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SOKRATES  
war mit Xanthippe verheiratet und vergiftete sich mit dem Schierlingsbecher. Beides stand in keinem unmittelbaren Zusammenhang. Das ist, was man zumeist von ihm weiß, sofern man noch nicht in den Spiegel der Möglichkeiten gesehen hat. Und einige wissen auch, dass er selbst von sich sagte, er wisse, dass er nichts wisse. Das ist ein paradoxer und damit widersprüchlicher Ausspruch und passt eigentlich nicht zu einem, der auszog, die Wahrheit zu finden, und meistens nachwies, dass die Aussagen des Gesprächspartners bloße doxa, Meinungen sind.

Mit Sokrates schlug, so heißt es oft, die Geburtsstunde der »eigentlichen« abendländischen Philosophie, denn Platon – der Schüler, der den Lehrer groß machte – stellt mit seinem Lehrer endgültig den Menschen und dessen Erkenntnisfähigkeit, Ethik und Staatswesen ins Zentrum der Philosophie, während die Vorsokratiker nach dem Sinn und Ursprung allen Seins (Metaphysik) fragten. Die Geburtsstunde des Sokrates selbst schlug 469 v.Chr. in Athen und war vielleicht prägend, denn seine Mutter Phainarete war Hebamme, und er entwickelte die so genannte Hebammentechnik (Mäeutik), um die Wahrheit zur Welt zu bringen (vgl. Link ).

Mit diesem Vorhaben und seiner sokratischen Methode des Gespräches oder Diskurses (dem Hin-und-her-Laufen im Sinn des Betrachtens der Argumente, stets wieder aus der Gegenposition, und somit ohne eigene positionistische Haltung; siehe Link , Link , Link und Link sowie Literatur unter: Link und Link ) unterschied er sich sehr von den Sophisten, den reisenden Händlern in Sachen Bildung. Um dies zu demonstrieren, lehnte Sokrates – obwohl als Sohn eines Steinmetzen und selbst einfacher Handwerker (die Quellen sprechen unterschiedlich von Schumacher oder Steinmetz) nicht gerade begütert – es ab, für seinen Unterricht Geld zu nehmen (was Xanthippe wenig gefallen konnte, zumal er kaum seinen Beruf ausübte, sondern ständig auf der Agora herumschwätzte). Sokrates war überzeugt davon, dass durch ständiges unvoreingenommenes Weiterfragen die wahre Erkenntnis hervorkomme, die zuvor verborgen war. Hier setzte Platon an, der konsequenterweise schloss, dass, wenn dieses wahre Wissen von unterschiedlichen Menschen mit verschiedener Bildung und Erfahrung gleichermaßen hervorzubringen ist, es schon allen Menschen angeboren und somit Teil einer anderen Welt sein müsse (die Seele, die Anteil an der Welt der Ideen hat).

Sokrates besaß die naive Überzeugung, dass der, der das Gute kennt, auch gut handelt. Somit müsste sich die Tugend (arete), die er zum zentralen Gegenstand der Philosophie machte, gleichsam automatisch aus der rechten Erkenntnis ergeben. Erkennbar ist aber das Gute, weil es in jedem Menschen angelegt ist. In diesem Sinn brachte der Geburtshelfer Sokrates auch den daimonion hervor, den moralischen Warngeist, die Stimme des Gewissens (s.a Link , Link , Link , Link Die Herkunft dieses bemerkenswerten Gewissens (das wir mit derartigen Begriffen sprachlich verdinglichen) war für Sokrates kein Thema. Platon sah den Ursprung der Erkenntnisfähigkeit und damit auch der moralischen Urteilskraft im Jenseits. In seinem Dialog »Menon« lässt Platon einen ungebildeten Sklaven unter der Anleitung des Sokrates den pythagoreischen Lehrsatz beweisen und will damit sagen, dass eine derartige Erkenntnis der Seele Link innewohnt und nicht aus der Erfahrung stammt. Aristoteles aber holte dann Erkenntnisfähigkeit und Gewissen auf die Erde zurück und unterstellte: Tugend ist lehrbar und lernbar.

Neben einer Vielzahl von Büchern gibt es im Netz viele Fundstellen, auf die ich hinweise, auch wenn sie sich nicht wesentlich unterscheiden. Eine das Werk betreffend herausragende Ausnahme sind die von Christoph Martin Wieland (Link , Link ) übersetzten Sokratischen Gespräche (im heutigen Sinn Link ) aus Xenophon, einem Schüler, durch den wir – neben Platons Schriften – überhaupt nur Substanzielles von Sokrates wissen. Man findet sie auf den immer wieder ergiebigen Seiten des Projekts Gutenberg Link sowie Link Leben und Charakter des Sokrates. Ansonsten verweise ich ohne Wertung und Reihenfolge auf Link von Christian Kohlschütter, Link von Ümit Ersözlü, Link von Florian Carstens und Link von Anne Hüls.

Empfehlenswert ist der Beitrag von Jürgen Malitz »Sokrates im Athen der Nachkriegszeit« Link , dem historisch vorausgeht, was Bert Brecht 1939 – also in der Vorkriegszeit – als »Der verwundete Sokrates« in die Kalendergeschichten Link aufnahm. In dieser Geschichte ist der weise und vernünftige Sokrates der Antiheld: Nur Dumme und Unvernünftige führen Krieg! (Auszug: Link )

Zu Brecht gibt's eine kurze Biografie unter Link , mehr auf der Seite der Bertolt-Brecht-Gesamtschule Löhne unter Link , ein etwas unruhiges Portal mit Schwerpunkt Brecht (in Medien) unter Link und zwei Linklisten unter Link sowie besonders Link . Nicht fehlen soll der Tipp für Raritätensucher auf das große Dreigroschenheft-Archiv mit vielen Artikeln unter Link .

Das ist es, was wir an Sokrates bewundern müssen: die Anregung eines jeden Menschen (selbst des Sklaven) zum selbständigen Denken, die Anerkennung jedes denkenden Wesens und die moralische Lebenshaltung, die Sokrates auch persönlich bis zum Tod konsequent durchhielt. Dieser Tradition haben sich viele verpflichtet, so auch die »Gesellschaft für sokratisches Philosophieren« in Berlin Link , die sich in Kooperation mit dem Hans Jonas-Zentrum in Berlin Link mit Verantwortungsethik beschäftigt. Denn es gilt, den unmittelbaren ethischen Ansatz des Atheners fortzuentwickeln über die Diskursethik (siehe Stichwort Picard und Link , Link sowie Link ) hinaus zur Global- und Zukunftsethik, wie sie auch in den Abenteuern anklingt.

Unter dem Namen SOKRATES gibt es auch ein Aktionsprogramm der Europäischen Union für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in der Bildung (Link ), das leider nicht die Grenze zur Philosophenschule Ureda überschritten hat, die weiterhin – wie Sokrates – ohne Förderung und Honorar arbeitet.


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