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A PRIORI oder APRIORI  
steht am Anfang nicht nur dieses Verzeichnisses. Es heißt »im Vorhinein« oder »vom Früheren her« und ist eine Unterscheidung Kants für das Bewusstsein, das zwar eine Erfahrungskomponente hat (a posteriori), doch auch eine, die vor aller Erfahrung liegt. So – laut Kant – Raum, Zeit und Kausalität. Ja, diese Denkkategorien machten Erfahrung erst möglich Link .

Diese durchaus fruchtbare These ist nicht so simpel wie Platons Ideen es sind, die die Philosophie als Lehre vom Unbeweisbaren begründen (was doch wohl zu wenig ist), hat aber Ähnlichkeit mit dem deutschen Reinheitsgebot für Bierbrauer: Beimischen verboten! Für Kant ist es die Empirie, die um der reinen, hier transzendentalen Lehre des Idealismus willen, streng dualistisch ausgeschlossen werden muss (Link , Link , Link , Link und Link sowie als Literaturtipp Link ) : Keine Erfahrung und keine Abstraktion lasse die »Dinge an sich« erkennen; hinter den Erscheinungen stünden von der Natur völlig unabhängige und ohne sie existierende absolute Vernunftprinzipien.

Im Spiegel der Möglichkeiten kommt der Begriff des Apriori nicht vor, wohl aber geht es um die Frage der Erkenntnisfähigkeit. Mit Wendurs an der Evolution orientierten Erklärungen wird versucht, derartige Voraussetzungen und kategorische Setzungen aufzuheben. Ich gehe davon aus, dass unsere Denkstrukturen Strukturen der Natur sind, Ergebnisse der Entwicklung, die sich somit auch erkennen kann. Selbstverständlich gilt dies noch mehr für unsere Sinneswahrnehmungen, die wiederum unser Denken mitbestimmen. Damit wird die Sinnfrage keineswegs auf Materialismus reduziert – im Gegenteil! Konrad Lorenz relativiert (und widerlegt damit, denn ein relativiertes Absolutes ist paradox!) in seinen sehr lesenswerten Überlegungen zum Verstand den transzendentalen Idealismus: Link . Nicht zuletzt weist er darauf hin, dass Kant statisch denkt: Für ihn gibt es eine absolute Grenze zum Transzendenten Link , die für die Amöbe wie den Menschen gleichermaßen gilt. Die Evolutionäre Erkenntnistheorie (siehe dort) kennt dagegen nur eine variable Grenze, die für jedes Lebewesen und jede Zeit woanders liegt, eigentlich Übergang ist und auch subjektiv gefunden werden muss Link .

Diese für mich weitaus verständlichere und letztlich reichere Auseinandersetzung mit dem, was wir in einem Spiegelprozess zwischen unserem Innen und unserem jeweiligen Außen über die Welt und die Dinge darin und nicht zuletzt über uns selbst erkennen können, wird Im Spiegel der Möglichkeiten immer wieder behandelt: Raum, Zeit und Kausalität werden relativ und evolutionär von Schmetterlingen und Fledermäusen durchschwebt, in Nusskalendern, Mädchenabenteuern und Atomolympiaden reflektiert, im Chat mit dem Androiden Data erkenntnismäßig zu begründen versucht, mit Hegel und Jonas sogar selbst in den Werdenden Gott transzendiert.

Diese sehr weit gehende Steigerung scheint mir für ein zeitgemäßes Paradigma notwendig und geht über Lorenz hinaus, der sehr anschaulich schreibt, dass das Apriorische auf zentralnervösen Apparaten beruht, diese Apparatur aber der Natur ihr Gesetz genauso wenig vorschreibt, »wie der Huf des Pferdes dem Erdboden seine Form vorschreibt. Wie dieser stolpert sie über nicht vorgesehene Veränderungen der dem Organ gestellten Aufgabe. Aber so wie der Huf des Pferdes auf den Steppenboden passt, mit dem er sich auseinandersetzt, so passt unsere zentralnervöse Weltbild-Apparatur auf die reichhaltige reale Welt, mit der der Mensch sich auseinandersetzt, und wie jedes Organ, so hat auch sie ihre arterhaltend zweckmäße Form im äonenlangen stammesgeschichtlichen Werden durch diese Auseinandersetzung von Realem mit Realem gewonnen.« Lorenz setzt nämlich Realität als natürlich voraus, konträr zur »wahren Welt« Platons, die außernatürlich ist. Sicherlich muss man das Materielle als Gegebenheit vor dem Leben und vor dem Erkennen ansetzen, doch ist diese dadurch »real«? Realität, so die weiter gehende, den Spiegel der Möglichkeiten durchziehende These, ist auch relativ und Produkt des Denkens. In Umformung des zitierten letzten Satzes von Lorenz meine ich, es wäre treffender, von der schöpferischen Auseinandersetzung von Realem mit Virtuellem zu sprechen, von der dialektischen Ausfaltung des Einen.

Wer lieber bei Kants »Kritik der reinen Vernunft« bleibt, der lese dazu einiges unter Link oder gleich Kant selbst: Link . Die Transzendentalphilosophie und nahezu alles, was das kantische Herz begehrt, soweit es um die reine und praktische Vernunft geht, bringt Stefan Kuske unter Link .

Mein Fazit ist eines des Aposteriori: Auch wenn Kant Unrecht hat, hätte man es ohne ihn schlechter erkannt.


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