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ZUFALL  
Auf den Zufall ist keinerlei Verlass. Das ist in einer Welt, in der Zuverlässigkeit, Ordnung, Berechenbarkeit hohe Güter sind, schon eine arge Zumutung.

Da fällt plötzlich und unerwartet etwas zu und überrascht uns total. Bei Sechsern im Lotto nehmen wir es gern an, beim dramatischen Unfall hadern wir mit dem Schicksal, im wissenschaftlichen Bereich sind wir sicher, dass es den Zufall gar nicht geben kann. Ist das Zufällige denn nun »wirklich« zufällig oder nur aus unserer subjektiven, »dummen« Sicht? Ist der Zufall nur deshalb und vermeintlich, weil wir die komplexe Ordnung dahinter nicht erkennen? Und wenn es diese gibt, ist dann nicht auch schon festgelegt, was wir aus dem machen, was uns da zugefallen ist? Ist somit alles schicksalhafte Unentrinnbarkeit?

Nietzsche, von dessen Willen zur Macht und seinen Schlussfolgerungen bezüglich der Rolle des Menschen ich wenig halte, gibt eine andere Grunderklärung: Der Wille macht die natürlichen Zufälle zu Werkzeugen auf dem Weg des Menschen zum Ziel. Damit erklärt er – ganz im Gegensatz zur deterministischen Naturwissenschaft – den Zufall (ich spreche lieber von der Möglichkeit) zu einem natürlichen Grundphänomen und räumt uns die ungeheure Fähigkeit und Freiheit ein, dieses Phänomen zu nutzen. Dies ist auch ein tragender Gedanke Im Spiegel der Möglichkeiten, in dem diese geschenkte und natürliche (!!) Freiheit als Evolutionsprinzip und Prinzip des Menschseins interpretiert wird: Denn wir werden damit auch verantwortlich, ja schaffen aus den Möglichkeiten gleichsam die eigene und in der Rückkoppelung die gemeinsame Welt als die »reale«.

Leider bleibt uns Nietzsche, der seine ganze Philosophie unter den Begriff des Willens stellte, eine befriedigende Definition des Willens schuldig, die wir hier gut gebrauchen könnten. Und auch die übliche Lexikon-Definition vom Zufall als dem »Eintreten von Ereignissen, für die keine Ursache und keine Gesetzmäßigkeit erkennbar ist«, verschiebt das Problem nur auf Ursache (bzw. Kausalität), Gesetzmäßigkeit und die Frage der Erkennbarkeit bzw. Erkenntnisfähigkeit. Unter diesen Stichwörtern sollten Sie auch hier in Ureda nachsehen und sich zu philosophischen Abenteuern auf den Weg durch Zufall und Notwendigkeit verführen lassen, doch kreisen wir ruhig noch etwas um den Zufall:

Wittgenstein schrieb: »Außerhalb der Logik ist alles Zufall«, und das scheint mir die beste Definition zu sein, weil die alten Griechen seit etwa 600 v.Chr. die Logik als Trennmittel gegen Mythos und Glaube, Beliebigkeit und Zufall einführten. Zuvor hatte man es leichter, weil sowohl Zufall als auch Notwendigkeit mit dem Wirken der Götter erklärt wurden. Dann aber dachten sich Thales und die anderen Vorsokratiker die Logik als neue, versachlichende Denkform aus. Sokrates und seine Nachfolger verknüpften die Logik eng und endgültig mit der nun alles überragenden Vernunft, die den Zufall nicht (wie wieder der unvernünftige Nietzsche) zum Werkzeug machte, sondern als Widerspruch verbannte. Dadurch ist in der auf dieser Logik aufbauenden und sich am Ideal orientierenden westlichen Philosophie der Zufall nur Gegenstand der Verachtung, oft mit Willkür gleichgesetzt.

Auch die Naturwissenschaft scheut den Zufall wie der (wissenschaftlich unbeweisbare) Teufel das (in seiner Wirkung ebenso unbeweisbare) Weihwasser, denn Zufall ist nicht reproduzierbar und nicht zu verallgemeinern, mit ihm kann man keine Gesetze schreiben. Zumindest meinte man das, bis Darwin (ohne es selbst wahr haben zu wollen) den Zufall als Evolutionsprinzip einbrachte, man später das ganze Universum auf eine (zufällige) Singularität zurückführte, Naturgesetze als statistische Wahrscheinlichkeiten verstand, mit der völligen Ungewissheit über »wahre Zustände« in der Atomphysik zurechtkommen musste, in der Systemtheorie instabile Bewegungsabläufe in hinreichend komplizierten Systemen erkannte, mit Chaostheorien auch die Bewegung in der Welt zu erklären vermochte und unscharfe Rechenverfahren entwickelte. Seither kommt die Wissenschaft zunehmend besser mit dem Spiel aus Zufall und Notwendigkeit und sogar logischen Widersprüchen zurecht. Doch die Theologie geht gern von der göttlichen Fügung aus, und die Philosophie verachtet weiterhin den Zufall, gibt zumindest keine fundierte Erklärung.

Falls Sie danach suchen, so sollten Sie noch Zufall und Notwendigkeit lesen, in den Spiegel der Möglichkeiten sehen und die Möglichkeiten des Netzes nutzen, etwa: »Determiniertheit, Zufall, Unfall« von Volker Grassmuck unter Link , »Wie zufällig ist der Zufall?« von Wolfgang Neundorf Link , »Über den Zufall« von Adolf Lasson unter Link , »Hat der Zufall eine Ordnung« unter Link , »Zufall, Freiheit und Orakel» von „elektroNICK« unter Link und nicht zuletzt »Über den Zufall« unter Link als hervorragende Darstellung im Spiegel der philosophischen Weltbilder. – All diese Texte fand ich nicht zufällig, sondern durch gezieltes Suchen.

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