Suche in der Bibliothek
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Ü Y Z Ö

SCHILDKRÖTE  
Eine Schildkröte, konkret die von Michael Ende entliehene Kassiopeia, kriecht mal durch Uredas Garten und läuft mal paradox mit Achilles um die Wette, trägt als Groß A-Tuin Pratchetts Scheibenwelt (Link ) und hilft mit, den Spiegel der Möglichkeiten zu beleben. So was (nämlich beleben) macht sie als Gattung seit Millionen von Jahren und wird auch als Individuum alt, wenn man sie in Ruhe lässt, was immer seltener der Fall ist: Den einen nehmen wir die Lebensräume, die anderen züchten wir, um sie langsam mit einigen Salatblättern im Kinderzimmer sterben zu lassen. Andererseits ist natürlich ein Haustier für den Menschen und sein Verhältnis zur Natur wichtig, so dass auch hier das rechte Maß zu suchen ist.

Allen Suchern empfehle ich erstens zum Artenschutz und vielen weiteren Informationen die Page von Stefan Kundert in der Schweiz Link (und ergänzend ein Organisations-Verzeichnis unter Link ), zweitens, sich Fachinformationen bei der Deutschen Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (Link ) einzuholen (übrigens in meiner Geburtsstadt Rheinbach, was mir den Link besonders nahe bringt) und drittens im Fall des Falles sehr bewusst die artgerechte Haltung anzustreben, wozu Infos etwa bei Susanne und Gerd Vogt (Link ) oder Maic Wolter (Link ) helfen sollten. Natürlich gibt es auch dort viele weitere Links und insgesamt viele Bücher zum Thema. Denn Lesen und Schauen hat noch nie eine Art ausgerottet. Im Gegenteil: Information und Nachdenken helfen, unser aller Dasein und Sosein zu sichern. Solche »Moorhühner des Geistes« darf man gerne jagen und sich dem Leben und seinem Sinn nähern. Sei es mit der Prosa eines Michael Ende, der Fantasie eines Terry Pratchett oder den Abenteuern von Iris und Elena.

Sehr beliebt sind Schildkröten auch in Fabeln und Geschichten, etwa derjenigen vom Hasen und der Schildkröte. Eine Hauptrolle spielt sie im Paradoxon des Wettlaufs Achilles und die Schildkröte, wonach Achilles sie eigentlich nie einholen kann. Unter diesem Stichwort wird die Geschichte mit den Worten des Logikers Hofstadter zitiert. Aber trotz dessen und Zenons Logik, die Achill als Muskel- und nicht Denksportler wohl nicht verstand, holte er die Kröte ein. Was dann geschah, das können Sie der folgenden Geschichte von Lewis Carroll (dem Autor von »Alice im Wunderland«, dessen Titel übersetzt eigentlich »Land der Verwunderung« heißen muss) mit Verwunderung und zugleich Verstand entnehmen.

(Und wenn Sie wollen, können Sie auch mit Verstand und Verwunderung etwas über Carroll und sein Hauptwerk erfahren, z.B. Link . Weniger bekannt ist vielleicht, dass es ein Bühnenstück aus Nonsenstexten von Carroll gibt, die Michael Ende aufbereitet hat: »Über den Schnatz« (Link ), doch auch eines über Carrolls Leben – er war eigentlich Mathematiker und hat auch über Logik geschrieben Link – mit dem beziehungsreichen Titel »Hinter dem Spiegel« (Link ). Ebenso wenig ist vielleicht bekannt, dass der Verlag, der den Spiegel der Möglichkeiten herausbrachte, auch sein »Tagebuch einer Reise nach Rußland« verlegte. So krümmt sich das Spiegeluniversum zurück, das sogar die Enterprise mit dem alten Achilles vereint: Link )

Was die Schildkröte zu Achilles sagte – von Lewis Carroll
(entnommen aus Link von Wolfgang Fischer)

Achilles hatte die Schildkröte eingeholt und sich gemütlich auf ihrem Rücken niedergelassen.
»So haben wir also das Ende unserer Rennbahn erreicht?«, sagte die Schildkröte. »Obgleich sie TATSÄCHLICH aus einer unendlichen Reihe von Abständen besteht? Ich dachte, irgend so ein ganz Schlauer hätte bewiesen, daß es unmöglich sei?«
»Es IST möglich«, sagte Achilles. »Man HAT es getan: Solvitur ambulando. Die Abstände werden eben immer KLEINER, und deshalb ...«
»Wenn sie aber ständig GRÖSSER geworden wären?«, unterbrach die Schildkröte. »Was dann?«
»Dann wäre ich nicht hier«, antwortete Achilles bescheiden, »und SIE wären schon einige Male um die Welt gelaufen!«
»Sie entzücken mich – ich meine, Sie ERDRÜCKEN mich«, sagte die Schildkröte, »denn Sie SIND OHNE ZWEIFEL ein Schwergewicht. Wollen Sie gern etwas über eine Rennbahn erfahren, von der die meisten Menschen glauben, daß man sie in zwei oder drei Schritten durchmessen kann, während sie IN WIRKLICHKEIT aus einer unendlichen Anzahl von Abständen besteht, von denen jeder länger als der vorhergehende ist?«
»Aber sehr gern!« sagte der griechische Held, und er entnahm seinem Helm (nur wenige griechische Helden besaßen zu jener Zeit TASCHEN) ein riesiges Notizbuch und einen Bleistift. »Beginnen Sie! Und sprechen Sie bitte LANGSAM. Die STENOGRAPHIE ist noch nicht erfunden worden!«
»Jener schöne erste Satz von Euklid«, murmelte die Schildkröte verträumt. »Sie bewundern Euklid?«
»Leidenschaftlich. Zumindest insofern ich eine Abhandlung bewundern KANN, die erst in ein paar Jahrhunderten veröffentlicht werden wird.«
»Nun gut. Nehmen wir einen kleinen Teil der Argumentation in diesem ersten Satz. Bitte schreiben Sie sie auf. Und um bequem mit ihnen umgehen zu können, nennen wir sie A, B und Z:
A) Sind zwei Dinge einem dritten gleich, so sind sie einander gleich.
B) Die zwei Seiten dieses Dreiecks sind einer weiteren gleich.
Z) Die zwei Seiten dieses Dreiecks sind einander gleich.
Wer Euklid gelesen hat, wird wohl zugeben, daß Z logisch aus A und B folgt, so daß jeder, der A und B akzeptiert, Z als wahr akzeptieren muss?«
»Ohne Zweifel. Das kleinste Kind in einem Gymnasium – sobald Gymnasien erfunden worden sind, was erst in etwa zweitausend Jahren der Fall sein wird – wird DAS zugeben.«
»Und wenn ein Leser A und B noch NICHT als wahr akzeptiert hat, könnte er die SEQUENZ noch immer als GÜLTIG akzeptieren, nicht wahr?«
»Sicher könnte es einen solchen Leser geben. Er könnte sagen: Ich akzeptiere als wahr den hypothetischen Satz, daß wenn A und B wahr sind, Z auch wahr sein muß, aber ich akzeptiere A und B NICHT als wahr. Ein solcher Leser wäre gut beraten, wenn er Euklid an den Nagel hängte und anfinge, Fußball zu spielen.«
»Und könnte es nicht AUCH einen Leser geben, der sagen würde: Ich akzeptiere A und B als wahr, aber ich akzeptiere NICHT die Schlußfolgerung?«
»Gewiss. Aber auch ER würde besser Fußball spielen.«
»Und KEINER dieser Leser«, fuhr die Schildkröte fort, »steht BISHER unter logischem Zwang, Z als wahr zu akzeptieren?«
»Gewiß«, stimmte Achilles bei.
»Also gut. Ich möchte, daß Sie MICH als einen Leser der ZWEITEN Sorte betrachten und mich mit Mitteln der Logik dazu zwingen, Z als wahr zu akzeptieren.«
»Eine Fußball spielende Schildkröte wäre ...«, begann Achilles.
»... eine Anomalität, natürlich«, unterbrach die Schildkröte hastig. »Zur Sache: Zuerst Z und dann Fußball.«
»Ich soll Sie also zwingen, Z zu akzeptieren«, sagte Achilles nachdenklich. »Und Ihre gegenwärtige Position ist die, daß Sie A und B akzeptieren, NICHT ABER die Schlußfolgerung ...«
»Nennen wir sie C«, sagte die Schildkröte.
»... aber Sie akzeptieren NICHT
C) Wenn A und B wahr sind, muß Z wahr sein.«
»Das ist meine gegenwärtige Position«, sagte die Schildkröte.
»Dann muß ich Sie bitten, C zu akzeptieren.«
»Ich werde das tun«, sagte die Schildkröte, »sobald Sie es in Ihrem Notizbuch niedergeschrieben haben. Was steht sonst noch drin?«
»Nur ein paar Aufzeichnungen«, sagte Achilles und blätterte nervös in dem Buch, »ein paar Aufzeichnungen über die Schlachten, in denen ich mich hervorgetan habe.«
»Viele unbeschriebene Blätter, wie ich sehe«, sagte die Schildkröte fröhlich. »Wir werden sie ALLE brauchen!« (Achilles schaudert) »Nun schreiben Sie auf, was ich Ihnen diktiere:
A) Sind zwei Dinge einem dritten gleich, so sind sie einander gleich.
B) Die zwei Seiten dieses Dreiecks sind einer weiteren gleich. Z) Die zwei Seiten dieses Dreiecks sind einander gleich.«
»Sie sollten es D nennen, nicht Z«, sagte Achilles. »ES FOLGT unmittelbar den drei andern. Wenn Sie A und B und C akzeptieren, MÜSSEN Sie Z akzeptieren.«
»Und warum muß ich das?«
»Weil es LOGISCH daraus folgt. Wenn A und B und C wahr sind, MUSS Z wahr sein. DAS können Sie wohl nicht bestreiten?«
»Wenn A und B und C wahr sind, MUSS Z wahr sein«, wiederholte die Schildkröte nachdenklich. »Das ist WIEDER eine Behauptung, nicht wahr? Und wenn ich ihre Wahrheit nicht einsähe, könnte ich A und B und C annehmen, und Z IMMER noch nicht akzeptieren, nicht wahr?»
»Ja gewiß«, gab der aufrichtige Held zu, »wenn auch solche Dickköpfigkeit gewiß phänomenal wäre. Immerhin ist es MÖGLICH. Ich muß Sie also bitten, mir EINE weitere Behauptung zu gewähren.«
»Schön, ich gewähre sie Ihnen, sobald Sie sie notiert haben. Wir wollen sie D nennen.
D) Wenn A und B und C wahr sind, muß Z wahr sein. Haben Sie das notiert?«
»GEWISS«, rief Achilles freudig aus, während er den Bleistift wegsteckte. »Endlich sind wir am Ende dieser gedanklichen Rennbahn. Da Sie nun A und B und C und D akzeptiert haben, akzeptieren Sie NATÜRLICH auch Z.«
»So?«, fragte die Schildkröte unschuldig. »Machen wir uns das ganz klar. Ich akzeptiere A und B und C und D. Und wenn ich mich NOCH IMMER weigere, Z zu akzeptieren?«
»Dann würde die Logik Sie an der Gurgel packen und Sie ZWINGEN, das zu tun«, antwortete Achilles triumphierend. »Die Logik würde Ihnen sagen: Sie können gar nicht anders. Da Sie A und B und C und D akzeptiert haben, MÜSSEN Sie Z akzeptieren! Sie haben gar keine andere Wahl.«
»Was immer die LOGIK mir freundlicherweise sagt, verdient es, AUFGESCHRIEBEN zu werden«, sagte die Schildkröte. »Tragen Sie es also bitte in Ihr Buch ein. Wir nennen es:
E) Wenn A und B und C und D wahr sind, muß Z wahr sein.
Bis ich DAS zugegeben habe, brauche ich Z natürlich nicht zuzugeben. Es ist also ein durchaus NOTWENDIGER Schritt, nicht wahr?«
»Ich verstehe«, sagte Achilles, und in seiner Stimme lag ein bißchen Traurigkeit.
Hier mußte der Erzähler, der dringende Geschäfte auf der Bank zu erledigen hatte, das glückliche Paar verlassen, und erst nach einigen Wochen kam er wieder an diesen Ort. Achilles saß immer noch auf dem Rücken der geduldigen Schildkröte und schrieb in sein Notizbuch, das fast voll zu sein schien. Die Schildkröte sagte: »Haben Sie diesen letzten Schritt notiert? Wenn ich nicht den Faden verloren habe, macht das eintausendundeins. Es kommen noch einige Millionen dazu. Und WÜRDEN Sie bitte, als persönlichen Gefallen, sich überlegen, wieviel Lehrreiches dieses unser Gespräch den Logikern des 19. Jahrhunderts liefern wird? WÜRDEN Sie bitte einen Kalauer sich zu eigen machen, den meine Base, die Falsche Schildkröte, dann machen wird, und gestatten, daß Sie in ‚Griech-Tier’ umbenannt werden?«
»Wie Sie wollen«, antwortete der müde Krieger in den hohlen Tönen der Verzweiflung und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. »Vorausgesetzt, daß SIE IHRERSEITS einen Kalauer akzeptieren, den die Falsche Schildkröte nie gemacht hat, und gestatten, daß Sie von jetzt an die ‚Schnellzüngigste aller Nervensägen’ heißen!«

  Portal

Kassiopeia
Archilles und die Schildkröte
Ende
paradox
Logik
Scheibenwelt
Rheinbach
Natur
Moorhuhnjagd
Zenon
Enterprise
Spiegel

Ureda

Impressum / Haftungshinweis Ureda © 2002K.-J. Durwen