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ABERGLAUBE  
Es gibt im Netz die Domain Aberglauben: Link . – Und wo landet man? Im Vatikan, auf der Seite des Hl. Stuhls! Und was erfährt man dort über den Aberglauben? – Nichts, kein Wort! Ist es der alte Trick, christliche Kirchen einfach auf alte heidnische Kultstätten zu bauen, statt sich der aufklärerischen Auseinandersetzung zu stellen? Oder liget es daran, dass die Domain Glaube Link von den Evangelischen besetzt ist und sich unter Glauben Link gar nichts tut - außer dem Zählen der Zugriffe, was vielleicht Symbolcharakter hat. (Vielleicht wird ja bald die dort vorbereitete Tauschbörse eröffnet: Tausche christlichen Glauben gegen esoterische Wunderheilung o.ä.)

Auch der Himmel, zumindest der deutsche Himmel.de Link , ist besetzt, der Zeit entsprechend von einer Medienfirma, die sich - da das Medienzeitalter ohnehin alle Grenzen aufhebt - auch noch in außerweltlicher Konzernbildung die Hölle.de Link gesichert hat.

Nur beim Fegefeuer Link ist es anders: Da gibt\'s Fun und Chats und News und Links, und es sieht auf der Introseite auch warm aus, mit den Flammen. Dort war ich am liebsten – virtuell versteht sich.

Doch zurück zum Aberglauben, zu dem Katholiken Himmel, Hölle und Fegefeuer - die einträglichste Erfindung die es je gab, so dass dafür ein eigenes Stichwort lohnte - nicht zählen dürfen.

Aberglaube ist ja, wie das Wort sagt, der Widerspruch zum herrschenden Glauben. Sachdienliches dazu gibt Karl Hörmann im Lexikon der christlichen Moral Link (wobei man auch unter Okkultismus lesen sollte).

Der kommerzielle Link zu Aberglauben, nämlich Aberglauben.com, stand bezeichnenderweise lange zum Verkauf an und ist jetzt verschwunden. Komisch, dass der Marktwert so gering ist! Doch Aberglaube.com gibt es, auch wenn ich keinerlei Beziehung zwischen Name und Inhalt feststellen kann (was aber beim Aberglauben üblich ist). Und dann gibt es als Konkurrenz zum Vatikant den Aberglaube.de Link . Man sparte nicht nur das N, auch jede Fantasie auf dieser öden Bannerseite, die man ruhig verbannen könnte.

Aber das alles kingt zu banal, darum zitiere ich jetzt Goethe, der sagte: »Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen gedenkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.«

Damit sind wir bei der Bildung: Das Wort Aberglaube stammt aus dem 15. Jahrhundert, wobei die Vorsilbe aber ursprünglich die Bedeutung von Verkehrtheit hat, also falschem Widerspruch. Das, was das Wort bezeichnet - nämlich die Angst vor Göttern, statt ihrer vernunftgemäßen Verehrung - ist weit älter und kam bei den alten Griechen eben mit dieser Vernunft auf. Damals hieß das deisidaimonia.

Und heute? Da hängen laut Statistik rund 40 Prozent der Männer und 60 Prozent der Frauen dem Aberglauben an. Doch selten als Hexen und zumeist auch nicht mehr in Verbindung mit personifizierten Göttern, Geistern und anderen Mächten, vielmehr bezüglich geradezu »alltäglich« erscheinender Glückssymbole, Amulette, Talismane, dem Klopfen auf Holz, dem Meiden der 13 oder Aussprüchen wie »Scherben bringen Glück« (wobei, abgesehen vom Polterabend, häufig und irrtümlich aber Splitter, nämlich die von Glas, produziert werden, die kein Glück bringen, bei Spiegeln sogar sieben Jahre Pech).

Zu diesem Alltagsaberglauben verweise ich auf Link . Dort gibt es auch ein harmloses Miniballerspiel »Moorhexenjagd«. Keineswegs harmlos war die tatsächliche Hexenverfolgung, die unter Link (und ergänzend: Link , Link , Link ) im Kontext der die Neuzeit vorbereitenden Verunsicherung und Angst gesehen wird. Geschlagen wird dort auch der Bogen bis zum neuen Aberglauben in Form etwa von Aliens und UFOs.

Weil so viele abergläubig sind, belegt die Statistik auch, dass am Freitag dem 13. tatsächlich mehr Unfälle passieren; vermutlich, weil die Menschen besonders vorsichtig sind. Denn routinemäßige, unbewusste Kontrolle ist zumeist effizienter als bewusste. Probieren Sie das einmal mit ganz bewusstem Treppensteigen! Es funktioniert auch umgekehrt (nicht das Treppensteigen, das mit der Psychologie beim (Aber-) Glauben), wie viele Sportler beweisen, die mit irgendeinem alten Socken im Schuh schneller laufen oder unrasiert mehr Tore schießen. Denn der Glaube versetzt bekanntlich Berge, setzt zumindest Kräfte frei.

Im Spiegel der Möglichkeiten ist im Zusammenhang mit dem Wechsel unhinterfragter Weltsichten (den Paradigmen) vom Aberglauben die Rede: Im Zusammenhang mit der Aufklärung bzw. der rationalistischen Begründung des neuzeitlichen Paradigmas wird angemerkt, dass zu dem, was wir heute als überholten Aberglauben erachten, auch Furcht vor und Achtung gegenüber der Natur gehörten. Mit der mechanistischen Weltauffassung von Galilei und Descartes wurde die Seele aus der Natur gerissen und auch das verunglimpft, was positiven Glauben tragen kann. Der Mensch wurde zum reinen Geistwesen hochstilisiert, aus dem cartesischen Zweifel die neue Selbstherrlichkeit des Menschen gegossen und als neuer Aberglaube derjenige an die Machbarkeit aus der Form geschlagen.

Später heißt es dann im Chat: »Das Bild, das sich der Mensch von sich selbst zeichnet und von dem, was er das Göttliche nennt, weil er es nicht verstehen kann aber benennen will, wechselt von Mensch zu Mensch, von Epoche zu Epoche und von Kultur zu Kultur. Jede Zeit hat ihren Aberglauben. Eine neue Zeit beginnt, wenn er entlarvt und durch einen neuen ersetzt wird. Doch wichtig ist und bleibt es, die Frage zu stellen und die Möglichkeit zu bieten, dass sie immer wieder gestellt werden kann. Darum sind viele Antworten zulässig, nicht aber solche, die diese Freiheit rauben. Und für wünschenswert halte ich Antworten, die diese geschenkte Möglichkeit vermehrend weiterschenken.«

Derzeit befinden wir uns sicherlich in einer Zeitenwende, in einem Paradigmenwechsel. Wir überwinden den Aberglauben vom außernatürlichen Menschen, den von einer geschaffenen statt werdenden Welt, den von der menschenunabhängigen Erkenntnis und Wahrheit. Folglich schaffen wir zugleich einen neuen Mythos, neuen Glauben oder neuen Aberglauben. Daran und an die Notwendigkeit der Möglichkeiten glaube ich. Aber abergläubisch bin ich nicht; denn das würde Unglück bringen.


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