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PICARD, Jean Luc  
ist ein glatzköpfiger, Tee schlürfender, Shakespeare lesender Schöngeist, ein guruhafter Philosoph und Diskursethiker, der zusammen mit etlichen anderen durch die nur vermeintlich unendlichen Weiten des Weltraums fliegt, und zwar an Deck eines Raumschiffs, das als Enterprise weltbekannt wurde. Genauer ist die Staffel, auf die ich mich Im Spiegel der Möglichkeiten beziehe, die U.S.S. Enterprise NCC 1701-D (deren Absturz und das dann neue Modell E übergehen wir großzügig).

Dieses fliegende Stück Zukunftsoptimismus genießt geradezu Kultstatus, ebenso der Captain dieses Kreuzers, dessen Wohnraum auf Deck 8 liegt und die Nummer 3601 trägt. Da es ein Einzelwohnraum ist, muss man folgern, dass die größte Macht auf dieser Weltrauminsel ein Philosoph besitzt und somit vielleicht erstmals in der Geschichte realisiert, was Platon forderte – nicht für Schiffe der Sternenflotte, sondern für die Gemeinschaft der Bürger im Staat, wobei die damaligen Stadtstaaten gewiss unbedeutender waren als die Enterprise. Also freuen wir uns, dass es in der Zukunft – um die geht es ja in der Serie – eine beinahe ideale Welt geben wird und besonnene, gebildete, tolerante, tiefsinnige Denker in ihr maßgeblich agieren. Roddenberry sei Dank!

Diese Zukunft beginnt für Picard am 13.07.2305 Erdzeit oder zur Sternzeit 18532, falls das Umrechnungsprogramm unter Link richtig funktioniert. Und selbst wenn nicht: Es ist verdammt lang hin! Für die technische Fiktion mögen die dreihundert Jahre bis zu dieser zwar nicht paradiesischen, doch moralisch wirklich fortgeschrittenen Zeit, die Picard exemplarisch verkörpert, angemessen erscheinen. Ausgehend vom heutigen irdischen Natur- und Gesellschaftszustand aber erscheinen sie der Menschheit kaum noch erreichbar. Das ist kein Zukunftsoptimismus und passt darum auch nicht zur Next Generation und zu Picard – oder doch?

Wenn ich in meinen Abenteuern schon das Jahr 2009 für den Umgang mit falsch eingesetzter Gen- und Mikrotechnik und die katastrophalen Folgen der Verseuchung mit dem »Funkvirus« zum Ausgangspunkt für die Reifung der Menschheit ansetze, dann ist dies nicht nur zeitnah, sondern meines Erachtens wahrscheinlicher und weniger (es klingt zynisch, ich weiß) furchtbar als das Szenario des Star Trek-Schöpfergottes. Da der Mensch wohl nicht ohne Schmerzen lernt, lässt Gene Roddenberry (oder einer seiner Mitschöpfer im Olymp der Sciencefiction) seine Vision einer gereiften Menschheit im moralischen Universum aus den Trümmern eines dritten, verheerenden Weltkriegs entstehen: Zefrem Cochrane baut im Jahr 2161 aus den Materialien der Massenvernichtungswaffen das Raumschiff mit dem bezeichnenden Namen »Phönix«, das dank des Warp-Antriebs mit Überlichtgeschwindigkeit fliegen kann (»Der erste Kontakt«). Dadurch werden die wesentlich fortschrittlicheren Vulkaniern (technisch und moralisch fortschrittlicher, wohlgemerkt) auf die Erdlinge aufmerksam, die letztlich Partner der Föderation werden. Diese hat ihren Ursprung auf dem Planeten Vulkan, ist weder auf Eroberung noch Mission ausgelegt, toleriert, ja schätzt den Wert jeder Zivilisation an sich (was nicht zuletzt in der »Ersten Direktive« zum Ausdruck kommt, die sich strikt gegen Einmischung oder gar »Entwicklungshilfe« wendet, weil damit immer die »höhere« Kultur Werte und Ziele setzt).

Die 24 Direktiven (Link und Link ) gehen mit der Technik höchst verantwortlich um und bejahen nicht zuletzt die Endlichkeit der eigenen Existenz: Die Humanoiden sind unperfekt und endlich und stehen auch dazu (vgl. Becker, G.: »Star Trek und Philosophie«). Damit sind sie deutlich abgegrenzt von den Borg des Star Trek-Universums und den Extropiern unserer realen Welt, die die Technik über das Natürliche des Menschen setzen. Gerade Jean-Luc Picard, der die Roddenberry’sche Utopie verkörpert wie kein anderer, ist körperlich unperfekt. Er bedarf sogar dessen, was diese Zukunftswelt gar nicht anstrebt: implantierter Technik. Doch das Kunstherz des Picard schlägt dennoch sehr menschlich. Nicht zuletzt deswegen gehört die Steigerung dieser »Cyborgisierung« in TNG74 (»In den Händen der Borg«) mit der Entführung und »Assimilation« durch die Borg zum Wesen Locutus und der Wiedervermenschung (bezeichnenderweise unter Mithilfe der perfekten, doch stets menschendienlichen und die natürliche Menschlichkeit anstrebenden Technik in Gestalt des Androiden Data) zur berühmtesten Folge der Serie.

Captain Picards Ethik basiert auf vernünftigen und universellen Prinzipien, ist aber dennoch nicht kategorisch: Picard urteilt und entscheidet in moralischen Fragen nicht zwanghaft prinzipiell, sondern bleibt »auf strengem Kurs«, ohne den Einzelfall hinter das Prinzip zu stellen. Er pflegt die Diskursethik (dazu: Link und Link sowie Link ) und legt immer die Basis seines Urteils offen. Er nimmt Argumente und Ratschläge an, trifft und verantwortet aber die Entscheidung persönlich.

Ich bin kein großer Anhänger von Platon, doch wenn dessen Idee des Philosophen an der Spitze des Staates sich im Typus des Jean Luc Picard je materialisiert, dann will ich ihm gerne Abbitte leisten. Wer sich über die interessante Figur Picard informieren will, kann die Übersicht unter Link aufrufen oder, mit ein paar Fakten mehr, unter Link nachlesen. Recht umfangreich, mitsamt seiner Crew dargestellt ist der Captain auf der Page Link . Etwas mehr Gewicht auf den Menschen hinter der Rolle, nämlich Patrick Stewart, legen Link , Link sowie Link . Zudem ist einges zu diesem Mimen unter Shakespeare zu finden.

Picard hat Humor, wird also die Pointierung von Sibylle Luise Binder unter Link ebenso locker nehmen wie die von Sebastian Wolf unter Link . Verwechseln aber sollte man Jean Luc, auch wenn er ein humaner Philosoph ist, nicht mit dem Arzt, Schriftsteller und Humanphilosophen Max Picard, über den man sich dennoch informieren sollte: Link . Denn dem ging es um die Rolle und Orientierung des Menschen in der Moderne, Jean Luc geht es um die in der Zukunft.


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