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VORSOKRATIKER  
Mit dem Sammelbegriff tut man wohl Sokrates zu viel der Ehre, den weisen Naturphilosophen (Link und Link ) vor ihm sicherlich zu wenig, pauschaliert sie zudem.

Das aber ist falsch, wenn man einmal davon absieht, dass zumeist ihre zentrale Frage war, warum überhaupt die Welt ist und wie man sie erkennen und erklären kann. Fragen, die noch immer unbeantwortet sind und wozu Douglas Adams meint: »Es gibt eine Theorie, die besagt, wenn jemals irgendwer genau herausfindet, wozu das Universum da ist und warum es da ist, dann verschwindet es auf der Stelle und wird durch noch etwas Bizarreres und Unbegreiflicheres ersetzt. – Es gibt eine andere Theorie, nach der das schon passiert ist.«

Doch so wenig das Universum bisher verschwand, so wenig verschwanden viele Theorien der Vorsokratiker. So manche ist – wenn man sie im Gewand moderner Sprache und aktueller Bilder besieht – noch immer aktuell. Und das hat sich nicht etwa dadurch geändert, dass Sokrates eine neue und sicher auch sehr wichtige Frage stellte: nämlich die nach dem, was der Mensch ist. Dass diese Frage fortan so zentral wurde – speziell durch die platonische Geistes- und Jenseitsorientierung – und man darüber die alte Frage nach dem, was hinter der Physis steht (also die metaphysische), vergaß oder bewusst durch das Wirken der Naturwissenschaften verdrängte, das trug zur Festschreibung des Dualismus, zur Entfremdung von der Natur und letztlich zu den resultierenden Problemen der Gegenwart bei. Denn diese sind nur vordergründig »Umweltprobleme«, im Kern aber Denk- und Wertprobleme und damit weiterhin auch solche der Philosophie: Ein natürliches und in der Evolution gewordenes Wesen meinte, außerhalb des Ökosystems zu stehen, in dem und von dem es lebt. Die vorläufig letzte Form dieses dualistischen Missverständnisses ist die Flucht in die Selbstaufgabe des biologischen Wesens Mensch zu Gunsten der Technik, zu der die Extropier, Übermenschapostel und Züchter des Homo s@piens angesetzt haben.

Andere aber entdecken die Metaphysik neu, blicken in den Spiegel der Möglichkeiten, der ein natürlicher ist, und lächeln nicht herablassend über die scheinbar naiven Lehren der pauschalierten Vorsokratiker. Denn nimmt man diesen Spiegelreflex auf, so wird deutlich, wie sehr unser heutiges Denken in dieser Wendezeit vom mythischen zum rationalen Denken geprägt wurde, ja dass die moderne Naturwissenschaft noch immer von den Eingebungen dieser alten Herren lebt, vielleicht sogar extrem (wenn auch unbewusst) von ihnen abhängig ist: Man findet in neuer Ausdrucksform und Tiefe genau das, was eben durch diese Ideen in unser Denken gepflanzt wurde und der Bestätigung harrte: Wer käme schon auf den absurden Gedanken, eine Nadel im Heuhaufen zu suchen, hätte nicht jemand behauptet, dort sei sie zu finden? Sucht man aber nach Nadeln, so nimmt man die eher zu findenden Steinchen gar nicht wahr, verwirft sie und betrachtet den entdeckten Hosenknopf des Bauern nur als Kuriosität am Rande; bis man sie endlich hat, die Nadel, und »Heureka« schreit.

Mit dem personifizierten Heureka aber sind wir mitten drin in den philosophischen Abenteuern, in denen Wendur vielleicht die Argumentation umkehren und behaupten würde, wir reflektierten nur nachträglich unsere modernen Erkenntnisse in die gerade passenden Bilder und oft ungenauen Aussprüche jener Philosophen hinein, selektierten nachträglich, wären genau wieder die Heuhaufenwühler, die verwerfen, was nicht passt. Darum lasse ich das Spekulieren, verweise auf die Einzeldarstellungen der vorsokratischen Schulen und Denker und gebe hier nur einen sehr kurzen und einordnenden Abriss, wobei die Zeittafel von Michael Bradtke Link ebenso hilfreich ist wie die kurze Hausarbeit von Heinrich Friedrich unter Link , die systematische Übersicht von »Knutschi« unter Link und Link oder die Zusammenstellung auf der Seite von Pro Ecclesia Oberwallis unter Link . Heranziehen kann man auch Link oder (wieder einmal) Peter Möllers Seite unter Link .

Mit Thales von Milet (624 - 546 v.Chr.) wird die neue Zeit der natürlichen Ursachen (konkreter: Urstoff) statt der göttlichen Verursacher eingeleitet. Er sah im Wasser den Urstoff, und noch heute lernen wir in der Schule eine Stofftheorie, in der der Wasserstoff das erste Element ist (Link ).

Diese Stofflehren wurden von den beiden nachfolgenden Miletern oder »ionischen Naturphilosophen« Anaximander (ca. 610 - 540 v. Chr.) und Anaximenes (ca. 585 - 525 v. Chr.) fortgeführt und dabei die Unendlichkeit erfunden, ohne die weder die Mathematik noch der Glaube auskommen. Anaximander meinte, aus dieser Unendlichkeit seien die endlichen Stoffe hervorgegangen, und heute reden wir vom »Urknall«, der die Substanzen schuf und vor dem es weder Raum noch Zeit und somit Endlichkeit gab. Auch eine erste Evolutions- und Erkenntnistheorie wurde geschaffen, und später vereinigte Empedokles (ca. 495 - 435 v.Chr.) so manches zur ersten Großen Vereinheitlichten Theorie des Altertums.

Pythagoras (ca. 570 - 500 v. Chr.) setzte voll auf die Zahl, die kosmische Harmonie und die unsterbliche Seele. Sie prägten die Vorstellung, dass im Verhältnis der Zahlen das Prinzip und die Ordnung der ganzen Welt (Kosmos) verborgen sei, ohne die auch keine moderne Kosmologie oder Physik Bestand hätte, denn diese setzen weiterhin voll auf die Mathematik. Und die Harmonie finden wir – um das Beispiel weiterzuführen – etwa auch im Periodensystem, das aus harmonischen Vielfachen der Grundeinheit H = 1 alle Stoffe erklärt. Das erkennende Ding aber ist die Vernunft, die pythagoräische Seele.

Heraklit (ca. 550 - 480 v.Chr.) führt das Prozessdenken ein, sieht die Dynamik, den ewigen Kampf der letztlich doch vereinten Gegensätze – heute lernen wir Stoffkreisläufe und chemische Bindungen und Lösungen und Wandlungen. Er postuliert die »Weltvernunft« (logos) und den Anteil des Menschen an ihr, wodurch er erkenntnisfähig wird, und geht mit dieser Erkenntnistheorie über den einfachen Wahrheitsgewinn durch reine Sinneswahrnehmung hinaus, was später insbesondere die Stoa aufgreift. Was wären Platon, Descartes, Kant oder die modernen Naturwissenschaften ohne diese Grundidee?

Parmenides (ca. 540 - 470 v.Chr.) und seine Schule der Eleaten ging davon aus, dass es, wenn es ein Sein gibt, nur ein Sein sein kann: das Eine und das Alles, das Weltganze. Das schlägt nicht nur Brücken zum aktuellen Holismus und zur »Mitweltauffassung«, nein, Parmenides folgerte auch, dass somit unsere Vorstellungen von Werden und Vergehen (Zeit und Raum) trügerisch seien (weil Sein ist und nicht werden kann), dem weder Kant noch Einstein, noch die moderne Atomphysik und Erkenntnistheorie widersprechen.

Anaxagoras (um 500 - 428 v.Chr.), der wegen seiner Behauptung, die Sonne sei ein großer glühender Steinhaufen und kein Gott, zum Tod verurteilt wurde (aber floh), »erfand« den allmächtigen Geist, der einen ersten Anstoß gab (vgl. Aristoteles), um durch Harmonie (Ästhetik) die Dinge zu ordnen, und ist der älteste der Atomisten. Er ging nämlich davon aus, dass es kleinste, von uns nicht wahrnehmbare Teile, die spermata, gibt, die ewig unzerstörbar sind und durch eine Kraft, den nous, sich lösen und binden und so die uns bekannten Dinge ergeben. Er sagte aber auch: »Der Geist aber ist etwas Unendliches und Selbstherrliches, und er ist mit keinem Ding vermischt«, was somit nicht Descartes erfunden hat. Und wenn er ferner sagte, dass alles schon in allem verborgen ist, dann liegen heute Gedanken an Informationen, Gene oder Hologramme nahe. Maßgeblich ist er für die mechanistische Weltauffassung, die mit Galilei und Descartes neu begründet und prägend wurde (vgl. Stichwort Anaxagoras).

Leukipp (geb. um 480 v.Chr.) gilt – trotz Anaxagoras – wegen der größeren Systematik als eigentlicher Begründer der Atomistik, der strengen Kausallehre, und könnte auch zum Vater der Planung stilisiert werden, denn er formulierte den Gedanken des Plans als Entstehung aus Notwendigkeit, die Fremdbestimmung der Naturabläufe. Er glaubte an die Ordnung als Grundprinzip, daran, dass alles Vergangene, Derzeitige und Künftige mit Kenntnis des Plans offenbar würde: Es grüßt der Laplace‘sche Dämon.

Demokrit (ca. 460 - 370 v.Chr.) lebte zwar zeitgleich mit Sokrates, ist aber ebenfalls Atomist und Metaphysiker. Mit dieser genialen Idee gelang es ihm, einerseits den ewigen Erhalt der Materie (»aus nichts kommt nichts« der Ionier bzw. »das Eine und das Alles« des Parmenides) und andererseits den steten Wandel (das »Alles fließt« des Heraklit) zugleich zu erklären. Und tatsächlich klingt die antike atomistische Lehre wie aus einem Lehrbuch des 20. Jahrhunderts: Die Welt besteht aus einem nichtseienden Leeren, dem Raum, und einem diesen Raum völlig erfüllenden Vollen, dem Seienden (heute das Raum-Zeit-Materie-Kontinuum). Das den nicht existierenden Raum erfüllende Sein ist Eines, doch zusammengesetzt aus unendlich vielen »Unteilbaren«, den Atomen (heute sind wir eine Ebene tiefer und bei den Quanten, was aber nichts am Prinzip ändert, zumal Demokrit speziell von »Feueratomen« spricht, die man modern als Energiequanten interpretrieren könnte). Diese Atome sind selbst »voll«, unvergänglich und unveränderlich. Durch ihre Zusammensetzung können sie zahllos viele Welten bilden (»Legostein-Modell«), von denen die unsere nur eine ist (»Parallelweltentheorie«). Die Atome bewegen sich nach dem Gesetz der Schwere im unendlichen Raum (klassische Mechanik). Was wir im Makrokosmos als »Entstehen« wahrnehmen, sind Atomzusammenballungen durch »Wirbelbewegungen« und Zusammenprallen. Das »Vergehen« ist das Auseinandertreten der zuvor verbundenen Atome. Somit wäre also statt »Entstehen« und »Vergehen« (subjektive Begriffe) der Begriff der »Veränderung« oder »Umbildung« (objektiv) richtig. Alle Eigenschaften der Dinge beruhen auf Unterschieden in Gestalt, Lage, Größe und Anordnung der Atome. Es gibt die primären (objektiven, physikalischen, »wahren«) Eigenschaften wie Schwere, Dichte, Härte und die sekundären (subjektiven, sinnlichen, nur »gemeinten«) Eigenschaften wie Farbe, Geschmack, Geruch, Töne. Die atomaren Vorgänge benötigen keinen (außenstehenden) planenden und lenkenden Geist, sie geschehen mit »innewohnender« Gesetzmäßigkeit: Die Welt ist in sich selbst und von sich selbst bewegte Materie (Selbstorganisation).

Die Schule der Sophisten ist etwa zeitgleich mit Sokrates anzusetzen. Doch stand bei diesen wandernden Lehrern – wie bei Sokrates – der Mensch als denkendes und (ethisch) handelndes Wesen im Vordergrund. Sie waren keine Naturphilosophen mehr.

Zur Vertiefung bietet der Buchhandel eine große Zahl von zusammenfassenden und spezifischen Schriften, gibt es eine Reihe von Einträgen hier im Spiegel-ABC von Ureda und sind diverse Links im Netz zu finden. So etwa mit dem Schwerpunkt astronomischer bzw. naturwissenschaftlicher Aspekte die Page von Julius Rabl unter Link oder mit der Frage, wie modern die alten Griechen dachten, von Alois Reutterer unter Link . Eine historische Einordnung bietet Bernhard Kauntz unter Link in seiner Jahresgliederung und unter Link Volker Schloßhauer in seinem Referat. Gabriele Weis behandelt unter Link in kompakter und gut illustrierter Form die Philosophie vom 7. Jahrhundert v.Chr bis zum 3. Jahrhundert n.Chr. Und für die, die die griechischen Originale (und einige Übersetzungen) lesen wollen, gibt es (wie so oft) die Page von E. Gottwein unter Link . Sehr schön ist auch das Angebot von Radio Bayern mit mehreren Hörbeiträgen zur griechischen und nicht zuletzt vorsokratischen Philosophie, die man auch herunterladen kann: Link .


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