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| APFEL der ERKENNTNIS | ||
| »Hätte Eva den Apfel der Erkenntnis nicht gepflückt, sie hätte dumm und glücklich weiterleben können«, stellt Iris am Ende des Kapitels über den Werdenden Gott fest. Damit beweist sie nicht nur religiöses und mythisches Wissen, sondern vor allem Erkenntnisfähigkeit. Doch sie zieht auch Konsequenzen, wenn sie anfügt: »Aber nur abbeißen gilt nicht; wenn schon, dann auch aufessen!« Dies aber ist eine Willensbekundung und setzt zusätzlich Selbstbewusstsein voraus. Ferner ist das Mädchen aus dem Spiegel der Möglichkeiten, sprichwörtlich gesagt, sogar bereit, in den sauren Apfel zu beißen, womit auch moralische Wertung anklingt. Aus einer so kleinen Szene könnte man also beinahe das Gros der Fragen ableiten, um die es in den Abenteuern und letztlich im menschlichen Leben und dem Nachdenken darüber, der Philosophie, geht: äußere (Apfel) und innere (Denken, Erkenntnis, Bewusstsein, Selbstbewusstsein) Werte, Existenz, Religion, Moral, Wille, Handlung. Aufgeworfen wurden sie alle, glaubt man dem biblischen Mythos, mit einer ebenso kleinen Paradiesszene. Diese ist hinlänglich bekannt und beginnt laut Genesis mit: »Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (Luther-Bibel: Es mag an der Übersetzung liegen, dass Bäume statt deren Früchte gut zu essen sind (daher zum Nähr- und Medizinwert der Äpfel: Weiter heißt es: »Da sprach die Schlange zum Weibe: ... Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist. Und das Weib sah, daß von dem Baum gut zu essen wäre und daß er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon, und er aß.« ( Auch hier bleibt mir rätselhaft, wie Eva etwas vom Tod wissen soll, da er doch etwas ihr völlig Unbekanntes sein müsste, nähme man diese Bilder wörtlich. Spannend ist auch im Hinblick auf die Willensfreiheit, dass Gott weiß, dass sie essen werden. Ebenso spannend ist, dass das Göttliche mit der moralischen Unterscheidungsfähigkeit gleichgesetzt wird. Durch die Tat des göttlichen Erkenntnisgewinns aber tun die Menschen das Böse, das sie zugleich erkennen: Es wäre nicht ohne die Tat. Es wäre aber auch nicht ohne die Erkenntnis. Und diese Erkenntnis kommt logischerweise im Nachhinein, wodurch man wieder rätseln kann, ob denn eigentlich die Tat – die doch noch unbewusst im Hinblick auf Schuld war – überhaupt schon böse sein konnte. Nun, das Unlogische und oft auch Zeitlose gehört zum mythischen Denken, deswegen darf man auch nicht diese alte mit der von den Vorsokratikern herausgearbeiteten neuen Denkform analysieren. Vielleicht hilft es aber, einmal unter a priori nachzuschlagen. Sicher gibt es auch eine schlüssige Erklärung dafür (vielleicht, dass im Mythos des Mittelalters Maria zur Stellvertreterin der alten Fruchtbarkeitsgöttinnen wurde), dass die verbotene Frucht, das Zeichen der Versuchung und Verführung und des Sündenfalls, im 11. Jahrhundert zum Symbol der Erlösung und der Überwindung der Sünde wurde: Auf Marien- und Christusbildern findet sich seit dem 12. Jahrhundert auch der Reichsapfel als altes Sinnbild der Weltherrschaft. Dass es der Apfel ist, der für die Sünde steht, ist leicht abzuleiten. Denn obwohl Evas Vergehen (das, wenn ich doch wieder logisch denke, schon wieder Wille voraussetzte, wozu man aber eigentlich Erkenntnis gebraucht hätte, die man erst gewann) doch eigentlich ein geistiges Streben und keine fleischliche Lust war, wird dies in der biblischen Paradoxie gewendet. Es ist nämlich das Bild der Antike (die doch eigentlich viel später kam), in der der (Granat-) Apfel das Symbol der Erotik und das Sinnbild der Fruchtbarkeit war (weibliche Brust: Nährerin; ebenso in Ägypten oder bei den Kelten der Apfel von Avalon, u.a. Erzählt doch eine Geschichte (hier von der informativen Apfelseite Ob es weise war, dass Paris der Aphrodite – nicht etwa der schönen Helena, wie manche meinen – den goldenen Apfel mit der Aufschrift »Der Schönsten« vermachte, statt Hera oder Athene, sei dahingestellt. Logisch war es, da ihr doch die Äpfel seit Dionysos zustehen. Aber wie gesagt, die Logik zählt wenig. Sonst würden die Geschichtsschreiber bzw. der große Homer auch berichten, dass es beim Trojanischen Krieg um ganz handfeste Seemachts- und Handelsinteressen und nicht um weiblichen Liebreiz ging. Die mythologische Story aber geht anders: Die drei göttlichen Schönen rauften sich um den Apfel und suchten dann, um den Streit zu entscheiden, einen hoffentlich volljährigen Jüngling namens Paris auf, der in der ersten Misswahl der Weltgeschichte die drei nackten Schönheiten bewundern sollte. Die sahen vielleicht so aus wie die Drei Grazien des Rubens Paris war der Sohn des Priamos, des Königs von Troja. Ohne Rückschlüsse auf heutige Machthaber ziehen zu wollen, ließ der sich von Aphrodite bestechen. Das pikante Geschenk war Helene, die schönste Frau Griechenlands, deren einziger Makel es war, schon mit Menelaos, dem König von Sparta, verheiratet zu sein. Der wollte sie offensichtlich nicht los sein, obwohl bekanntlich die Griechen mehr für Jünglinge schwärmten. Er zog nach Troja, und alle sonst ordentlich verfeindeten Griechen zogen selbstredend mit ihm: Für zig Jahre und alle weg von ihren eigenen Frauen, was wieder nicht für Logik spricht. Der Rest ist bekannt: Unterstützt von Hera und Athena (dass die als Verliererinnen dabei waren, ist mal logisch) und durch menschliche List (das ist beachtenswert, weil hier erstmals der Mensch über göttlichem Tun steht) verhalfen sie Schliemann dazu, berühmt zu werden, und Stuttgart zu einer viel besuchten Ausstellung. Zudem lösten die vereinten Griechen die Gründung Roms durch den flüchtenden Äneas aus ( Was man darüber leicht vergessen könnte, ist, dass mit dieser Apfelgeschichte ein neues Zeitalter eingeleitet wurde: das der Erkenntnis, der Weisheit und Logik (siehe Homer und Vorsokratiker). Und vielleicht dreht sich hier die mythische Zeitschleife zurück, ist diese historische Wendezeit nachträglich mit dem Symbol des Apfels für die Weisheit versehen worden. Handelt es sich auch hier um einen apokryphen Apfel?: Denn war diese neue Denkform mit ihren Folgen der Selbsterkenntnis, der Verantwortung, der Ethik nicht die Vertreibung aus dem Paradies der Unschuld, weil zuvor an allem die Götter schuld waren? Das müsste nun eigentlich der Schluss dieses Beitrags sein, denn er ist gelungen! Aber die Geschichte ging ja weiter. Platon, der wesentlichste Exponent des neuen Denkens, führte ein ganz charakteristisches Apfelbild für die neue Zeit ein: Wenn zwei je einen Apfel haben und tauschen, dann hat hinterher wieder jeder nur einen Apfel, so stellte er fest. Haben aber zwei je eine Idee und tauschen sie, dann hat hinterher jeder zwei Ideen. Dieses Bild belegt ganz im Sinn des neuen Denkens den höheren Wert der Ideen, die bei ihm Erkenntnisse waren, und den Nutzen des Tausches dieser Erkenntnisse: Die Welt wird reicher durch das Denken, durch den – bei ihm außernatürlichen – Geist. Alle natürlichen Äpfel aber bleiben gleich, obwohl vielleicht ein verschrumpelter Säuerling gegen eine saftige Vollfrucht getauscht wurde. Und seit Newton sind sie nur noch Körper, die fallen. Der platonische Erkenntnisansatz ist die Erinnerung an die wahren Ideen der imaginären, eigentlich »wahren« Welt. Diese sind unabhängig vom Menschen, ja der ganzen Natur. Auch Newton meinte, objektive und menschenunabhängige Wahrheiten, die Naturgesetze, finden zu können. Heute gehen wird davon aus, dass nicht nur die Erkenntnis relativ ist, sondern es letztlich gar keine von unserer Erkenntnis völlig unabhängige Welt gibt. In diesem Sinn beschäftigen sich auch Maturana und Varela mit den biologischen Wurzeln des menschlichen Erkennens. Bezeichnenderweise lautet der Titel ihres Buches »Der Baum der Erkenntnis«, der aber hier der Stammbaum des Lebendigen ist (vgl. |
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