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THALES von Milet  
»ist einer der Wendepunkte des europäischen Denkens: Mit ihm beginnt, was wir Wissenschaft nennen«, schreibt Heuser, denn seit Thales spricht man von der Zeit der ionischen Philosophie oder den Vorsokratikern. Diese aber sind kräftige Wurzeln des abendländischen Denkens, und Thales ist die wohl stärkste. Mit ihm datiert man den Wechsel vom vorausgehenden mythischen zum rationalen Denken – den schon Homer eingeleitet hatte – und den Beginn der abendländischen Wissenschaft. Man kann sogar den Tag angeben, mit dem dieses neue Denken salonfähig wurde: der 28. Mai 585 v.Chr. Zudem hätte Thales heutzutage vielleicht den Friedensnobelpreis bekommen und könnte Bill Gates den Ruf als reichster Unternehmer streitig machen.

Beginnen wir mit dem Unwichtigsten, dem Geld: Weischedel, der seine schöne »philosophische Hintertreppe« mit der ersten Stufe namens Thales zu basteln beginnt, berichtet, dass der Philosoph frühzeitig eine ungewöhnlich gute Olivenernte vorhersah, alle Ölmühlen aufkaufte und mit diesem Monopol ein ordentliches Vermögen machte. Eine solche Geschichte ist (wenn vermutlich auch erfunden, wie die Badewanne des Archimedes oder Newtons apokrypher Apfel (siehe dort)) dazu angetan, große Geister volksnah erscheinen zu lassen und hier insbesondere auch den kommerziellen Nutzen der neuen wissenschaftlichen Methode mit ihrer Möglichkeit der Prognose zu veranschaulichen.

Noch viel deutlicher und geradezu weltgeschichtlich prägend wurde aber das Ereignis des 28. Mai 585: Zu jener Zeit schlugen sich gerade Lyder und Meder gegenseitig die Köpfe ein, als eine Sonnenfinsternis (damals als göttlicher Zorn interpretiert) eintrat, die als Zeichen für den Friedensschluss gedeutet wurde. Nicht dieser Friede, der ohnehin nicht lange hielt, war weltgeschichtlich so wichtig (wenn auch begrüßenswert), sondern die Tatsache, dass Thales diese Sonnenfinsternis – also gleichsam den göttlichen Zorn – prognostiziert, ja datiert hatte. Er hatte die Götter berechenbar gemacht oder (diese Position vertrat er selbst) als Phantome menschlicher Fantasie entlarvt: Nicht göttliche oder dämonische Verursacher, sondern unwandelbare, logisch und mathematisch erfassbare Ursachen bestimmen die Welt und sind dem menschlichen Denken zugänglich! Das war die neue Botschaft: Eine autonome Natur, die erkannt und berechnet werden kann und dadurch auch zuverlässig nutzbar wird.

Wie aber kam Thales zu seiner Sonnenfinsternisprognose? Indem er reiste, beobachtete, sich »fremdes« Wissen aneignete und eben neu (rational, logisch) dachte. Eine Handelsreise führte ihn nach Ägypten, wo auch ihn die damals schon uralten Pyramiden faszinierten, deren Höhe er wissen wollte. Und er dachte, ein Volk, das solche Wunder erbaute, muss einen entsprechenden mathematischen Fundus besitzen, den er sich geistig aneignete und – dank seiner Beobachtung und rationalen Verbindung – zur Lösung seiner Frage einsetzte: Aus der Länge des Schattenwurfs der Cheops-Pyramide bestimmte er geometrisch deren Höhe (mehr dazu unter Link und Link ). Damit war – dies sollten wir festhalten – die Mathematik nicht nur Mittel, sie bekam auch Beweiskraft.

Thales versuchte sich auch an einer Erklärung für das Nilhochwasser und führte es auf einen jahreszeitlichen Rückstau durch gegen die Fließrichtung drückende Winde zurück. Das ist zwar falsch, aber dennoch sehr bezeichnend für das neue Denken: Natürliche Kräfte werden zur Erklärung herangezogen, und diese Erklärung ist letztlich nachprüfbar. Damit wird der Schritt aus der Unüberprüfbarkeit des mythischen Denkens mit den Einflüssen, ja der Willkür der Götter getan, in dem schon so eine Fragestellung (was wirkt wie und wird es dann vorhersehbar?) sinnlos war.

Thales brachte aber nicht nur die Mathematik und deren neue Interpretation vom Nil nach Kleinasien, er brachte auch Aufzeichnungen astronomischer Ereignisse mit. Und diesen entnahm er die Beobachtung der letzten Sonnenfinsternis in Ägypten vom 18. Mai 603 v.Chr. und die schon von den Babyloniern stammende Periodizität von 18 Jahren 11 Tagen. So war es – im Vertrauen auf die Zuverlässigkeit der natürlichen Vorgänge und letztlich auf empirisch gewonnenes Wissen – nicht gar so schwer, das Datum der Sonnenfinsternis vorherzusagen, deren Eintreten aber wurde wiederum zum empirischen Beweis für die richtige Methode: Das neue Denken hatte sich gewissermaßen selbst bewiesen.

Konsequent, wie Thales nun mal war, schaffte er erst die Götter als Verursacher des Naturgeschehens ab und dann auch als Schöpfer der Natur. Die sah er vielmehr als unentstanden und unvergänglich, doch wandelbar. In allem sah er etwas Gleiches, Ursprüngliches, ein Prinzip, das mit dem Bild des Wassers veranschaulicht werden kann: Es zeige sich stets in neuer Gestalt, mal als Regen, mal als Bach, als Meer, Eis oder Dampf. Dennoch bleibt es in allen Erscheinungen Wasser, die gleiche Substanz, die wandelbar ist, doch nie mehr oder weniger wird (modern: der Satz vom Stoff- bzw. Energieerhalt).

Das gefällt Elena in den Abenteuern, und sie kommentiert: »Der Junge hatte echt was drauf, und Philosophie scheint sogar spannend zu sein!« – Ganz anders ihre Schwester Iris, die sich über diesen Thales ärgert, weil der doch einfach den Götterglauben entzaubert und die bunten, so schön zu lesenden und auszumalenden Geschichten von himmlischem Zank und göttlichen Listen und Abenteuern durch langweilige, alltägliche, fantasielose Physik ersetzt. Zwei Sichtweisen und zwei Interpretationen eines Denkers, die auch bei Platon und Aristoteles konträr ausfielen: Aristoteles übernimmt von Thales den empirischen Ansatz, die Beseeltheit aller Natur (+/- gleichgesetzt mit Bewegungskraft; im Unterschied zum noch weitergehenden Thales aber bei Aristoteles auf lebendige Dinge reduziert), die wandelnde Dynamik, die prägende Bedeutung der Materie bzw. der Substanz. Platon ist vom Prinzip fasziniert, dem einen Ursprung, der Beweiskraft des logischen Denkens und der Mathematik, vom ewigen Erhalt des Absoluten, letztlich dem Ideal, zumal für diesen Weg zur platonischen Ideenlehre der Nachfolger des Thales, Anaximandros (601 - 564), schon das wesentliche Baumaterial beschafft hatte: Der blieb nämlich auch bei dem monistischen Erklärungsansatz (als dem, dass alles aus einem Ursprung kommt und letztlich eins ist), ersetzte jedoch die materialistische Vorstellung (Wasser) durch eine abstrakte, das apeiron, das Unendliche. Wie die Geschichte und der Jahrtausende lange Streit zwischen Platon und Aristoteles weiterging, kann man Im Spiegel der Möglichkeiten erleben, was man zu Thales wissen sollte, in Büchern oder unter folgenden Links nachlesen:

Eine kurze Biografie unter Link oder im Philosophenlexikon (Link ), mit sehr ausführlicher Bibliografie unter Link . Die umfangreichste Seite im Kontext (Milet, Sonnenfinsternis ...) bieten Susanne Kempf und Johannes Degelmann unter Link . Einige Textfragmente mit Übersetzung offeriert zusätzlich Dominik Schmitt (Link ). Der offenbar sehr engagierte Lehrer E. Gottwein bietet Texte und Materialien für Schüler (Link ). – Und sind wir nicht alle Schüler des alten Thales mit seinem neuen Denken?

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