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ANAXIMANDER bzw. Anaximandros  
schuf die virtuelle Welt schlechthin und ist der Erfinder des Möglichkeitsraums: Er dachte sich nämlich die Unendlichkeit aus -- das apeiron: als das, was keine Grenze hat -- und behauptete, aus diesem Unbestimmten (sagen wir: der Möglichkeit) gingen alle endlichen Stoffe hervor, die im steten Kreislauf nach dem Modell des Ausgleichs zirkulieren.

Das tat er irgendwann zwischen etwa 610 und 550 v.Chr., denn das war die Zeit, in der sich Stoffe zu seiner körperlichen Existenz vereinten. Während dieser Spanne machte Anaximander auch sinnliche Erfahrungen, abstrahierte aber dennoch in einem zuvor unbekannten Grad: Alles Endliche müsse in etwas enthalten sein, das unbegrenzt sei, denn sonst könne es gar kein Begrenztes geben, wäre es Widerspruch zu sich selbst als dem Endlichen. Unendlichkeit wurde also als Grenzbegriff eingeführt und zum Prinzip, der arché, gemacht.

Damit trieb der alte Mileter (oder Milesier; zusammenfassende Darstellung von Thales bis Anaximenes bei Thomas Frick unter Link ) die neue Logik und den Ursachenansatz seines Vorgängers Thales konsequent weiter und übertraf die anderen »Ursachenforscher« insofern, als er nicht mehr die vielfältigen Erscheinungen aus einem Urstoff (Wasser, Luft, Feuer, Erde) ableitete, der selbst doch beschränkt ist und dem die Eigenbewegung fehlt. Mit der Unendlichkeit aber – gewissermaßen dem Jenseits der Raum-Zeit-Materie-Welt – ließen sich Sein und Werden zugleich erklären, konnte Endliches stets neu entstehen und vergehen, konnte sich das endlose indische Rad trotz endlicher Bewegung drehen. Er bereicherte die Mathematik und die Philosophie um eine fantastische abstrakte Größe, nicht zuletzt aber auch die Religionen: Denn Anaximander nennt das Unendliche auch das göttliche Prinzip, spricht in seiner »Kräftetheorie« vom gerechten Ausgleich und benutzt dabei sogar Begriffe wie Strafe und Buße. Viel später ist insbesondere Cusanus von der Idee der Unendlichkeit fasziniert, und noch später differenziert Hegel in die »gute« und die »schlechte« Unendlichkeit, wie der Blick in den Spiegel der Möglichkeiten verrät.

Auch die Kosmologie des Anaximander ist bemerkenswert (siehe auch Link ): Er nahm an, dass die Erde frei schwebe, die Gestirne als Reste eines ehemaligen Feuerkreises um die Erde rotierten und »nach der Ordnung der Zeit« immer neue Welten entstehen und vergehen. Ferner nahm er an, das Leben sei im Wasser entstanden und durch dessen Austrocknung auf das Land gewechselt, was die Evolutionisten inspirierte. Dann soll er noch die Sonnenuhr erfunden haben und war damit zumindest sehr anregend auch für die Philosophen der Moderne. So übersetzte Friedrich Nietzsche »Den Rätselspruch des Anaximander« (vgl. Link ) neu und setzte sich Martin Heidegger mit dem »Satz vom Grund« auseinander Link .

Mehr Informationen zu Anaximander sind zu finden unter Link , Link , Link mit Übersezungen Link und ein paar Aufgaben Link .

Für die, die Originaltexte lieben (oder sich als Griechisch-Schüler damit beschäftigen müssen), gibt es diesen Link . Weitere Versatzstücke befinden sich hier in Ureda unter anderem bei den "Vorsokratikern" und "Miletern" und natürlich in vielen Büchern, die alle von seinem kleinen Fragment profitieren.


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