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SAGITTARIUS-ZWERG  
Eine hoch dramatische Szenerie: Zwei ganze Galaxien, davon eine unsere eigene Milchstraße, stoßen zusammen! Das ist keine Fiktion, sondern reales Geschehen, während Sie das hier lesen.

Doch kein Reporter berichtet, und kein Spielberg macht daraus einen Kinoreißer. So langweilig ist das – im wahrsten Wortsinn: Denn es dauert schon viel länger, als wir überhaupt von Menschen auf der Erde reden können, und wird vermutlich auch noch andauern, wenn niemand mehr über diese Episode des Homo sapiens reden kann. Das zur Zeit.

Und der Raum dieses »Zusammenstoßes«, den niemand hören kann, weil es im Weltraum kein Schall tragendes Medium wie die Luft gibt (obwohl die Raumschiffe im Kino immer so schön vorbeizischen und die Laserkanonen donnern), ist so weit, dass da auch nichts (in unseren Augen) Spektakuläres geschieht: Es ist alles wie die »Kollision« zweier sehr, sehr dünner Nebelfetzen.

Um diesem kosmischen Ereignis wenigstens etwas Dramatik abzugewinnen (wer liest sonst schon so was?) betitelte Uwe Seidenfaden seinen sehr sachkundigen Artikel mit »Milchstraße als Kannibale« (Link ). Dabei sind wir mit unserem bisschen Sonne und Erde Teil des Kannibalen. Er, wie auch Rolf H. Latusseck in der Berliner Morgenpost (Link ), legen nämlich dar, dass unsere Galaxis sich zurzeit eine kleine Milchstraße, die Sagittarius-Zwerg genannt wird (oder, weil diese Galaxie im Sternzeichen Schütze steht, auch »Schütze-Zwergen-Galaxie«), einverleibt. Sie ist schon längst im Gravitationsfeld unserer Milchstraße und wird in etwa zwei Milliarden Jahren (noch mal zu Erinnerung: Die Mensch genannte Art ist – wenn wir sehr großzügig den Homo erectus als Vorläufer nehmen – zwei Millionen Jahre alt, also ein Tausendstel davon, siehe dazu auch das Stichwort: Fortschritt) in diese integriert sein.

Doch das ist nur eines von vielen »Opfern« dieses »Kannibalen«, der dann auch noch lange nicht satt ist: In den nächsten fünf Milliarden Jahren wird er noch mehr als ein Dutzend Zwerggalaxien »verspeisen«. Das, so meinen die Astronomen, ist ganz normal: Die Spiralnebel, zu denen die unsere gehört, sind aus solchen Verschmelzungen entstanden, und die annähernd kugelförmigen und weit größeren Galaxien aus dem Zusammenschluss der spiralförmigen. Auch das steht »unserer« Galaxie bevor, die sich gegenwärtig der 2,5 Millionen Lichtjahre entfernten Andromeda-Galaxie mit einer Geschwindigkeit von rund 500.000 Kilometern pro Stunde nähert und in Kürze (astronomisch betrachtet, ein paar Milliarden Jahre sind's schon noch) mit ihr vereinen wird. Das Auffallendste daran wird – aus der Sicht dann eventuell sehender Erdlinge – sein, dass der Nachthimmel durch die weit höhere Sternenzahl sehr viel heller wird. Oder feiern die Galaxien ihre Hochzeit doch mit einem Feuerwerk?

Uwe Seidenfaden benutzt folgendes Bild: »Den einzelnen Sternen widerfährt bei einer solchen Kollision in der Regel nicht mehr als den Wassermolekülen, wenn sich zwei Tropfen vereinigen. Denn die Abstände zwischen den Sternen bleiben auch beim Verschmelzen der Galaxien riesig. Allerdings wirbeln die sich verändernden Gravitationskräfte die interstellaren Gaswolken in den kollidierenden Galaxien heftig durcheinander, so dass innerhalb weniger Millionen Jahre jährlich Dutzende neuer Sterne entstehen und die Gesamthelligkeit des Systems steigt.«

Das ist nicht gar so anders als das von Wendur im Spiegel der Möglichkeiten benutzte Beispiel in der Diskussion um unsere Erkenntnisfähigkeit als Wesen der »Mittleren Welt«: »Lass mich mit einem Beispiel zu erklären versuchen, wie Mikrokosmos und Makrokosmos zusammenfallen, wenn sie nur Sicht- oder Denkweisen sind: Derzeit, das heißt seit Abertausenden von Jahren, schluckt unsere Milchstraße eine kleine, genannt Sagittarius-Zwerg. Und in vier Milliarden Jahren wird sie sich mit einer weiteren, Andromeda, vereinen. Für uns sind das unvorstellbare zeitliche und räumliche Dimensionen, gewaltige Massen und jede Erfahrung übersteigende Kräfte. Der Beobachter einer anderen Erlebniswelt aber spricht, wenn er den gleichen Vorgang beobachtet, vielleicht von einer raschen chemischen Reaktion in einem Reagenzglas. Aus wieder anderer Sicht schaffen wir vielleicht in unserem Reagenzglas ein Universum, und in diesem stellt sich einer die gleichen Fragen ...«

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