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PARADOX  
ist manches im Spiegel der Möglichkeiten, was schon dadurch bewiesen ist, dass dieses Wort im Roman weit mehr als ein Dutzend Mal vorkommt.

Dabei spiele ich nicht einmal auf die ursprüngliche Bedeutung an, die »Gegenmeinung« heißt, »das dem Üblichen Widersprechende«. Diesbezüglich ist das halbe Buch paradox. – Nein, ich meine paradox im heutigen Verständnis als unlogischer und dennoch sinnvoller Widerspruch innerhalb einer Aussage, etwa das berühmte »Ich weiß, dass ich nichts weiß« des Sokrates. Oder die gedankliche Endlosschleife einer selbstbezüglichen Aussage wie die des Kreters Epimedes, dass alle Kreter lügen (Link ). Ich meine die Paradoxa des Zenon bzw. der Eleaten zur Unendlichkeit und Stetigkeit, die in den Abenteuern eine Rolle spielen (vor allem der Wettlauf zwischen Achill und der Schildkröte), und denke auch an solche wie die von Russel benannte Menge aller Mengen, die sich selbst enthält (Link ). Solche Paradoxien sind einfach schön, und es stört nicht, dass man sie heute zumeist mit einem neuen Verständnis von Unendlichkeit oder mit System- und Metatheorien lösen kann (vgl. z.B. Macrones schönes Buch mit dem für Ureda beziehungsreichen Titel »Heureka!«).

Wohl nie lösbar und oft nicht als Paradoxa bezeichnet, doch von fundamentaler metaphysischer und religiöser Bedeutung und die Grenzen der Erkenntnis durch Logik aufzeichnend, sind solche, mit denen sich schon die Vorsokratiker und speziell auch Aristoteles herumschlug, wie das vom »ersten Grund«: Es kann keine Wirkung ohne Ursache geben. Deshalb können wir den allerersten Anfang niemals erklären. Oder die Grundannahme der Atomisten »Nichts kann aus Nichts entstehen, doch die Welt ist«, weswegen es keine logische Erklärung für ihre Entstehung gibt.

Ich liebe auch sprachliche Paradoxa wie die Aufforderung »Sei spontan!« oder Denkbilder wie »Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin« oder richtige Bilder, wie die von Escher, etwa die sich selbst zeichnenden Hände. Ich wundere mich immer wieder, dass zu Ostern Western im Fernsehen kommen (was keine Paradoxie, sondern nur ein simpler Wortwitz ist), und beschäftige mich gern mit Zeitparadoxa (Link , Link , Link , Link , Link ). Diese spielen auch in den Abenteuern der Mädchen mit dem dreifachen Freitag (siehe dort) eine Rolle oder im Dialog mit dem Androiden Data (der längst nicht so paradox ist wie ein Cyborg, über den Menschen die Menschen abschaffen wollen; siehe Extropier), in dem Iris die fantastische Geschichte erzählt: »Ein Shakespeare-Fan konnte aus der Zukunft Zeitreisen unternehmen und hatte den Einfall, sich die Werke des großen Dichters signieren zu lassen. So reiste er mit sämtlichen Stücken ins alte London zurück und fand dort tatsächlich den erfolglosen, weil unbegabten Schreiberling. Der erkannte seine Chance und kopierte einfach alle Texte. So ist Weltliteratur entstanden.« (das Shakespeare-Paradox – siehe auch Link und Link – nach dem Roman »Die Muse« von Anthony Burgess (Biografie unter Link und zum Werk Link ))

In diesem paradoxen Sinn kann auch das Rätsel meines Buches (oder ist es von Elena?) gelöst werden, durch das sich zudem eine ebenfalls paradoxe Möbiusschleife dreht und in dem behauptet wird, dass das Sein wird. Dieses letztgenannte Paradoxon ist das wichtigste überhaupt und wird gesteigert zu der Aussage und deren Begründung, dass sogar das absolute (ewige, vollkommene) Sein zugleich wird. In solchen Dimensionen wird Paradoxie zur Mystik (letztlich auch eines Cusanus mit seinen Gottesbildern oder Hegels mit seiner Dialektik). Man kann aber auch diese leicht lösen, wenn man sich klar macht, dass Paradoxien logische Widersprüche sind und Logik nur eine Denkform ist, die die Vorsokratiker zur Überwindung des mythischen Denkens einführten. Das Grundprinzip dieses Denkens ist ein Denken in Begriffen und das Setzen von Beziehungen zwischen Begriffen. Setzungen aber sind nicht absolut, auch wenn man Ideen und ein a priori einführt oder gar Lebensgeister, um im angeblich ganz logischen Dualismus zu erklären, wie man sich am Kopf kratzt.

Dass logisches Denken allein nicht reicht, das weiß heute sogar die »harte« Naturwissenschaft. Deswegen spielen nicht nur kopfkratzende Hände, sondern auch die Paradoxien der Quantenphysik eine wichtige Rolle im Buch, wie Schrödingers Katze, das Welle-Teilchen-Phänomen oder Heisenbergs Unbestimmtheitsrelation. Ebenso Phänomene der Astronomie, unter denen die Existenz des Kosmos auf Grund einer kleinen Asymmetrie selbst das größte Paradoxon ist. Oder nein: Dass darin ein denkendes Ding ist, das über sich als denkendes Ding nachdenken kann. Oder nein: Dass dieses Über-sich-selbst-Nachdenken virtuell und etwas Inneres ist und sich dennoch äußern und kommunizieren kann, und zwar am besten in einer virtuellen Welt, die wir mit den neuen Medien erst recht »erleben«, und dass all das nicht ohne physische Realität geht. Oder nein: Dass ein Spiegel ein Ding ist, das alles spiegeln kann – nur sich selbst nicht?

Die clevere Iris würde jetzt »Stopp!« rufen: »Das geht ganz leicht. Er braucht nur einen Spiegel als Gegenüber«, und wäre damit beim dialektischen Grundprinzip und der großen Erkenntnis, dass alles Isolierte und Einseitige gleichsam tot ist. Die nachdenkliche Elena aber käme sicher auf den weiterführenden Gedanken, den einen Spiegel zur Hülse zu krümmen, sodass er sich in sich selbst reflektieren kann. Sie hätte damit ein Bild der Selbsterkenntnis. Wendur aber würde dem Ganzen noch eine Drehung in sich geben und ein Möbiusband bilden: selbsterkennendes Innen und reflektierendes Außen zugleich und doch ein (göttliches) Ganzes. – Paradox!

Wer sich mit weiteren widersinnigen Behauptungen beschäftigen will, deren innere Wahrheit durch Gegensinn oder Doppelsinn absurd wird, mit Scheinwidersprüchen oder mit Aussagen, die unerwartet zum eigenen Gegenteil geraten, der muss nicht nur in den Spiegel der Möglichkeiten blicken. Man kann auch andere schöne Bücher zur Hand nehmen, wie »Versteh mich bitte falsch!« von Henkel & Taubert, »Gödel, Escher, Bach« von Hofstadter, »Die Wunderwelt der vierten Dimension« von Rudy Rucker, »Die Scheinwelt des Paradoxons« von Hughes & Brecht, »Paradox des Lügners« von Vanderhoydonks, »Gedankenexperimente« von Genz & Henning, »Paradoxien« von Sainsbury, »Paradoxa« von Szekely, »99 philosophische Rätsel« von Cohen, »Paradoxes Denken« von Kannetzky und ... und ... und auch gute Sciencefiction oder Fantasy, etwa von Pratchett und Adams, wo es auch nicht immer widerspruchsfrei, aber anregend zugeht.

Gleiches gilt für das schon in sich paradoxe Nichtding namens Internet, das dementsprechend viel bietet. Fängt man bei den klassischen Paradoxien an, so kann man über Link gleich auf 26 Paradoxa gelangen. Schön dargestellt und erklärt werden einige bekannte »mathematische« Paradoxien von Thomas Landauer unter Link (incl. einem Gedicht zu Achill und der Schildkröte). Speziell die Paradoxa des Zenon werden behandelt unter Link . Sehr gut und weit gefächert sind die »Denkfallen und Paradoxa« der Seite Link von Timm Grams. Ein paar weitere Paradoxien bringt Frank Heyder unter Link . Sehr berühmt im Themenbereich der Quantenphysik ist das »Einstein-Podolsky-Rosen Paradox« (kurz EPR; siehe Link ), mit dem sich diese gegen Heisenbergs Unschärferelation und für den Erhalt der Kausalität auch im Mikrokosmos stark machen wollten (es geht, vereinfacht gesagt, darum, dass zwei weit entfernte Teilchen ohne Verbindung theoretisch nicht wie ein abgestimmtes Duo reagieren können). Inzwischen ist das Phänomen dieser Photonenpolarisationen experimentell bestätigt (erstmals von Alain Aspect mit der »Erklärung«, die Teilchen sind gar keine, sondern Wellen, und werden erst durch unser Experiment dazu – oder auch nicht: weil einfach unsere Erfahrungen und Begriffe nicht mehr tragen): Einstein hatte Unrecht, die Mikrowelt ist paradox! Mehr dazu gibts in meinem Roman oder auch unter Link .

Machen wir den Sprung zu den kosmologischen Paradoxa, so hilft der Link . Auch das »Olberssche Paradoxon« (das aber schon Kepler 1610 auffiel, weswegen er nichts von der Unendlichkeit des Universums hielt) – also die Überlegung, dass eigentlich der Nachthimmel ganz hell sein müsste, wenn es unendlich viele Sterne gibt – ist inzwischen rechnerisch und astronomisch geklärt (Kepler lag richtig), führt aber zu weiteren interessanten Fragen, wie Jörn Gärtner auf seiner sehr guten Page unter Link darstellt. Es zeigt sich hier einmal mehr, dass Paradoxien wie zwei Enden einer Wirklichkeit sind, deren Verknüpfung zu weiterer Erkenntnis führt. In diesem positiven Sinn wird das Thema auch von Günter Herrmann unter Link behandelt – und zwar im Rahmen einer von ihm »Glasperlenspiel« (in Anlehnung an das Buch von Hermann Hesse) genannten Zusammenstellung: Spielen Sie dieses Spiel der Sinnsuche, denn schon Heraklit sagte, nichts ist so ernst wie das Spiel!

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