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HOMUNKULUS  
Ein Homunculus, also ein Menschlein, erblickt in einer Sciencefiction-Szene bei Goethe das literarische Licht der Welt. Das kann man auszugsweise unter Link (und sehr frei nachempfunden für alle Christstollenbäckerinnen unter Link ) nachlesen, sei aber hier kurz und etwas moderner (also ähnlich wie Im Spiegel der Möglichkeiten) erklärt:

Im Hightech-Ambiente des Mittelalters, einem Labor mit allerlei laienunverständlichen Gerätschaften, hantiert der Gentechniker Wagner herum, als Mephisto – eine Art Handelsvertreter eines sehr erfolgreichen Großunternehmens, das neue Ichs verkauft – eintritt und fragt, was da vorgeht. Wagner, um seine Patentrechte besorgt, tuts nicht gern, offenbart dann aber: »Es wird ein Mensch gemacht.« Mephisto ist zunächst wenig beeindruckt, denn er denkt an Sex. Doch – aller Medienwirksamkeit zum Trotz – ist daraus eine saftige Szene zu inszenieren, weil der nobelpreisverdächtige Spitzenforscher, der ziemlich geschwollen daherredet, erläutert und dazu auch die philosophische Begründung gibt:

Behüte Gott! wie sonst das Zeugen Mode war,
Erklären wir für eitel Possen.
Der zarte Punkt, aus dem das Leben sprang,
Die holde Kraft, die aus dem Innern drang
Und nahm und gab, bestimmt sich selbst zu zeichnen,
Erst Nächstes, dann sich Fremdes anzueignen,
Die ist von ihrer Würde nun entsetzt;
Wenn sich das Tier noch weiter dran ergetzt,
So muß der Mensch mit seinen hohen Gaben
Doch künftig höhern, höhern Ursprung haben.

Mephisto erkennt wohl die scheinbar logische Konsequenz der künstlichen Selbsterschaffung für ein Wesen, das sich seit Platon und über Descartes und Kant bis zu Nietzsche als zur Vollkommenheit strebendes geistiges Ding idealisiert, indem es die Natur verteufelt, weiß aber als Teufel auch, dass der künftig so würdevoll unnatürlich hervorgebrachte Mensch sich bestimmt weiter wie das Tier ergötzen wird, sodass es gescheiter wäre, beim bewährten Herstellungsverfahren zu bleiben. Doch er kommt nicht zu Wort, weil der neue Menschenschöpfer aus der Kaste der Extropier sich begeistert:

Es wird! die Masse regt sich klarer!
Die Überzeugung wahrer, wahrer:
Was man an der Natur Geheimnisvolles pries,
das wagen wir verständig zu probieren,
Und was sie sonst organisieren ließ,
Das lassen wir kristallisieren.
. . .
Im Augenblick ist es getan.
Ein großer Vorsatz scheint im Anfang toll;
Doch wollen wir des Zufalls künftig lachen,
Und so ein Hirn, das trefflich denken soll,
Wird künftig auch ein Denker machen.
Das Glas erklingt von lieblicher Gewalt,
Es trübt, es klärt sich; also muß es werden!
Ich seh´ in zierlicher Gestalt
Ein artig Männlein sich gebärden.
Was wollen wir, was will die Welt nun mehr?
Denn das Geheimnis liegt am Tage.

Wer mehr von der spannenden Story wissen will, kann sich unter Link informieren. Und wer den Thriller namens »Faust II« ganz lesen will, den verweise ich auf Link oder die gedruckte Fassung.

Da der Homunkulus ein Retortenprodukt ist, muss auch auf die aktuelle Version der Homunkulusschaffung, nämlich das Klonen von Menschen, verwiesen werden, was mit einigen Links geschehen soll: Einen informativen Überblick bis 1995 gibt das Referat von Christian J. Krause unter Link . In den Jahren nach 1995 gibt es in verschiedenen Ländern Initiativen und Anträge gegen das Klonen von Menschen und auch einen knappen Beschluss des Europaparlaments (Link ), an den sich jedoch die hier technologisch führenden und utilitaristisch geprägten Briten nicht halten. Vielmehr lässt das Unterhaus mit Beschluss vom 20.12.2000 das Klonen menschlicher Embryonalzellen zu (Link ), und Patente auf »Chimären« z.B. zwischen Mensch und Schwein sind inzwischen vergeben. Klar sind wir noch nicht so weit, dass wir »den neuen Einstein« einfach herstellen könnten (vgl. Link und insgesamt sehr viele Artikel zu diesem Thema auf der Domain Geowissenschaften.de (Klick oben, dann zurück auf »Hauptseite«) und noch mehr und aktuelles unter Link ), doch scheint das nur eine Frage der Zeit zu sein. Oder steigen wir nicht besser gleich in das neue Design des virtuellen Menschen ein?

Der Designer Rainer Funke setzt sich unter dem Titel »Cyberspace versus Homunkulus? Beginnt das Problem im Virtuellen?« (Link ) in leider etwas zu akademischem Stil (so sind wir Professoren nun mal, aber immerhin schreibt er auch was über Cybersex, was u.a. Mephisto freuen sollte) mit diesem Thema auseinander. (Ist es Zufall, dass der neue Homunculus ein virtuelles Designprodukt sein könnte und es unter Link eine Firma für Webdesign gibt?) Funke zitiert dabei Stelarc mit dem Ausspruch: »Was es heißt, ein Mensch zu sein, wird nicht mehr im genetischen Gedächtnis verankert sein, sondern indem es im elektromagnetischen Feld des Stromkreises wiedergestaltet wird.« (In den Abenteuern gibt es durchaus andere Antworten zu dem, was es heißt, ein Mensch zu sein.) Wie archaisch ist dagegen das Figurentheater »Homunkulus« in Berlin-Pankow. Das dürfen Sie ruhig mit Ihren Kindern besuchen; denn es ist viel schöner als die künftige Realität, obwohl auch diese Figuren wie der Golem oder Roboter von Menschen gemacht sind.

Und wie schließt eigentlich Goethes Szene (womit zugleich angedeutet wird, dass der teuflische Mephisto, der spricht, durchaus seine Hände mit im Spiel hatte und nicht zufällig hereinschneite)?:

Am Ende hängen wir doch ab
Von Kreaturen, die wir machten.


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