Auszug 1: Wendula und Kassiopeia


»He, Wendula!« Ich fliege auf einen Ast ihrer Lieblingsbaumkrone, wo sie den schönen Tag verpennt: »He, Wendula, friss mich nicht und hilf mir!«
Die Waldkauzdame blinzelt vorsichtig mit einem Auge: »Uii, hellichter Tag! Musst du dreister Rauppuppling mich da stören? Schon das wäre Grund genug, dich als Happen zu schnappen! – Aber am Tag fehlt mir der rechte Appetit. Oder ist es das Alter? Warst sowieso in deinem Raupenstadium viel fetter. – Ja, da hätte ich dich zum Nachtisch nehmen sollen ...«
Meint Wendula es ernst oder will sie mich aufziehen? Ihre Hauptspeisen sind zwar Mäuse, Vögel, Kröten und sehr gerne mal ein junges Kaninchen, doch ein ordentlicher Abstand ist die beste Lebensversicherung. Da Wendula – wie ich merkwürdigerweise weiß, seit in mir der Zauber des Spiegel wirkt – gestelzte Höflichkeit liebt, sage ich: »Ehrwürdige und verehrte Wendula, ich bitte um Nachsicht! Doch die Umstände zwingen mich. Denn ob du es glaubst oder nicht, ...«
»Ich weiß, ich weiß, kuwitt«, antwortet die Weise.
»Was weißt du?«
»Alles.«
»Auch das vom Zwinkerspiegel?«
»Ich zwinkere ständig mit meinen Augen, die wie Spiegel sind.«
»Äh? Ich meine doch den Zauberspiegel, der ...«
»Zauberei ist Augenwischerei, wett-wettwett.«
»Mag ja sein – im allgemeinen. Aber bemerkst du denn nicht, dass ich mit dir reden kann?«
»Ich bemerke alles! – Ja, wirklich erstaunlich für einen Rauppuppling.« Wendula räuspert sich hohl: »Zumindest würden andere das sagen. Ich wundere mich schon lange über nichts mehr. Immerhin bin ich zwei mal neun mal neun mal neun Jahre älter als du in deiner Ausführung als Flattermann.«
»Ist das viel älter? Rechnen und Zahlenverständnis hat mir der Zauberspiegel leider nicht geschenkt.«
»Das will ich meinen, dass das viel älter ist! Dein Zauberspiegel ist wirklich nicht der Klügste. Ich sage ja, alles Augenwischerei! Ich lass mir keinen Sand in die Augen streuen. Und ich kann dir nur raten, mache es wie ich: Halte immer die Augen offen und schau ganz genau hin. Dann geht man diesen Scharlatanen nicht auf den Leim.« Beinahe hätte ich die weise Wendula darauf aufmerksam gemacht, dass sie die ganze Zeit wegen des Sonnenlichts die Augen geschlossen hielt. Doch rechtzeitig fällt mir ein, es sei wohl klüger, es nicht zu erwähnen. – Und wohl auch sicherer. »Du bist also zu mir gekommen, um Mathematik zu lernen«, vermutet die Kauzdame. »Ja, ja, eine hohe Kunst, kuwitt. Wir Eulenvögel beherrschen und lieben sie. Ich kann sogar bis neun zählen. Und seit ich auf meine Diät achte, zähle ich ganz genau, wie viele Mäuse oder Rauppupplinge ich nächtlich zu mir nehme. Im Alter ...« »Nein, nein«, ich bin nicht wegen diesem Ma...ma...dings da!« Ich hoffe, dass Wendula in der letzten Nacht schon bis neun gezählt hat und ihre Diät ernst nimmt: »Ich bin wegen unserer Vorfahren da und der Geschichte, wie wir entstanden sind und alles erfunden haben. Sogar die Zeit.« Unbesonnen füge ich hinzu: »Ich wundere mich, dass du das nicht weißt, wenn du doch alles weißt.«
Wendula blinzelt mich durch einen Augenspalt an. Ein freundliches Zwinkern ihres Augenspiegels scheint es nicht zu sein. »Natürlich wüsste ich es, wenn ich meine Berechnungen hätte durchführen können. Die Mathematik erschließt alles, kuwitt! Aber würde ich mich mit jedem Flattermann beschäftigen, dann hätte ich viel zu tun! ... Dann fände ich ja nie mehr meinen Schlaf.« Demonstrativ schließt sie den Augenspalt und dreht mir den Hinterkopf zu.
Nun, ich konnte mir einen schlechteren, ja sogar endgültigen Ausgang denken (denn seit ich durch den Spiegel geflogen bin, kann ich ja denken und habe kaum noch Probleme damit). Doch leider bot Wendula keine Hilfe. Ich könnte höchstens ... Moment mal, da rieche ich gerade einen köstlichen Kothaufen – bin gleich zurück!
Ah, das war gut! Verdorbener Käse wäre mir zwar noch lieber gewesen, aber wann findet man den schon? Jedenfalls duftet alles Verwesende ganz herrlich für unsereins. Kot und tote Schnecken schmecken großartig. Ein Rüssel voll Nahrung muss schließlich ab und zu sein. Und man muss mich nehmen wie ich bin. Wer sich nur an meinen dunkel- bis rotbraunen, weißgefleckten und je nach Lichteinfall herrlich blau aufschimmernden Flügeln erfreut (was ich jetzt weiß aber nicht wahrnehmen kann, denn selbst vermag ich solche Farbspiele nicht zu sehen), sich aber vor meinen Lieblingsspeisen ekelt oder mich nicht als grüne Raupe mag, der soll sich selbst in einem Spiegel betrachten.
Beim Saugen kam mir übrigens ein guter Gedanke (und dieses Denken macht mir immer mehr Spaß und das Berichten inzwischen auch). Der köstliche Kot stammte nämlich von Kassiopeia, der Schildkröte. Die ist womöglich noch älter und noch weiser als Wendula, was ich jedoch nicht gesagt haben will, denn ich möchte mich mit der Käuzin gut stehen. Mit Kassiopeia natürlich ebenso. Nur im Zweifelsfalle: Schildkröten sind zwar auch keine reinen Pflanzenfresser, doch unsereins würden sie nie erwischen. Da hätte eine Verärgerung keine so unangenehmen Folgen. Ja, auf zu Kassiopeia. Mit der kann man viel ungezwungener reden!
Ah, da ist sie ja. Döst schon wieder in der Sonne. Typisch! Manchmal denke ich, außer mir faulenzen alle nur rum. Aber ich will was von meinem Leben haben. In meinem dritten Larvenstadium habe ich Winterschlaf gemacht: totlangweilig sage ich dir! Oder eigentlich „kurzweilig“, weil ich keine Erinnerung daran habe. Auch du weißt ja nichts von den Stunden eines Schlafs, höchstens noch etwas von dem Traum, mit dem du wach wirst. Und, ehrlich gesagt, vom Tod habe ich nicht die geringste Ahnung und weiß nicht, ob er langweilig ist. Es soll der Schlaf ohne Traum und Erwachen sein. – Es ist schon komisch, wenn ich nun so menschlich daher rede und dabei selbst vieles davon nicht verstehe. Vielleicht ist dieser Spiegeltrick noch nicht ganz ausgereift ...

»Hallo Uri«, geckert mir da der wohl nur scheinbar dösende Panzer zu (normale Schildkröten sind natürlich stumm, doch Kassiopeia spricht neben mehreren Echsendialekten auch tierische Fremdsprachen): »Hassst Probleme mit Deiner neuen Rolle, wasss?«
»Woher weißt du das«, staune ich nur.
»Ich weiß alles!« zischt sie.
»Du auch?«
»Wieso: auch?«
»Äh, ich wollte sagen: Kannst du eigentlich auch Ma...ma..tick?«, denn ich wollte nicht eingestehen müssen, dass ich Wendula zuerst aufgesucht hatte.
Traurig studieren mich ihre immermüden Augen. »Du meinst bestimmt Mathematik, die Rechenkunst! Was für eine Frage! Ich bin bekanntlich die größte Mathematikerin überhaupt. Ich habe sogar Achilles geschlagen, weil ich bis Unendlich zählen kann!«
»Ist das mehr als neun?«
»Mehr als neun!? Das will ich meinen! Geckgeck. Unendlich ist mehr als alles! Deswegen zähle ich ja ununterbrochen, auch wenn viele glauben, ich döse nur. Ach, es ist so traurig: Ich weissss, dass ich bis Unendlich zählen kann und doch fällt mir immer wieder eine größere Zahl ein ...«.
»Wieso ist das traurig? Dann kannst du doch noch weiter als bis Unendlich zählen!«
»Das geht doch nicht, weil Unendlich mehr ist als alle Zahlen! Deswegen bin ich ja so traurig. Schnief.«
»Heißt das, du bist noch nicht bei Unendlich?«
»Man könnte es meinen. Doch da ich Achilles geschlagen habe, kann es nicht sein. Esss ssei denn, wir lägen noch immer im Wettstreit: Bisss in alle Ewigkeit.«
»Ist Ewigkeit mehr als Unendlich?«
»Uri, du bist wirklich dumm! Ewig bezieht sich auf Zeit und ...«
»Hah, genau darum geht es! Kassiopeia, du weißt wirklich alles! Nicht wie die Angeberin Wendula. Du hältst wirklich die offenen Augen aus dem Sand.«
Die Schildkröte sieht mich mit ihren tränenden Augen traurig an: »Mein Wettkampf mit diesem Muskelprotz Achilles ist weltberühmt. Dabei hat der nichts im Kopf, verdient aber bestimmt Millionen in seinem Verein. Unsereins muss dagegen froh sein, ein paar Salatblätter zu kriegen, geckgeck. Aber eigentlich spielte ich die Hauptrolle. Ganze Bücher wurden darüber geschrieben und ...«
Ich bewundere Kassiopeia wirklich aus vollem Herzen: »Genau, Kassiopeia! Es geht um dieses Buch, in dem es heißt, eine Vorfahre von mir habe die Zeit erfunden – oder zumindest mitgeholfen ... könnte man sagen. Und ich soll erklären, wie das alles zugegangen ist mit den Erfindungen unserer Ahnen, die sich sogar selbst erfunden haben. Es ist ja auch eigentlich nicht schwer, nur ... ehrlich gesagt, hab’ ich keine Ahnung.«
»Dann soll ich dir also nicht die Mathematik sondern die Evolution erklären?«
»Tschuldigung, liebe Kassiopeia, es geht auch nicht um diese ... dieses Fremdwort, es geht um unsere Vorfahren und ihre Tricks.«
»Oh, Uri! Evolution heißt doch nichts anderes als Entwicklungsgeschichte.«
»Nein, nein, die Entwicklungsgeschichte kenne ich: Man wickelt sich als Raupe ein, wird Larve und kommt dann als Schmetterling wieder raus aus dem Wickel. Das ist nicht besonders schwer, weil ...«
»... du wirklich nicht allzu viel Wisssssen mit dir rum zu schleppen scheinst. Wundert mich ohnehin, dass du als Schmettrauppuppe (Kassiopeia sah immer die ruhigsten Lebensphasen als die wichtigsten an) so verständlich reden kannst.«
»Aber du weißt doch alles und ...« in diesem Moment rauscht es und – beim Heiligen Schmetterling!, ich denke, mein noch bescheidenes Wissen hat schon ausgedient – ein riesiges Flügelpaar verdunkelt den Himmel direkt über mir. Noch näher zwei Fänge, die es aber ... oha ... wohl auf meine Gesprächspartnerin abgesehen haben. Das bedauere ich weniger als ich mich selbst bedauert hätte.
»Dachte ich es mir doch!«, wettert Wendula, die dreist auf Kassiopeias Rückenpanzer sitzt. »Ich hätte dich nicht nur vor Augenwischern, auch vor Scharlatanen warnen sollen.«
Ich sage gar nichts, denn mir ist wirklich nicht danach zu Mute (das mit dem Mut, darf man wörtlich nehmen). Wendula interpretiert es in ihrem Sinne:
»Ach ja, du hast es ja nicht mit Fremdwörtern. Ein Scharlatan ist ein Gauner, Betrüger und Aufschneider. Die schlimmsten sind die, die behaupten, es gebe größere Zahlen als neun. Dabei kann jedes Kind und sogar du, Uri, einsehen, dass es keine größere Zahl geben kann. Denn alle Zahlen von eins bis neun bestehen aus einer Ziffer und es gibt nur neun Ziffern.«
Ich sehe es sogleich ein, denn Wendulas Schnabel ist nicht weit weg. Kassiopeia aber lacht höhnisch (ich hätte nie gedacht, dass Schildkröten lachen können). »Wer körperlich obenauf issst«, zischt sie leise und meinte sicherlich Wendulas Platz auf ihrem Panzer, »der muss es geistig noch lange nicht sein. Auch Achilles ...«
»Du und dein blöder Achilles! Der hängt mir wirklich zum Hals raus«. Ganz anschaulich würgt sie ein Knäuel Federn, Knochen, Haut und andere Fressabfälle heraus. (Eulenvögel verschlingen uns arme „Beutetiere“, wie sie es vornehm nennen, nämlich mit Haut und Haar und Flügel. Später würgen sie dann die Reste wieder heraus. – Leider ist für Schillerfalter aber nichts Schmackhaftes dabei).
Kassiopeia steigt in der Zwischenzeit ganz, ganz langsam mit den Vorderbeinen auf einen Stein. Doch so beinahe unmerklich das auch geht, die Folge ist, dass Wendula, die sich ohnehin nur schwer mit ihren zum Umfassen ausgebildeten Krallen auf dem gewölbten Panzer halten kann, aus dem Gleichgewicht gerät. Endlich rutscht sie ab, muss sich aus der schwierigen Situation mit heftigen Flügelschlägen retten, findet einen benachbarten Ast und steckt den Kopf unter eine Schwinge: »Muss mal dringend Federpflege machen«, nuschelt sie entschuldigend, »wieder so ein Parasit«.
Kassiopeias Augen aber glänzen. »Muskelhelden und Maulhelden schlägt man mit Stetigkeit. Stetigkeit heißt, lieber Uri: immer, immer, immer.«
»Immer was?«
»Immer das Gleiche.«
Ich bin mir nicht sicher, ob ich es verstanden habe: »Immer fressen zum Beispiel.«
»Nein, dann kotzt du wie solch dumme Tiere, die nur bis neun zählen können. Nein, immer wieder eine ganz, ganz kleine Veränderung. So habe ich Achilles geschlagen.«
Wendula bellt »wettwett«, doch das Panzertier lässt sich nicht beirren, und mir ist die Geschichte neu: »Ich hatte einen Vorsprung beim Wettlauf und er kam mit großen Sprüngen näher. Schnell war er an der Stelle, an der ich kurz zuvor war. Doch er holte mich nicht ein, weil ich inzwischen ein klein wenig weiter gekrochen war. Er eilte natürlich dahin, wo ich war. In der noch so kurzen Zwischenzeit war ich aber wieder ein wenig weiter weg. Sehr wenig, zugegeben, aber immerhin: Ja, ich habe die jeweils verbleibende Strecke zwischen uns immer wieder geteilt und geteilt und geteilt. Bis Unendlich ... oder doch ganz, ganz kurz davor ..., schnief. Zumindest hat er mich nie eingeholt!«
Ich bewundere den Trick aufrichtig und weiß nun, wie wichtig der Mathetrick im Leben und für’s Überleben ist. Wenn ich dieses steh-trickige Teilen erst kann, dann bin ich vor jedem Killer sicher: »Kassiopeia, unterrichte mich!« bitte ich spontan.