensional. Sie hat,
wie man sagt, lediglich zwei Freiheitsgrade, sieht man einmal vom kurzen
Augenblick eines Sprungs ab. Du musst unterscheiden zwischen deiner eigenen
Bewegung und dem Weg, den du damit zurücklegst."
"Kapier ich nicht."
"Dann stell dir einen Serpentinenweg im Gebirge vor. Betrachtest
du ihn aus der Vogelperspektive senkrecht von oben, dann ist er eine Schlangenlinie
auf horizontaler Fläche. Betrachtest du ihn aus der Froschperspektive,
dann schlängelt er sich von einem unteren zu einem oberen Punkt auf
scheinbar senkrechter Wand. Erst eine mittlere Beobachterposition zeigt
- vorausgesetzt, der Beobachter hat mehr als nur ein Auge - den dreidimensionalen
Verlauf."
"Trotzdem geh ich doch auf dem Weg durch den dreidimensionalen Raum.
Ist mir doch egal, ob und wie mich dabei Vögel oder Frösche
sehen."
"Welche Beinbewegung machst du dabei?"
"Nun, ich setze einen Fuß vor den anderen und gehe vorwärts.
- Ah, jetzt weiß ich, worauf du hinaus willst."
"Eben! Du kannst die Beine immer nur parallel nach vorne bewegen
und ohnehin nicht vom Weg abweichen, weil auf der einen Seite die Felswand
ist und auf der anderen der Abgrund. Du kannst nur vorwärts oder
rückwärts, bewegst dich streng genommen nur auf einer Linie."
"Capito: Ein Fußgänger hat nur einen Freiheitsgrad. Wie
die Eisenbahn, die immer nur geradeaus auf dem Gleis fahren kann, auch
wenn dieses seinerseits gekrümmt ist oder über Hügel führt."
"Würden wir dir Scheuklappen und Wunderschuhe verpassen, die
dir Steigungen nicht anstrengend erscheinen lassen, so könnten wir
dich im Kreis, in Schlangenlinien, über Bergpässe oder auf schnurgerader
Ebene führen: Für dich wäre es subjektiv immer die gleiche
Vorwärtsbewegung. Nur einem Beobachter, einem Außenstehenden,
der eine höhere Dimension einnehmen kann, ist sie als eine Bewegung
durch zwei oder drei Raumdimensionen bemerkbar."
"Deswegen hat es sicher so lange gedauert, bis man darauf gekommen
ist, dass die Erde eine Kugel ist."
"So lange nun auch wieder nicht. Das haben ägyptische Philosophen
schon vor Jahrtausenden angenommen und errechnet. Sie haben gedanklich
die Position eines außenstehenden Beobachters eingenommen. Tatsächlich
aber fehlt uns diese Anschauung und Erfahrung, erleben wir die Welt anders
als sie ist. Auch ist solches Wissen nicht notwendig, um einen beschränkten
Lebensraum zu meistern. Im Gegenteil, Erkenntnisse, die nicht nutzbringend
anzuwenden sind, schränken oft die Überlebenschance ein."
"Du meinst, bis eine Maus, die eine Katze auf sich zukommen sieht,
darüber nachsinnt, ob sie einfach nach links oder rechts wegläuft
oder - weil sie erkannt hat, dass sie auf einer Kugel lebt - andersherum
der Katze in den Rücken gelangt, ist sie schon längst gefangen?"
"Ja, so ungefähr. Das Wissen von den Bewegungsmöglichkeiten
auf einer Kugel, die viel zu groß ist, als dass die Maus sie umrunden
könnte, wäre nicht unmittelbar nützlich. Die biologische
Evolution - und die Maus ist mit ihrer Erkenntnisfähigkeit ein Ergebnis
der natürlichen Entwicklung - konnte nicht primär die Fähigkeit
zu wahren Erkenntnissen fördern. Sie musste sich vielmehr auf das
Zweckmäßige beschränken. Erst die geistige oder kulturelle
Evolution des Menschen kann darüber hinausgehen. Dennoch können
auch wir die Welt nicht wahrnehmen, wie sie ist, wir können uns nur
Denkmodelle von ihr machen. - Übrigens könnte es deine Maus
sogar schaffen, über oder unter die Katze zu kommen."
"Indem sie springt oder im Loch verschwindet."
"Mit Geschick auch das. Ich dachte aber an eine mehr abstrakte Flucht.
- Hast du schon einmal etwas von der Möbius-Schleife gehört?"
"Ist das diese Spirale mit den Erbanlagen?"
"Nein, falsch! Du kennst vermutlich nur den Namen nicht, bestimmt
aber das, worum es geht. Denn sicher hast du schon einmal einen Papierstreifen
in sich selbst gedreht und dann seine Enden wieder zusammengeklebt."
"Jetzt weiß ich, was du meinst: Das haben wir mit auf beiden
Seiten unterschiedlich gefärbtem Papier gemacht. Das gibt einen hübschen
Ring, dessen äußere Farbe zur inneren wird und sich dann wieder
herausdreht."
"Eben! Was, wenn nun die Katze auf dieser Schleife sitzen bliebe
und die Maus darauf wegliefe?"
"Dann würde sie nach ihrer Auffassung immer auf der Oberseite
geradeaus wetzen, nach einer Runde aber unter der Katze ankommen, quasi
Pfote an Pfote. Die Katze jedoch wüsste nicht, dass sie nur ein Loch
graben müsste, um ihre Beute zu erwischen."
"Und die Maus wäre der Meinung, weit weg zu sein und nicht nur
einen Millimeter im dreidimensionalen Raum. - Uns geht es mit der vierten
Dimension genauso."
"Ist nicht die Zeit die vierte Dimension?"
"Das kann man nicht ohne weiteres sagen. Es ist schon etwas kompliziert
mit der Zeit. Versuchen wir es zunächst so: Kennst du den braven
Soldaten Schwejk?"
"Olle Klamotte!"
"Na, das ist ein Generationenproblem. Egal! - Jedenfalls verabredet
der sich mit seinem Freund in ihrer Stammkneipe nach dem Krieg um Fünf."
"Das klappt nie! Was nutzt die Uhrzeit, wenn man den Tag nicht kennt,
vielleicht Wochen braucht, um von irgendeiner Front zurückzukommen?"
"Das ist ja das Groteske, die präzise Stundenangabe bei vager
Gesamtterminierung. Aber das Beispiel zeigt, dass man für ein Rendezvous
exakte Raum- und Zeitangaben braucht. Man muss vier Angaben machen, zu
jedem Freiheitsgrad eine: zwei zur Ebene, etwa im Haus Ecke Gartenstraße
/ Kellerweg, eine zur Höhe, wie zweiter Stock, und eine zur Zeit
mit Datum und Stunde."
"Das Erste erinnert mich sehr unliebsam an die Schule: x-, y-, z-Koordinaten.
Ist aber klar: Wenn das Haus stimmt und ebenso die Zeit, doch jeder im
anderen Stock ist, dann geht es ihnen wie bei unserem Katz-und-Maus-Spiel.
Und wenn die Zeit nicht stimmt, dann steht jeder einmal wartend im Zimmer,
doch sie verpassen sich."
"Jetzt die Pointe: Was würde ein Beobachter sehen, der zwar
den Raum, nicht aber die Zeit registrieren kann?"
"Hm, ja ... ich denke, auch wenn es komisch ist, er würde beide
zugleich im Zimmer sehen, auch wenn sie sich dort erst nacheinander befänden."
"Schon etwas unheimlich, nicht? Es wäre wie in einem Geisterfilm.
Beide stehen, nimmt man die Zeitunterschiede weg, vielleicht sogar an
der selben Stelle, durchdringen sich gewissermaßen."
"Uff! Wirklich unheimlich! Da könnten ja die 4D-Wesen gerade
jetzt und hier neben oder gar in mir stehen ..."
"Ja, mit einer zusätzlichen Dimension kann man durch unsere
3D-Welt tunneln und in ihr zu einer anderen Zeit wieder auftauchen oder
in einer anderen Welt."
Während die beiden Mädchen mit dem Alten
durch die schier endlos scheinenden Gänge ziehen, ist ihnen, als
würden sie beobachtet. Mehrmals dreht sich die Jüngere um, als
wolle sie einen Verfolger stellen. Doch da ist nichts.
Endlich treffen sie im Gewölbe vergessener Antworten ein, dem ausgewählten
Ausgrabungsort. Die zuletzt erreichte Schicht könnte im wahrsten
Wortsinn aufschlussreich sein. Tatsächlich hat der Schürfer
nach kurzer Zeit die Fragmente Die Geschichte der Evolution ist die Geschichte
der Information und Die Erkenntnis bedarf des Spiegels, der Geist der
Materie freigelegt und geborgen.
"Evolution und Erkenntnis", murmelt er, spricht mehr mit sich
selbst als zu den Schwestern und streichelt geradezu liebevoll die verkrusteten
Stücke. "Tragt sie zum Spieltisch", bittet er die Mädchen,
schlurft selbst zu einem Regal und fügt noch eine Antwort hinzu:
Der Tod treibt die Evolution, die Seele schenkt den Weg. Zufrieden betrachten
alle drei die kleine Sammlung, von der bereits sich ständig verstärkende
Fantasiewellen ausströmen, Kombinationstriebe zu wachsen beginnen.
Der Alte weiß, dass nun Geduld gefragt ist, ebenso, dass das Kreativitätsfeld
durch geeignete Resonanzformer verstärkt werden kann. Daher gruppiert
er mithilfe der Schwestern einige Bücher um den Tisch: Rudy Rucker,
Cramer, Die unendliche Geschichte, Bruno, Per Anhalter durch die Galaxis,
Goethe, Monod, Gödel / Escher / Bach; eine bunte, scheinbar unsystematische
Sammlung. Zunehmend aber fühlt er sich bedrängt, besetzt, beherrscht
und bereichert durch den Möglichkeitsraum.
Die jüngere der Schwestern blickt sich immer wieder um, fühlt
sich beobachtet, sieht plötzlich in zwei Gesichter, schreit "Nein!",
hört ihre Schwester flüstern: "Unmöglich, das können
nicht wir sein ...", bemerkt auf dem Tisch das aufschäumende
Kreisen der Strukturen, das Trennen und Binden, Morphose, Formung, Vergehen
und Entstehen, hört von Ferne ein Kreischen: "Schalt aus! Schalt
aus!"
Iris drückte den Power-Schalter. Das Bild erlosch. Stille und Dunkelheit.
Hitze, rascher Atem, Schweiß und Angst.
"Was schreist du denn so, du dumme Kuh!"
Der vertraute Ärger ihrer Schwester war eine Erlösung, die zur
Schlichtung des vermeintlichen Streits herbeigeeilte Mutter einem rettenden
Engel gleich. Bevor dieser jedoch etwas sagen oder fragen konnte, drückten
sich die Töchter an der Mutter vorbei durch die Tür. Jede suchte
rasch ihr Zimmer auf. Der rettende Engel aber fuhr fort, den Meerschweinchenstall
zu säubern; eigentlich eine Aufgabe der Kinder.
Am nächsten Morgen belauerten sich die Schwestern
verunsichert aus den Augenwinkeln: Benimmt sich die andere normal? Träumte
ich nur?
"Habt ihr euch also doch gestritten?!", stellte die Mutter mehr
fest als sie fragte, denn das Verhalten ihrer Kinder war nicht zu übersehen,
die Verstörung für eine Mutter offensichtlich.
Das Frühstück wurde lange Zeit wortlos konsumiert. Doch da wegen
der getrennten Schulwege kaum Gelegenheit war, einige Worte zu wechseln,
ohne dass sie die Mutter mithört, fragte Iris unvermittelt: "Vierte
Dimension?"
Elena antwortete: "Möbius-Schleife."
Diese codeartige Kommunikation, die die Mutter mit nur geringer Verwunderung
registrierte - Mütter haben schließlich ihre Erfahrungen -,
reichte völlig aus. Jeder der Schwestern wurde klar: Es kann kein
Traum gewesen sein. Denn noch nie hat man gehört, dass zwei Menschen
parallel und identisch träumen (was belegt, dass die Welt der Träume
weit reicher und individueller ist als die der Realität mit ihrer
Gleichschaltung).
Der Schulmorgen verlief schleppend und war für
die beiden Schwestern nicht gerade mit konzentrierter Aufmerksamkeit gesegnet,
der Heimweg dagegen mit großer Zielstrebigkeit. Zum Glück war
es Freitag, sodass ihnen zwei Tage Ruhe von der Penne bevorstanden. Das
Chaoszimmer war selbstverständlicher Treffpunkt.
"Eines muss man ihm lassen", begann Iris, "er versteht
sein Geschäft. Der hat Tricks drauf, die macht ihm so schnell keiner
nach. Da grüßt doch glatt das Murmeltier."
"Es war so wirklich! Gar nicht wie im Computer. Wenn es nun tatsächlich
was mit der vierten Dimension war und wir zugleich da ..."
"Quatsch! Ein perfekter Computertrick! Wie, weiß ich nicht.
Noch nicht! So sehr ich für Sciencefiction bin. Dass wir mal so eben
vor dem Abendessen eine kleine Zeitreise machen oder durch eine Parallelwelt
latschen, halte ich wirklich für Blödsinn."
"Aber warum ließ sich das Gerät nicht ausschalten, warum
wusste ich plötzlich nicht mehr, dass ich ich bin, dass ich nur etwas
ansehe? ... Es war so unheimlich ..., ist noch immer unheimlich."
"Ja, es war verdammt real. - Dennoch kann es nicht wirklich gewesen
sein. Es war irgendein Trick. Und ich will diesem Trickser auf die Schliche
kommen!"
"Meinst du, der Alte ist Heureka?"
"Vielleicht, vielleicht auch nicht. Aber die Bücher, die charakterisieren
ihn zumindest."
"Ich kannte davon gar keines, abgesehen natürlich von der Unendlichen
Geschichte", konstatierte Elena.
"Per Anhalter von Adams habe ich auch gelesen. Tipp von Dad."
"Du, Iris ..."
"Ja?"
Elena druckste herum: "Ich weiß bestimmt, dass Vater neulich
erst Bücher über diesen Bruno gelesen hat. Vor seiner Romtour.
Und von den anderen, glaub ich, hat er auch welche."
"Du meinst, der Alte ..."
"Nein, eigentlich nicht. Kann nicht sein. Nur eben die Bücher
..."
"Die können uns weiterhelfen, klar! Vielleicht ist der Gedanke
gar nicht so blöd. Kombiniere: Das Ganze nahm seinen Anfang mit Papas
Internetanschluss, beziehungsweise kurz davor. Doch passte es zu genau.
Dann waren wir an seinem Rechner. Den könnte er präpariert haben.
Eventuell eine zweite Stromversorgung! Dann seine Bücher ..."
"Aber Frau Sherlok Holmes: Warum? Denkst du, Dad betreibt so einen
Aufwand, nur um uns zu foppen? Das gibt keinerlei Sinn. Zudem hat er bestimmt
nicht die Zeit. - Und wie soll er das so real hingekriegt haben?"
"Sinn gibt es nicht. - Trotzdem!"
Iris eilte in Vaters Arbeitszimmer. Der Herr des Hauses war nicht da,
sein PC bald eingehend, jedoch ohne besondere Erkenntnisse untersucht.
Elena hatte unterdessen die Bücherregale inspiziert und war sich
ziemlich sicher - selbst wenn sie sich an die ihr ungeläufigen Buch-
oder Autorennamen in der Computerszene nicht genau erinnern konnte -,
dass dort mehr oder minder die vom Antwortenschürfer aufgelisteten
Bücher stehen. Allein, was half dieser Befund?
"Im Grunde", meinte Elena, "kann es uns egal sein, wer
oder was Heureka ist und wie er es geschafft hat, uns so zu faszinieren.
Ist doch eigentlich toll, unheimlich und spannend! Ich glaube nicht, dass
uns Heureka reinlegen will. - Auch möchte ich mehr von ihm wissen
und finde es gemein von uns, ihm wie einem Verbrecher nachzuschnüffeln."
Iris wollte zunächst aufbrausen, ihre Schwester der Naivität
bezichtigen, Vorbehalte und Gründe anführen. Sie besann sich
jedoch eines Besseren, denn einerseits hatte Elena nicht ganz Unrecht
und andererseits musste sie, egal was da komme, die Heureka-Tricks herausfinden.
Sie würde nicht aufgeben, bevor sie das Rätsel gelöst hat.
Deshalb wäre es unklug gewesen, die Jüngere, die ihr helfen
kann, zu provozieren. "Okay, lassen wir ihn sein Spiel spielen. Fünf-dreißig
am Combi!"
Die Mädchen hätten, da der Vater ohnehin
abwesend war, schon früher ins Netz gehen können. Doch drängte
das mulmige Gefühl nicht zur Tat, und es gab noch einiges zu erledigen.
So ergänzte Iris zunächst auf ihrem Zimmer das Datenblatt über
Heureka mit den Einträgen:
Supertrickser, der es schafft, einem mittels Videoklip glatt den Kopf
zu verdrehen. Buchhinweise deuten auf Vater (Verdacht nachgehen, wenn
auch unwahrscheinlich).
Dann nahm sich Iris wieder Sofie vor, schließlich hatte Heureka
auf dieses Buch verwiesen. Hier mussten sich Lösungshinweise finden
lassen. So las sie noch einmal von den griechischen Naturphilosophen,
die erklären wollten, warum überhaupt etwas existiert und sich
dieses Sein ständig verändert. Es erschien ihr plausibel, wenn
die einen behaupteten, dass schon immer alles gewesen sei, weil aus dem
Nichts nichts werden könne. Vor allem die Inder, so meinte sie gehört
zu haben, gingen davon aus, dass alles schon immer war und sich gewissermaßen
in endlosen Kreisen wiederholt.
Ebenso fand sie die These derer überzeugend, die behaupteten, dass
sich alles ständig verändere und aus einer Ursache oder einem
Urstoff entwickelt habe. Diese Vorstellung vertritt ja auch die moderne
Wissenschaft: Peng, Urknall, aus nichts wird alles, aus irgendwas der
Wasserstoff, daraus die ganze Welt. - Aber neulich hieß es im Fernsehen,
Forscher meinten, der Weltraum dehne sich erst und falle dann wieder in
sich zusammen, es hätte vielleicht schon oft einen Urknall gegeben.
Würde das beide Auffassungen vereinen? - Na ja, man kann es sich
wohl aussuchen. Ist ihr auch reichlich egal.
Dass dieser Demokrit die These von den Atomen als kleinsten Bausteinen
aufbrachte und damit gewissermaßen die Legosteine erfand, weil man
sich die ganze Welt als deren immer wieder neue Kombination vorstellen
kann, ist stark! Handelt es sich dabei um eine geniale Erkenntnis, die
dann zweieinhalbtausend Jahre später als Weltmodell bewiesen wurde,
selbst wenn man später noch kleinere Bausteine gefunden hat? Oder
war man genau deshalb auf die Atome gestoßen, weil man sie auf Grund
dieser uralten Idee einfach finden wollte? Schließlich ist doch
niemand so verrückt und forscht nach der sprichwörtlichen Nadel
im Heuhaufen, die da nicht hingehört. Sagt aber einer mit Überzeugung,
diese Nadel gibt es, und sucht man mit größtem Aufwand alle
Heuhaufen ab, so lässt sich sicher einmal eine verlorene Nadel finden.
Wäre das nicht wie bei diesem komischen Heureka, bei dem angeblich
die Antworten die Fragen suchen?
Hatte man alle bei der Suche zuvor gefundenen Steinchen oder Hosenknöpfe
und tausend anderen Dinge achtlos beiseite gelegt, weil man ganz auf die
Nadel fixiert war? Was wäre geschehen, wenn die Idee am meisten fasziniert
hätte, dass es keinen kleinsten Baustein geben kann, weil alle materiellen
Erscheinungen nur Verklumpungen in einem Seinsbrei sind, aus dem nichts
wirklich zu isolieren ist? Würde dann die Wissenschaft in immer mikroskopischeren
Bereichen Belege dafür finden, dass es immer feinere Breischichten
gibt, dabei alles Teil einer einzigen Masse bleibt, alles ein Einziges
ist? Neuerdings hieß es ja, Atome oder deren Bestandteile wären
nicht winzige Materieteilchen, sondern nur Kraftwolken. Ist ein grundsätzlicher
Unterschied zwischen diesen Wolken und ihrem Brei?
Würde man ohne die Idee kleinster Teile die Welt nicht ganz anders
sehen? Als Einheit und nicht mehr als Zusammengesetztes oder gar nur Summe?
War es das, was Heureka meinte, wenn er anfangs schrieb, sie sollten Zusammenhänge
herstellen und nicht, wie üblich, alles immer mehr aufteilen und
damit nur kleiner machen? - Ach, egal! Viel spannender war das mit der
Videokassette im Sofie-Buch: Da entführt dieser Alberto Knox doch
das Mädel per Video - wie immer er das auch gemacht hat - ins alte
Athen zu Sokrates und Platon und taucht sogar selbst dort auf. - Das ist
doch eine dreiste Parallele zu ihrem Erlebnis mit Heurekas Internet-Inszenierung.
Wenn aber dieser Alberto Knox, also Sofies Philosophielehrer, diese in
eine andere Welt entführte und ihr dort erschien, dann sollte der
Alte in der mysteriösen Computerszene, in die ihr Philosophielehrer
sie entführt hatte, doch wohl Heureka selbst sein. - Bestimmt ist
sie auf dem richtigen Weg, das Rätsel mithilfe von Sofies Welt zu
lösen!
Elena war bei der Schnüffelei in Vaters Bücherregalen
ein Titel aufgefallen: Die Wunderwelt der vierten Dimension von einem
Rudy Rucker. Dieser Name, dessen war sie sich sicher, weil er so originell
klang, war in der ominösen Szene vorgekommen. Zudem war das Thema
genau das des merkwürdigen Gesprächs, von dem sie nicht wusste,
ob sie es am Monitor verfolgt, geträumt oder tatsächlich geführt
hatte. Mit diesem Rucker-Buch wollte sie sich beschäftigen.
Beim Durchblättern fielen ihr zuerst die skurrilen Zeichnungen auf:
Der Schmöker könnte ganz lustig sein. Beim Anlesen bemerkte
sie jedoch, dass es keineswegs ein Schmöker ist, obwohl sich das
Buch zunächst locker lesen lässt. Vertraut kamen ihr die ersten
Beispiele zur ein-, zwei- und dreidimensionalen Welt vor, und sie überlegte,
ob dieser Rucker ein alter bärtiger Mann ist und dieser komische
Name durch den ebenso komischen Namen Heureka ersetzt werden könnte
...
Schon bald wurde es im Dimensionen-Buch aber ganz schön kniffelig,
es überstieg immer mehr ihre Vorstellungskraft. Sich die Flächenwelt
von A-Quadrat auszumalen, das ist noch leicht. Auch kann man sich dabei
in der eigenen Überlegenheit sonnen und über das Unvermögen
und die Probleme der Flächenländler schmunzeln: Da meint doch
so ein 2D-Wesen, es sei durch eine einfache Umgrenzungslinie als Haus
allen Blicken entzogen, obwohl jeder aus der Vogelperspektive in das Innere
des Hauses und sogar das seines Bewohners sehen kann. Während es
für die Flächenländler außerhalb jeder Vorstellung
liegt, hinter eine umschließende Linie zu blicken, kann ein 3D-Wesen
mühelos beide Seiten der Linien, die ganze Form und deren Inneres
mit einem Blick erfassen.
Gut konnte sie sich vorzustellen, dass eine Kugel, die durch diese zweidimensionale
Ebene der Flächenwelt fällt, dort lediglich als erst immer größer
werdender und dann wieder schrumpfender Kreis zu registieren wäre;
denn mit Schnittflächen hatten sie sich schon im Geometrieunterricht
befasst. Die Folgerung, dass wir das Durchfallen eines 4D-Körpers
durch unsere 3D-Welt nur als Folge dreidimensionaler Erscheinungen erkennen
würden - wir also nur einen Schatten höherer Wirklichkeit wahrnehmen
könnten -, mag zwar logisch sein, aber kaum vorstellbar. Und dass
ein 4D-Wesen ganz selbstverständlich unsere ganze dreidimensionale
Welt mit einem Blick zugleich von vorne und hinten und außen und
innen sehen könnte - also problemlos auch ins Innere unserer Häuser
und Körper -, das gefiel ihr absolut nicht. Sie hoffte nur, dass
es nicht tatsächlich einen Hyperraum gibt!
Damit sind Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wieder
beim Intro: Der Formung, dem Entstehen, dem ersten Aufnehmen in die Welt
von Ureda. Hier beginnen die eigentlichen Abenteuer. Im Buch sind es die
der Mädchen, die immer tiefer in diese virtuellle Welt eindringen
und dabei mehr von der realen verstehen, sich gar verlieren, um realer
zu werden. - Dringen auch Sie ein!
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