Auszug 2: Uri erkennt seinen Auftrag


Kaum, dass ich die Flügel zusammen geklappt hatte, hörte ich schon dieses merkwürdig schmatzende Geräusch. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Drohte gar Gefahr? Ich solle besser verschwinden, sagte mir mein kleiner Verstand. Doch tatsächlich schob ich mich weiter auf den Ursprungsort der Töne zu. Was trieb mich dazu?: Eine dieser zwanghaften Instinkt-Handlungen, die angebliche Neugier der Philosophen oder gar nur mein Magen, der sich angeregt fühlte?
Jedenfalls entdeckte ich ihn rasch, den beinahe kugeligen Panzer: Mörderisch saß er inmitten eines Leichenhaufens. Soeben vermehrte er ihn um die ausgesaugte Hülle eines weiteren kleinen Wesens, dessen grüne Farbe im Kontrast zu dem kräftigen Rot des Fresser stand. Schade, dachte ich, keine Schnecke und kein Kot. Nur kribbelige Viecher, die dem roten Ding mit den weißen Punkten wie blöd vor die Greifzangen laufen.
Der Punktling sah auch mich und schmatzte: »Greif zu. Sind genug da. Rülps. Die grünen Blattläuse an dem Rosenstrauch hier sind die besten. Viel besser als die roten, schmatz.«
»Oh, herzlichen Dank«, freute ich mich erleichtert über die Einladung: »Sehen wirklich lecker aus.« Ich hoffte, das Wesen sah mir die Abscheu nicht an, mit der ich die Krabbler beäugte. »Aber ich ziehe Verwestes vor. Falls du da einen Tipp hättest?«
»Wie ekelhaft! Vergiftet man sich da nicht? Also ich fresse nur superfrische Nahrung. Was nicht mehr zappelt, das taugt nichts. – Aber jedem das seine, rülps.«
Dann dachte der kleine Panzer – der ansonsten aber wenig Ähnlichkeit mit Kassiopeia hat – offensichtlich nach, denn er hörte zu fressen auf. Ich schöpfte Hoffnung. Würde er mir doch einen Tipp geben können? Er enttäuschte mich mit: »Heiße übrigens Maria. Maria Käfer! – Und du?«
»Ich bin Uri, der Philosoph.«
»Philosoph?« Maria Käfer dachte weiter nach. Die Blattläuse hätten leicht entkommen können, wenn sie von ihr weg, statt sinnlos hin und her gekrabbelt wären. »Noch nie was von gehört? Seid ihr selten? Vom Aussterben bedroht? Auf den ersten Blick hätte ich dich für einen Falter gehalten.«
Plötzlich brummte Maria auf wie das Flugmaschinending, umkreiste mich mit raschen Flügelschlägen, landete wieder und fuhr fort: »Und nach dem zweiten Blick denke ich das noch immer. Aber ihr liebt ja so komische Namen wie Admiral, Monarch, Apollo oder Spinner.«
»Ich bin ein Schillerfalter und ein Philosoph.«
Maria sah mich so an, wie man wohl Irre ansieht, sagte »Rülps« und dann: »Bist doch nur einer.« Dann griff sie sich wieder eine Blattlaus.
Ich schloss daraus, dass es wieder einmal zu keiner anregenden philosophischen Diskussion kommen würde. Waren außer Wendula, Kassiopeia und mir alle Tiere ungebildet? Aber was hätte es auch genutzt, mit ihr zum Beispiel über die Unendlichkeit zu reden. Ohnehin hatte ich keine Zeit zu verlieren, denn ich wollte schnell zu meinen Lehrerinnen zurück. So grade, wie ich nie fliegen kann, ging ich daher auf mein Ziel los: »Ich muss zu Kassiopeia und Wendula.«
»Ach, ja? Warum?«
»Weil das die klügsten Tieren der Welt sind.«
»Aha.«
»Die unterrichten mich.«
»Aha.«
»Nur mich! Privatunterricht. Auch Mathematik.«
»Rülps.«
»Aber vor allem Entwicklungsgeschichte.«
»Stimmt. Braucht ja Euereins. Bei uns ist das leichter. Wir kommen gleich aus dem Ei. Eure Einspinnerei find ich echt spinnert.«
»Und Eier sind Riesenzellen.«
»Ach, ja?« Das Thema schien sie zu interessieren, denn sie ließ eine Blattlaus entkommen. »Hab ich auch schon gelegt. Aber was muss das euch Männer kümmern? Bist doch ein Mann, oder?«
Ich hatte gedacht, das sollte selbst so ein verfressener Flugpanzer leicht erkennen können, nickte aber bestätigend.
»Den meinen hat eine Meise gefressen.« Das Wort regte sie wieder an und sie griff eine neue Laus. »Ach, was mein Mann einen Appetit hatte! Ach, war der rund und prall. War der rund und prall: Ein Prachthappen für die Meise, schmatz. – Eier hatte ich schon vorher gelegt. Kein leichtes, rülps, Geschäft. Sei froh, dass dich das nicht kümmern muss.«
»Es muss mich aber kümmern. Ich hab ja einen Auftrag!«, gab ich an, ohne recht zu wissen, was eigentlich mein Auftrag war. Doch musste er ja etwas mit dem Leben und seiner Entwicklung zu tun haben.
»Eier legen, Du?« Maria sah mich wieder schräg von der Seite an und vergaß zu fressen.
»Nein, nicht Eier legen. Das kann doch jeder Mistkäfer.« Maria nahm es wohl weder als Beleidigung der Käfer, noch bezog sie es auf sich, denn sie zangelte sich unbeirrt eine weitere Laus.
»Es geht um Evolution«, erklärte ich stolz.
»Aha! Tut mir echt leid. Eine Schwester von mir hatte auch so eine unaussprechliche Krankheit. Sie konnte nicht mehr richtig fressen. Schrecklich!« Der Marienkäfer schien mich echt zu bedauern.
»Und es geht um das Leben und seinen Sinn.«
»Ja, ja, ein Leben ohne fressen zu können, hat keinen Sinn. Schlimm! Hast du’s schon lange? Liegt sicher an dem verdorbenen Zeugs, mit dem du dich abgibst. – Die Läuse hier sind knackig frisch. Könnte helfen ...«
»Nein, ich soll helfen. Ich soll ...«, ja, was sollte ich eigentlich? Das hatte mir niemand gesagt und ich hatte auch nie danach gefragt. Doch – es fiel mir wie Schuppen von den Augen (was natürlich wieder aus euer Sprache und für mich komisch ist, denn ich habe meine Schuppen auf den Flügeln) – ich sollte zu den Menschen!
Warum sonst hätte ich ihre Sprache gebraucht, warum sonst all den Unterricht? Womöglich war sie dabei Ureda zu zerstören, weil sie – wie Wendula gemeint hatte – zu wenig nachdachten? Hatte die Eule nicht gesagt, dass viele Menschen vergessen hätten, dass sie zur Natur gehören und nur in ihr und mit ihr leben können. Sie sähen kaum Zusammenhänge, wüssten wenig von der Natur, überschätzten ihre Technik.
Ja, ich konnte der Bote sein. Denn Schmetterlinge, so hatte die Alte doch betont, mögen die Menschen. – Nur, welchen Botschaft sollte ich bringen? Was sollte ich ungebildeter Rauppuppling ihnen sagen, welchen Auftrag erfüllen, wenn ich zu ihnen käme, wenn ich ...

Gut, dass wir Schmetterlinge keine Hosen tragen; ich hätte hinein gemacht. Denn auch das wurde mir klar: Es gab kein wenn mehr, ich war schon da! Warum sonst wäre so vieles fremd gewesen. Mit dem Mädchen stimmt doch was nicht! Woher wären sonst die Jungen gekommen?
Entsetzt flog ich auf, flatterte wild um den Käfer herum, kam doch langsam wieder zur Ruhe, fand mich endlich wieder: Ich würde tun, was ich sollte.
»Danke, Maria! Ich weiß jetzt, was ich zu tun habe.«
»Nichts zu danken. Ernährungstipps geb’ ich gerne. Da kenn ich mich aus.« Ich hörte noch einen Rülpser, war aber schon auf dem Weg.