Suche in der Bibliothek
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Ü Y Z Ö

URTEIL  
Urteile durchziehen unser ganzes Leben. Nicht – hoffentlich nicht – im juristischen Sinn, wohl aber als ständiges Werten und Entscheiden, selbst bei ganz gewöhnlichen Dingen: Ist das gelbe Kleid nun schöner als das grüne, bestelle ich lieber Pizza Tonno oder Vegetaria?

Nach der alten Logik ist ein Urteil nicht mehr als die Verknüpfung eines Subjekts mit einem Prädikat, etwa: Das Buch ist lesenswert (wobei natürlich an den Spiegel der Möglichkeiten zu denken ist). Das war Kant zu einfach, darum hat er u.a. in analytische, synthetische, apriorische und aposteriorische Urteile unterschieden, Relationen und Modalitäten eingeführt, kategorische und hypothetische Urteile unterschieden (vgl.: Link ) und alles so kompliziert gemacht, dass man in der modernen Logik gar nicht mehr von Urteilen, vielmehr von Aussagen spricht (Link ; wer‘s richtig fachlich mag, der lese »Die Lehre vom Urteil« von. Emil Lask unter Link ).

Davon unberührt sind die Vorurteile, denn die haben überhaupt nichts mit Logik zu tun. Auch viele andere Urteile, und ich denke selbstverständlich wieder nicht an richterliche, sondern eben die alltäglichen Wertungen und Entscheidungen, die schon jedes Vieh beim Fressen trifft und dann vielleicht Geschmack nennt, stehen außerhalb der Logik. Ebenso das von Onkel Herbert, wenn er ein Bild der nackten Maya (ich meine nicht die Kinderbiene mit J, sondern die von Goya, mit zweimal Y (in Goya und Maya), die auch bei Jostein Gaarder eine indirekte und züchtige Rolle spielt) für über's Sofa kauft, was andere geschmacklos nennen. Dennoch sind solche Urteile wichtig, denn andernfalls wären wir Lebewesen orientierungslos, vom Fressen bis zum Bilderkauf. Und ganz schwierig sind moralische Urteile, außer natürlich wieder bei Kant, bei dem sie logisch sind.

Im Netz findet man jede Menge Text, wenn man nach »Urteil« sucht, doch durchweg unverständlichen, denn er stammt von Juristen (gegen die ich vielleicht auch nur ein Vorurteil habe, weil ihre Fantasie zumeist nur von der erotischen Ausstrahlung eines Paragrafenzeichens anzuregen ist und solche Zeichen in meinen Abenteuern nicht vorkommen). Also verweise ich nicht darauf, sondern tu, was ein Paragrafenfetischist nicht darf: Ich verbinde das juristische Urteil mit dem moralischen und das mit dem alltäglich-gefühlsmäßigen und das Ganze auch noch mit dem, was doch wohl logisch ist:

Das Urteil
»Sieh es ein, ich muss dich verurteilen!« Unruhig wanderte das schwarze Barett von der linken Hand in die rechte, von der rechten zuriick zur linken.
»Aber wir sind doch Freunde: Hab ich dir nicht einmal das Leben gerettet?! Willst du es nun mit meinem Tod lohnen?«
Hin und her, unermüdlich, wanderte das Barett, und dankbar folgten die Augen: »Ich muss es. – Nach dem Gesetz bist du schuldig ... Ich bin nur Richter, nicht Recht.«
Eine Stimme klingt verloren in einem leeren Gerichtssaal. Oder war es nur die Hoffnungslosigkeit? »Was hab ich denn getan? Genügt es, nicht töten zu wollen, um sterben zu müssen?«
Kurz hielt das Barett inne in seinem sinnlosen Lauf, so, als denke es über die Frage nach. War es eine Frage? Dann aber drehten die Finger es um, immer rundherum. »Du bist als Befehlsverweigerer, als Wehrkraftzersetzer angeklagt ...«
»Aber du bist doch mein Freund!«
»Ich kann dir nicht helfen! Ich muss dich verurteilen – es ist meine Pflicht.« Entsetzt stockte der Hut. Erschreckt von der Bitterkeit der Worte.
»Gibt es denn keine Pflicht der Freundschaft! Keine der Menschlichkeit?«
Für einen Moment lösten sich die Augen von der schwarzen Faszination des Hutes, blickten auf, suchten etwas, fanden nur das Barett, das schwarz und einsam auf dem Tisch ruhte. »Gern ließe ich dich frei, sehr gern, glaub mir. Aber es steht nicht in meiner Macht. Ich bin nur Werkzeug ...«
»Ach, ich kenne dich nicht mehr! Du bist mir fremd! Ich versteh dich nicht.«
Schwarz und einsam ruhte das Barett: »Ich muss es. Man erwartet von mir das Todesurteil. Wenn ich dich nicht verurteile, tut es ein anderer, und ich werde bald dort unten stehen, wo jetzt du bist. Es tut mir leid!« Sorgfältig platzierte er das Barett auf seinen Kopf.
Warum klingt eine Stimme nur so verloren in einem leeren Gerichtssaal?, dachte der Freund, aber er sagte: »Ja, ich verstehe, ich verstehe das. Entschuldige bitte!«


(Erstveröffentlichung: Durwen in Diagonalen 1976)


  Portal

Wert
Kant
Logik
Gaarder
Spiegel
a priori
a posteriori
Kategorie
Moral
Mensch
Leben
Gesetz
Fantasie
Pflicht

Ureda

Impressum / Haftungshinweis Ureda © 2002K.-J. Durwen