Suche in der Bibliothek
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Ü Y Z Ö

HOMO S@PIENS  
Dieses Wesen bringt Im Spiegel der Möglichkeiten den Androiden Data etwas durcheinander – und mich auch. Irgendwo habe ich diese Verballhornung des wissenschaftlichen Namens unserer Spezies gelesen, sie aufgenommen und zum Motiv der Diskussion um das Menschsein einerseits und die verdrängten Gefahren einer ungenügend kontrollierten Technik andererseits erkoren. Erst bei der Bearbeitung dieser Stichwörter stieß ich dann auf das gleichnamige Buch von Ray Kurzweil (Link und Link sowie zur Diskussion Link ), das tatsächlich kurzweilig geschrieben ist (wenn auch nicht ganz so kurzweilig zu lesen), anregend und grauenhaft.

Kurzweil übertrifft mit seiner euphorischen Technikvision meine Szenarien und Befürchtungen bei weitem. Und das kann er, weil er von seinem eigenen Machbarkeitsglauben so begeistert ist, dass Biologie und Ethik gar keine Themen mehr sind, Moral, Verantwortung, Leben, Liebe oder Sinn sucht man in seinem Buch und dessen umfangreichem Stichwortverzeichnis vergebens. Warum? Weil hier ein Computertechniker zwar verständlich, aber in seiner rein technischen und mechanistischen Sprache schreibt, die sicher seinem Denken entspricht: Die Evolution ist zwar eine gute, aber arg langsame Programmiererin, sie hat biologisch ausgedient. Menschen gleichen Computern mit mangelhafter Rechnerleistung, Bewusstsein ist die Selbstreflexion einer Maschine, die auch zur »sinnlichen Maschine« wird, Sinnlichkeit (eigentlich ein Wort, in dem Sinn steckt) wird auf Sexualerlebnisse reduziert. Und das findet Kurzweil natürlich super, denn beim virtuellen Sex werden keine Krankheiten übertragen, man kann beliebige Verbindungen eingehen und ihn sogar – die Hirnimplantate der Zukunft machen es möglich – als Mann wie wechselweise auch als Frau erleben. Allerdings wird diese Differenzierung künftig ohnehin kaum noch relevant sein, da die nach Kurzweils exakter Zeitrechnung weitergeführte Evolutionsgeschichte – die er besonders im Anhang für die Vergangenheit sehr gut darstellt, was seine Glaubwürdigkeit steigert – »unvermeidlich zur Verschmelzung von Mensch und Computer« führen muss (also zum Cyborg).

Glück beschert dem künftigen Menschen (bzw. der Maschine, die sich so nennen wird) die Lösung von der Biologie dank synthetischer Nahrung, Gentechnik (also doch noch Biologie?!) und Nanotechnologie, die alle Gesundheitsproblemchen der natürlicherweise anfälligen biologischen Fehlkonstruktion »Körper« beseitigen. Diese Nanotechnik bringt so etwas wie Superminiroboter hervor, die »Nanobots«, die zu Millionen in unserem Körper für Ordnung und das rechte Funktionieren sorgen, auch all unsere Hirnleistungen und Gefühle kopieren, dafür sorgen, dass wir geradezu unsterblich werden und der Tod zum Abschalten der Software gerät.

Zwangsläufig fällt mir dazu die Passage aus den philosophischen Abenteuern ein, in der es heißt: »... denn die allgemeine Idee Mensch wäre in vollkommenerer Weise in Gott vorhanden. Für jede individuelle Variante braucht er nur einen zusätzlichen Merkmalsatz.«
»Merkmalsatz – wie das klingt!«
»Ein Informatiker würde wohl so sprechen, und ich bemühe mich, in modernen Gleichnissen zu reden.– Nach diesem Konzept existierte der Mensch nach seinem leiblichen Tod als Gedanke Gottes weiter, bis es diesem gefällt, ihm am letzten aller Tage wieder einen Leib zu geben.«
»Die Auferstehung oder – richtiger, weil ja die Aktivität von außen kommt – Auferweckung des Menschen wäre also die Wiederverkörperung der gespeicherten Gedanken Gottes.«
»Bisher hatte ich alter Mann mir zwar den Schöpfergott wie einen gestaltenden Künstler vorgestellt, während er mir nun wie ein softwaregesteuerter Wiederbelebungsautomat vorkommt – aber zeitgemäß dürfte das Bild sein.«

Zugegebenermaßen freute ich mich, dass ich auch ohne Kurzweil ein treffendes Bild und den zeitgemäßen Ton gefunden hatte, ärgerte mich, dass ich das Buch »Homo s@piens« nicht früher gelesen hatte, um es einzuarbeiten, und war dann doch zufrieden, weil meines sonst sicher viel negativer geworden wäre. Denn es fällt mir schwer, mich Kurzweils Glücksverheißung anzuschließen, dessen herrliches Zukunftswesen nichts Rechtes zu tun hat (schon die Computer des Jahres 2060 werden die Intelligenz der ganzen heutigen Menschheit besitzen, dabei 1000 Dollar kosten, und jeder kann sich natürlich aufrüsten lassen), abgesehen von der kleinen Technoelite, die den Rest der Menschheit lenkt, wobei sie Orwell und die Scientologen weit übertreffen, denn eine Privatsphäre gibt es nicht mehr. – Wie romantisch sind da doch meine Star-Trek-Vorstellungen!

Was machen die Glücklichen (außer Sex mit jedem und jeder)?: Sie werden sagenhaft kreativ, erfreuen sich virtueller Kunst und werden endlich auch zu richtig spirituellen Wesen: durch die zunehmende Überwindung natürlicher Grenzen einerseits (hatten wir den Körper als Gefängnis der Seele nicht schon bei Platon?; wechselbare oder gar virtuelle Körper sind bei Kurzweil und anderen Extropiern ein Ziel) und durch die Verstärkung der für die Spiritualität im Gehirn zuständigen Teile andererseits: Kurzweil nennt es »das Gottesmodul«.

Wäre Kurzweil nicht (wie Moravec, siehe u.a. Stichwort Cyborg) ein prominenter und vielfach ausgezeichneter Wissenschaftler (das »ruhelose Genie«, wie ihn das Wall Street Journal titulierte) am Milliarden schweren MIT-Institut (einer Hochburg der Extropier), der den Flachbettscanner und die OCR-Texterkennung und vieles mehr entwickelte, und wäre er nicht so überzeugend und konsequent, so könnte man über diesen grenzenlosen Technofetischismus und Technosuperoptimismus herzhaft lachen. Das aber wäre fatal: Wir müssen ihn sehr, sehr ernst nehmen. Und angeblich stimmen ihm 60 Prozent der Amerikaner zu.

Da aber, wie es Im Spiegel der Möglichkeiten heißt, alles seinen Spiegel braucht, sollten wir für diesen sorgen, auch selber Spiegel sein. Halten wir ihn vor, so sollte sich zeigen, dass Kurzweils Beschreibung der bisherigen Entwicklung und seine Auseinandersetzung auch mit erkenntnistheoretischen Aspekten wirklich wertvoll sind. Ich stimme ihm beispielsweise zu, dass intelligente Maschinen einmal sagen werden: »Ich denke, also bin ich!«, und damit nach der Selbstdefinition Descartes' auch menschliche Wesen sein müssten. Konsequenterweise dürfen sich dann diese zunehmend unbiologischen Wesen auch zu Herren und Eigentümern der Welt machen. Denn schon Descartes, der Begründer der neuzeitlichen Philosophie, pflegte die Maschinensicht der Natur, die determiniert zu sein hat. Deswegen nahm er den Menschen mit seiner vermeintlich unnatürlichen Denkfähigkeit aus ihr heraus und wollte eine Philosophie, um »die Kraft und die Tätigkeit des Feuers, des Wassers, der Luft, der Gestirne, des Himmels und aller übrigen uns umgebenden Körper ... zu allem möglichen Gebrauch zu verwerten und uns auf diese Weise zu Herren und Eigentümern der Natur zu machen«. Könnte man das dann einem höherwertigen, weil noch unnatürlicheren (und auch unmenschlichen, Verzeihung: übermenschlichen) denkenden Ding absprechen?

Dank Kurzweil und seiner Denkbrüder wird das Problem der reinen Rationalisten doch nur deutlicher: Das neuzeitliche Denkding »Ich« will nicht natürlich geschaffen und damit abhängig sein! Weit lieber will es Produkt seines eigenen Machens werden und nur Freiheit von, nicht Freiheit zu genießen (es sei denn, das zu heißt: Endlich mit der Frau des Nachbarn zu schlafen, wie Kurzweil es in einem Interview ausdrückt Link ). Mit dieser Formulierung (Freiheit zu, mit Nachbarinnen hat er ziemlich sicher nie geschlafen) sind wir aber bei Kant, der diese wollte und die Selbstbeschränkung als höchsten Ausdruck freien Willens ansah. Das klingt moralisch besser, aber dennoch sind es auch die das Gute wollenden Rationalisten wie Kant, die letztlich den Menschen gerade ethisch halbierten. Aus Kurzweil spricht die klare, rationale Konsequenz eines so gespaltenen Menschen.

Persönlich bin ich auch vom zeitgleich mit Kants Ethik entstandenen Utilitarismus, der ebenso die Extropier rechtfertigt, nicht überzeugt. Doch Bentham – einer der Hauptbegründer dieser angelsächsischen Ethik – hoffte schon damals, dass Sklaven und sogar Tieren eines Tages jene Rechte zugestanden werden, die ihnen bisher vorenthalten sind. Die Begründung dafür dürfe nicht sein, dass es ihnen an Vernunft mangele, über die kleine Kinder und geistig Behinderte oder Senile auch nicht verfügen. Die entscheidende Frage sei nicht, »können sie logisch denken?«, sondern »können sie leiden?« – Welch dumme Frage! In der Zukunftswunderwelt der Extropier wird es ja das Leiden nicht mehr geben, und 2099 wird laut Kurzweil der Begriff »Lebenserwartung« keine Bedeutung mehr haben (er meint es anders, doch könnte er in sehr ultimativer Form Recht haben, womit wir wieder bei Data und dem Witz vom Homo sapiens Im Spiegel der Möglichkeiten wären).

Was, wenn künftig einer daherkäme und sagte: »Entscheidend ist die Frage: Können sie lieben?« Wie beantworten die »photonischen Äquivalente« (wie Kurzweil die Zukunftscomputer nennt) dann diese Frage? Ich schätze, sie berufen sich dank ihres enormen Faktenwissens auf Platon, Descartes, Kant und speziell Nietzsche und sagen, Gefühlsduselei sei evolutionär überholt und man müsse zumindest ein Neuroimplantatwesen sein, um Mensch genannt werden zu können, weil die alten kohlenwasserstoffbasierten Denkmaschinen, die man früher so nannte, in jedem Logikwettstreit ihre Minderwertigkeit beweisen. Oder sie argumentieren gleich mit ihrem Stammvater Kurzweil, der in einem weiteren interessanten Interview (das interessanterweise unter einer Domain Goethe zu finden ist und den Vergleich mit Data zieht: Link ) sagt, menschliche Emotion sei Bestandteil unserer Intelligenz – und die ist bei den künftigen Maschinen viel größer.

Wie gesagt, das kurzweilige Buch habe ich zur Einarbeitung in meines zu spät gelesen. Dass dennoch in meinem der »GAU« im Jahr 2009 eintritt, das auch bei Kurzweil eine wichtige Etappe mit ähnlich wie bei mir beschriebener Technologie darstellt, ist entweder ein Kausalitätsparadoxon in der Raum-Zeit oder Zufall in Notwendigkeit – notwendig scheint es durchaus, sich mit seinen Visionen, die vermutlich zumindest teilweise oder ähnlich wegen des Machens des Machbaren real werden, ernsthaft zu beschäftigen. Dazu können einige Buchbesprechungen dienen, die man findet unter Link , Link , Link und von Daniel Speich unter Link . Ergänzend verweise ich auf vier diesbezügliche Artikel aus Die Welt: »Kurzweils Traum« zur künstlichen Intelligenz (Link ), das wohlklingende »Aphrodite-Projekt« der digitalen Auferstehung (Link ), zur berechtigten Frage »Bin ich Mensch – bin ich Maschine?« (Link ) und abschließend: »Der Mensch muss weg« (Link ).

  Portal

Androide
Data
Homo sapiens
Menschsein
Technik
Machbarkeit
Ethik
Moral
Verantwortung
Liebe
Sinn
Computer
denken
Evolution
Bewusstsein
Möglichkeit
KI
Gehirn
Borg
Cyborg
Tod
Gott
Gentechnik
Spiegel
Platon
Extropier
Erkenntnis
Scientology
Descartes
Philosophie
Kant
Utilitarismus
Ethik
Nietzsche
Raum-Zeit-Kausal-Welt

Ureda

Impressum / Haftungshinweis Ureda © 2002K.-J. Durwen