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PLATON  
hieß eigentlich Aristokles. Somit hätte man ihn Im Spiegel der Möglichkeiten leicht mit Aristoteles verwechselt, der dort von den Mädchen oft nur Aristo genannt wird, wäre er nicht unter dem Spitznamen »der Breite« (eben: Platon) in die Geschichte eingegangen (heutzutage geht man mit nicknames nur noch in Chats oder Games ein).

Tatsächlich fand ich genau diesen Druckfehler auf der Universitätsseite »Wege zur Wissenschaftstheorie« im Glossar, wo es heißt (noch immer, und ich bin dankbar, dass man den Fehler belassen hat): »Platon: griechischer Philosoph, *27.5.427 v.Chr. Athen, +347 Athen, eigentlich: Aristoteles, Sohn des Ariston und der Periktione, deren Vorfahren mit Solon verwandt waren.« Link

Trug dieser Athener, Sokrates-Schüler, Idealist, Akademiebegründer und – wie viele meinen (insbesondere die, die ihn aus Kreuzworträtseln kennen) – größte Philosoph aller Zeiten, auch noch weitere Namen? Schon möglich, denn er glaubte an die Wiedergeburt. Aber damit sind wir schon mittendrin in (s)einer Lebensgeschichte, statt brav unten anzufangen. – Unten im Sinn des philosophischen Aufstiegs, denn sozial stammt Platon aus einem reichen und einflussreichen Clan, der seine Abstammung bis auf den Gott Poseidon zurück führte. Dennoch ließ der Adelige sich mit einem später zum Tod verurteilten Handwerker und Jugendverführer ein. Auch dessen Name ist nach zweieinhalb Jahrtausenden noch wohlbekannt: Sokrates. In den Lehrbüchern beginnt mit dem sogar die »eigentliche« abendländische Philosophie. Die großen Geister vor ihm sind einfach die Vorsokratiker.

Dass dem so ist, geht wiederum maßgeblich auf Platon zurück. Denn Sokrates hinterließ kein einziges geschriebenes Wort. Der Schüler war es, der den Lehrer mit seinen Schriften groß machte und damit zugleich den vermeintlich größten Philosophen übertrifft. Der Dialog, den der auf die Marktplätze und unter die Menschen gehende Sokrates real führte, wurde bei Platon zum inneren Gespräch und zur literarischen Form. Der zog sich nämlich in die Abgeschiedenheit eines heiligen Hains vor den Toren der Stadt zurück und gründete dort die eine Schule: Die Akademie, benannt nach dem Helden Hekademos.

Platons Lehrschriften gleichen Zweipersonenstücken auf der Bühne. Oft ist Sokrates der Hauptakteur. Er benutzte also die sokratische Form des Erkenntnisgewinns (siehe unter Sokrates). Doch nicht mehr, indem er die Erkenntnis (Link , Link , Link , Link ) aus anderen, vielmehr aus sich selbst holte. Wenn es Sokrates gelang, in allen Menschen das Logische, Wahre, Vernünftige, Gute (damals alles noch nicht so scharf unterschieden) zu finden – dabei unabhängig von Stand, Bildung und Geschlecht, was schon Gründe für ein Todesurteil sind, das offiziell wegen Gottlosigkeit verhängt wurde (und zugleich beweist, dass es immer welche gibt, die Gott ganz genau kennen) -, so reicht konsequenterweise auch eine einzige Vernunft, die eigene des Philosophen.

Platon ist wie die Eleaten überzeugt, dass die Sinne trügen, unsere Welt nur ein Schatten der wahren, ewigen, vollkommenen Welt der absoluten Ideen ist. Das vernünftige Denken und das logische Schließen, letztlich die Erkenntnis, ist die Wiedererinnerung der jenseitigen, im Körper gefangenen Seele (Link , Link und in einem Beispiel für die platonischen Lehrgespräche: Link ) an diese, ihre eigentliche Welt. Folglich hält Platon nichts vom Verstand (dem Deuten der Sinneseindrücke bis hin zur Begriffsbildung), nichts von Erfahrung und Empirie (dem Wissensgewinn aus Beobachtung, Vergleich, Ordnung, Abstraktion), vertritt die »Top-Down-Methode« oder Deduktion (Ableitung des Einzelnen aus dem Allgemeinen) und hat überhaupt wenig mit dem gemein, was sein Schüler Aristoteles vertrat (vgl. auch Link mit Link ).

Nun soll es ja des Öfteren vorkommen, dass der Schüler nicht kritiklos dem Lehrer folgt, ja sogar das Gegenteil behauptet, wie es gelegentlich auch in den sokratischen Dialogen der Abenteuer geschieht. Eines aber verbindet das Trio Sokrates, Platon und Aristoteles: die Ethik. Das sieht man auch auf Raffaels herrlichem Bild »Die Schule von Athen« Link : Platon weist zum Himmel, die Geste des Aristoteles besagt, man soll auf dem Teppich bleiben und abwägen. Doch die Augen dieser zwei Zentralfiguren zeugen von Anerkennung und führen den Dialog, verkörpern gleichsam den ungemalten Sokrates, der so das Gute hervorbringen wollte.

Platon, der Idealist, setzt in seiner Ethik sogar Tugend und Weisheit gleich und legt Sokrates den paradoxen Satz in den Mund, dass kein Mensch absichtlich Böses tue. Paradox ist dieser Satz, wie schon der pragmatische und logische Aristoteles (vielleicht in der dargestellten Szene?) feststellte: Wäre diese Aussage richtig, so ist der Mensch seiner moralischen Verantwortung enthoben. Bei der Ethik aber geht es um bewusstes Handeln.

Als eigene ethischen Position vertraten alle drei Athener die Tugendethik (unter Ethik und kurz Link , philosophisch Link , christlich Link ), wobei das platonische Ideal unerreichbar bleibt, während Aristoteles bei dessen absoluter Befolgung sogar neue moralische Bedenken kommen, denn Tugend sei kein Extrem, vielmehr die rechte, ausgewogene Mitte. Gerechtigkeit z.B. könne man als ausgleichend sehen (das Wort besagt schon, dass eine richtige Größenordnung im Sinn der Wiedergutmachung zu finden ist, sonst folgt wieder Ungerechtigkeit) und auch als austeilend (freiwilliges Abgeben, das dann umschlägt, wenn man selbst der Bedürftige wird). Tapferkeit sei ebenso wenig ein Extrem, liege vielmehr zwischen Feigheit und Tollkühnheit usw.

Unbeeindruckt aber teilt Platon mit seiner Ideenlehre die Wirklichkeit in zwei Bereiche: einen unvollkommenen, trügerischen, schlechten, natürlichen »Sinnenbereich« und einen unnatürlichen, guten, einzig von der menschlichen Vernunft erkennbaren Bereich der Ideen, der vollkommenen Formen (Link , Link , siehe auch Höhlengleichnis und dazu kurz Link ). Der Philosoph ist es, der den Betrug erkennt und Einblick in die wahre Wirklichkeit erlangt. Dieses Modell des übernatürlich vollkommen Wahren und Guten (und Unendlichen und Apriorischen) wurde zu einer der Hauptquellen der mystisch-religiösen Lehren der abendländischen Kultur, die nicht zuletzt über die Stoa, die Neuplatoniker, Plotin und Augustinus auch wesentlich für das Christentum ist. Sie ist auch das Fundament des Dualismus im Sinn des Descartes, was Im Spiegel der Möglichkeiten deutlicht wird.

Da laut Whitehead alle abendländische Philosophie lediglich »als Fußnote zu Platon« zu verstehen ist (Link ), findet man natürlich mehr als Fußnoten zu Platon in den Bibliotheken und im Internet. Ich beschränke mich daher auf die Übersicht im Philosophenlexikon Link , die kurze Einführung auf der Page des Scheffel-Gymnasiums in Lahr (Schwarzwald) Link und den sehr locker geschriebenen Text unter Link als Teil des insgesamt empfehlenswerten Beitrags »Das Gehirn-Geist-Problem« der Schüler-Akademie Annweiler. Letztlich die Abhandlung von Andreas Goppold »Vom Wesen Des Ursprungs: Platon und die Archae-Tektonik« (Link ), um insgesamt einige Alternativen zu den professionellen Seiten zu nennen. – Denn Alternativen sind immer nötig, auch zu Platon.


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