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JONAS, Hans  
ist für mich der wichtigste Philosoph des letzten Jahrhunderts, denn er hat es gewagt, ein neuzeitlicher Metaphysiker zu werden und aus dieser Position die Fundamente für eine Ethik der Zukunft zu legen. Im Spiegel der Möglichkeiten begegnen Sie ihm vierfach: als Entlarver, als Urgrundsucher, als religiöser, geradezu mystischer Brückenbauer und als Zukunftsethiker.

Als Entlarver, weil er die dualistische These des Descartes von der Verbindungslosigkeit von Stoff und Geist als Schutzbehauptung erkennt, »um zugleich das Dogma des autonomen Geistes wie auch das physikalische Dogma des Determinismus erhalten zu können, verbunden mit der Verwechslung von Natur mit Mathematik«, wie es Wendur erst wenig verständlich formuliert und bald sogar noch unverständlicher hinzufügt, dass der Dualismus folgende vier Probleme mit sich bringt: Die Schöpfung des Geistes aus dem Nichts, die Folgenlosigkeit des Bewusstseins, den Geist als »Wahn an sich« und die sich selbst erscheinende Erscheinung (»Macht oder Ohnmacht der Subjektivität?«). Glücklicherweise vermag er es auf den Einwand der Mädchen hin dann so verständlich zu erklären, dass Sie dort nachlesen sollten, falls es auch Ihnen noch nicht klar ist.

Diese Problematisierung und Widerlegung des Dualismus ist wichtig, um endlich diese noch immer verbreitete, doch überholte und zukunftsschädigende These zu den Akten der Geschichte zu legen und meine Spiegelgeschichte weiterzuführen. Denn damit wird sowohl die Tür zu besseren Erklärungen des Geistes und Fragen der Erkenntnis geöffnet wie auch zu einer durchaus nicht vollständig determinierten Natur. Geht man mit den Mädchen durch diese Türen, so kommt man in den Raum der gemeinsamen Evolution von Materie und Geist. Damit aber sind wir beim neuen metaphysischen Urgrund (dazu – postum – von Jonas »Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen«, siehe auch Link ). Diesen habe ich – inspiriert von Jonas – in den philosophischen Abenteuern zur individuellen Freiheit der Quanten gemacht (Zufall), ohne dass sie der empirischen Kausalität (Notwendigkeit) des Kollektivs widerspricht. In der Welt außerhalb unserer Erfahrung durchweben sich naturwissenschaftliche Erklärungen (wie solche von Heisenberg, Bohr, Schrödinger) mit den Visionen eines Bruno und geradezu mystischen (u.a. taoistischen) Erklärungen. Daher stellt sich – wie wohl immer irgendwo, wenn es um Metaphysik geht – auch die Frage nach dem Göttlichen, sei es im religiösen oder im philosophischen Sinn. Auch die Begründungen dafür, dass dieser philosophische Gott – wenn es Evolution gibt, wovon ich ausgehe – kein Allmächtiger sein kann, wohl aber ein Liebender (und damit religiöser), weil er von sich als Allmacht hingeben musste, um den Prozess zu ermöglichen, fand ich bei Jonas (»Der Gottesbegriff nach Auschwitz« und im Netz zur Machtentsagung Gottes: Link ).

Auch ich gehe davon aus und wob es als Hauptaussage in den Spiegelungsprozess der Möglichkeiten ein, dass das Sein eigentlich Werden ist und einem Akt entsprang, den man Schöpfung durch liebendes Ermöglichen nennen kann. Diese von sich abgebende Allmacht (das »Unbewegt Bewegende«) entsagte damit ihrem vollkommenen Sein, hob sich selbst als Gott auf, überließ das Universum seinen Möglichkeiten, sodass dieses nunmehr die neu werdende Gottheit ist. Der Evolution ist kein Ziel vorgegeben, doch wohnt ihr ursprünglich die Möglichkeit von Leben und Geist inne, die Sehnsucht des Weitertragens der Liebe, die sowohl die Vielfalt und das Individuum wie auch deren Vereinigung will. Mit etwas hegelscher Dialektik, dynamisch-evolutionärem Denken wurde daraus im Buch der »Werdende Gott« und die provokante Behauptung, dass wir für dieses Werden Verantwortung tragen.

Dadurch schlüpft der bescheidene, vielfältige und kreative Philosoph Jonas in die vierte und den Schluss der philosophischen Abenteuer bestimmende ethische Position. Denn wie kein Anderer hat er erkannt, dass der, der die Macht hat – und die hat der Mensch durch die Technik bis hin zur völligen Selbstzerstörung –, auch die Pflicht (Link ) zur Verantwortung haben muss. Er hat erkannt, dass wir eine Ethik brauchen, die über eine individuelle Verantwortung hinaus geht, ja auch über den Menschen hinaus in die Natur reichen muss, dass sie die globalen Auswirkungen unseres Tuns ebenso umfassen muss wie die Komplexwirkungen im Ökosystem und letztlich die Fernwirkungen für unsere Kinder und Kindeskinder, deren Lebensmöglichkeit und Lebensqualität wir bestimmen.

Jonas zieht in Anlehnung an Jacob von Uexküll, der die Umwelt als Summe aus Merkwelt (Wissen) und Wirkwelt (Handeln) definierte (siehe Link und Link sowie zu Uexküll Link und Stichwort Umwelt) daraus folgende Konsequenzen: Weil unser Wissen dem Ausmaß unseres Handelns und dessen Folgen nicht mehr entspricht haben wir die moralische Pflicht zur bestmöglichen Folgenabschätzung. Zu dieser rationalen Voraussicht muss aber auch eine gefühlsmäßige Furcht hinzukommen (was Kant mit seiner rationalen Pflichtenethik bestimmt nicht teilt). Letztlich ist die schlechte Prognose vor die gute zu stellen (was wohl kaum ein Unternehmer oder Politiker und bestimmt kein Extropier auf seine Fahne schreiben würde). Wer insbesondere das Buch »Das Prinzip Verantwortung - Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation« nicht lesen will, was ein Fehler wäre, der kann sich über die Zukunftsethik von Hans Jonas auch mit Hilfe des Werkstattberichts von Micha H. Werner unter Link oder des Referats von Hagen Schmidt unter Link informieren und ergänzend hinzuziehen: Link und Link sowie unter Ethik nachlesen.

Ich sehe in dieser Auffassung eine Überlebensnotwendigkeit, die im Buch nach der globalen Katastrophe durch den Funkvirus auch erkannt und durchaus im Star Trek-Universum gelebt wird. Das hat nichts mit Technikfeindlichkeit zu tun, sondern mit Vernunft, Ehrfurcht und Verantwortung. Dass Jonas nichts mehr zur Frage der Moral in einer virtuell geprägten Welt sagen konnte, ist bedauerlich, doch denke ich, mein diesbezüglicher Versuch entspricht seiner Denkweise, die er zumindest noch im Hinblick auf Gentechnik und das Problem des geklonten Menschen, dem man die Individualität und Freiheit nimmt, äußern konnte.

So, jetzt hab ich Ihnen doch einiges aus dem Spiegel der Möglichkeiten verraten, doch viel zu akademisch, nicht im Zusammenhang, nicht in der Entwicklung und Vernetzung und nur unter den Aspekten, die Jonas betreffen, jedoch die wichtigsten sind. Dabei sollte ich Ihnen wohl eigentlich etwas zu Hans Jonas verraten, von dem und über den man vieles lesen, aber leider viel zu wenig im Netz finden kann. Zum Glück – und das ist natürlich die erste Adresse – gibt es das Hans-Jonas-Zentrum in Berlin, dessen Homepage überschrieben ist mit dem »Jonas’schen Imperativ: Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden« (Link ), wobei das »echt« nicht reines Dasein meint, vielmehr würdiges Sosein. Auf dieser Seite kann man sich zur Primär- und Sekundärliteratur klicken, zu Veranstaltungen und vielem mehr. Hinzuweisen ist ferner auf ein Interview mit Jonas unter Link : »Ist Euthanasie zu rechtfertigen?« auf der thematisch sehr bemerkenswerten Seite des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums Gütersloh im Bereich »Sterbehilfe«. Im digitalen Archiv der Berliner Morgenpost findet man immer wieder gute Beiträge. So zu Jonas der Artikel »Vordenker und Mahner« unter Link , der eine sehr gute Charakteristik von Leben und Werk gibt. Letztlich gibt es den Eintrag im biografisch-bibliografischen Kirchenlexikon unter Link .

Das war’s auch schon, was ich in nennenswerter Weise im Netz zu diesem offensichtlich viel zu wenig registrierten Wegbereiter eines neuen Denkens fand. Daher sei eine sehr kurze Biografie angefügt:

Geboren wurde Hans Jonas am 10. Mai 1903 in Mönchengladbach als Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten. Mit 18 Jahren nahm er das Studium der Philosophie und Theologie (und begleitend Kunstgeschichte) in Freiburg auf, studierte in Berlin, Heidelberg und zuletzt Marburg weiter, wo er 1930 bei Heidegger und Bultmann über den Begriff der Gnosis promovierte. 1933 sah er sich zur Emigration gezwungen, ging erst nach England und 1935 nach Palästina, wo er ab 1938 an der Universität von Jerusalem lehrte. Seine Mutter kam in Auschwitz ums Leben. Während des Zweiten Weltkiegs diente er freiwillig in der Propaganda der britischen Armee, kämpfte dann 1948/49 militärisch um den Erhalt des Staates Israel gegen die Araber und lehrte dann Philosophie an den Universitäten Montreal und Ottawa. 1955 wurde er Professor in New York, wo er sich philosophischen Fragen der Biologie und der Eingliederung des Menschen in den Naturzusammenhang widmete.

Dabei vertrat er zunehmend die These, dass nicht plötzlich Individualität und Freiheit mit dem Menschen wie etwas Fremdes in die Naturgeschichte einbrechen, vielmehr die Möglichkeiten dazu von vornherein in der Natur angelegt sind. Er wollte den Dualismus von Geist und Natur überwinden, ohne den Menschen reduktionistisch abzuwerten. Im Gegenteil: Er projizierte Freiheit auf die gesamte, zumindest belebte Natur. Erst nach seiner Emeritierung 1976 wandte Jonas sich mit 73 Jahren seinem Hauptwerk »Das Prinzip Verantwortung« zu, das 1979 erschien. Darin geht es um die ethischen Konsequenzen des modernen Naturbildes, das durch reine Sachlichkeit der Natur die Würde entzieht und durch die so legitimierte Ausbeutung die eigenen Lebensgrundlagen gefährdet. Jonas erkennt jedoch im aristotelischen Sinn den Eigenwert der Natur und sieht folglich eine Aufgabe der Ethik darin, die Evolution nicht durch unkontrollierten oder verkannten technischen Machteinsatz zu gefährden. Dazu sei auch auf seine letzten publizierten Gespräche verwiesen Link .

1987 wurde Jonas der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Seine letzten Werke widmete er metaphysischen Spekulationen (»Materie, Geist und Schöpfung«), indem er das Teleologieprinzip auf das Weltganze ausdehnt. – Kurz vor seinem 90. Geburtstag, am 5.2.1993, starb Jonas in seinem Haus in New Rochelle bei New York.

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