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PARMENIDES  
ist der Erfinder der Virtualität, der Gegenpol zu Heraklit, dialektischer Holist und dennoch der geistige Vater Platons. Harter Tobak und Widerspruch?

Nur vielleicht, denn dieser Philosoph aus Elea (ca. 515 - 450 v.Chr; siehe auch Eleaten) geht von der Existenz der Welt aus und behauptet dennoch, diese sinnlich wahrnehmbare Welt sei nur eine Scheinwelt. Denn sie ist die Welt unserer Vorstellung, zu der wir nur trügerische Meinungen äußern können, wie die, es gäbe darin Bewegung. Die wahre Welt verharre aber in ewiger Ruhe in sich selbst.

Dies ist seinem Lehrgedicht mit dem Titel »Wahrheit und Meinung« zu entnehmen, das vielleicht das erste zusammenhängende Werk der Erkenntnistheorie ist. Kant nimmt diesen Gedanken auf, wenn er über zweitausend Jahre später schreibt, dass wir die Dinge »an sich« nicht erkennen können. Mit den Begriffen Kants kann man bereits mit Parmenides sagen, dass die Objekte der Erkenntnis (die Wirklichkeit) sich nach den menschlichen Begriffen (Erkenntnis) richten, nicht die menschliche Erkenntnis (oder die Begriffe) nach den Objekten der Erkenntnis (Wirklichkeit).

In den philosophischen Abenteuern bezieht sich Wendur auf Parmenides in der Diskussion um Thomas von Aquin. Er wirft diesem engelsgleichen Thomas vor, er habe Gott einseitig und damit arm gemacht, indem er sagt: »Unser Dominikaner zitiert nämlich das zweite Buch Mose, in dem es heißt, die rechte Bezeichnung für Gott sei Der, der ist. Das eigentliche Wesen Gottes sei Existenz. Damit vergöttlicht er, was schon Parmenides um fünfhundert vor Christus mit dem Ausspruch meinte Das Eine und das Alles. Doch schon der Grieche argumentierte, dass es dann, wenn man überhaupt vom Sein reden kann, nur ein einziges Sein geben könne; kein Anderssein, kein Werden und keine Veränderung. Dieses Weltganze müsse ungeworden, unveränderlich, unteilbar sein. Besäße dieses eine und einzige Sein nicht die Eigenschaft des Ewigen, hätte es Anfang und Ende, veränderte es sich oder teilte sich gar, so könne es nicht das vollkommene Sein sein.« -- Anele kommentiert: »Klingt zwar umständlich, aber logisch«.-- Der Lehrer folgert: »Ist es dann nicht auch logisch, dass Thomas das Vollkommene unvollkommen macht und damit aufhebt, wenn er in Gut und Böse und geschaffene Natur und nicht geschaffenen Gott differenziert?« -- Das Mädchen aber kennt Wendur: »Du wirst es mir sicher verraten«, sodass dieser in seinem sokratischen Dialog fortfahren kann: »Stimmst du mir zu, wenn ich behaupte, die Logik sei nur eine mögliche Form des Denkens, die zwar zweckmäßig ist, doch nicht unbedingt zur einzigen Wahrheit führt?«

Mit diesem langen Zitat sind wir ganz bei Parmenides, der zum ersten Mal die logische Unverträglichkeit von Wahrheit und Falschheit herausstellte (siehe auch Link ) und auch, so die weitere Behauptung im Buch, mit Zenon die Dialektik erfand.

Ich will das -- und hoffe richtig, denn man interpretiert ja immer in die Alten hinein -- herleiten: Parmenides ging von dem Fundament aus, dass etwas ist, eben das Sein (oder Seiende). Doch unsere Meinung (Erkenntnis) davon sei nicht Wahrheit, nur Schein. Platon, der sich ausdrücklich auf Parmenides bezieht (vgl. auch Kutscheras Buch), veranschaulicht es später mit dem Höhlengleichnis. Logisch können aber Wahrheit und Unwahrheit oder das Sein und das Nichtsein nicht vermischt sein: Im Gegenteil, es sind sich ausschließende Gegensätze. Somit kann auch etwas, das gar nicht ist, nicht gedacht werden. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass alles, was (von einem existierenden Ding und vernünftig begründet) gedacht werden kann, auch existiert (was uns später in den Gottesbeweisen etwa des Descartes wieder begegnet). Damit wird aber der Zwiespalt von Sein und Nichtsein aufgehoben, wie Weischedel den Parmenides zitiert: »Entstehen verloschen und Vergehen verschollen«. Das Nichtsein ist, die virtuelle Welt ist die reale!

Ich meine in der Interpretation der Vereinigung zum Ganzen des Parmenides ein sich dialektisch aufhebendes Paradoxon erkennen zu können. Der (Erkenntnis-) Mangel ist die Ursache der (vermeintlichen) Bewegung, denn tatsächlich kann das wahre Sein ja nicht mangelhaft sein, vielmehr nur verbesserbar (oder gar verschlechterbar, also überhaupt veränderbar). Der Gegenstand der Erkenntnis (die vollkommene Existenz) ist damit aber nicht mangelhaft. Da er aber ist, wird er der Erkenntnis zugänglich, schafft wieder Möglichkeit: Der Spiegelprozess schlechthin!

Platon erkennt in dem einen Spiegel, dass der, der die Wahrheit sucht, nicht auf die Natur sehen darf, weil sie nur Trugschluss der Erkenntnis ist, und blickt ins Jenseits. Aristoteles erkennt im anderen Spiegel, dass man ein erkennender Teil der Natur und das Fundament des Parmenides empirisch ist (und somit sinnlich wahrgenommen), weil er zuallererst davon ausgeht, dass etwas ist. Und der Dialektiker Hegel formuliert es vereinend paradox: Der tiefsinnige Heraklit führt den vollendeten Anfang der Philosophie herauf.

Nur mit solchen Formulierungen der Vollendung, die doch Anfang ist, ist auch das folgende Problem zu lösen, das sich mit Parmenides konsequenterweise stellt: Neben dem einen und einzigen Sein kann es kein anderes Wesen geben, wie den außerhalb der Schöpfung stehenden Schöpfergott. Die einen mögen daraus folgern, dass es keinen Gott gibt, die anderen (wie Bruno oder Spinoza), dass er immanent ist. Dritte können das Problem so angehen wie ich Im Spiegel der Möglichkeiten, der zwischen Realität und Virtualität reflektiert, und dürfen meine laienhafte Interpretation gern verwerfen.

Informieren aber sollten Sie sich über diesen hochinteressanten »Vorsokratiker« (eigentlich eine Abwertung), etwa bei Popper oder Heidegger, (für Spezialisten) Thanassas oder Wiesner. Einfacher geht es zu (auch wieder mit Textübersetzungen) bei Dominik Schmitt (Link ). Das von Platon aufgegriffene Lehrgedicht behandelt Andreas Goppold unter Link und – vor allem zum Aspekt der Erklärung der Phänomene – die Vorlesung von Detlef Dürr unter Link . Erkenntniskritische und naturphilosophische Betrachtungen zu Parmenides vor dem Hintergrund, die Einheit des Daseins als Basis auch für ökologische und ethische Problemlösungen zu sehen, stellt Helmut Hille unter Link an. Ein fiktives Gespräch um drei Weltbilder führen Parmenides, Kant und ein Quantenphilosoph (wohl der Autor Gesche Pospiech selbst) unter Link .

Nicht verwunderlich ist es, dass dieser geistreiche Denker und Erfinder der Virtualität und Vollkommenheit auch als Namensgeber für Kunstobjekte (Link ) oder Gegenstand der Literatur (wie in Kingsleys philosophisch-spirituellem Roman) herhält und dadurch selbst virtuell wird.

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