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RAUM-ZEIT-KAUSAL-WELT  
Raum und Zeit sowie Kausalität sind Hauptthemen des Spiegels der Möglichkeiten und Eckpfeiler unseres Bewusstseins. Wir haben Raumvorstellungen, die – für uns – faszinierend klar und harmonisch sind, weil der Mensch eine Liebe entdeckte, die er Geometrie nannte. Aus der wurde Mathematik, aus ihr erwuchs wiederum die Vorstellung, ja Überzeugung, es gäbe absolute Ideen, apriorische Wahrheiten, übernatürliche Vernunft. Wir wissen – wie die Platoniker meinen: dank dieser Vernunft –, dass die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten eine Gerade ist. Das ist logisch für uns und auch für unseren Freund A-Quadrat aus dem Flächenland. Der kann sich aber nicht vorstellen, dass der vermeintlich gerade Weg auf der Kugeloberfläche gebogen und nicht mehr der kürzeste ist. Und auch uns nützt diese Erkenntnis wenig, wenn wir von Nürtingen zum Castel del Monte reisen wollen: Dieser kürzeste Weg durch die Erdkruste ist unpassierbar, er wäre unvernünftig.

Die Wasserspitzmaus Link lernt alle ihre Wege auswendig, erschließt sie sich langsam und mühsam. Beherrscht sie einen Weg, so ist für sie dieser krumme, sich womöglich sogar kreuzende Weg eindeutig der kürzeste, auf dem sie blitzschnell davonlaufen kann. In der Geometrie der Spitzmaus ist dieses Gewirr folglich eine »Gerade«. Bauen wir ihr hilfreich an der vermeintlich unsinnigen Kreuzung ein Hindernis so auf, dass sie gleich die unnötige Schleife abzukürzen hat, so wird sie in ihrem Sprint stoppen, schnüffeln und aufgeregt zurückgehen, um (so wie wir, wenn uns in einem Lied die nächste Zeile nicht einfällt) den auswendig gelernten Ablauf noch einmal von vorne abzuspulen: ein verdammt langer Umweg und niemals eine Mausgerade!

Doch ist nicht auch für uns in einer fremden Stadt, durch die wir ohne Plan laufen, der an einigen markanten Punkten orientierte Weg streckenmäßig länger und zeitlich kürzer? Nützt uns hier die logische (und inzwischen physikalisch widerlegte) Trennung in Raum- und Zeitdimension etwas?

Die Im Spiegel der Möglichkeiten auffliegende Fledermaus hat nichts mit Mäusen zu tun (außer, dass diese für einige Arten Nahrung sein können), dient aber ebenfalls als Beispiel für eine eigene Weltmodellierung. Welche Raumvorstellung hat sie in ihrer Schallwelt? Welche hat ein Reptil mit Rundumblick, welche ein so genannter »Raumfahrer«, wenn er in die Nähe eines Schwarzen Lochs kommt, wo sich die Raumzeit zunehmend krümmt?(Link , Link , Link , Link , Link sowie Link ) – Das Nachdenken über diese Beispiele und Fragen soll nicht zur Beliebigkeit von Raumvorstellungen führen (die zugleich auch immer Zeitvorstellungen sind, denn immer erschließen wir den Raum durch Bewegung, und sei es auch nur die unseres Auges), sondern zu deren Relativierung, die wir seit Einstein wissenschaftlich beherrschen, ohne im Alltag Probleme mit Newtons absoluten Zeit- und Raumdefinitionen zu haben.

Massiv sind diese Probleme, wie Im Spiegel der Möglichkeiten behandelt wird, im subatomaren Bereich, wo auch unsere in der mittleren Welt zweckmäßige Kausalitätsvorstellung absurd wird. Wird sie es nur dort und nicht auch hier? Wieso läuft uns »das Wasser im Mund zusammen«, wenn wir gutes Essen sehen oder gar nur daran denken? Kausal muss es doch eindeutig andersherum ablaufen: Wir nehmen erst Nahrung auf und produzieren dann zweckmäßigerweise mehr Speichel zu deren Verarbeitung (was schön wissenschaftlich klingt und keineswegs genüsslich, worum es beim Essen aber ganz natürlich geht, denn kein Viech frisst aus rationaler, wohl aber aus emotionaler Begründung).

Na, na, na, werden Sie sagen, das ist kein Argument gegen die Kausalität. Schließlich besitzt unser Körper Erfahrung, stellt Zusammenhänge her, reagiert schon vorsorglich. – Richtig! Hinter diesem Reflex steht empirisch gewonnene Erkenntnis aus früherer Zweckmäßigkeit und somit doch wieder Kausalität. Aber wieso bleiben Sie (und wenn gerade nicht Sie, dann aber etliche Philosophen) dann von den platonischen Ideen, dem Kant'schen Apriori und der menschenunabhängigen Wahrheit überzeugt?

Vergessen Sie den Dualismus des Descartes, der ein Modell aus der Zeit ist, in der man sich die Natur als Mechanismus vorstellte und den Menschen aus ihr herausnehmen musste, um seine Freiheit zu wahren. Heute dürfen Sie den Körpersekreten die Ideen absprechen und ebenso den Philosophen: Denn das evolutionäre Spiel von Zufall und Notwendigkeit kann erklären, dass für uns staunende Wesen durch die Kette des Werdens auch der Denk- und Erkenntnisrucksack von den Vorfahren gepackt wurde und nicht vom platonischen Himmel als Empfänger außerirdischer Nachrichten fiel. Wir brauchen kein Kant'sches Apriori, um unsere Denkkategorien von Raum und Zeit und Kausalität zu erklären. Überindividuelles »Wissen« (richtiger: die Denkformen) kann durchaus »vorauslaufen« (wobei wir schon den Fehler machen, Zeit wie Newton absolut zu setzen) und somit (scheinbar) Ursache und Wirkung umkehren. Und das mag nicht nur für unsere Denkformen des Verstandes und der Vernunft gelten.

Externe Links gibt es hier ausnahmsweise nicht, denn die Fülle der internen ist groß genug (und dennoch liefen im virtuellen Raum des Internets erdenzeitlich einige meinen Recherchen voraus und gingen ursächlich ein).

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