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ANAXAGORAS  
(um 500 - 428 v.Chr.) war ein Schwerverbrecher, der im Jahr 426 v.Chr. in Athen zum Tod verurteilt wurde.

Das verbindet ihn mit Sokrates, dem es aus ähnlichen Gründen ebenso erging. Doch während Sokrates, um seiner ethischen Lehre treu zu bleiben, selbst das Urteil vollzog, floh Anaxagoras. Das mag bezeichnend sein, weil Sokrates an die persönliche Entscheidungsfreiheit eines jeden Menschen glaubte (sonst wäre Ethik sinnlos), Anaxagoras aber eine mechanistische Weltauffassung vertrat, die nicht funktioniert, wenn es Zufall, Wille und Willkür gibt. Beider (und unser aller) Problem ist nur: Es könnte sein, dass Sokrates meinte frei zu handeln, dies aber nach der zwanghaften Mechanik der kosmischen Gesetze so sein musste, er sich also selbst etwas vormachte, oder aber, dass es die kausale Bestimmung des Anaxagoras war hingerichtet zu werden, so dass paradoxerweise seine Flucht das Gegenteil seiner Lehre belegt. So oder so: Beide waren von der absoluten Kraft der Vernunft überzeugt.

Doch zurück zu Anaxagoras und seinem Verbrechen: Es lag in der Behauptung, die Sonne sei ein großer glühender Steinhaufen und kein Gott. Auf einen Gott wollte er nämlich verzichten, benötigte ihn in seiner Philosophie nur einmal als Singularität, um den Kosmos zu erklären, als allmächtigen doch unpersönlichen Geist, der den ersten Anstoß gab, um durch Harmonie die Dinge zweckmäßig zu ordnen. Aristoteles machte später den Unbewegten Beweger bzw. das Unbewegt Bewegende daraus.

Da wir alles in Schubladen ablegen, gehört Anaxagoras in die mit der Aufschrift »Atomisten« (mehr dazu unter diesem Stichwort und unter Vorsokratiker), auch wenn er oder seine Übersetzer einen anderen Begriff (Spermata oder auch Homöomerien) verwendeten und eine Vorstellung, die derjenigen näher liegt, die später Bruno mit seinen Monaden vertrat (alles ist in allem verborgen, Unendlichkeitsgedanke). Insofern erklärte der alte Naturphilosoph und Metaphysiker die gesamte Welt materialistisch und mechanistisch.

Nicht wenig spannend ist, dass schon die alten Atomisten eine Viele-Welten-Theorie vertraten (bzw. die von »Paralleluniversen«, dazu Link , Link , Link , Link und ein Gespräch zwischen Sofie und Alberto dazu unter Link und der Verweis auf Schrödingers Katze). Sind die Atome gleichsam »Anteile« der Unendlichkeit (weil ewig unveränderlich) und ist jede Welt endlich, so muss es immer wieder neue und vielleicht auch parallele geben im ewigen Entstehen und Vergehen der Endlichkeiten. Von ähnlichen Theorien hält auch die heutige Atomphysik und Kosmologie viel. Manchmal kommen sie sogar in der Gestalt einer Katze daher oder als »Sofies Welt«, wie Im Spiegel der Möglichkeiten. In diesem heißt es, Platon habe die mechanistische Auffassung des Anaxagoras verworfen, Galilei jedoch wieder eingeführt und Descartes idealisiert.

Das ist sicher nur einer von hundert Sätzen in den Abenteuern, die wahre Philosophen wegen ihrer Verkürzung schaudern lassen: Klar, Platon muss anderer Auffassung sein, führt er doch das Projekt des Sokrates fort. Er ist es, der die Idee im absoluten Sinn, als Wahrheit, die wir erkennen können, einführt. Descartes ist davon geprägt und käme in seiner Philosophie des denkenden und damit Wahrheit erkennenden Dings ohne diese höchste Qualität nicht weit, auch wenn die Idee des Descartes nicht mehr ewiger Wert einer weltentrückten Sphäre ist, sondern Inhalt des menschlichen Bewusstseins. Idealisierung aber hat Erfahrung, Empirie und Prozess im Gepäck, ist Abstraktion und Erhebung zum Wert. Also sagt mein Satz, Galilei und sogar Descartes seien Wiedererfinder und nicht etwa Entdecker (was ja schon das zu Entdeckende voraussetzt) der mechanistischen Weltauffassung gewesen, die dann später Newton in Naturgesetze fasste (die damit auch weltlich und nicht göttlich sind).

Doch hier sind wir beim ersten Atomisten und Mechanikermeister, der Descartes auch dahingehend vorgriff, dass er mit dem Satz: »Der Geist aber ist etwas Unendliches und Selbstherrliches, und er ist mit keinem Ding vermischt«, eine dualistische Aussage traf. Andererseits gibt es von ihm auch eine holistische Aussage (bei den Alten ist ja das Widersprüchliche verbreitet, seis, weil sie noch wahre Philosophen waren und verschiedene Modelle frei bedachten, seis, dass man in die Fragmente trefflich hineininterpretieren kann): In allen Dingen seien alle Dinge als Beimischung verborgen, es erscheine jedoch das Einzelne als dasjenige, von dem am meisten in der Mischung enthalten sei und das am meisten zu greifen sei und sich an der vordersten Stelle befinde. Das gelte auch für den menschlichen Charakter.

Mit diesem psychologischen Ansatz, viel mehr aber noch mit der Unterscheidung »vom Ding an sich« und der Wahrnehmung könnte man jetzt auch wieder treffliche Bögen schlagen, etwa zu Kant und zur modernen Erkenntnistheorie. Und einer meiner Lieblingsbögen könnte über Aristoteles und Thomas von Aquin bis zum Möglichkeitsraum der Quantenphysik direkt in den Spiegel der Möglichkeiten geschlagen werden, denn Anaxagoras behauptete, alles entstehe aus Seiendem, das der Möglichkeit nach sei, nicht der Wirklichkeit nach. Zuerst war alles undifferenziert in der Möglichkeit, daraus entfaltet sich Wirklichkeit als Differenzierung (oder Gliederung des Ganzen, nicht Trennung).

Doch es gibt ja noch viele Stichwörter hier in Ureda, und Sie brauchen auch Zeit, mein Buch zu lesen. Daher verweise ich zu Anaxagoras auf Link , Link , Link und nicht zuletzt auf Link (zum Philosophen und Mathematiker gibts dort viel nach den Formeln). Auf mehr nicht, damit Sie (uns) nicht (ent-) fliehen.


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