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MENSCH-MASCHINE-SYSTEM  
Schon 1987 gab es in der »Computerwoche« den lesenswerten Beitrag eines Gesprächs zwischen dem deutsch-amerikanische Computerwissenschaftler Joseph Weizenbaum (kurze Biografie Link , mehr Link , zum 75ten: Link ) und dem Bremer Bildungsexperten Klaus Haefner unter dem Titel »Homo Sapiens Informaticus«. Glücklicherweise ist er noch immer im Netz unter Link (und ein weiterer unter Link ).

Angesprochen wird die Weiterentwicklung des Homo sapiens zur Spezies des Homo sapiens informaticus, die derzeit noch rudimentär in Gestalt des Datensurfers in Erscheinung tritt, der stundenlang in überfüllten Netzwelten nach Wissen sucht, um es anschließend in neue Algorithmen umzuwandeln. Außer Programmieren betreibt diese Spezies zumeist keinen Sport; zum Ausgleich dienen Online-Spiele. Sie ist vorwiegend in engen Räumen anzutreffen, verharrt stundenlang in fast vollständiger Bewegungslosigkeit, lediglich zur Nahrungsaufnahme und zum Schlafengehen unterbrochen.

Das so Geschilderte scheint eher witzig, wie eine Karikatur, ist aber nur Indiz einer Veränderung des Menschen, der gleichsam eine Symbiose mit der Informationstechnik eingeht. Diese gab es 1987 erst rudimentär, vom Internet sprach noch niemand (erst zwischen 1989 und 1991 entwickelte Tim Barners-Lee die Grundlagen, und 1993 kam mit »Mosaic« von Marc Andreessen der erste Browser heraus. Seither vermehrt sich der Homo sapiens informaticus tausendmal schneller als der Homos sapiens, obwohl dessen Population auch bis zum Gehtnichtmehr hochschnellt). Haefner sprach also noch von Wissenssuche und Algorithmenwandlung statt von E-Mail, E-Business, E-Commerce, Homebanking, Chatten, Download, digitalen Sextouren und sonstigen Vergnügungen, die die neue Spezies charakterisieren. Tatsächlich ist es laut Joseph Weizenbaum nicht nur möglich, sondern notwendig, dass sich der Mensch mit der Technik verändert. Doch – dies die Quintessenz – er soll sich nicht selbst zur Maschine machen, vielmehr versuchen, das Maschinelle sinnvoll seiner Existenz zu integrieren.

Zu befragen aber ist die unmittelbare physische Integration, die durch zunehmende Miniaturisierung (Nanotechnik und Mikrorechner) möglich wird. Bezweifelt wird auch – wie hier im Spiegel-ABC unter Stichwörtern wie Cyborg, Borg, Roboter, Homunculus, Androide oder Extropier sowie Im Spiegel der Möglichkeiten –, dass dadurch ein besserer Mensch entsteht. Neben den Gefahren der militärischen Nutzung der Zukunftstechnologien und vielen anderen sind die psychologischen und erkenntnistheoretischen bisher wenig bedacht. Die Verlagerung von immer mehr kognitiver Routine in die Hard- und Software kann dazu führen, dass das Wesentliche nicht mehr wahrgenommen bzw. nicht mehr antizipiert werden kann. Wir sind herausgefordert, neues Wissen und neue Strukturen menschlichen Verstehens und Verhaltens zu organisieren, dabei typisch menschliche Fähigkeiten herauszustellen und eine Ergänzung menschlicher Wissenserzeugung um technische Datenverarbeitung anzustreben, nicht plump auszutauschen oder kritiklos zu integrieren.

Mensch-Maschine-Systeme (Cyborgs) könnten einen evolutionären Übergang vom Mensch zum Übermenschen darstellen. Das ist nicht auszuschließen, die Überzeugung der Extropier und die technische Erfüllung eines philosophischen (Alb-) Traums, den u.a. Nietzsche träumte. Sie könnten auch der Übergang vom sterblichen zum unsterblichen Ding (von Mensch ist ja wohl nicht mehr zu reden) sein. Nur: Ist es ein noch selbstbewusstes Ding, ein »Ich«? Führt nicht das Transferieren, das Implantieren, das Updaten, das ständige Kommunizieren und vielleicht völlige Vernetzen wie bei den Borg (in der oft real-visionär reflektierenden Star Trek-Welt) geradezu zwangsläufig von der Frage ab: Wer bin ich? Kann man dem Ich schadlos die Grundlage entziehen?

Einige sagen gewiss ja, bezeichnen das Ergebnis vielleicht gar als globales Bewusstsein oder Gott. Ich hege Zweifel, wenn auch nicht an der Bedeutung dieser Frage für die weitere Evolution: Soll und kann es in der Welt intelligenter Roboter und der Mensch-Maschine-Systeme auch noch den »alten« Menschen geben? Darf eine Spezies überhaupt selbst und aktiv die eigene Überwindung planen und einleiten? Kann sie darauf vertrauen, dass auch für diese nichtbiologische Evolutionsstufe noch das alte Prinzip erhalten bleibt, wonach nicht einfach ausgetauscht, sondern ergänzt wird, und dem Homo sapiens sapiens eine ökologische Nische (so man es überhaupt will)? Ich behaupte nein, denn schon die rationale menschliche Ethik (etwa nach Kant) vermag keine Begründung für das Menschenleben zu geben (Problem der Fernethik). Ein Roboter aber könnte nur rational und in seinem Sinn ethisch völlig einwandfrei entscheiden.

Gute Filme sagen Wesentliches oft in Bildern. Der Bordcomputer HAL 9000 in Stanley Kubricks und Arthur C. Clarks Kultfilm »2001: Odyssee im Weltraum« (Link ) ist das Ende der anfangs kurz skizzierten technischen Entwicklung, die mit dem Knochen als Werkzeug begann: ein intelligenter Raumschiffroboter, dem sich die Besatzung voll anvertraut. »Er« – eigentlich nur Stimme – zeigt sogar menschlichere Eigenschaften als die Besatzung, wirkt geradezu sympathisch, sagt von sich selbst: »Ich bin nicht imstande, einen Fehler zu machen«, und wirft doch Poole aus dem Raumschiff. Bowman überlebt nur, weil er HAL abschaltet, zu dem Preis, letztlich völlig nackt und ohne technische Hilfsmittel im Weltraum zu schweben. Dies ist ein Bild, das man sich vor Augen halten sollte, wenn Betreiber des Cyborg-Fortschritts, wie Hans Moravec, Liebe oder Freundschaft für falsche Schaltungen des Gehirns halten. Wenn Gefühle Fehler sind, stimmt es dann nicht, wie es in dem sehr informativen und doch provozierenden Beitrag von Arthur P. Schmidt unter Link heißt, dass der verbleibende Gehirninhalt von Moravec mit einem guten Kompressions-Algorithmus auf 2 GByte zu verdichten ist?

Weiter heißt es in dem doppeldeutig mit »Mora-Witz – oder warum Roboter Spaß verstehen sollten« betitelten Beitrag: »Ich glaube, daß uns alle Unsterblichkeit nichts nützt, wenn wir nicht mehr zur Liebe fähig sind. Die Annahme von Moravec und Minsky, Gefühle für den Roboter abzuschaffen, ist ein sehr gefährliches Unterfangen, das dem menschlichen Holocaust durch fehlprogrammierte Roboter die Grundlage liefern kann. Auch ist es nicht so, daß der Geist, wie Moravec behauptet, keinen Körper (Link ) benötigt, denn der Computer ist letztlich der Ersatzkörper für den virtuellen Geist.«

Ich finde es bemerkenswert, wie die Gurus der schönen neuen Welt den Dualismus pur zelebrieren, dabei aber nicht, wie Descartes, vom Ich ausgehen, sondern genau dieses total vergessen, wenn sie beliebig Körper austauschen, Gehirne kopieren und vernetzen wollen. Am deutlichsten wird das bei der dann konsequenten Vorstellung amerikanischer Wissenschaftler, die Arthur P. Schmidt in seinem hervorragenden Beitrag – auf den ich mich hier weiterhin beziehe – mitteilt: Man könne eine exakte Kopie der Zustände des menschlichen Gehirns in eine gigantische Computersimulation laden und gleichzeitig das ursprüngliche Gehirn zerstören: Dann wäre das endliche physische Leben des Menschen vorbei und das unendliche virtuelle Leben in der Maschine könnte beginnen. Edward Fredkins nennt das medienträchtig die »Heaven-Maschine« (vgl. Casti, J.L. »Complexification«): Oh Himmel! – Unser tägliches Backup gib uns auch heute!

Was aber passiert, wenn »Dinge« – ein wohl im Virtuellen falscher Begriff, vielleicht besser: Prozesse – endlos werden, über ein »Selbst«, das natürlicherweise endlich ist, hinausgehen? Dass so das Halte-Problem eine neue Dimensionen gewinnt, ist noch das Trivialste. Es drängt sich im modernen Gewand auch die Frage nach der Seelenwanderung auf (Austausch der Körper) und für mich die: Kann ein endloser Prozess noch Bewusstsein, gar Selbstbewusstsein »besitzen« (oder sein)? Meine in den Abenteuern zweimal kurz aufflackernde Theorie (bei der Frage Elenas nach dem Tod und beim »virtuellen Tod« als Löschen des individuellen Datensatzes im universalen, göttlichen Gedanken) ist, dass dieses »unendliche Leben« identisch ist mit dem, was wir Tod nennen.

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