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MOORHUHNJAGD  
mag ja schön sein, wenn man gern (virtuelles) Leben vernichtet. »Ob ich in einem Videospiel Monster, Moorhühner oder Menschen abknall, macht scheinbar keinen Unterschied. Es schädigt so wenig wie das Verbrechen, das in einem Buch oder Film geschieht. Und solch unwirkliches Handeln ist nicht mehr oder weniger schlimm, wenn die Darstellung mehr oder weniger brutal ist. Ist der Autor, der in seiner Geschichte ein Flugzeug mit zweihundert Menschen sprengt, unmoralisch? Ist er anders zu beurteilen als derjenige einer Geschichte, in der ein Hund gequält wird? Es kommt – so oder so – nie jemand wirklich zu Schaden. Wäre unsere Welt virtuell, so wäre alles belang- und wertlos, Gut und Böse aufgelöst, wäre alles vertretbar«, meint das Mädchen in einem der Gespräche, als in den philosophischen Abenteuern der Verdacht aufkommt, unsere scheinbar reale Welt sei nur eine Simulation.

Doch Wendur widerspricht: »Diese schreckliche Folgerung ist oberflächlich und falsch. Bücher, Filme und Computerspiele wirken auf den Geist der Leser, Seher oder Spieler, auch wenn diese selbst nicht Teil jener beschriebenen Welt sind, die somit für sie virtuell bleibt. Doch das Geschehen in dieser anderen Welt kann man ignorieren, vergessen, rückgängig machen. Dagegen sind Entscheidungen und Handlungen in der Welt, die wir materiell nennen, weil wir ihr angehören – auch wenn sie simuliert und für andere Wesen virtuell sein mag –, nicht umkehrbar. Wäre unsere Welt nur Möglichkeit, so könnte jedes dann rein geistige Spiel beliebig oft gespielt werden. Wäre sie materiell, aber symmetrisch, wie es uns die klassische Physik mit dem Erhalt der Kräfte analog dem Pendelschlag suggeriert, so käme man zur gleichen Konsequenz, denn alles könnte rückgängig gemacht und geheilt werden. Doch unsere Welt ist unsymmetrisch und daher die Geschichte unumkehrbar.

Auch eine völlig determinierte Welt brauchte keine Moral (Link , Link , Link oder auch Link , wenn nicht sogar Link ), weil sie keine persönliche Freiheit bietet und niemand für zwanghafte Abläufe verantwortlich sein kann. Gelingt die Berechenbarkeit der Zukunft, dann wird jede Entscheidung überflüssig, ist Wille als Betrug entlarvt. Und wäre Wille eine Kraft, die unmittelbar die Realität hervorbringt, so könnte alles geheilt werden.

Aber all diese Möglichkeiten scheiden in der bewusst erlebten Welt aus, denn genau diese ist immer die einzig wahre für ihre bewussten Wesen. Im Regelspiel, das sie als Naturgesetz erkennen und sich als Kulturwesen geben, bringt jedes Tun oder Lassen durch die Verknüpfung dieser Gesetze mit ihrer psychischen Interpretation so etwas wie Seelenketten oder Bewusstseinsstränge hervor: Stränge mit unvorhersehbaren Zukünften und unabänderlichen Vergangenheiten, Stränge realer Konsequenzen für diejenigen, die sich darin erleben. Jeder denkbare Weg durch den Möglichkeitsraum wird real, sobald er gegangen wird. Mit unseren freien Entscheidungen finden wir den persönlichen Weg durch die Vielzahl möglicher Welten. An gleichermaßen verwirklichbaren Welten gehen wir vorbei, belassen sie so virtuell wie andere Versionen unseres Selbst. Mit allen anderen realisierten Wegen bewusster Wesen vernetzen sich die Stränge zum Netzwerk des Ganzen.«

Zu anspruchsvoll für Moorhuhnjäger? Dann lesen Sie bitte nie Im Spiegel der Möglichkeiten oder fangen zumindest vorne an und nicht wenige Seiten vor Schluss, denn von dort stammt dieses Zitat.

Links zum Spiel finden sich massenhaft im Netz (zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Datei), doch wir haben keinen einzigen zu den echten Moorhühner finden können. Kennen Sie einen, dann senden Sie bitte eine Mail an heureka@ureda.de.

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