Auszug 2: Uri der Philosoph


Ich war nach dem Abenteuer noch etwas herumgegaukelt und einmal beinahe in einem Spinnennetz hängen geblieben, denn ich hatte zu sehr nachgedacht. Ja, ich mache mir Gedanken über die Wunder des Lebens und fand es super. Dadurch war viel Zeit vergangen. Mindestens eine Stunde nach eurer Rechnung. Aus meiner Sicht war es wie Wochen, denn bei unsereins ist das Zeitempfinden anders. Ich vermute, in meinem eigenen Erleben ist mein Dasein genau so lange wie deines. Der Eintagsfliege kommt ihr Leben recht lang vor, weil sie alles sehr viel rascher erlebt. Für sie sind deine Bewegungen wie in Zeitlupe. Dem uralten Mammutbaum kommt alles viel kürzer vor als uns. Er hält sein Leben nicht für besonders lang, mag das Jahr wie einen Tag nehmen. Unterm Strich empfindet vielleicht jedes lebende Ding eine etwa gleiche Lebensspanne.
Zuletzt saß ich denkend auf der Schildkröte, die ich am Felsstrand entdeckte. Mir fiel das Sitzen auf ihr leicht, da meine winzigen Krallen Halt in den Hornritzen finden. Außerdem haben Insekten bekanntlich sechs Beine, auch wenn wir Prachtfalter die beiden vorderen nur zum Putzen gebrauchen, denn Schönheit muss gepflegt werden. Auf Kassiopeia saß ich nicht, um obenauf zu sein, sondern um den Augenblick nicht zu verpassen, in dem sie wieder den Kopf aus dem Hornpanzer streckte.
Dennoch verpasste ich ihren Auftritt. Sei’s, weil ich nicht so sehr auf langsame Bewegungen eingestellt bin oder weil ich so angestrengt nachdachte und mich dabei ein wenig putzte. Wie dagegen sie mich auf Ihrem Rücken entdecken konnte, das blieb mir so rätselhaft wie ihr häufiges Wissen oder Erahnen meiner Gedanken. »Ah, der Herr Philosoph erweist mir die Ehre«, begrüßte sie mich. Ich war mir unsicher, ob es eine spöttische Begrüßung war, denn wenn man sich ohne Gebärdensprache unterhält – die bei uns Tieren viel wichtiger ist als bei euch, doch bei Kröten und Faltern sehr, sehr verschieden ist –, dann ist das nicht so leicht zu erkennen. Zudem wusste ich nicht, was ein Philosoph ist. – Ich hasse diese Fremdwörter!
»Ich bin kein Philosoph, ich bin Denker!« ging ich daher keck auf Angriff. Denn auf meine neue Denkfähigkeit war ich stolz. Ja, ich war nunmehr ein Denker. Das stimmte. Was auch immer Kassiopeia mit ihrem komischen Wort meinte, sie lag daneben.
»Ssso, ssso«, lispelte sie, »ein Denker. Und was denkst du so, geckgeck?«
»Ich dachte, dass es sein könnte, dass wir gleich lange leben.«
»Unsinn, ich bin 80 Jahre alt und ...« Kassiopeia merkte, dass mir das nichts sagte, »und das ist sehr, sehr viel älter als du je werden kannst. Und viel älter als Wendula. – Rätselhaft, dass du über Lebenszeiten nachdenkst und keine Ahnung von Zahlen und Zeiträumen hast und nicht einmal wissen kannst, was ein Jahr ist, weil du keines erlebst, schnief.«
»Tue ich wohl!« trotze ich. »Als Flieger mag ich nur kurz leben. Doch ich bin auch Ei und Raupe und Puppe und bringe es insgesamt mehr als auf ein Jahr. Das hat mir der Spiegel als Wissen um mich selbst mitgegeben. Aber trotzdem«, ich musste es zugeben, »weiß ich nicht wirklich, was ein Jahr ist. Denn ich erinnere mich nicht an mein Leben als Ei, Raupe und Puppe.«
»Ja, ja, theoretisches Wissen ist kein Erleben und Erinnern.«
Oh, heiliger Schmetterling, dachte ich: Schon wieder ein fremdes Wort. Ich konnte mich schlecht beherrschen: »Kannst du nicht mal verständlich reden? Warum immer wieder Wörter wie jetzt dieses theo-dings?« schimpfte ich.
Die Echse aber blieb ganz ruhig. »Theoretisch. – Das Wort besagt etwas, dassss du etwasss nicht durch eigenes Erleben kennst und als Erfahrungen weist. Vielmehr nur durch Mitteilungen anderer oder nur in Gedanken.«
Die Erklärung klang fast so schwierig wie das Wort selbst, doch ahnte ich, um was es geht. »Ja, theomäßig weiß ich, dass ich Ei und Raupe und Puppe war. Aber ich habe keine Erinnerung. Und eine Verwandte, von der ich was zu erfahren hoffte, die wusste gar nichts und konnte mir nicht einen Rüssel voll weiter helfen. Aber wie sich Schönheit entpuppt, dass weiß ich ganz praktisch. Und meine Rolle als Schmetterling habe ich auch erlebt. Ich weiß nicht mal, wie lange. Vielleicht braucht man auch nicht wissen, was Zeit ist und ein Jahr. Was denkst du, was ich alles gemacht und erlebt habe, in der Zeit, in der du hier kopflos rumlagst! Bis du nur eines deiner Säulenbeine vorgeschoben hast, bringe ich es locker auf ... auf ... neun Flügelschläge. Wenn bei mir alles neunmal schneller geht, dann ist es mir wohl neunmal länger als dir. Ich denke, Zeit ist nicht einfach da, sie ist etwas, das jeder anders empfindet.«
»Ich sag’s ja, Uri, du bist ein Philosoph!« Die Echse merkte, dass ich erneut widersprechen wollte und klärte mich daher gleich auf: »Ein Philosoph isssst nämlich einer, der über das Leben und seinen Sinn nachdenkt.«
Oh, wie schimmerten meine Schwingen auf! Ich tanzte durch die Luft. Wie gefiel mir dieses Fremdwort doch! Es wurde mein Lieblingswort. Ich bin nicht nur Denker, ich bin Philosoph!



<später>


... Nun musste ich eingestehen, als Lebewesen im Grunde nicht einmal zu wissen, was Leben ist. Das mit der Entwicklung würde ich vielleicht noch hinkriegen, wenn ich wieder in Ruhe nachdachte. Aber was entwickelte sich eigentlich? Lebewesen, okay. Aber was macht sie lebendig, diese Wesen? Was ist Leben? Nein, ich musste es zugeben: »Ich weiß eigentlich nur, dass ich nichts weiß.«
»Ein Philosoph, wahrlich!«, keckerte Kassiopeia, »wahrlich, wahrlich!«
Mein Selbstbewusstsein (das ich damals noch nicht als solches kannte), fuhr Taumelbahn. Gerade noch hatte ich mich so elend gefühlt und jetzt dieses Lob! Denn ein Lob war es, kein Spott. Das erkannte ich, weil Kassiopeias sonst immertrüben Augen mich anglänzten: »Kaum ein paar Tage alt und erkennt schon das Fundament aller Weisheit. – Uri, du kannst es schaffen: Du kannst Ureda retten!«
So hörte ich zum ersten Mal von dem, was von mir erwartete wurde und das bald auf mich zukam. Doch ich registriere es kaum. Mein Problem war viel einfacher: »Na, wenn Weisheit heißt, nichts zu wissen, dann muss ich vor dem Spiegelflug viel, viel weiser gewesen sein. Aber ehrlich gesagt, bin ich lieber weniger weise und bleibe dafür Philosoph. Ich will auch weiter über das Leben nachdenken«,
bot ich an. »War wohl nur ein Glückstreffer«, schnufte die Schildkröte enttäuscht: Schon wurden ihre Augen wieder tränig. »Gar nichts zu wissen, ist noch weniger als Dummheit. Denn, um dumm zu sein, braucht man falsches oder falsch verwendetes Wissen.«
Ich hätte ihr einige Beispiele geben können. Etwa von dummen Flugkühen, die doch wissen mussten, dass sie sich nicht einfach mit dem erstbesten Schillerfalter abgeben konnten, wenn ich auch noch da war. Doch ich schwieg lieber.
»Du lebtest unbewusst und dachtest, wenn überhaupt, nur sehr, sehr einfach. Du warst nahezu vollständig von deinem Erbgut und vom Instinkt gesteuert.« Die Kröte merkte erstaunlich schnell, dass ich bei dem mir wieder unbekannten Wörtern zuckte. »Das Erbgut stammt von unseren Vorfahren und ist in unseren Körpern. Es enthält alle Baupläne und alles, was nötig ist, damit wir leben können. Etwa auch die Anweisungen, wie aus Eiern Raupen und aus Raupen Schmetterlinge werden und wie ihr fliegt. Instinkte sind ebenfalls vererbt. Sie steuern Verhaltensweisen, die ohne unseren eigenen Willen ausgelöst werden. Sie sind zumeist sehr nützlich; wie ein Rat, den uns unsere Vorfahren mitgegeben haben – nur, dass wir ihn nicht ablehnen können: Die Instinkte bestimmen uns, nicht wir die Instinkte.«
»Und was löst sie aus?«
»Etwa ein Geruch, dem du einfach nicht widerstehen kannst.«
Okay, das war jetzt klar und ich fand nichts Schlimmes dabei. Nur, dass zum Beispiel diese Schillerfaltergirls viel bestimmter auf mich hätten fliegen können. Der Alten schienen diese Stinkdinger aber nicht ganz zu behagen: »Ein denkendes Wesen aber erlangt Bewusstsein und fragt sich: Warum ist dasss so, warum tue ich dassss, geckgeck?«
Ja, das waren Fragen! Ich verstand sie wohl, hatte sie mir aber noch nie gestellt. Sollte ich etwa nicht einer duftenden Schönheit hinterher?
»Denn«, so fuhr Kassiopeia fort, »letztlich ist das eigene Wollen das höchste Gut. Freier Wille, der sich selbst in die Pflicht nimmt.«
Das verstand ich nicht, beschloss aber vorsichtshalber, den Weibern pflichtbewusst und ganz freiwillig hinterher zu wollen. Egal ob mit oder ohne Instinkt oder Bewusstsein.
»Frei sein und Wissen wollen, das ist die Sehnsucht und Sucht der Philosophen. Und durch Wissen die Grenzen des Wissens zu erkennen, dasss ist Weisheit, geckgeck!«
Das schien mir so hochgeschraubt wie aus Wendulas komischer Ader. Selbst ich, der ich ein sehr Schneller bin, musste länger darüber nachdenken: »Weil ich gesagt habe, ich weiß, dass ich nichts weiß? Klang das so, als wäre es eine, wie soll ich sagen, sehr tiefe ..?.. mit fällt irgendwie kein Wort ein.«
»Erkenntnis«, half mir Kassiopeia. Das klang gut und wird es wohl getroffen haben. »Ja, irgendwie so. Aber eigentlich wollte ich sagen: Ich merke, dass ich viel zu wenig weiß.«
»Was auch eine große Erkenntnis ist und dich zum Philosophen macht.«
Ich verbarg meinen wiedergewonnen Stolz so gut ich konnte. Ohne mich schämen zu müssen durfte ich also bitten: »Dann erkläre mir bitte, was Leben ist. Und vielleicht doch noch mal diese Entwicklungsgeschichte. Und vergiss nicht den Stehtrick und schon gar nicht die leckere Suppe.«
»Nein, nein, wir werden nichts vergessen. Denn wir gehen ganz langsam und immer der Reihe nach vor. Vergessen kannst du nur die Ursuppe, denn die ist lange ausgetrocknet.« Das hörte ich gar nicht gern, zumal mein Magen knurrte. Zumindest hörte ich ihn im übertragenen Sinne knurren; denn wir Falter nehmen Erschütterungen sehr gut wahr. Selbst wir „Gehörlosen“, denen die bei anderen Faltern vorhandenen Hörgruben am Bauch fehlen, empfinden die Wellen, die ihr Menschen Schall nennt. »Funktioniert denn die Entwicklung auch ohne Suppe? Oder ist sie jetzt zu Ende?«
»Nein, nein! Evolution heissst, es gab nicht immer den Wurm und den Schmetterling und nicht immer den Menschen. Evolution heissst weiter: Es wird nicht immer den Wurm geben und nicht immer den Schmetterling und nicht immer den Menschen.«
»Na, auf Würmer und Menschen kann man ja auch verzichten. Aber eine Welt ohne Schmetterlinge ist unmöglich.«
»Oh, doch! Alles wandelt sich. Manches schnell, anderes langsam. Auch ihr Schmetterlinge. Wir Echsen gingen aus den Lurchen hervor, die wiederum von den Fischen abstammen. Wir sind wieder die Vorfahren der Vögel. Immer wird es neue Arten geben. Die alten Lebensformen bleiben erhalten oder sterben aus, wenn sich die Lebensräume zu sehr verändern.«
»Was, die ändern sich auch?« Ich staunte nur.
»Alles ändert sich ständig im Wechselspiel. Das ist das Prinzip des Lebens. Das erfand nämlich die Fähigkeit zur eigenen Veränderung und die, immer neue Möglichkeiten hervorzubringen.«
»Aha«, sagte ich, denn etwas besseres fiel mir nicht ein.
»Ja, das Leben nutzt das Spiel aus Zufall und Notwendigkeit, aus dem es entstand.«
»Aha«, sagte ich noch einmal. Es klang nicht klüger. Dann aber beglückte mich das Zufallsspiel mit einem super Verwesungsgeruch und ich hielt es schon lange für notwenig, endlich mal wieder was zu schlürfen. Schon war ich in der Luft, besann mich aber noch und erklärte der Kröte: »Ich will mal was fressen. Zum Lebenserhalt. Ganz freiwillig, eh, und auch ganz bewusst. Und notwendig ist es auch. – Machen wir doch später weiter, ja?«
Bevor Kassiopeia etwas entgegnen konnte, flatterte ich schon auf die Duftquelle zu, um dafür zu sorgen, dass es trotz aller Veränderungen zumindest mich noch möglichst gut genährt und lange in diesem Spiel aus Zufall und Notwendigkeit gibt.