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KATEGORIEN  
sind Schachteln, in die man die Welt verpackt. Sie sind Begriffsklassen und, weil das begriffliche Denken das bildhafte, ganzheitliche, mythische Denken spätestens seit Thales und anderen Vorsokratikern zu verdrängen hatte, zugleich Denkformen.

Kategorien sind bei Platon diejenigen Ideen, mit denen alles Seiende »Gemeinschaft haben« muss, für ihn existieren also diese Ordnungen. Aristoteles denkt wieder einmal weiter und nicht platonisch einseitig. Bei ihm sind die Kategorien zwar auch die »allgemeinsten Formen des Seins« (ontologische Auffassung), doch auch die »Struktur der Sprache«, mit deren Hilfe wir über die Welt sprechen. Er eröffnet damit den erkenntnistheoretisch zweiten Weg. Konkret unterschied der Pragmatiker Aristoteles folgende zehn Hauptkategorien: Substanz, Quantität, Qualität, Relation, Ort, Zeit, Lage, Haben, Wirken, Leiden. Bei ihm haben die Kategorien doppelten Charakter (vgl. Link und Link ). Seither ist Kategorie ein Grundbegriff der Philosophie zur Bezeichnung letzter und einfachster allgemeinster begrifflicher Bestandteile jeglicher Erkenntnis.

Die Kategorisierung funktioniert notwendig über Merkmale, ist binär und ausschließend: Entweder ist ein Merkmal vorhanden oder eben nicht. Somit teilt jede Kategorie das ganze Universum in die Dinge, die auf Grund der Merkmale in die jeweilige Schublade gehören, und den kläglichen Rest. – Das Problem ist, dass Merkmale irgendwie bestimmt und benannt werden müssen, also von Wissen und Sprache abhängen. Die naiven Realisten gehen davon aus, dass es die Objekte der Wirklichkeit gibt, die mittels sprachlicher Kategorien, die erlernt werden müssen, eingeordnet werden können. Die Nominalisten sagen, die Dinge unserer Wirklichkeit existieren dadurch, dass wir sie benennen: So etwa die Unterscheidung dessen, was »für sich« ganze Pflanze ist, nach Wurzel, Stängel, Blatt und Blüte, die dadurch für uns zu Dingen werden.

In neuerer Zeit geht man statt von Kategorien oft von Prototypen aus. Prototypen sind Muster oder Bilder, die weniger scharf und nicht in jedem Detail eindeutig sind (Link , Link und vertiefend Link ). Erkenntnistheoretisch ist das ganz wesentlich und nicht gerade eine Liebschaft mit Kants Apriori und seinen Denkkategorien. Denn bei Prototypen wird unterstellt, zumindest aber zugelassen, dass es unmöglich ist, voraus durch Regeln zu bestimmen, welche Exemplare zu einer gegebenen Kategorie gehören: Das heißt, wir erkennen beispielsweise einen Buchstaben in Hunderten von Computerschrifttypen und nahezu allen persönlichen Missbildungen individueller Handschrift nicht deswegen, weil wir mit Platon den idealen Buchstaben in der »wahren« übernatürlichen Welt geschaut haben und uns daran erinnern (was Siri Im Spiegel der Möglichkeiten sicher derart kommentiert hätte, dass ihr das auch schon deshalb abwegig erscheint, weil man sich dann doch im Jenseits wenigstens auf eine universale Schrift hätte einigen können, statt griechische, arabische, kyrillische und sonstige Buchstaben zuzulassen), sondern im Sinn der Evolution mit Versuch und Irrtum und Variationen über ein Thema arbeiten: Erkennen wird zum kreativen Prozess, ist kein transzendentales Memory oder ein Rechenkunststück mehr.

Und genau damit sind wir beim Kontext, in dem Im Spiegel der Möglichkeiten von Kategorien gesprochen wird: von Kategorien des Denkens, konkret von denen, die Kant unabhängig von den natürlichen Erscheinungen, als vor jeder Erkenntnis (a priori) liegend sieht (etwa Link ) und die Wendur nicht als vorgegebene Wege bezeichnet, sondern als die Art, sich zu bewegen, die Technik, Denkwege zu trampeln. In so manchem Kapitel versuche ich zu veranschaulichen, dass im modernen Weltbild, das ein relatives Denkbild ist, eigentlich nichts mehr absolut ist. Kant ist überholt, wenn er sich des Absoluten in der Welt noch ganz sicher war und schrieb: »Wollte man im mindesten daran zweifeln, daß beide (die Anschauungsformen von Raum und Zeit) keine den Dingen an sich selbst, sondern bloß ihrem Verhältnis zur Sinnlichkeit anhängende Bestimmungen sind, so möchte ich gern wissen, wie man es möglich finden kann, a priori und also vor aller Bekanntschaft mit den Dingen, ehe sie nämlich uns gegeben sind, zu wissen, wie ihre Anschauung beschaffen sein müsse, welches doch hier mit Raum und Zeit der Fall ist.«

Er kritisierte damit David Hume, der alles aus dem ableiten wollte, was die Sinne der Erfahrung liefern (zu Hume Link , zum Werk »die« page in engl. Link , zu Humes Kausalitätstheorie von Alois Riehl unter Link , zum Traktat über den Verstand Link ). Denn tatsächlich gibt es die Denkformen offensichtlich vor individueller Erfahrung. Doch ebenso offensichtlich gibt es auf diese rhetorische Frage eine Antwort, die über Humes These und Kants Antithese hinaus geht, sie zu Neuem vereint und ganz natürlich ist: Auch, dass wir Füße haben und laufen, Fische aber Flossen und schwimmen, ist weder individuell erworben noch außerhalb der Natur. Es ist evolutionär bedingt und doch erfunden, ist überindividuelle und überartliche Fähigkeit und in Genen vermittelte Information. Das ist natürlich und ein Spiel, bei dem Apriori und Aposteriori austauschbar werden und Kategorien nicht absolut sein können.

Züge dieses Spiels werden im Chat mit Data beschrieben und damit behauptet, dass auch unsere Denkkategorien weder absolut noch apriorisch sind, vielmehr zweckmäßig in der Auseinandersetzung mit unserem Lebensraum entstanden. Daher können wir mit ihnen im Mikrokosmos und im Weltall wenig anfangen, denn die Mittlere Welt bestimmte die Notwendigkeit. Doch auch in dieser Mittleren Welt, in unserem radikal veränderten, technisierten Lebensraum stoßen wir an Grenzen. Auch hier dürfen wir nicht mehr in statischen Kategorien von Raum, Zeit und Kausalität denken.

Und das gilt folglich auch für Kants kategorischen Imperativ (hier im Sinn von unbedingt). Damit wollte er das Projekt des Sokrates zum Abschluss bringen, der davon ausging, dass in jedem Menschen die universelle Vernunft wohne und das Vernünftige gut sei. Doch kann man mit der Logik eindeutig und exakt die Kategorie des Guten begründen und damit vom Rest des Universums absondern? Diese Frage wird Im Spiegel der Möglichkeiten nur indirekt gestellt, der kategorische Imperativ bleibt unerwähnt. Als wichtig auch für die ethische Grundhaltung wird vielmehr das verbindende »Gefühl für die Welt« dargestellt, aus dem auch die denkende Selbsterkenntnis abgleitet wird.

In die Kategorie der Merkwürdigkeiten ordne ich ein, dass es mir nicht gelang, einige angemessene Links zu finden. Solche wie auf die Abhandlung »Kategorie, Prototyp, Stereotyp – Flauberts Dictionnaire des idées reçues aus linguistischer Sicht« von Uta Helfrich (Link ) gibt es zwar, doch sind sie sehr anspruchsvoll. Einfache Definitionen oder Abhandlungen fand ich praktisch nicht, selbst in den philosophischen Lexika des Netzes wurde ich nicht fündig. Gefreut hat mich jedoch, dass in einem Diskussionsforum Alias Rincewind unter Link durchaus Gescheites schreibt. Und bei der Kombination von Kategorie mit Philosophie stieß ich auf ein Hotel der 4-Sterne-Kategorie in Saarbrücken, dessen Philosophie es ist: »Freundlich und kompetent unseren Gästen 'fast' alle Wünsche zu erfüllen.« Gut so, doch den Link (Link ) nennen wir nur, wenn sie uns ein freundliches Werbeangebot machen.

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