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PLOTIN  
gilt als der letzte große Philosoph der Antike und steht im Übergang zur christlichen Philosophie. Er wurde 205 n.Chr. im ägyptischen Lykopolis geboren, studierte in Alexandria v.a. bei Ammonius Saccas, der die platonische Schule vertrat, und kam mit 40 Jahren in ein Rom, dessen Staatsmacht und Kultur im Niedergang waren:

Die Legionen bestimmten die Kaiser und ließen sich kaufen, beseitigten dann aber zumeist schnell wieder den Gewählten, um sich erneut bestechen zu lassen (kurz zu den Soldatenkaisern: Link ). An den Reichsgrenzen unterlag das verwahrlosende Heer immer öfter den Germanen im Norden bzw. den Persern im Osten. Pessimismus und Staatsverdrossenheit waren verbreitet. Daher träumte Plotin, der viele Schüler um sich sammelte, vom Kaiser Gallienus protegiert wurde und geradezu in Mode war, davon, eine Philosophenstadt zu gründen und den platonischen Idealstaat zu verwirklichen. Dies misslang, so dass er sich ganz den Jenseitsidealen Platons zuwandte, ähnlich den inzwischen zahlreich gewordenen Christen, die sich nach dem himmlischen Königreich sehnten. Und selbst wenn Plotins Schüler Porphyrios, der die Schriften des Meister als die »Enneaden« herausgab, noch gegen die Christen wetterte, so waren doch die Ähnlichkeiten der Lehren groß. Denn Plotin begründete den Neuplatonismus, und es ist »völlig unmöglich, den Platonismus aus dem Christentum herauszulösen, ohne es dabei in Stücke zu reißen« (so der Plotin-Spezialist Dean Inge, zitiert bei Russell).

An Plotin faszinierte, dass er Platon mit (teils indischer) Mystik verband und mit seinem Postulat der Unendlichkeit als dem höchsten Prinzip, dem Einen, das über alle Begrenzungen und Einschränkungen erhaben ist, eine Alternative zur irdischen Hoffnungslosigkeit bot. Seine Philosophie hatte großen Einfluss auf den Kirchenvater Augustinus, der Plotin als den wiedererstandenen Platon bezeichnete und Platons Lehre als die reinste und klarste aller Philosophien. Immer wieder wurden seine Gedanken zu Zeit, Raum und Unendlichkeit aufgegriffen, etwa von Cusanus und Hegel. Der Gedanke der Selbstentfaltung des absoluten Geistes bei Hegel oder des »Werdenden Gottes« Im Spiegel der Möglichkeiten hat durchaus Wurzeln bei Plotin. Dieser vertrat nämlich einen Dreifaltigkeitsgedanken, der aber – anders als im Christentum – wie eine Ausfaltung gesehen werden kann:

Alles stammt aus und ist zugleich (weil Raum-Zeit-Kausal-Welt-Begriffe hier nicht greifen) das Ur-Eine, das für Menschen über aller Erkenntnis liegt. Aus diesem geht durch Ausströmung (Emanation) das Viele hervor, wobei das Ganze doch bleibt (ich spreche in den philosophischen Abenteuern von Ausfaltung, da in diesem Bild nie das Ganze in Frage steht, trotz des vermeintlichen Größerwerdens und Gliederns. »Ausströmen« ist ein trennender Begriff, dem christlichen Dogma des Schöpfergottes entsprechend, der außerhalb seines Werkes bleibt, denn sonst wäre Schlechtes auch in Gott, was der christlichen Schwarz-Weiß-Logik zuwider ist).

Das erste Zugängliche ist noch nicht materiell, es ist das nous – zumeist, aber etwas oberflächlich mit »Geist« übersetzt, wohl eher das platonische Reich der Ideen: die eigentliche Welt, die wahrhaft existierende. Sie ist vollkommen, weil sie nicht materiell ist. Wir haben durch die Vernunft Anteil an ihr. Meine im Buch romanhaft zum Ausdruck gebrachte Interpretation ist die des Gegenübers, des Spiegels in einem dialektischen Prozess der sich (innerlich) spiegelnden göttlichen Selbsterkenntnis. Seiendes, das keine Teile hat, kann sich nicht selbst erkennen, doch heißt Selbsterkenntnis, dass das Erkannte und das Erkennende zusammenfallen, eben nicht zwei sind. Auch der oft genannte Möglichkeitsraum steht für ein ähnliches Bild, wobei jedoch das Ganze durch den folgenden Schritt der Realisation nicht weniger und schlechter wird, wie bei den Idealisten, im Gegenteil: Es fehlte sonst etwas zur Vollständigkeit.

Aus dem nous geht die Weltseele als die gestaltende, formende Kraft des Kosmos hervor. Dieser ist die Realisation der Ideen, die Seele somit die erhaltende Kraft oder die Lebenskraft (sagen wir: das Evolutionsprinzip). Jede individuelle Seele ist Teil dieser kosmischen Seele. Dies zu erkennen, ist auch die ethische Basis: Das Einssein anzunehmen ist gut, die der individuellen Seele gegebene Möglichkeit der Verweigerung ist das Böse.

In diesem tiefsten Sinn ist Plotin, der viel von Parmenides bzw. den Eleaten hielt, Holist, was auch in vielen mystischen Formulierungen deutlich wird: »Das Licht durchläuft das Licht. Und alle tragen alles in sich, und alles sieht immer alles, so dass alles überall ist, alles ist alles, alles ist herrlich, und die Herrlichkeit ist unendlich. ... DER, der die Bewegung hervorbringt, ist nicht fremd und behindert sie auch nicht in ihrer Entfaltung. ... Man sollte hier nicht von der Sicht sprechen, denn das, was gesehen wird, wird weder von dem Sehenden gesehen noch von ihm wahrgenommen, wenn man schon von einem Seher und Gesehenen als zwei und nicht einem spricht. Darum ist diese Vision schwer zu beschreiben, denn wie kann ein Mensch sich selbst als das Andere beschreiben, wenn er IHN als sich selbst wahrnimmt?«

Solche ganzheitlichen Ursprungserfahrungen, etwa in Natur und Ästhetik, inspirierten auch Goethe, der Plotin teilweise selbst übersetzte, und kommen in so berühmten Aussprüchen zum Tragen wie:

Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken;
Läg' nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?

Auch Goethes Auffassung von Erkenntnis (Selbst-, Welt- und Gottes-Erkenntnis im Sinn einer aufsteigend sich intensivierenden Wirklichkeitserfahrung) und dem zu entdeckenden Einen in verschiedenen Erscheinungen korreliert derjenigen Plotins. Goethe, der »unchristliche Holist«, begründet so letztlich seine »weiche« naturwissenschaftliche Basis, die geradezu ökologisch war: »In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in einer Verbindung mit dem Ganzen steht, und wenn uns die Erfahrungen nur isoliert erscheinen ..., so wird dadurch nicht gesagt, daß sie isoliert seien.«

Wie kann dann Plotin dennoch eine tragende Säule der christlichen Philosophie sein? Indem nicht zuletzt Augustinus und dann die ganze Scholastik aus seinem Werk – wie aus dem vieler antiker Schulen – das Passende wie aus einem Steinbruch brach (so wie zugegebenermaßen auch ich und Plotin selbst, wenn er Steine der Pythagoräer und der Stoiker verwendete und nicht wenige des Aristoteles, auch wenn er diesen als Gegenspieler des Platon kaum nannte).

Plotin verwarf selbstverständlich den materialistischen Ansatz der Atomisten, die von ungeschaffener und selbstbewegter Materie ausgingen, wandte sich gegen allen Zufall, weil er die göttliche Weltvernunft unterstellte, sah mit Platon und der Stoa die Ideale der jenseitigen Welt und die »Sinne mit ihren Begierden und Impulsen und alles Nichtige dieser Art« negativ. Er wandte sich gegen die diesseitigen Epikuräer, stellte im Unterschied zur Stoa das Göttliche nicht der Natur gleich, sondern darüber (»Rangfolge« in Ausfaltung), band geschickt die Kausal- und die Seelenlehre bzw. die vom »Wesen« des Aristoteles ein, machte dabei jedoch aus der sterblichen Seele die unsterbliche, weil sie den Ideen entstammt, die ewig sind. Die unvollkommene Welt oder gar das Übel ist so nicht dem dann ja schlechten Schöpfer anzukreiden, wenn sie nur Abbild des Vollkommen ist, das aber nicht erkannt oder in möglicher Nichteinsicht und Verweigerung verkannt werden kann: Wer nach außen auf die Welt schaut, sieht das Schlechte, wer nach innen in die Vernunft schaut, aber das Gute.

Damit war die antike Philosophie bestens zurechtgestutzt, konnte Augustinus sie zum christlichen Lehrgebäude schleifen – das einen anderen Dreifaltigkeitsbegriff, einen personifizierten außerweltlichen Gott, einen modifizierten Seelenbegriff und insgesamt polare Trennungen statt ganzheitlichem Denken vertrat – und Thomas später die Methode perfektionieren, mit der die christliche Offenbarung immer Recht hat und die Fehler der ansonsten hervorragenden Philosophie ausbügeln kann. Dass diese christliche Interpretation zum cartesischen Dualismus führte, war vorgezeichnet, dass – auf der Plattform von absolutem Vernunft- und Forschrittsglauben, verbunden mit dem Missionsauftrag – dann aber Materialismus und Kapitalismus durch die Hintertüre dominant und weltbeherrschend wurden, gerade weil das natürliche Sein entgöttert war, das hätten sich die Neuplatoniker an der Wende vom antiken zum christlichen Abendland nicht träumen lassen, und Plotin mit seinem Ur-Einen schon gar nicht.

Zur Metaphysik des Einen bei Plotin gibt es ein Buch von Werner Beierwaltes, das unter Link in der Neuen Zürcher Zeitung besprochen wurde. Zu Plotin ist wieder einmal eine gute Übersicht bei Möller zu empfehlen (Link ) sowie das Philosophen-Lexikon (Link ). Seine Werke und die Sekundärliteratur werden umfangreich zitiert unter Link , und im Netz gibt es die Schriften unter Link . Die Einflüsse auf Augustinus behandelt Achim Wagenknecht unter Link und geht dabei auch auf Plotin ein. Wer noch mehr wissen will und zum Lesen lieber ein Buch in der Hand hält (so wie ich, und meines liegt übrigens auch gut in der Hand!), dem empfehle ich Susanne Möbuß »Plotin zur Einführung«.

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