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TURING-TEST  
Computer sind echt doof. Sie können bekanntlich nicht einmal bis drei zählen, beherrschen eigentlich nur Ja oder Nein wie jeder Esel, was in der Fachsprache Binärcode heißt. Dass sie dennoch zu Höchstleistungen fähig sind, ist Folge eines gewaltigen Mitteleinsatzes: schnell, schneller, mehr und mehr.

Im Spiegel der Möglichkeiten erkennt das der Androide Data sehr wohl, als er erklärt, warum er auf dem Holodeck mit Einstein, Newton und Hawking Poker spielte: »Prüfen wollte ich, wie die drei großen Physiker mit dem Zufall umgehen. Im Spiel gibt es nämlich nicht nur die Regel, nein, die Karten müssen auch gemischt, zufällig verteilt werden. Ich kann mir alle Karten und Aktionen merken und alle Wahrscheinlichkeiten berechnen. Ich habe die Notwendigkeit am besten im Griff. Aber es gibt auch die Freiheit der Entscheidung, Spielwitz und Bluff. Solche Dinge sind mir fremd. Wir Computer arbeiten wie ein Sklavenheer mit gewaltigen Datenmengen und Rechenoperationen, ihr Menschen vergleichsweise wie ein Homöopath. Eine so genannte Intuition übertrifft selbst meine extrem hohe Verarbeitungskapazität. – Das Spiel war eine sehr interessante Studie.«

Iris (die sich als Wendur ausgibt) will wissen, wer gewonnen hat, und Data antwortet: »Das soll unser kleines Kartengeheimnis bleiben.« Mit dieser Antwort hätte er sich im Turing-Test, mit dem man meint, Intelligenz (zu Intelligenztests Link und Link ) zu beweisen, gut geschlagen und im Fall seines Spielsieges bestimmt noch besser.

Alan Mathison Turing dachte sich diesen recht berühmten Test aus, der in vereinfachter Form ein Gesellschaftsspiel ist, in dem einer durch die Antworten auf seine Fragen (die alle schriftlich über einen Mittler laufen, um alle sonstigen Hinweise auszuschließen) erraten muss, welcher der beiden Spielpartner weiblich und welcher männlich ist. Bei Turing ist einer der verborgenen Partner eine Turing-Maschine bzw. ein Digitalrechner. Alles ist erlaubt. So kann etwa auch der Computer (den es in diesem Sinn zu Turings Zeiten noch gar nicht gab!) ausweichend antworten oder die Antworten verzögern (denn sonst würde er sich z.B. bei Rechenaufgaben entlarven). Bestanden ist der Test, den ich hier vereinfacht in seinen Grundzügen schildere (genauer z.B. bei Link und Links unter Link zu Turing-Maschinen), wenn der beurteilende Mensch die Maschine als solche nicht erkennt.

Bisher hat das kein Rechner geschafft, und ich frage mich auch, warum »er« das tun sollte. Denn so genial und augenöffnend Turing auch war und so geschickt er sich mit diesem Test in der Diskussion um Denken hier und Maschine dort bewegte bzw. mit dem Phänomen der Intelligenz auseinander setzte (vgl. dazu das gute Referat von Andy Hasselberg und Sybille Bürs »Kann eine Maschine Denken?« unter Link , die super Darstellung von Matthias Brusdeylins unter Link ), so verkürzt ist doch seine Voraussetzung: Intelligenz ist, was der logisch denkende Mensch als Beurteiler besitzt. Damit bleibt zum einen jede vom Menschen nicht erkennbare Intelligenzform unberücksichtigt, wie sie Gums oder die in den philosophischen Abenteuern herangezogenen virtuellen Computer(spiel)wesen zumindest theoretisch besitzen können. Zum anderen wird alles Fühlen, Assoziieren, Fantasieren, Transzendieren, jede Inspiration und Kreativität aus dem Begriff der Intelligenz ausgeklammert, was meines Erachtens nicht haltbar ist. Auch wird der gesellschaftliche, der kommunikative Aspekt nicht bedacht, denn Intelligenz ist immer etwas im Hin und Her, im Austausch, im Dialog, in der Abstimmung, im gemeinsam Für-Wahr-Halten, was letztlich sogar – wie im Buch beispielhaft ausgeführt wird – für das Phänomen Zeit gilt. Zum letzten aber handelt es sich im Kern für die Maschine um ein Imitationsspiel: Sie wird »belohnt«, wenn sie den Menschen als syntaktischen Hantierer mit Symbolen und semantischen Inhalten nachahmt. Gibt das irgendeinen Sinn?

Searle (zur Person Link , ein Interview Link und zu seiner Arbeit die Dartstellung von Reimo Ihle unter Link sowie seine homepage Link ) will mit seinem berühmten Bild vom Chinesischen Zimmer darlegen, dass man auch »dumm« und ohne Kenntnis von der Bedeutung der Wörter vermeintlich Probleme lösen kann, und folgert, Intelligenz oder Geist sei somit nicht »natürlich«. Doch so kämpft er an der falschen, nämlich dualistischen Front. Ich bin, wie im Spiegel der Möglichkeiten hinreichend zum Ausdruck kommt, für das Komplementäre, das in einem dialektischen Prozess zu Neuem führt, nicht dagegen für den Roboter als Mensch, den Menschen als Maschine und gewiss nicht für den Cyborg oder Borg als rein funktional zusammenmontiertes Mischwesen unter Aufgabe dessen, was im guten Sinn wirklich ist, und unter Verlust der Individualität. Und wenn ich eingangs sagte, Computer kennen nur Ja oder Nein, so greife ich dies abschließend mit einem Zitat aus dem Spiegel der Möglichkeiten wieder auf, um vielleicht einen tieferen und vielleicht doch nicht so doofen Zusammenhang anzureißen:

»Jedes einzelne Bit kennt nur zwei Zustände, doch im geregelten Zusammenspiel können viele Bits alle Information der Welt tragen. Und nun denk daran, dass die subatomaren Pseudoteilchen, die Quanten oder meinetwegen auch Monaden, scheinbar wahlweise zwei sich ausschließende Zustände annehmen können: wellenartig oder körperlich.«
»Dann können sie – mir wird dein Gedanke klar – der digitale Code in der Sprache jeder Existenz sein.«
»Die Sprache aus Zufall und Notwendigkeit, die Sprache von Körper und Geist.«
»Von Körper und Geist? – In diesem geheimnisvollen Bereich scheint es zwar den Zufall zu geben, in dessen Nutzung der freie Menschengeist seine Wurzel haben könnte, doch ist es dann nicht die Sprache des Geistes, mit der er sich der weiterhin unfreien Materie bedient.«
»Wenn wir von einer Entwicklung ausgehen, kann es nur der gemeinsame Code dessen sein, was wir als Stoff und Geist getrennt denken.«

Wenn Sie weiter denken wollen, können Sie einiges über den Turing-Test lesen: A. Turing: Über berechenbare Zahlen und eine Anwendung auf das Entscheidungsproblem, in: B. Dotzler, F. Kittler (Hrsg.): »Alan Turing. Intelligence Service«, 1987, die Erzählung von Rolf Hochhuth »Alan Turing« (Link ; zu Hochhuth Link , Link und Link ), sich bei Barbara Schelkle im Netz tummeln (Link ), Sigrid Kupsch-Losereit besuchen (Link ), das nicht ganz einfache Problem philosophischer und empirischer Bewusstseinstheorien bei Carsten Siebert studieren (Link ), sich mit Blutner darüber freuen, dass es auch seitens der Sprachphilosophie Dinge gibt, die Computer nicht können (Link ), mit Link und Michael Bach daran zweifeln, dass je ein Computer den Test besteht, unter Computer, KI, Chinesisches Zimmer u.a. hier in Ureda nachschlagen und zur Unterhaltung in den Spiegel der Möglichkeiten sehen, in dem Sie sich ganz bestimmt als intelligentes Wesen erkennen werden.

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