Suche in der Bibliothek
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Ü Y Z Ö

MENSCH  
In der Frage »Was ist der Mensch?« gipfeln nach Kant alle anderen Fragen der Philosophie. Beantwortet wurde sie vom deutschen Philosophen und Nationalsozialisten Arnold Gehlen, der im Menschen »die biologische Sonderstellung des Kulturwesens von Natur aus« erkannte (dazu Link sowie Link und Link ; ferner zu seiner Lehre Link Link und Literatur: Link , sowie zur Person Link und Link ). Diese Kultur brauche er zwingend, denn biologisch sei der Homo sapiens eine ziemliche Niete, ein dauernd unfertiges, dauernd unangepasstes, strukturarmes, offenes, werdendes Wesen.

Das klingt gar nicht so gut und war auch nicht als Lob gemeint, sondern als Rechtfertigungsbasis, auf der man als besondere kulturelle Leistung die Selbstverbesserung dieses Mangelwesens u.a. mit (Gen-) Technik angehen kann. Diese Konsequenz ist völlig falsch, gerade weil Gehlen Recht hat! Denn die vermeintlichen biologischen Mängel sind das Erfolgsrezept unserer Spezies. Alles, was scheinbar fertig ist, hat keine Entwicklung vor sich. Alles, was angepasst ist, ist träge. Alles, was durchstrukturiert ist, klebt an dieser Struktur. Alles, was sich abschließt, ist selbstgenügsam tot. Alles, was wird, ist noch nicht überholt. – Die Besonderheit des Menschen ist seine Weltoffenheit: Er bleibt Mensch, so lange er unvollkommen ist.

Aber wovon träumt dieser, somit doch an Möglichkeiten reiche Mensch? Kurt Tucholsky (kurz Link und Link , viel unter Link sowie beinahe alle Texte bei Malte Göbel unter Link ) sagte es in seinen »Definitionen« »Der Mensch möchte nicht gerne sterben, weil er nicht weiß, was dann kommt. Bildet er sich ein, es zu wissen, dann möchte er es auch nicht gern, weil er das Alte noch ein wenig mitmachen will. Ein wenig heißt hier: ewig.« (vgl. die persönlich-menschliche Seite von Nicole Nisi Simon Link ).

Ja, ja, der Mensch, der sich aus der besonderen Fähigkeit und Dynamik der Entwicklung definieren sollte, erstrebt die Festschreibung seiner selbst, möglichst in einem ewigen Leben. Und das stellt er sich im Sinn der »schlechten Unendlichkeit« (der endlosen Aneinanderreihung von Endlichkeiten ) als das bekannte Ding namens Ich vor.

Früher konnte er dies erst im Jenseits erreichen, der Homo faber aber verlegt dank seines Misstrauens gegenüber Gott und seines Vertrauens in seine eigenen technischen Fähigkeiten diesen Zustand möglichst auf den Blauen oder notfalls einen anderen Planeten. Er nimmt dabei billigend in Kauf, ein Cyborg zu werden und gern für sich ein geklontes und gentechnisch manipuliertes anderes Leben zu beanspruchen (wird man den Klonzwilling, der als Ersatzteillager dienen soll, wohl auch »Mensch« nennen?).

Peter Heintel fragt zu Beginn seiner sehr empfehlenswerten Zusammenstellung von Antwortversuchen auf die Frage, was der Mensch sei (Link ): »Wie unterscheidet er sich von der übrigen Natur, von anderen Lebewesen? Ist der Unterschied unbedeutend oder ist er ungeheuer, prinzipiell, fast unbegreifbar? Ist er Mensch die 'Krone der Schöpfung', Ebenbild Gottes, evolutionäres Ziel der gesamten Naturentwicklung oder 'Irrläufer' der Natur, evolutionäre 'Sackgasse', 'Krebsgeschwür', das sich schließlich selbst vernichtet, indem es seine Lebensbasis überwuchert? Ist er eine 'Episode' in der Entwicklung des Alls wie die Saurier, oder kann er seiner Gattung Überleben, 'Unsterblichkeit' verleihen dank seiner gestaltenden Vernunft? Ist er 'Herr' über die übrige Natur oder ihr abhängiger 'Knecht'? Hat er sich ihrem Einfluss, ihrer Macht, entziehen können, oder sind seine Anstrengungen immer nur neue Bogen, die wieder zu ihr zurückführen?«

Was will man diesen Fragen noch hinzufügen? Am besten die Antworten, an denen Ureda überquillt, wie die philosophischen Abenteuer zu berichten wissen. Aber sind sie ergraben, und können sie richtig zugeordnet werden? Nein! Denn nichts kann, wie auch im Chat mit Data gesagt wird, über sich selbst objektive Aussagen machen. Es ergibt sich immer die Situation des Lügenparadoxons, das logisch nur auf einer Metaebene zu lösen ist: Epimenides kann keine wahre Aussage über die Kreter machen, weil er selbst Kreter ist (wer’s nicht so oberfächlich einfach haben will, sei auf Russels Metasprache und Gödels Unvollständigkeitssatz verwiesen oder Link ). Ich bin kein Kreter, will nicht lügen, gehöre aber wie diese der Klasse Mensch an (im Sinn der Mengenlehre, um die es hier logisch geht) bzw. der Klasse von Wesen (zu Wesenszügen des Menschen: Link ), die wir so bezeichnen. Also lasse ich Im Spiegel der Möglichkeiten den Androiden Data einige Antworten geben, die natürlich dennoch gelogen sein werden, weil Data ein von Menschen erfundenes Produkt ist. Auch kann jeder dazu viele Bücher lesen, und ich versuche ich es mit Puzzleteilen an vielen Stellen dieses Nachschlagewerks, doch nicht hier, weil jeder für sich selbst puzzeln muss.

Dennoch will ich einige Links angeben, wobei mir auffiel, dass die Domain »Mensch.net« zum Zeitpunkt meiner Recherche (Weihnachten 2000) noch nicht vergeben war und unter »Mensch.de« nur eine Fehlermeldung erschien: Will denn keiner Mensch sein, und ist der deutsche fehlerhaft? Vom fehlerhaften Menschen, den sie aber technisch verbessern, ja überwinden können, gehen die Extropier aus. Ob die menschliche Maschine, wie sie nicht zuletzt auch von der modernen Medizin gesehen wird (vgl. Maschinistenglaube und Link ), wirklich so schlecht ist oder faszinierend gut, kann man in der Ausstellung Körperwelten beurteilen (Link und dazu Link oder umfassend als CD Link ). Nikolaus Heim meint allerdings, der Mediziner müsse mehr im Menschen sehen, und stellt in seinem Artikel die verschiedenen Menschenbilder der Medizin (natur-, kultur-, geistes-, sozial-, technik- und biowissenschaftlich) kurz vor (Link ). Der Mensch ist Sklave seiner Gene (Link , siehe auch das Buch von Richard Dawkins »Das egoistische Gen«: Link ), kann – wenn man will – mit seinem eigenen Produkt Computer verglichen werden (Link ) und ist doch ein psychisches Wesen (Link ), das sich seiner bewusst ist (Link ) und sich Freiheit und eigenen, auch moralischen Willen zubilligt oder gar als unsterbliches Wesen sieht (Link oder - und gewiss nicht als Empfehlung zu verstehen: Link ). Dies mag man glauben oder nicht und sich auch gern den vielen esoterischen Zugängen öffnen, die ich in erster Linie unter dem Stichwort »Mensch« im Netz fand, etwa Link oder Link . Doch keinem Guru und keinem Techniker und keinem Biologen und keinem Philosophen dürfen wir den Menschen ausliefern, der ein Wesen ist, das nur in der Ganzheit (halbwegs) verstanden werden kann.


  Portal

Kant
Philosophie
Kultur
Natur
Evolution
Homo sapiens
Homo s@piens
Gentechnik
Mengenlehre
Technik
Struktur
Möglichkeit
Gott
Cyborg
Klon
Data
paradox
Androide
Extropier
Freiheit
Ganzheit
Leib-Seele-Problem
Menschsein
Computer

Ureda

Impressum / Haftungshinweis Ureda © 2002K.-J. Durwen