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SCHACH  
Das Beispiel des Schachspiels kommt im Spiegel der Möglichkeiten mehrfach vor. Aus diesem Grunde werden Links zu diesem königlichen Spiel unter dem Stichwort »Spiele« gegeben (siehe dort).

Der Schachspieler (dazu ein wenig bekannter Text Link ) Friedrich Dürrenmatt zieht aber in einem Vortrag zu Albert Einstein, den man vollständig unter Link nachlesen sollte, diese Analogie in solch hervorragender und wesentliche Themen meines Romans ansprechender Form heran, dass ich mir ein ausführliches Zitat (wenn auch mit einigen Kürzungen) nicht versagen kann:

„Stellen wir uns jedoch das Weltgeschehen als ein Schachspiel vor, so sind zuerst zwei Partien denkbar, eine deterministische und eine kausale.

Beim deterministischen Schachspiel sitzen sich zwei vollkommene Schachspieler gegenüber, ... (etwa) das gute und das schlechte Prinzip, ... die miteinander kämpfen. Die Menschen sind die Schachfiguren. Diese sind in dieser Partie determiniert, Folgerungen der außermenschlichen Schachüberlegungen; ob die Menschen Gutes oder Schlechtes vollbringen, ist gleichgültig, sie sind, ob weiße oder schwarze Figuren, von den gleichen Gesetzen bestimmt: von den Regeln des Schachspiels. Die manichäischen Religionen sind symmetrische Konzeptionen, das Gute und das Böse sind im Gleichgewicht; zwei vollkommene Schachspieler vermögen sich nicht zu besiegen, sie verharren in ewigem Patt, in ewiger Koexistenz, Siege sind nur Scheinsiege. Die Welt ist durch Prädestination determiniert, statt des Chaos herrscht eine unbarmherzige Ordnung.

Bei der kausalen Partie dagegen spielen die Schachfiguren selber, sie sind die Ursachen ihrer Wirkungen, ihre guten Züge sind die ihren, ihre Fehler sind die ihren. Die zwei vollkommenen Schachspieler fallen in einen ... zusammen, der die Partie nicht mehr spielt, sondern begutachtet, genauer, er spielt sie auf eine delikatere Weise als die beiden Spieler des deterministischen Schachs: er führt die Partie als Schiedsrichter. Als solcher ist er nicht unbedingt gerecht, die Welt ist eine abgefallene Welt, das Chaos ist größer als die Ordnung. Daß das Spiel nicht abgebrochen und weggeräumt wird, hängt allein von der Gnade und der Barmherzigkeit des Schiedsrichters ab. Gnädig und barmherzig kann jedoch kein Prinzip sein, sondern nur eine Person. Das Judentum und die daraus hervorgegangenen Religionen sind daher an einen persönlichen Gott gebunden.

Mit dem Aufkommen der Naturwissenschaft wird das Turnier komplizierter: Der persönliche Gott läßt gleichzeitig auf zwei Brettern spielen, auf dem Brett des Geistes und auf dem Brett der Natur, auf dem Brett der Freiheit und auf dem Brett der Naturnotwendigkeit. Auf dem Brett des Geistes steht es wie bisher einer jeden Figur frei, welche Züge gemäß den Regeln des Schachspiels sie machen will; ein schlechter Spieler ist auch ein schlechter Mensch, und Gott bleibt sein Schiedsrichter, eine jede Figur muß die Wirkung ihrer Handlung tragen, das Spiel ist in sich kausal, während auf dem Spielbrett der Natur die Figuren zwangsläufig spielen, da die Regeln, durch die sie bestimmt werden, mit den Naturgesetzen gegeben sind. Auf diesem Schachbrett ist das Spiel an sich kausal, Gott könnte das Spiel laufen lassen -- er setzte es eigentlich nur in Gang.

Das Problem, weshalb die Welt nicht vollkommen ist, verschärfte sich, einerseits herrschten in der Natur die Gesetze, anderseits brach vom freien Geiste her immer wieder das Chaos in die Welt. Vor diesem Hintergrund ist Spinoza zu begreifen: Er schuf sich eine Idee Gottes ..., eine aus Axiomen gefolgerte Gedankenkonstruktion, ... logisch begründete .... Die Attribute, die Spinoza ihm zuschreibt, das Denken und die Ausdehnung, sind die Aspekte Gottes, die für den Verstand begreifbar sind, aber sie treffen nur für Gott zu: seine Ausdehnung ist unendlich, sonst wäre sie teilbar, er ist nicht ableitbar, sonst wäre er mittelbar. Teilbarkeit und Ableitbarkeit kommen nur den Modi seiner göttlichen Attribute zu. ... der Gegensatz Gut - Böse wurde überwunden.

Der Gott Spinozas braucht keine Theodizee. Für diesen Gott gibt es weder das Gute noch das Böse. Gäbe es für ihn diesen Gegensatz, wäre er wieder persönlich. Beim Menschen gilt das gleiche, gut und böse sind Attribute - und als solche vom Wesen sowenig zu trennen wie die Dreieckseigenschaften vom Dreieck. Spinozas Welt ist mit Begriffen konstruiert, sie ist syntaktisch die begreifbarste aller erdachten Welten und nur in ihrem Sein unbegreiflich, denn das Axiom Gott ist nur insofern der Grund dieser begreifbaren Welt, als diese Welt zu seinem Sein gehört, wie zum Wesen des Dreiecks seine Eigenschaften gehören. Diesem Gott schreibt Spinoza eine deterministische, nicht eine kausale Welt zu: Nur in einer kausalen Welt ist es sinnvoll, von einer Wirkung auf die Ursache zu schließen; in einer deterministischen, in einer rein geometrischen Welt etwa, wäre die Behauptung, das rechtwinklige Dreieck sei die Ursache des pythagoreischen Lehrsatzes, Unsinn. Darum lehnt es Spinoza ab, von einer Schöpfung und einem Schöpfer zu reden. Auch gibt es keine Willensfreiheit; als Modus der zwei göttlichen Attribute, als eine vergängliche Spielart derselben, ist der Mensch determiniert. Ein Mensch, der sich einbildet, er sei frei, gleicht einem Stein, der zur Erde fällt und glaubt, er wolle zur Erde fallen.

Aber Spinoza war kein Fatalist. Wenn er auch dem Menschen keinen freien Willen zubilligte, so doch das Erkenntnisvermögen: Für den denkenden Menschen ist Gott das Gewisseste, das einzige, woran nicht zu zweifeln ist; gut ist der Wissende, schlecht der Unwissende, böses Handeln ist falsches, gutes Handeln ist richtiges Handeln, das Böse ist ebenso unrichtig wie eine falsche geometrische Lösung.

Ein solches Denken hat seine Konsequenz: Wir haben uns nun einen Gott vorzustellen, der nicht nur gegen sich selber Schach spielt, sondern auch selber das Schachspiel ist, Spielregeln und Spielfeld in einem. Studiert man die Spielzüge, studiert man auch diesen Gott; etwas anderes als der Determinismus des Spiels ist nicht auszumachen, über den Spieler gibt es keine Aussage.

Um so nachdenklicher muß es uns daher stimmen, wenn Einstein 1929 auf die Frage einer Depeschenagentur, ob er an Gott glaube, antwortete, er glaube an Spinozas Gott, der sich in der gesetzlichen Harmonie des Seienden offenbare, nicht an einen Gott, der sich mit den Schicksalen und Handlungen der Menschen abgebe. 1932 aufgefordert, über Spinoza zu schreiben, lehnte es Einstein mit der Begründung ab, daß niemand dieser Aufgabe gerecht werden könne, da sie nicht nur Sachkenntnis, sondern auch ungewöhnliche Lauterkeit, Seelengröße und Bescheidenheit erfordere. Spinoza sei der erste gewesen, fügte er bei, der den Gedanken der deterministischen Gebundenheit allen Geschehens konsequent auf das menschliche Denken, Fühlen und Handeln angewendet habe. Und in einem Brief aus dem Jahre 1946 schrieb er: »Spinoza ist einer der tiefsten und reinsten Menschen, welche unser jüdisches Volk hervorgebracht hat.«

(...) Wenn Spinoza glaubte, Denken und Ausdehnung seien zwei Attribute Gottes, die dem menschlichen Verstande zwar zugänglich, die aber Gott nicht zu umfassen vermöchten, weil Gott noch unendlich viele Attribute besäße, die für den Menschen unerkennbar blieben, so ist dieser Gott Spinozas - den er ja auch die »Substanz« nennt, wobei er freilich an nichts Materielles denkt, durchaus mit dem »Ding an sich« Kants verwandt, worunter ja Kant das Objekt an sich versteht. Nun war es aber gerade Kants Ansicht, daß nicht die Dinge an sich, sondern nur deren Erscheinung erkennbar wäre. Auch neigen wir dazu, Denken und Ausdehnung, die für Spinoza die beiden uns bekannten Attribute Gottes sind, anders zu interpretieren: Wer Ausdehnung setzt, setzt Materie und Raum voraus, wer Denken setzt, setzt Zeit voraus, denn außerhalb der Zeit fände auch kein Denken statt.

Zeit und Raum jedoch sind vor allem für zwei Denker wichtig, für Kant und für Einstein. (...) Wenn bei Kant Sinnlichkeit und Verstand die beiden Stämme unserer Erkenntnis darstellen, die vielleicht der gleichen Wurzel entspringen, so stellen Raum und Zeit die notwendigen Formen unserer sinnlichen Anschauung dar, das apriorische Material, das dem Verstand ermöglicht, mit Hilfe seiner apriorischen Denkformen die Mathematik zu konstruieren und physikalische Zusammenhänge zu erkennen. Kant ersetzt die Metaphysik durch die Mathematik und durch die Physik. Für Kant ist der Schluß der Metaphysiker, vom Denken auf ein Sein, das hinter der Erfahrung liegt, unmöglich: Gott ist unbeweisbar. Demgegenüber ist die Mathematik möglich, indem sie nur sich ausdrückt, sie ist eine apriorische Begriffskonstruktion, die nur eine innere Widerspruchsfreiheit erfordert; und die Möglichkeit der Physik liegt darin begründet, daß der Verstand der Natur die Gesetze vorschreibt. Die Natur erscheint in unserem Denken.

Insofern aber die Verstandesgesetze apriorisch mathematisch sind, erscheinen die empirischen Naturgesetze auch zwangsläufig in der apriorischen Mathematik. Kants Physik ist eine Physik der Erscheinung, wobei auch Raum und Zeit Erscheinungen sind, Grundstrukturen der Anschauung, gleichsam Erscheinungen hinter den Erscheinungen. So ist denn auch das Spiel - auf unsere Schachparabel bezogen - nicht das Spiel, sondern die Erscheinung des Spiels. Kant interessiert sich nicht dafür, ob es einen vollkommenen Schachspieler gibt, der die Partie spielt, oder einen vollkommenen Schiedsrichter, der die Partie leitet, ob die wirkliche Partie deterministisch oder kausal gespielt wird, darüber ist denkerisch nichts auszumachen, auch nicht, ob wirklich die Regeln streng eingehalten werden, oder ob es uns nur scheint, daß sie streng eingehalten werden (sie erscheinen deterministisch kausal, könnte paradox formuliert werden), oder ob das Spielfeld unendlich ist oder nicht, ob das Spiel einen Anfang genommen hat oder ob es seit jeher gespielt wurde, ob es auf ein Schachmatt hinausgeht oder auf ein Patt.

Der Verstand, im Bestreben, diese Frage zu lösen, stößt auf Antinomien. Im übrigen sind die Schachregeln nicht durch das Spiel gegeben, sondern durch unseren Verstand gesetzt, es ist auch kein anderes Spielfeld denkbar, oder - wie wir vielleicht genauer sagen müssen - es bestanden zu Zeiten Kants keine Anhaltspunkte, ein anderes Spielfeld zu denken - wenn auch die Gleichsetzung des absoluten Raumes Newtons, der »an sich« ist, mit dem apriorischen Raum Kants etwas Problematisches hat. Überhaupt sollte man Kant nicht so sehr nach seinen Erkenntnissen, sondern nach seinen Ahnungen beurteilen; jedes Bewiesene widerlegt einmal die Zeit, nur die Ahnungen bleiben.

Der Unterschied zwischen Kant und Einstein besteht nicht darin, daß der eine einen euklidischen und der andere einen nicht-euklidischen Raum annahm, sondern vor allem in der Beziehung, die sie zwischen der Mathematik und der Wirklichkeit herstellten. In seiner Schrift »Autobiographisches« schreibt Einstein sein erkenntnistheoretisches Credo nieder: »Ich sehe«, beginnt er, »auf der einen Seite die Gesamtheit der Begriffe und Sätze, die in den Büchern niedergelegt sind. Die Beziehungen zwischen den Begriffen und Sätzen untereinander sind logischer An, und das Geschäft des logischen Denkens ist strikte beschränkt auf die Herstellung der Verbindung zwischen Begriffen und Sätzen untereinander nach festgesetzten Regeln, mit denen sich die Logik beschäftigt.« Die Begriffe und Sätze, fährt er dann dem Sinne nach fort, erhielten ihren Inhalt nur durch ihre Beziehung zu den Sinnen-Erlebnissen. Die Verbindung dieser Sinnen-Erlebnisse zu den durch die Regeln der Logik verbundenen Begriffen und Sätzen sei rein intuitiv, nicht selbst logischer Natur. Der Grad der Sicherheit, mit der diese intuitive Verknüpfung vorgenommen werden könne, und nichts anderes unterscheide die leere Phantasterei von der wissenschaftlichen »Wahrheit«. Er fährt dann wörtlich fort: »Das Begriffssystem ist eine Schöpfung des Menschen, samt den syntaktischen Regeln, welche die Struktur der Begriffssysteme ausmachen. Die Begriffssysteme sind zwar an sich logisch gänzlich willkürlich, aber gebunden durch das Ziel, eine möglichst sichere intuitive und vollständige Zuordnung zu der Gesamtheit der Sinnen-Erlebnisse zuzulassen; zweitens erstreben sie möglichste Sparsamkeit in bezug auf ihre logisch unabhängigen Elemente, auf die Grundbegriffe und Axiome, das heißt auf die nicht definienen Begriffe und nicht erschlossenen Sätze. Ein Satz ist richtig, wenn er innerhalb eines logischen Systems nach den acceptierten logischen Regeln abgeleitet ist. Ein System hat Wahrheitsgehalt entsprechend der Sicherheit und Vollständigkeit seiner Zuordnungs-Möglichkeit zu der Erlebnis-Gesamtheit. Ein richtiger Satz erborgt seine »Wahrheit« von dem Wahrheits-Gehalt des Systems, dem er angehört.«

(...) Wenn ... Einstein von einem Begriffssystem als einer menschlichen Schöpfung redet, die zwar in sich logisch, aber an sich logisch gänzlich willkürlich sei, so bin ich nicht in der Lage, eine Aussage darüber zu machen, ob ein Begriffssystem wie die Mathematik, die in sich logisch ist, an sich logisch gänzlich willkürlich sei. Als sicher kann ich es jedoch vom Schachspiel behaupten. Dessen Regeln sind logisch gänzlich willkürlich, und nicht nur die Regeln, auch die Spielfläche, während das Spiel in sich logisch ist: Es stellt eine geistige Auseinandersetzung, die in sich logisch ist, mit willkürlich gewählten Regeln dar, an die sich die beiden Gegner halten. Schach ist ein idealisierter Krieg, es benötigt Taktik, Strategie, kühle Berechnung und Intuition.

Damit sind wir auf das wichtigste Dogma der Einsteinschen Erkenntnistheorie gestoßen, auf den Glauben, daß sich die Sinnen-Erlebnisse nur intuitiv, nicht logisch auf ein in sich logisches, aber an sich logisch willkürliches Begriffssystem beziehen lassen. Was ist nun im Schachspiel ein Sinnen-Erlebnis? Ein unerwarteter gegnerischer Zug, der zu einer im Spielverlauf nicht vorhergesehenen Konstellation führt. Nun ist die Intuition ein Begriff aus einem Bereich, den wir im allgemeinen vom Logischen trennen, aus jenem des Künstlerischen und des Religiösen. Die Intuition ist das unmittelbare Erfassen ohne Reflexion; im Religiösen bedeutet es die Eingebung, im Künstlerischen den Einfall, im Schach einen genialen Zug.

Nun ist es natürlich möglich, daß auch einem gewöhnlichen Spieler ein genialer Schachzug gelingt, aber wir sprechen dann nicht von Intuition, sondern von Zufall. Gelingt ihm zum zweiten Mal ein genialer Zug, reden wir von Glück. Erst wenn ihm oft geniale Züge gelingen, wird der gewöhnliche Schachspieler in unseren Augen ein genialer Schachspieler, dem wir intuitive Spielzüge zutrauen, denn diese geschehen deduktiv aus einer Vision des gesamten Spielablaufs heraus, aber sie geschehen nicht außerhalb der Logik. Besser wäre es, sie als ein logisches Wagnis zu bezeichnen; die Zeit, sie logisch vollkommen abzusichern, fehlt. Darum kann ein intuitiver Zug eines genialen Schachspielers sich im weiteren Verlauf des Spiels doch noch als falsch erweisen.

Daß es aber eine Intuition gänzlich außerhalb des Logischen gibt, bezweifle ich. Dies vorausgesetzt, können wir uns ein Schachspiel denken, bei dem Einstein gegen den Gott Spinozas spielt. Ein Gedankenexperiment, das ich mir in einem Raum gestatte, in welchem Gedankenexperimente legitim sind oder es sein sollten, doch nicht, um Einsteins physikalische Gesetze darzustellen, sondern um mit Hilfe einer Parabel das Schicksal seines Denkens nachzuzeichnen. Das Gedankenexperiment ist nicht ganz einfach. Wenn Spinozas Gott nicht nur ein vollkommener Schachspieler ist, der gegen sich selber spielt, sondern auch selber Figuren, Regeln und Brett in einem darstellt, so wird Einstein, wenn er mit diesem Gott spielt, selber in das Spiel integriert, er wird ein Teil des Spiels; der Gott Spinozas spielt mit Einstein gegen sich selber. Einsteins erkenntnistheoretisches Credo wird ein metaphysisches, Gottes erstes dem Menschen zugängliches Attribut, das Denken, entspricht dem menschlichen Denken. Die Schachregeln und damit das Schach sind zwar von Gott willkürlich gewählt, aber in sich logisch, das heißt, aufs Schach bezogen, deterministisch.

Hätte Gott ein Würfelspiel gewählt, wären die Regeln statistisch. Auch der Mensch hat zu wählen; ob er richtig wählt, entscheidet das von Gott gewählte Spiel. Weil sich jedoch fast alle Spielzüge Gottes mit dem deterministischen menschlichen Schachspiel wiedergeben lassen, hält Einstein das Schach für das von Gott gewählte Spiel, es besitzt »Wahrheitsgehalt«, und er nimmt die Partie in der Überzeugung auf, daß auch jene Spielzüge Gottes, die Sinnen-Eindrücke, die den Spielregeln zu widersprechen scheinen, sich auf dem Schachbrett nachspielen lassen; und er beginnt die Partie im Vertrauen, einer fairen Auseinandersetzung entgegenzugehen; und wenn sich der gegnerische Läufer auf dem weißen Feld auf den schwarzen Feldern bewegt und dann wieder auf den weißen Feldern, oder wenn ein Springer in einem Spielzug von einem weißen Feld auf ein anderes weißes Feld hinübersetzt, so weisen diese Phänomene nicht auf einen göttlichen Fehler hin, sondern auf eine fehlerhafte Interpretation des göttlichen Spiels.

Da sich Gott an die Schachregeln hält, müssen die beobachteten scheinbaren Regelwidrigkeiten Gottes bei seinem zweiten Attribut liegen, bei der Ausdehnung. Dieses Attribut ist etwas Unbestimmtes. Vielleicht ist es möglich, über dieses Attribut etwas in Erfahrung zu bringen, indem man das erste Attribut, das Denken, die Schachregeln, auf das zweite anwendet. Einstein geht dieser Intuition nach. Er denkt sich ein Spielfeld aus, auf welchem die beobachteten Unstimmigkeiten der Spielregeln wieder stimmen: eine Möbius-Fläche, das heißt eine Fläche, bei der man von der einen Seite auf die andere ohne Überschreitung des Randes zu gelangen vermag. Auf dieser Spielfläche lassen sich die Schachzüge Gottes ohne Änderung der Regeln ausführen: Der weiße Läufer auf dem weißen Feld bewegt sich bald auf den weißen, bald auf den schwarzen Feldern. Einstein sieht seinen Glauben bestätigt: »Der Herrgott ist raffiniert, aber nicht bösartig. - Die Natur verbirgt ihr Geheimnis durch die Erhabenheit ihres Wesens, nicht durch List. - Das ewig Unbegreifliche an der Welt ist ihre Begreiflichkeit.«

Doch nun wird der Einstein in unserer Parabel mit einer neuen Konzeption konfrontiert. Hat Kant in unserem Gleichnis nicht nur die Unbeweisbarkeit eines vollendeten Schachspielers oder eines persönlichen Schiedsrichters bewiesen, sondern es auch abgelehnt, dem Schachspiel außerhalb der menschlichen Vernunft Objektivität zuzuschreiben, so stellt sich auf einmal die Frage, ob die kausale Schachpartie, in der die Spielfiguren selber spielen, überhaupt möglich sei.

Gleichgültig, ob man sich die Partie kausal denkt, als eine Folge von Ursachen und Wirkungen, oder deterministisch, als eine Kette von Gedankenfolgerungen, muß jemand das Spiel außerhalb der Partie selber spielen, ob mit oder ohne Gegner, ist bedeutungslos. Aber die Schachfiguren selber sind innerhalb der Partie, für sie stellt sich das Spiel ganz anders dar, sie schlagen Figuren und werden von Figuren geschlagen, sie sind in eine unbarmherzige Schlacht verwickelt, sie können nichts vom Schlachtplan wissen, der sie lenkt, wenn es ihn überhaupt gibt; dieses anzunehmen, verwickelt im Schlachtengetümmel, ist reine Metaphysik, jeder schlägt sich nach seinen Regeln durch, der Bauer nach den Bauernregeln, ein Turm nach den Turmregeln usw., aus der Erfahrung wissen die Schachfiguren mit der Zeit, wie sich die anderen verhalten, aber ihr Wissen ist nutzlos: eine unvorstellbare Anzahl verschiedener Positionen ist möglich, eine Übersicht nur hypothetisch anzunehmen, die Zufälle häufen sich ins Unermeßliche, die Fehler ins Unglaubliche; eine Welt der Unglücksfälle und Katastrophen tritt an die Stelle eines kausalen oder deterministischen Systems. Dieser Partie ist nur noch mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen beizukommen, mit Statistik.

... ein Gleichnis sollte nicht zu sehr strapaziert werden. Wenn sich Einstein mit dem Bruch, der durch die Physik geht, nie zufriedengab, wenn ihn die komplementären Beschreibungen störten, die auf seine Interpretation des Quantenbegriffs aus dem Jahre I905 zurückgehen, wenn er vier Jahre vor seinem Tod an seinen Freund Besso schrieb: »Die ganzen 50 Jahre bewußter Grübelei haben mich der Antwort der Frage: Was sind Lichtquanten? nicht nähergebracht. Heute glaubt zwar jeder Lump, er wisse es, aber er täuscht sich«, wenn Einstein schließlich den Widerspruch nur als vorläufig hinnahm, der darin liegt, daß sich die Gesetze des Makrokosmos deterministisch, jene des Mikrokosmos statistisch wiedergeben lassen, so ist diese Haltung in Einsteins Denken begründet: ob die Komplementarität, die wir heute in der Physik vorfinden, nicht dem menschlichen Denken selber anhaftet; ob wir nicht zwangsläufig immer wieder auf Antinomien stoßen, ist eine andere Frage.

Einsteins Glaube, daß Gott nicht würfle - wie er seinen Einwand gegen die Quantenmechanik formulierte -, und seine Überzeugung, daß die Naturgesetze durch Intuition und nicht notwendigerweise wie bei Kant mathematisch beschreibbar seien, sind eins, der Ausdruck desselben einheitlichen Denkens. Die Intuition, nicht die Logik, ist sein Schicksal, genauer das logische Abenteuer, nicht die logische Absicherung. Einstein akzeptierte nicht, er rebellierte. In Bern, als Angestellter 3. Klasse des Eidgenössischen Patentamtes ... kam er mit sehr wenigen mathematischen Begriffen aus; er war ein rein physikalischer Denker, beeinflußt von David Hume und Ernst Mach. Doch je mehr Einstein weiterdrang, desto notwendiger wurde für ihn die Mathematik. Sein Schritt von der speziellen zur allgemeinen Relativitätstheorie, die exakte Formulierung des Zusammenhangs zwischen Relativität und Gravitation, erwies sich mathematisch als so schwierig, daß sie nach siebenjähriger Arbeit nur durch die Hilfe von Mathematikern wie Großmann und Minkowski möglich wurde, bis er, dreißig Jahre eine allgemeine Feldtheorie um die andere entwerfend und verwerfend, im Alter verzweifelt ausrief: »Ich brauche mehr Mathematik.«

Gelangte er vom Empirischen durch Intuition zum Apriorischen, versuchte er nun, durch Intuition vom Apriorischen zum Empirischen zu gelangen. Ob nämlich die vollständige Geometrisierung der physikalischen Phänomene an sich möglich sei oder, wie Einstein sich ausdrückt, ob sich der Weg einer erschöpfenden Darstellung der physischen Realität auf der Grundlage des Kontinuums überhaupt als gangbar erweisen werde, ist eine mathematische und damit apriorische Frage, die jedoch nur vom Empirischen beantwortet werden kann. »Noch etwas anderes«, schreibt Einstein, »habe ich aus der Gravitationstheorie gelernt: Eine noch so umfangreiche Sammlung empirischer Fakten kann nicht zur Aufstellung so verwickelter Gleichungen führen. Eine Theorie kann an der Erfahrung geprüft werden, aber es gibt keinen Weg von der Erfahrung zur Aufstellung einer Theorie. Gleichungen von solcher Kompliziertheit wie die Gleichungen des Gravitationsfeldes können nur dadurch gefunden werden, daß eine logisch einfache mathematische Bedingung gefunden wird, welche die Gleichungen völlig oder nahezu determiniert. Hat man aber jene hinreichend starken formalen Bedingungen, so braucht man nur wenig Tatsachen-Wissen für die Aufstellung der Theorie.

Nun weist aber die Mathematik als der exakteste Ausdruck der menschlichen Phantasie, und unbeschränkt in ihrer Fähigkeit zur Fiktion, zwei Aspekte auf: einen logisch-apriorischen und einen ästhetischen. Der logisch-apriorische ermöglichte es ihr, das gewaltige Gedankengebäude zu errichten, an welchem sie immer noch weiterbaut, ihre Ästhetik befähigt sie, unberührt vom Empirischen zu operieren; die Schönheit der Mathematik liegt in ihrer Idealität. Nicht umsonst hat Platon ihr das Reich der Ideen zugeteilt, das Reich der Vorbilder, von denen die Körperwelt nur das Reich der Abbilder darstellt. Durch die Mathematik, die man an sich für widerspruchsfrei und also für »wahr« hielt, wurde vor allem die mystische Philosophie in Versuchung geführt, das »Ding an sich« in Zahlen oder in geometrischen Formen zu sehen, die Mathematik mit der Metaphysik zu verwechseln.

Ließe sich der Versuch Einsteins einer erschöpfenden Darstellung der physischen Realität auf der Grundlage des Kontinuums, oder der entgegengesetzte Versuch, von den Elementarteilchen her zu einer umfassenden Formel zu gelangen, verwirklichen, würde die Physik zu einem Sonderfall der Mathematik, damit aber auch zu einer reinen Ästhetik; als solche hätte sie außerdem den Anspruch, als Metaphysik zu gelten: Der alte Traum hätte sich erfüllt, die Ästhetik und die Metaphysik, die Schönheit und die Wahrheit, seien eins. So ist denn auch Einsteins Festhalten an einem kontinuierlichen physikalischen Weltbild nicht nur ästhetisch, sondern auch metaphysisch mitbegründet; über das Bohrsche Atommodell urteilt er im Alter, es sei für ihn noch heute die höchste Musikalität auf dem Gebiete des Gedankens. Und ein Gott, der würfelt, hat für ihn in einer kontinuierlichen und deterministischen Welt nichts zu suchen. Er bedeutet das Chaos, das der Jude Einstein wie der Jude Spinoza ablehnen.

Die Rebellion gegen das Chaos, einst verkörpert durch einen unberechenbaren, nur durch strenge Gesetzestreue zu besänftigenden Gott, ist eine eminent jüdische Rebellion. Aber Einstein schließt auch die Reihe der Denker ab, welche die Metaphysik wieder zu ermöglichen versuchten, nachdem Kant sie widerlegt hatte. Jaspers weist darauf hin, daß sich die Philosophen des deutschen Idealismus an Spinoza entzündet haben. Für Hegel war der Spinozismus der wesentliche Anfang des Philosophierens. Von Einstein darf man vielleicht sagen, daß er, von Kant entzündet, sich zu Spinoza hin entwickelte.

1918, bei der offiziellen Feier zu Plancks 60. Geburtstag, führte er unter anderem aus: »Der Mensch sucht in irgendwie adäquater Weise ein vereinfachtes und übersichtliches Bild der Welt zu gestalten und so die Welt des Erlebens zu überwinden, indem er sie bis zu einem gewissen Grad durch dies Bild zu ersetzen strebt. Dies tut der Maler, der Dichter, der spekulative Philosoph und der Naturforscher, jeder in seiner Weise ... Höchste Aufgabe des Physikers ist also das Aufsuchen jener allgemeinsten elementaren Gesetze, aus denen durch reine Deduktion das Weltbild zu gewinnen ist. Zu diesen elementaren Gesetzen führt kein logischer Weg, sondern nur die auf Einfühlung in die Erfahrung sich stützende Intuition. ... Die Sehnsucht nach dem Schauen jener prästabilen Harmonie ist die Quelle der unerschöpflichen Ausdauer und Geduld, mit der wir Planck den allgemeinen Problemen unserer Wissenschaft sich hingeben sehen ... Der Gefühlszustand, der zu solchen Leistungen befähigt, ist dem des Religiösen oder Verliebten ähnlich: das tägliche Streben entspricht keinem Vorsatz oder Programm, sondern einem unmittelbaren Bedürfnis...«

... diese Worte Einsteins sind einfache Worte. Aber Einstein hat das Recht, einfache Worte zu gebrauchen. Auch seine berühmte Gleichung, Energie gleich Masse mal Lichtgeschwindigkeit im Quadrat, E = mc2, ist einfach und in ihrer Einfachheit von bestechender Schönheit. Doch welch ein Denken ist dahinter verborgen, nicht nur das Denken eines Einzelnen, mehr noch das Denken vieler Jahrhunderte, und darüber hinaus versinnbildlicht sie ein Denken, das mehr als jedes andere Denken die Welt veränderte, kosmologisch, indem es nicht, wie Einstein hoffte, zum Schauen der prästabilen Harmonie führte, sondern zur Vision einer prästabilen Explosion, zu einem monströsen auseinanderfegenden Weltall voller Supernovae, Gravitationskollapse, Schwarzer Löcher, zu einem Universum der Weltuntergänge, das sich von Jahr zu Jahr unheimlicher, ja tückischer zeigt, wie man versucht ist zu personifizieren; ontologisch, was die Existenz des Menschen auf unserem Planeten betrifft, indem dessen Welt, die Einstein als »Begreiflichkeit« bewunderte, derart handfest begreifbar, hantierbar wurde, daß sich die Menschheit schließlich vor die Frage gestellt sah, ob sie sich der Vernunft unterwerfen oder ihren Untergang herbeiführen wolle.

Daß dieses Weltbild, in das wir hineingezeichnet sind, gerade noch als lächerliches Gekritzel in irgendeiner Weltecke erkennbar, daß dieses ungeheuerliche Labyrinth, in welchem wir immer hilfloser und hoffnungsloser herumtappen, nicht zuletzt von einem Menschen stammt, der die Gabe besaß, einfach zu reden, gerade deshalb, weil er wie kaum ein anderer vor ihm ins Unanschauliche vorstieß, gehört zu der Paradoxie unserer Zeit. Um so ernsthafter haben wir darum Einstein zu nehmen, wenn er 1947 schreibt, er glaube, daß wir uns mit unserer unvollständigen Erkenntnis und Einsicht begnügen und moralische Werte und Pflichten als rein menschliche Probleme - die wichtigsten aller menschlichen Probleme - sehen müßten. Es gibt, muß beigefügt werden, keine Probleme, die nicht menschliche Probleme sind, auch die mathematischen und physikalischen sind solche. So führt denn auch zu Einstein kein anderer Weg als der des Denkens. Hier entscheidet sich sein und unser Schicksal.

Er wird heute der klassischen Physik zugeordnet. Das immer wieder gescheiterte Experiment Michelsons gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, das den Äther beweisen sollte, bewies, daß es keinen Äther gibt: Die Relativitätstheorie kommt denn auch ohne Äther aus. Vielleicht ist das Scheitern des Versuchs Einsteins, eine allgemeine Feldtheorie aufzustellen, für die Physik sein wichtigster Beitrag. Die heutige Physik arbeitet mit Mitteln und technischen Anlagen, die Einstein nie zur Verfügung standen. Die Entdeckungen in den gigantischen Synchrotronen jagen sich, immer kleinere Elementarteilchen werden von Computern aufgespürt - und bald auch von Computern interpretiert; man hofft, das endlich wirklich Unzusammengesetzte zu finden, das unteilbare Atom der Griechen, den physischen und metaphysischen Punkt in einem, von dem aus die Welt aufzubauen und gar umzubauen wäre. Scheitert dieses faustische Unternehmen, wäre dieses Scheitern jämmerlicher als das einsame Scheitern Einsteins. Denn sein Scheitern war grandios, er besaß nichts als seinen Schreibtisch. Aber er bewies vielleicht als erster, wenn auch gegen seine Vision, daß es keine einheitliche Methode geben kann. Hermann Weyl ... schrieb: »In der Doppelnatur des Wirklichen ist es begründet, daß wir ein theoretisches Bild des Seienden nur entwerfen können auf dem Hintergrund des Möglichen.« Das heißt wohl nichts anderes, als daß wir die Erscheinungen nie zu durchstoßen vermögen.“

Ja, lieber Herr Dürrenmatt, das ist superklasse! Hätte ich Ihren Vortrag oder Ihr Buch "Im Durcheinandertal" (Link verweist auf eine sehr lesenswerte Arbeit dazu von Stefan Götschi) schon früher gekannt, so hätte ich darauf verweisen und meinen Roman Im Spiegel der Möglichkeiten um die Hälfte kürzen können. – Gut vielleicht, dass dem nicht so war, obwohl es einige gibt, die sich für die hundertprozentige Kürzung aussprachen.

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