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STAR TREK-UNIVERSUM  
Bekanntlich verfügt das Star Trek-Universum über unendliche Weiten - was stimmen wird, weil es nicht physisch, sondern virtuell ist, reine Fantasie. Somit ist es deutlich größer als unser reales, durchaus begrenztes Universum, von dem zumindest die Spezies der Solipsisten (bisher nicht von der Enterprise aufgespürt) behauptet, auch dieses sei nur Fantasie: Und Im Spiegel der Möglichkeiten wird dem nicht gerade zwingend widersprochen.

Wie auch immer, es ist zumindest leicht, sich in diesem Möglichkeitsraum zu verirren, erst recht, wenn man kein Trekki ist. Ich lasse daher gern andere an die Schaltkonsolen und verweise alle, die Details über Geschichte, Technik, Charaktere, Schauspieler oder was auch immer suchen, auf die zahlreichen Stichwörter hier im ABC (wie Star Trek, Roddenberry, Data, Picard, Föderation) sowie die über Hundert der dort angegebenen Links.

Hier soll ergänzend noch einiges zur philosophischen Besonderheit dieses Universums, das sich seit seiner Urschöpfung durch Gene Roddenberry enorm weiterentwickelt und selbst organisiert hat, gesagt werden. Bemerkenswert ist schon, dass ein Einzelner die Möglichkeit schuf, dann aber ein Kollektiv diese Evolution mit Zufall und Notwendigkeit zu einem durchaus bündigen Ganzen machte: Das Universum hat seine eigene Identität, seine weitgehend widerspruchsfreie Geschichte und eine verbindende Ethik. Zumindest gilt dies für die zweite Serie »The Next Generation« (TNG 1987-1994), in der Roddenberry nicht mehr so stark unter dem Einfluss des Senders NBC stand. Die volle Reife wurde mit deren dritter Staffel erreicht, obwohl die Serie seit 1966 läuft (basierend auf einem Entwurf Roddenberrys von 1964 mit dem Schiff »Yorktown«). Auch die Nachfolger »Deep Space Nine« und »Voyager« sind schwächer. Fortgesetzt aber wird die Serie wohl, bis sie spätestens im Jahr 2161 in eine Zeitschleife kommen muss (zur Erklärung siehe Warp-Antrieb).

Dass die größte Fangemeinde der Fernsehgeschichte (so Thomas Richards in seinem sehr empfehlenswerten Buch »Star Trek - Die Philosophie eines Universums«, auf das ich mich u.a. beziehe) gerade die der »Next Generation« ist, beweist, dass nicht technische Mätzchen und reißerische Aktion zum Kult führen. Es sind die oft aktuellen oder allgegenwärtigen menschlichen Probleme, die in die Zukunft projiziert und zumeist moralisch besser als in unserer Realität gelöst werden. Es ist die positive Utopie (Link , Link , Link , Link , Link und mehr unter Extropier) eines überall belebten - das allein ist schon die größte Fiktion! -, im Grunde recht friedlichen und katastrophenfreien Universums, und es sind die Individuen, die dramaturgisch ausgeprägten Charaktere wie Picard oder Data.

Roddenberry glaubt an die positiven Kräfte des Menschen. Der Homo roddenberrygensis will nicht in erster Linie oder gar abgekoppelt wissenschaftlichen und technischen Fortschritt: Er will Fortschritt in der Erkenntnis (seiner selbst) und Fortschritt in der Ethik. Diese basiert auf Individualität, Toleranz, Freiheit und dem Recht eines jeden Lebewesen auf die ihm gemäße Würde und Entwicklung (Erste Direktive). Deshalb werden auch fremde Normen und abweichende Verhaltens- und Wertsysteme akzeptiert, selbst die der Borg, solange sie nicht zur existenziellen Bedrohung der Föderation und damit des eigenen Wertesystems wird.

Genau dafür aber stehen diese Cyborgs, die die Individualität unterdrücken, die alles assimilieren wollen, statt es zu tolerieren. Sie sind rein rational, was schon die Würfelform ihrer Raumschiffe symbolisiert: Im Weltraum gibt es keinen Luftwiderstand, also sind all die schönen schnittigen Raumschiffmodelle nur Artefakte unserer irdischen Gewohnheiten, für die »wir« kompliziertere Baupläne, mehr Materialverbrauch, größere Weglängen, unpraktische Wendemanöver usw. in Kauf nehmen. Die Körper der Borg selbst sind technisiert in dem Sinn, dass sie nicht etwa Prothesen tragen, um organische Schwächen zu kompensieren (wie das künstliche Herz von Picard und der VISOR von LaForg, während sonst Prothesen und »technische Verbesserungen« der humanoiden Körper in der Föderation verpönt sind), nein, sie tragen diese (auswechselbar), um selbst Werkzeug zu sein. Die Borg-Gesellschaft besteht nur aus Männern, es gibt keine Sexualität, sondern offensichtlich künstliche, gen- und biotechnische Reproduktion. Demgegenüber sind Frauen - schon im Amerika der sechziger Jahre mit Lt. Uhura (Link , Link , Link , Link und Uhuras song: Link ) sogar eine schwarzhäutige! - tragende Crewmitglieder, und bei SNG sind sogar ganze Familien an Bord der Schiffe. Und es sind die persönlichen Beziehungen, die die Crew und die ganze Gesellschaft tragen. Als Gesellschaft aber kann man die Borg nicht mehr bezeichnen, kaum noch ein Kollektiv. Sie sind eigentlich ein einziges Mensch-Maschine-System.

Die Borg sind die Bedrohung aller Werte des Star Trek-Universums, ja des Lebens selbst. Daher ist die Szene mit Picard, der alle diese Werte besonders exemplarisch verkörpert, als cyborgisierter Locutus (siehe Stichwort Picard) wohl die berühmteste der Serie. Und womit werden die Borg besiegt? Zunächst mit dem »überflüssigen«, doch natürlichen Schlaf, dann mit dem »Virus« der Individualität! Und wer hilft maßgeblich, Picard wieder zum Menschen zu machen? Der Androide, die eigentlich »reine« Maschine (Roboter) Data, die sich nach menschlichen Empfindungen und Emotionen sehnt! Die perfekte Maschine, die sich auch in vielen Serien an andere Apparate anschließt, jedoch nie eine »technische« Verbindung zu organischen Lebewesen herstellt.

Fundamentale Bedrohungen kommen also im ST-Universum nicht von Organismen und auch nicht (mehr) von unbeherrschter Technik (dies hat z.B. die irdische Menschheit in einem Dritten Weltkrieg gelernt), sondern aus deren unheilvoller, undistanzierter Verbindung. Dieser Grundgedanke, den ich teile, war es, der mich zum Star Trek-Fan machte, nachdem ich zufällig in dieses Universum eingedrungen war. Dies geschah erst vor wenigen Jahren, schon im fortgeschrittenen Stadium der Arbeit an meinen Abenteuern, als ich mich bereits mit diesem Thema und dem für mich unheilvollen Wirken der Extropier beschäftigt hatte. Da im Buch Data früh schon aufgetreten war (eigentlich nur, weil in »Sofies Welt« anfangs von Robotern gesprochen wurde und ich eine konkretere Analogie eingeführt hatte, die sich dann etwas verselbstständigte), brauchte ich ihn zum Ende hin wieder, wusste aber eigentlich zu wenig von diesem Androiden. Daher sah ich mir einige Videos genauer an, die dankenswerterweise meine Töchter über Jahre aufgezeichnet hatten (dieses kleine Element der Eingangshandlung ist also, zugegeben, autobiografisch). Das Ergebnis war ein beträchtlicher Änderungsaufwand im Manuskript, um Data zu einem wesentlichen Protagonisten des 5. Teils zu machen und Elemente der NTG-Serie zu Bildern und Handlungsträgern werden zu lassen. Bereut habe ich das gewiss nicht!

Andernfalls wäre ich vielleicht bei Douglas Adams hängen geblieben, in dessen Anhalter-Trilogie die Leute von Kriketti die Bedrohung des Universums darstellen. Die sind auch in ihrer Überzeugung fanatisch: Doch sie wollen nicht assimilieren, sie wollen ausrotten, und es sind Roboter, die das tun. Das ist weniger sensibel, was nicht verwundert, da das Universum von Adams nicht utopisch, sondern satirisch und paradox ist. Dennoch gibt es einige Analogien und ebenfalls die Moral, dass es doch einige Retter gibt (wie Arthur Dent in seinem Bademantel, der sich schon zu Beginn der Anhalter-Trilogie vor die Baumaschine legt, um den Abriss seines Hauses zu verhindern, nicht ahnend, dass schon zum Abriss der ganzen Erde angesetzt wurde), die Interesse am Leben, dem Universum und dem ganzen Rest haben (so der Titel des 3. Bandes der Trilogie, der nicht so besonders gut gelungen ist, so dass Adams noch einen 4. und 5. für das dreibändige Werk schrieb, zumal das dreifache Tantiemen brachte).

Es gibt noch viele weitere Analogien, etwa die, dass sich Dent in die Angelegenheiten der kosmischen Bewohner eigentlich nicht einmischen will (weil er nicht der Typ dafür ist; noch weniger ist das Rincewind von der Scheibenwelt, doch das ist eine andere (unendliche) Geschichte, auch wenn sich all diese Im Spiegel der Möglichkeiten verknüpfen), man sich im Star Trek-Universum aber gar nicht einmischen darf. Die Erste Direktive (Link und Link ), die verhindern soll, dass man andere Entwicklungen manipuliert, als Besserwisser für »zurückgebliebene« Kulturen Werte und Ziele setzt oder gar als Kolonisator oder Eroberer auftritt, ist natürlich Utopie: Mit jedem Kontakt verstößt man automatisch dagegen, demonstriert zumindest, dass es andere Wesen und Technik gibt. Es ist wie bei der ebenfalls in meinem Buch erklärten Unschärferelation von Werner Heisenberg (zur Person Link , Link und Link , zur Unschärferelation Link und Link sowie noch in Merkzettelart Link ), die besagt, dass der Beobachter auf das Beobachtete Einfluss nimmt, nicht neutral außerhalb steht (was übrigens in Star Trek selbstkritisch behandelt wird - auch der alte Aristoteles oder der Naturwissenschaftler Goethe waren sich schon bewusst, das jedes Experiment ein verändernder Eingriff ist).

Auch hier gibt es eine Analogie zu Adams, denn die eigentlich romantischen und glücklichen Bewohner von Kriketti wussten gar nicht, dass es überhaupt etwas außerhalb der eigenen kleinen Welt gibt, da ihr Planet mit seiner Sonne von einer riesigen kosmischen Staubwolke umgeben, also noch nicht einmal ein Stern sichtbar ist. Erst als ein Raumschiff bei ihnen abstürzte, kam der »Kulturschock« mit seinen verheerenden Folgen.

Gewissermaßen außerhalb der kleinen Erkenntniswelt eines Menschen steht Data, der kein Mensch ist, doch die Verkörperung perfekter künstlicher Intelligenz, und die Menschen ständig studiert. Ahmt er nur nach, was durchaus Qualifikation genug wäre, den Turing-Test (siehe dort) zu bestehen? Er weiß nahezu alles, versteht aber vieles nicht. Er weiß etwa auch um seine Endlichkeit, denn er könnte zerstört werden. Doch lebt er, wäre das ein Tod? Er hat Individualität und Willen: Ist er damit nicht doch Mensch nach unseren üblichen Definitionen? Solche und viele ähnliche Fragen werden auch gelegentlich in Star Trek aufgegriffen und damit zugleich unsere Schul- und Lexikondefinitionen relativiert (wie ich es auch in den Abenteuern versuche, denn immerhin sucht auch Iris die Antwort auf die Frage nach dem Bewusstsein zuerst im Lexikon und verwirft das schnell). So heißt etwa eine Folge: »Wem gehört Data?« Die Schiffsärztin Beverly Crusher definiert in einer Szene Leben als das, was entsteht, wächst, sich entwickelt, sich ernährt und Stoffwechsel betreibt, sich fortpflanzt und stirbt. Data analysiert ganz kühl, diese Definition treffe auch auf ein Feuer zu, und hält uns so den Spiegel vor. Daher ist er in meinem Buch der ideale Diskussionspartner zu Fragen des Lebens, des Bewusstseins, der Intelligenz und des Menschseins.

Das Star Trek-Universum ist zwar virtuell und utopisch, doch reich, nicht unschlüssig (auch wenn man mit dem Replikator ein Wunderding hat, das es jedem jederzeit ermöglicht, das Gewünschte zu liefern, man aber trotzdem mit Freunden an die Bar geht, sie einlädt und dafür nie eine Rechnung zu zahlen hat), anregend und positive Werte setzend. Deswegen verbindet es die unterschiedlichsten Menschen und Interessen, was etwa eine hervorragende und sehr gur besuchte Ringvorlesung an der Kieler Uni demonstrierte, zu der leider der Link, u.a. mit Artikeln aus focus und FAZ aus dem Netz genommen wurde (noch etwas bei: Link ).

In den USA haben sich schon viele Autoren mit ethischen, gesellschaftlichen u.a. Hintergründen und Wirkungen beschäftigt, was in Deutschland weit weniger der Fall ist (Literatur-und Linkliste und zudem einige sehr empfehlenswerte Assays unter Link und noch etwas bei Till Westermayer: Link ). Ich fand eigentlich nur Gregor Beckers empfehlenswertes Buch »Star Trek und Philosophie«, über das man sich unter Link informieren kann, einige kleine Ansätze auf der Seite von Frank Giere (Link ), den Artikel von Gottlieb Florschütz (Link ) und einen großen Verriss von Bernd Herrmann unter dem nicht gerade großartigen Titel »Der Film fällt nicht weit vom Birnbaum« (Link ). Er kommt darin zu der Erkenntnis, dass die ethischen Aussagen so sinnvoll und treffend wie ein Horoskop seien, Data nur lernen könne, dass Menschen ein Puzzle aus Komplexen und Macken seien, das Ergebnis jeder Auseinandersetzung mit der Ersten Direktive sei, sie zu verwerfen, und zivilisatorische Grundwerte mit Photonentorpedos vorbuchstabiert würden. - Auch so kann man diese Welt sehen, so man will.

Differenzierter tut dies in seinem Artikel Sie müssen lernen, das Unerwartete zu erwarten (leider nicht mehr im Netz zu finden und Buch von Hellmann & Klein (Hrsg.): "Unendliche Weiten... - Star Trek zwischen Unterhaltung und Utopie" vergriffen, der die Mission der Enterprise in die humanistische Tradition der Aufklärung stellt (Link , Link , Link ; Protagonisten der Aufklärung: Link und zur Philosophie Link ) . Er stellt das Scheitern der Vision fest, erkennt darin aber das Positive: Die Grenzen und Fehler des Paradigmas der Aufklärung und die des heutigen werden deutlich, so dass der Paradigmenwechsel angekündigt wird (vgl. auch Rafael Capurro unter: Link ). - Genau in dieser Wendezeit leben wir, dazu ist jeder gute und vor allem populäre Beitrag mehr als willkommen, wollen wir die Definition des neuen Zeitgeistes nicht den Technokraten, Extremkapitalisten und Extropiern überlassen.


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