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SOPHISTEN  
die Lehrer der Weisheit, hatten nicht unbedingt einen guten Ruf. Aber das ging und geht manchem Philosophen so und vor allem vielen Nichtsesshaften, denn die Sophisten waren wandernde Lehrer, die sich für ihre Lehrtätigkeit, die »Erziehung zur Tüchtigkeit«, bezahlen ließen.

Das aber passte etlichen ihrer Schüler wohl nicht – sehr oft neureiche Kaufleute gegen Ende des 5. Jahrhunderts v.Chr., die gesellschaftliche Stellungen anstrebten, wozu sie Unterricht in öffentlicher (Über-) Redekunst, juristischer Beweisführung und Allgemeinbildung brauchten. Gewohnt war man, für Waren zu bezahlen, die man bis heute selbstverständlich als Güter bezeichnet, nicht aber für ein immaterielles Gut namens Bildung. Das ist noch immer so und unterscheidet Bildung von Ausbildung, die nicht Verfeinerung der Bildung meint, sondern zweckmäßige Spezialisierung (die Sie, nebenbei bemerkt, Im Spiegel der Möglichkeiten gewiss nicht finden werden).

Oder waren die Sophisten wirklich reisende Scharlatane? Predigten sie nicht die Skepsis, dass es keine Wahrheit gäbe, ja einige, wie Gorgias (Link , Texte und Literaturhinweise: Link ), dass es überhaupt nichts gäbe? Das konnten doch nur Betrüger sein! Für Sokrates und Platon waren die Sophisten jedenfalls eine Herausforderung, ja moralische Zumutung, denen sie Objektivität, Vernunft und eine gemeinschaftsdienliche Ethik entgegen setzten, aber auch manche scharfe Rede: Platon bezeichnete sie als Begriffeverdreher, die die Wahrheit meistbietend feilböten. Sie lehrten nicht die Redekunst, sondern die Kunst der Überredung, es ginge ihnen nicht um Gerechtigkeit, sondern Rechthaberei.

War das so, oder waren die Sophisten (die nie einer gemeinsamen Schule angehörten, so dass der Begriff so grob ist wie der der Naturphilosophen oder Vorsokratiker) wichtige Aufklärer, die »weltweit« Wissen austauschten und damit die griechische Hochkultur erst ermöglichten? Ging es ihnen nicht um bürgerlich-politische Tüchtigkeit (arete) durch Allgemeinbildung, die Enzyklopädie (das Wort geht auf den Mathematiker und Geschichsschreiber Hippias von Elis zurück – zum Begriff Link , zu Hippias Link , zu seiner Mathematik Link ) und um Lebensbeherrschung durch Wissen (sophía)? Brachten sie nicht die antike Philosophie und damit auch Sokrates und Platon dazu, sich mit dem Menschen und seiner Erkenntnis- und Denkfähigkeit und Moral zu beschäftigen, statt mit dem Kosmos?

Pflegte Platon nicht bewusst ein Feindbild, um seine eigene Lehre zu erhöhen? Gewiss eine böse Unterstellung, wie auch die, dass die Zahlungsunwilligkeit vieler Schüler der Sophisten die gelernte Lektion beweist. Denn die ethische Regel der meisten Sophisten lautete: Handle zum eigenen Vorteil, denn du bist das Maß aller Dinge! Abgeleitet war dies aus ihrer Überzeugung, es gäbe keinerlei objektive Erkenntnis und jedes Individuum habe nur für sich die Möglichkeit der Erkenntnis und des Urteils und auch das Recht, über seine Angelegenheiten autonom zu entscheiden.

So oder so: Wenn es um die Sophisten geht, geht es oft um Pauschalierungen und zumeist um moralische Urteile. Damit aber will ich mich zurückhalten und Sie urteilen lassen ... Doch rede ich damit nicht schon dem wohl wichtigsten Sophisten, nämlich Protagoras aus Abdera (vgl. Page von Christian Guenther unter Link , auf der man den Klick »Next« nicht übersehen sollte) das Wort? Sagte der nicht: »Der Mensch ist das Maß aller Dinge«, aber in dem Sinn: Jeder Mensch ist das individuelle Maß, denn es gibt kein objektives und auch kein intersubjektives Maß (die Herausforderung, die Sokrates mit der Vernunft konterte). Und folgerte er nicht, dass damit Wahrheit beliebig ist und Moral keinen Wert hat, dass es die Schwachen sind, die Gesetz und Brauchtum machen und pflegen und der Starke sich seine eigenen Gesetze gibt? Oder war das Nietzsche? War es daher nicht gut und konsequent, dass man ihn in Athen wegen Gottlosigkeit verklagte (wieder einmal einer, Athen dürfte diesbezüglich Rekordhalter sein)? Oder steckte nicht Platon dahinter, der ihn los sein wollte?

Die kurze Darstellungen unter Link oder Link verraten es nicht, die umfangreichere von Frauke Pöhler schon eher: Link . Empfehlenswert ist wieder einmal die Seite von Peter Möller Link und zur Vertiefung die Übersicht über die zehn wichtigsten Sophisten im Philosophielexikon (Link ). Brauchbar ist auch die Hausarbeit von Myrna-Alice Kiesbüye unter Link . Wer ein einführendes Buch will, der sollte zu Taureck klicken (dazu auch eine Rezension unter Link ). – Ich aber will das Geheimnis nicht lüften, ob nun die Sophisten Meilensteine der abendländischen Geschichte sind oder ein Haufen bestenfalls geschäftstüchtiger Schwätzer. Und auch der Link auf Link lüftet es nicht. Dort stieß ich nämlich auf eine kleine Geschichte: »Der Pfeil des Sophisten«. Die ist nicht schlecht, doch eine Variante der Paradoxa oder Aporien von Zenon von Elea (»Der fliegende Pfeil ruht«, ähnlich siehe auch: Achill und die Schildkröte).

Zenon und die Eleaten aber dürfen nicht einfach in die Schublade mit der Aufschrift »Sophisten« gesteckt werden! – »Bingo!« höre ich jetzt Iris aus den Abenteuern rufen: »Du bist erwischt: Sprichst gegen die akademische Philosophie und sortierst doch gleich nach richtig oder falsch und verwendest tolle Begriffe wie Aporie und wertest den sicherlich jungen Verfasser der Geschichte ab, der sich im Netz einfach Sophist nennt. Und wenn du dann noch schreibst, dass sich die kleine Story auf der Page ‚Wirr-Warr-Geschreibsel’ (Link ) eines 'blonden und erleuchteten' Herrn Thewes befindet, dann nimmt’s schon gar keiner mehr ernst.«

Iris hat wieder einmal Recht: Was soll Theorie und Ausgrenzung und gar Rechthaberei? Solche Seiten von Menschen, die sich und die Philosophie offensichtlich nicht bierernst nehmen und schon im Namen tolerant und auffordernd und nicht abgrenzend sind, sind lobenswerte philosophische Praxis: Da schreiben denkende, erfindende, fantasievolle Menschen kleine Geschichten (kluge zudem, wie die genannte), rufen Reaktionen als Antworten hervor, leben im Netz. Auch die Sophisten waren Praktiker und Individuen, und es gibt gute und schlechte und geniale und betrügerische. Doch sie brachten Bewegung und dadurch auch ein Gegenüber hervor, das wir als Platon sonst vielleicht nicht kennen würden. – Von dem Theoretiker lassen wir uns nicht reinreden!

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