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SCHOKOLADE  
kommt – wenn auch nur als halbe Tafel – auch im Spiegel der Möglichkeiten vor, denn mit Milch, eben jenem Kakaoprodukt und einer Tüte Chips macht sich Iris auf den Weg in Vaters Arbeitszimmer, um dort im Internet zu surfen. Angeblich, um sich philosophischen Fragen zu widmen. Alles Weitere weiß jede Leserin der Abenteuer und kann jeder Nochimmernichtleser sich selbst erschließen.

Ich wollte für das Spiegel-ABC das Verhältnis zwischen Schokolade und Philosophie ergründen, kam aber nicht über subjektive Geschmacksfragen und eine objektiv messbare Gewichtszunahme hinaus. Diese Dialektik von Subjektivität und Objektivität fand ich, da sie mich doch beide individuell betreffen, zunächst ebenso faszinierend wie Iris die Geschmacksnervenreizung von Schokolade mit Chips: Kann ich als Subjekt überhaupt objektiv sein?

Später wurde mir übel, und es drängte sich die Frage nach dem Schlechten in den Vordergrund, von dem die Menschheit auch nicht weiß, ob es objektiv vorhanden oder subjektiv beurteilt ist. Darum zurück zur Schokolade, die objektiv eine erhärtete Paste aus gemahlenen Kakaobohnen unter Zusatz von Zucker, Vanille, Kakaobutter und, je nachdem, Milch (alles zur Schokolade unter Link oder bei Arne Homborg Link und was aus der Schweiz: Link ), subjektiv für mich aber mit Folgendem verknüpft ist:

Schokolade
Ich dachte nur an die Schokolade: Aber noch nicht! Den Genuss noch einen winzigen Moment hinauszögern. Noch einmal eine Minute. Das letzte Mal!
Dieses Stück Schokolade hatte mich begleitet durch die letzten Tage des Krieges, war während der Gefangenschaft heimlich an meiner Brust gehortet worden und nun mit mir dorthin zurückgekommen, wo es »Zuhause« hieß – auch wenn es nur ein Trümmerhaufen war. Ich dachte daran, wie oft mich der Hunger gequält hatte, wie viele Male meine Hand nach dem kleinen Papierklumpen unter dem Hemd gegriffen haben mochte, wie oft ich dem Verlangen widerstanden hatte. Aber es war schön, dieses winzige, dick in Papier eingerollte Stück Schokolade zu besitzen!
Manchmal hatte ich geglaubt, die Blicke der anderen auf mir zu spüren. Sie schienen mich zu durchleuchten, meinen Besitz zu erkennen! Dann hatte ich Angst um den Verlust meiner Schokolade, wollte sie schnell in den Mund stecken, hinunterschlucken; denn niemand sollte sie mir je entreißen!
Oft war ich des Nachts aufgewacht, hatte erregt nach dem vertrauten Papier gesucht und erst wieder vermocht ruhig zu werden, wenn ich es gefunden hatte. Später dann misstraute ich auch dem Papier, glaubte, es sei leer, entwirrte in panischer Angst und doch heimlich die Verpackung und war erst zufrieden, wenn ich im Innern das bräunliche, verlaufene Etwas entdeckte. Dann leckte ich es in Gedanken auf und badete in Geschmacksfantasie.
Ich hatte sie auch dann aufgehoben, wenn der Magen vor Hunger schrie und alles Denken nur das eine Ziel hatte: den Hunger stillen! Aber indem ich sie aufgehoben hatte, war mir der Hunger leichter geworden; denn ich besaß Schokolade! Ich besaß etwas, für das mancher seinen halben Besitz gegeben hätte und andere imstande waren, einen Mord zu begehen. – Und ich besaß es! Ich besaß jene braune Masse, die mir Freund, Geliebte und Heiligtum geworden war: Trost, Halt und Ziel.
Nicht selten hatte ich gelächelt, wenn ich an die Schokolade dachte. Doch wenn mir jemand zu nahe kam, wurde ich wütend; denn ich hatte Angst um meine Kostbarkeit, von der niemand etwas ahnen konnte. Und jetzt waren wir beide daheim! Die Schokolade und ich ...
Mein Herz schlug heftiger unter dem Papierpack mit dem süßen Kern. Die Hand griff vorsichtig danach und begann, das kleine Päckchen feierlich zu entfalten. Dann plötzlich diese Augen! Diese traurigen, hohlen Kinderaugen. Die waren einfach da und blickten auf die klebrige Masse ...
Da schob meine Hand das Papier hinüber, und ich musste sehr schnell gehen.
Doch als ich mich noch einmal umwandte, da glaubte ich durch den schwimmenden Vorhang meiner Tränen zu sehen, wie zwei kleine magere Hände sorgfältig das Papier zusammenlegten.

(Erstveröffentlichung in: »Unser Schaffen«, 19. Jahrgang, Nr. 11, 1974)


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