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LEBENSGEISTER  
Diese geistreiche Spezies beschwor Descartes, der mit seinem Dualismus zwar ein vermeintliches Problem löste, damit aber ein neues schuf. Die falsche Lösung war, dass er unterstellte, die Natur sei ein vollkommen berechenbarer, determinierter Automat. Da er aber dem Menschen Individualität, Wille und Freiheit zubilligte, nahm er diese Spezies, die gerade in der kopernikanischen Wende aus dem Zentrum der Welt gefallen war, auch gleich ganz aus der Natur. Andernfalls hätte der Mensch nämlich als Automat (moderner: Roboter) nur gemeint, Wille und Freiheit zu besitzen, sich tatsächlich aber betrogen, weil er zu wollen meint, was er tun muss.

Nur ist dieses denkende Ding namens Mensch dummerweise ein körperliches Wesen. Den Solipsismus – also die noch weiter gehende Annahme, die Welt sei nur vom denkenden Ding erdacht, das aber alleine existiert – verwarf Descartes und behielt so das Geist-Körper-Problem übrig: Gibt es in Weiterführung des platonischen Modells zwei völlig beziehungslose (weil ja sonst durchmischte) Welten, so stellt sich die Frage, wie der Geist den Körper steuert und wieso unser Denken von Gefühlen beeinflusst wird, bei aller Askese, die schon die Pythagoräer predigten und Platon übernahm. Das erkannte der Franzose und lies deshalb in seiner Verzweiflung (denn er war ein großer Zweifler) die Lebensgeister aus der Flasche, womit er jedoch wieder eine dritte und vermittelnde Kraft einführte und sich selbst parodierte (was man aber keinem geistreichen Philosophen sagen darf, denn die sind nahezu alle vom Dualismus überzeugt, insbesondere, wenn sie in guten materiellen Verhältnissen leben).

Im Spiegel der Möglichkeiten wird diese Pseudolösung eingehender diskutiert und unter Zuhilfenahme der Argumente von Hans Jonas ad absurdum geführt. Das geschieht dort ganz einfach und anschaulich, nicht zuletzt durch Kopfkratzen. Wenn Sie dieser Hinweis aber irritiert und Sie sich womöglich auch am Kopf kratzen oder diesen verwundert schütteln oder sich gar wegklicken (NEIN: dann können Sie nicht weiterlesen!), dann kennen Sie offensichtlich die Abenteuer nicht, stecken aber mitten im Problem, das Descartes mit seinem Dualismus nicht lösen kann, denn die »Lebensgeister« sind doch wohl ebenso wenig durch den Bildschirm gedrungen, wie Strom aus der Steckdose tropft (wenn doch, sollten Sie die endlich abdichten, denn es könnte eine Verbindung zum Jenseits sein). Angehen können sie das Problem aber – falls Sie unterhaltsam geschriebene Bücher nicht mögen – auch hier in Ureda. Doch dann sollten Sie Begriffe wie psychophysischer Parallelismus oder Epiphänomenalismus nicht beunruhigen.

Wenn Sie aber im Netz weiter nach dem Stichwort Lebensgeister suchen, dann werden sie zumeist bei Esoterikern und noch öfter im Wellnessbereich landen, wo Sie unter dem Motto »Wecken der Lebensgeister« etwas für Ihren Körper tun sollen. Auf geistvolle Seiten werden Sie kaum stoßen. (Wenn das Descartes geahnt hätte!) Interessant ist, dass man, wenn man vom Plural zum Singular geht (was Descartes mit seinem Dualismus eben nicht tat), mehr gewinnt: philosophisch, wie in meinem Buch, doch auch an interessanten Verknüpfungen im Internet und im Netz des Lebens. Denn plötzlich taucht das pneuma griechischer Naturphilosophen wie Demokrit oder Ärzte wie Hippokrates auf, die diesen auch biblisch gewordenen Lebensatem oder Lebensgeist als flüchtige Grundursache des Lebens bei Menschen und Tieren ansahen. Der spiritus vitae dringt mit Thales von Milet als Lebensgeist in die Welt ein und hat Anteil am Weltgeist oder der Weltenseele (anima mundi, siehe Link , Link , bei Thomas Arzt Link sowie im Zeitalter des Cyberspace auch bei Link ). Und auch die alchemistische Quintessenz, das fünfte Element, tritt als belebende, geistige Substanz aus den Dingen hervor, und diese wird sogar wieder in der neuen Kosmologie beschworen: Link . – Das aber sind andere Geschichten, und die sollen unter anderen Stichwörtern erzählt werden.

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