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STOIKER  
bringt angeblich nichts aus der Ruhe. – Falsch!: Es reizt sie, wenn jemand anderer Meinung ist, und sie explodieren geradezu, wenn sie den Namen Epikur hören.

Dieser ging nämlich vom materialistischen Naturbild der Atomisten aus, in dem göttliches Eingreifen oder gar Zufall und Willkür nichts zu suchen haben. Dabei verwarf er konsequenterweise ein nichtmaterielles Jenseits und die unsterbliche Seele, die von dort stammt und dorthin zurückkehrt und somit nur wie auf Besuch im Menschen sitzt. Vielmehr predigte er, man solle ganz bewusst sein endliches Leben leben, keine Angst vor dem Tod haben und sich den Entzückungen der Kunst, der Freundschaft, der Naturbetrachtung und des Philosophierens hingeben. Pfui!

Was für ein Mensch, der nicht göttlich, vollkommen und ewig sei darf, der einfach lebt und stirbt und den Sinn in sich selbst und seiner endlichen Natur trägt? Unvorstellbar für Platoniker, Idealisten, Stoiker und wahre Christen. Könnte dann nicht jeder leben wie er will, wenn es keine Strafe und Verdammnis gibt? War man denn ganz vergebens gegen die Sophisten ins Feld gezogen? Wie soll man Ungerechtigkeit und Leid verstehen, wenn es keinen überweltlichen Ausgleich gibt, keine Vollkommenheit und keinen göttlichen Richter? Wo bliebe der Lebenssinn, ja der Sinn allen Seins, das doch um eines Ziels willen geschaffen sein muss? – Nein, schrecklicher Epikur, so geht das nicht!

Wir Stoiker wissen es und sagen es dir und deinesgleichen: Das Prinzip der Natur ist der Lebenshauch, ist Geist, Vernunft und höchster Gott: »Eins ist Gott und der Geist und das Schicksal und Zeus, und es gibt noch viele andere Namen. ... Gott ist ein unsterbliches, mit Vernunft und Geist begabtes Lebewesen, vollkommen in seiner Glückseligkeit, unzugänglich für alles Schlechte, vorsorgend für die Welt und was in der Welt ist. ... Und wir, Gott, sind deines Geschlechts.« Das erfreut des Menschen Herz (falsch: Vernunft, denn dadurch ist er mit Gott verwandt), erhebt ihn aus den Niederungen, gibt ihm übernatürlichen Wert. Wecke die Vernunft in dir, denn sie ist das wahre Wesen! Durch sie allein kannst du, oh fehlerhafter, naturbehafteter, emotionsgeplagter Erdling, erkennen, was du bist, was Gott ist, was wahr und was falsch ist. Knechte deine (und darüber letztlich alle) Natur, dann wirst du frei! Die Affekte Verwunderung, Liebe, Hass, Sehnsucht, Freude und Trauer (bzw. Lust und Unlust) hindern dich am vernunftgemäßen Handeln und stören die Harmonie der Seele, ja sind Krankheiten der Seele: Werde leidenschaftslos und unerschütterlich, dann bist du wahrer Mensch!

Was hier mit vielen Ausrufezeichen steht, um den rechten Ton zu treffen (denn modernere Vertreter der stoischen Lehre waren oder sind paradoxerweise oft emotionsgeladene Missionare und Ideologen), soll die Grundhaltung der von Zenon von Kition (Link ) gegründeten Schule der Stoiker vermitteln: den radikalisierten Standpunkt des Platon, der zum Lebensideal die völlige Befreiung von allen Affekten erklärt, die Apathie (Begriff: Link und als Krankheit: Link ). Affekte, also starke Gemütsbewegungen, die kurzzeitig die bewusste Selbstkontrolle schwächen und beeinträchtigen (Link und Link ), wurden von denen, die sich in einer Säulenhalle (eben der Stoa) trafen, als triebhafte Übel angesehen, die zu ebenso üblen Leidenschaften führen.

Ich nehme keineswegs die Gegenposition ein und spreche mich so wenig wie Epikur für Zügellosigkeit aus. Doch führt konsequenterweise das stoische Ideal zu einem körperlich toten Geistwesen. Diesbezüglich waren die ersten Leiter der Schule auch sehr konsequent: Zenon und sein Nachfolger Kleanthes (Link und Link ) begingen Selbstmord. Die Nachfolger, speziell die weit pragmatischeren Römer, theoretisierten nur noch und entmenschten sich dadurch ideell: Denn idealisiert sich ein Wesen zu etwas, das es gar nicht sein kann (wie ein Lebewesen, das tot ist), so betreibt es die Selbstentwertung des natürlichen Menschseins. Verlagert wird der Wert ins Unnatürliche, schlimmer noch, ins vom Menschen geschaffene Künstliche. Das erste ist ein rein geistiges Ding, wie die im Körper gefangene Seele (Platon, Jenseitschristen, Descartes), das zweite – zumal wir uns immateriell so schwer tun – das Projekt der Extropier mit dem Maschinenkörper. Gibt man diesem nach der Zwischenstufe des Cyborg nostalgischerweise noch immer die gewohnte Form (was doch schizophren ist!), kommt man beim Androiden heraus. Dann aber denke ich an Data, der mit durchaus stoischer, weil emotionsloser Grundhaltung aus dem Star Trek-Universum durch den Spiegel der Möglichkeiten schaut, uns Menschen sieht und sich nach Emotionen sehnt.

Schließt sich so der Kreis der Erkenntnis? Ist nicht immer Mischung? Selbst wenn es vermeintlich paradox wird: der Mensch, lebensfähig nur dank seiner Emotionen, negiert sie aus Erkenntnis; die Maschine, die keine Gefühle besitzt, sehnt sich nach ihnen (was sie eigentlich gar nicht kann). Nehmen wird doch die »rechte Mitte« des Aristoteles und unterstellen wir den wahren Stoikern, dass sie diese meinten. Ihre wesentliche Basis war nämlich die Auseinandersetzung mit dem, was ein Affekt ist, und damit die Beschäftigung mit Wahrnehmung und Erkenntnis, womit sie viel zum Verständnis des sehr natürlichen, eben wahrnehmenden, empfindenden, reflektierenden Menschen beigetragen haben.

Der erste Ansatz der stoischen Erkenntnistheorie (Link ) war die These, Wahrnehmung sei wie der Abdruck eines Siegels in Wachs. Dies war eine durchaus atomistisch-materialistische Vorstellung: Die von den Dingen ausgesandten Atome hinterlassen in der feinstofflichen Seele gleichsam ein Muster. Nach klassischer und deterministischer Sicht der Antike folgt zwanghaft eine Reaktion, der Affekt (das Wort stammt von antun, worin deutlich das Äußerliche steckt). Die Stoiker zogen aber einen Filter ein, um Wahrheit zu erkennen und nicht »blindlings« zu reagieren: Der Eindruck (wir sprechen ja noch immer so bildhaft) muss verglichen werden mit den schon in der Seele beheimateten platonischen Idealen. Diese sind aber nicht sinnlich, sondern begrifflich. Stellen Vernunft oder Logik die Übereinstimmung von Begriff und Eindruck fest, bzw. die richtige Verhältnismäßigkeit zur Begriffswelt (Logik), dann handelt es sich um Wahrheit und nicht Täuschung.

Das ist sehr vereinfacht, kann aber den erkenntnistheoretischen Ansatz verdeutlichen, der hinsichtlich des »Eindrucks« von Descartes modifiziert wurde (seine inzwischen verstorbenen und unter diesem Stichwort behandelten Lebensgeister) und heute mit elektro-chemischer Reizweitergabe erklärt wird oder auch mit Botenstoffen. Diese Erklärung der Verbindung zwischen den Systemen, wie wir heute vielleicht sagen, oder zwischen Innwelt und Umwelt ist wichtig, entscheidend aber ist für die Erkenntnis die Prüfung und Beurteilung, letztlich Wahrheitsfindung im inneren System. Es sind Fragen der Spiegelung, die mehr ist als pure Reflexion und Im Spiegel der Möglichkeiten eine zentrale Rolle einnimmt. Dabei griffen die Stoiker dem Nachdenker Descartes in einem zentralen Aspekt vor und beließen die Kluft nicht unüberbrückt: Die Stoiker prägten nämlich schon das Bild von der individuellen Persönlichkeit, in der die Idee des Menschen verwirklicht ist, worauf Weischedel hinweist. Jedoch ist sie nicht nur ein denkendes, vielmehr ein wahrnehmendes und – darauf reagierend – erkennendes Ding.

Noch einmal aber zur genannten moralischen und religiösen Prägung durch die Stoa: Neben der Weiterentwicklung der Logik (dazu: Link ) spielte – speziell auch durch Seneca den Jüngeren (4 v.Chr. - 65 n.Chr., näheres unter Link und schöne Linksammlung unter Link ) in der späten bzw. römischen Stoa – die »Lebensbewältigung« im Sinn der Ethik eine zentrale Rolle. Ausgehend vom metaphysischen Weltbild, wonach die Materie passiv, also nicht selbstbewegt ist, sondern die Weltvernunft (logos) als Hauch (pneuma) die eigenschaftslose Materie durchzieht, wird der Logos bald mit Gott als einerseits schöpferischer Urkraft und Ursache und andererseits wirkendem Prinzip allen Seins gleichgesetzt. Er ist die treibende und ordnende, die vernünftige Kraft, die auch zielgerichtet und sinngebend ist.

Daher gibt es keinen Zufall in der Welt, denn die Ordnung muss eingehalten, das Ziel erfüllt werden. Was später Kant mit dem Willen zur Pflicht aufgreift, spricht auch schon Seneca (Link ) an: »Wer selbst will, den führt das Schicksal, wer nicht, den reißt es fort.« Damit ist aber nicht gesagt, ein beliebiges Schicksal wäre willentlich zu realisieren. Im Gegenteil: Das Schicksal kommt aus dem Kosmos, von Gott. Das durch Bekämpfung der Affekte zu erkennen – speziell durch die Tugenden (nach Brockhaus das Vermögen, Leistungen zu vollbringen, die man als wertvoll anerkennt, mehr unter Link ) – und dem zuzustimmen, ist der eigentliche Wille, Zustimmung der höchste Wert. Das ist logisch in der Sicht der Stoa, weil analog der Erkenntnistheorie (Eindruck und Begriff) dann der Einklang zwischen menschlicher und göttlicher Vernunft gegeben ist. Vernünftige Einsichten sind gut, und unterstellt wird, dass sie zu guten Handlungen führen. Daher darf sich der vernünftig-gute Mensch auch nicht auf sich selbst beschränken, er muss sich für die Gemeinschaft einsetzen und auch das Gute lehren und mehren.

Nicht von Ungefähr sind hier Grundstrukturen zu erkennen, die auch das Christentum prägten und damit unser westliches Weltbild: Es ist ein moralisch geprägtes Bild, das von vornherein das logisch denkende Ding mit dem Prädikat gut und die störende Natur mit schlecht verbindet. Es ist von einem paradoxen Freiheitsgedanken und dem Glauben an den Forschritt getragen, verbunden mit einem gewissen missionarischen Auftrag. Schlimm wird das, wenn einer seine eigene Wahrheit erkannt hat und meint, der Kosmos höre dort auf, wo sein Denkvermögen endet, und dann in den Schlachtruf verfällt: »Gott will es!« Leben wir auch nicht mehr im Zeitalter der Kreuzzüge, so sind wir uns doch sicher, dass wir die Wahrheit kennen, wir alles besser machen müssen, das Gute voraus liegt und errungen werden muss. Bei aller vermeintlich stoischen Ruhe finden wir es aber nie in uns und unserem Erdenleben, solange das Wahre nicht in der Natur ist.

Die prägende Verbindung mag schon Paulus (tabellarisch Link , biografisch Link , im Kirchenlexikon Link und ganz anders im Paulus-Online-Spiel für Kinder Link ) hergestellt haben, der das Christentum ins römische Reich brachte (dazu empfehle ich: Gerald Messadie: »Ein Mann namens Saulus« ), denn es heißt, die diesseitsorientierten Epikuräer hätten seiner Areopagrede in Athen verhöhnt, während die Stoiker ihn nochmals reden hören wollten, weil sie im Inhalt der Rede »den Widerhall ihrer eigenen Lehre« fanden. Bemerkt wird in verschiedenen Quellen auch, dass die Stoiker Chrysippos von Soloi, Kleanthes und der Kilikier Aratos aus der Heimat des Paulus stammten und von diesem zitiert wurden. Fraglich ist, ob er mit Seneca im Schriftwechsel stand, offensichtlich aber, dass sich bei diesem stoische und christliche Gedanken verbanden. Frühes Christentum und späte Stoa trafen sich in Rom.

Entsprechend der Bedeutung der Stoiker gibt es eine größere Zahl von empfehlenswerten Links im Netz, darunter auch einige auf Schulseiten. So den kurzen Überblick vom Schüler Angelo im Gymnasium Kirchheim Link und vom Lehrer Rechus am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums Metzingen unter Link . Im Marianum in Meppen war der Lateinlehrer Michael Bradtke fleißig (Link ), wobei die gemeinsame Behandlung der Stoiker und der Epikuräer einiges noch deutlicher macht. Eine gute Darstellung gibt’s auch auf der Seite von Andreas Unkelbach unter Link und im Link auf den »Pausenhof«.

Zur Geschichte verweise ich auf Link . Der Einstieg ins Philosophenlexikon mit seinen Verzweigungen ist unter Link zu empfehlen. Eine kleine grafische Darstellung des »Lehrgebäudes« gibt’s unter Link und unter Link die Porträts der drei ersten Stoiker (Zenon von Kition, Kleanthes und Chrysipp) von Elke Süske, allerdings nur begriffliche. Und da der Texthintergrund überflüssig und störend ist, kann man parallel zum Lesen über das Zustandekommen von Eindrücken in der Seele und das Herausfiltern des Wahren mit dem Verstand nachdenken.

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