| ARISTOTELES | ||
| ist eine Hauptperson Im Spiegel der Möglichkeiten. Es heißt dort, die Mädchen befänden sich in seiner Seelenkette. Und das ist so, wenn man davon ausgeht, dass wir zur Meisterung der aktuellen Wendezeit wieder ein ganzheitliches, dynamisches, natur- und damit auch menschenachtendes Weltbild brauchen, wie Aristoteles es vertrat und die Mädchen es bei ihm finden. In diesem Sinn ist die Grundlehre des »Old Aristo«, wie er im Buch des öfteren liebevoll genannt wird, wieder so aktuell wie in der damaligen Wendezeit vom mystischen zum rationalen Denken. Die Irrtümer des Aristoteles sind ebenso wenig zu beschönigen, wie die christlich-autoritäre (Fehl-) Interpretation des Mittelalter ihm nicht anzulasten ist. Vereinfachend wird immer wieder Aristoteles als Materialist dem Idealisten Platon gegenübergestellt, auch in den philosophischen Abenteuern, etwa wenn es heisst: »Gespannt las sie weiter und kam zu Aristoteles. Es gefiel ihr, dass dieser Denker nicht so ein verschraubter Hirnakrobat wie Platon war. Dass alles erst dann im Bewusstsein existiert, wenn man es vorher mit den Sinnen erfasst hat, das ist doch einleuchtender als Platons Behauptung, alle Dinge wären nur ein müder Abklatsch irgendwelcher Jenseitsideen. Sie will gewiss keine schlechte Kopie von etwas aus einer höheren Welt sein!« Tatsächlich müssen wir heute die Evolution und die Herausbildung des sich selbst bewussten Geistes innerhalb dieser Selbstentwicklung oder Ausfaltung aus dem ursprünglich Einen als dialektischen Spiegel- und Organisationsprozess sehen, den weder eine rein materielle und schon gar nicht eine ideelle Position allein erklären kann. Dem aber steht der im positiven Sinn als Realist oder Pragmatiker zu bezeichnende Aristoteles recht nahe, was mit einem weiteren Zitat charakterisiert werden soll: »Aristoteles kombinierte die idealistische mit der materialistischen Auffassung. Er behauptete, jedes Ding habe Form und Substanz. Im Unterschied zu Platons Idee, die außerhalb der realen Dinge existiert, bezeichnet die Form des Aristoteles allerdings eine in allen Dingen tätige Kraft.« Aristoteles sieht in allen Dingen das jeweils Spezifische und Besondere, billigt sogar der toten Materie ein eigenes Streben zu, sieht alles Leben beseelt, vernetzt, sich entfaltend, seit das Unbewegt Bewegende oder »Erste Bewegende« (dazu eine Magisterarbeit von Heiko Feldmann aus biologischer Sicht: Vieles wäre noch zum alten Supermann der Philosophie zu sagen: etwa zu seiner Ontologie, seiner Zweck-Mittel-Relation, seiner Methode der Induktion, seiner ordnenden Logik oder seiner ausgewogenen Tugendethik. Lesenswert sind seine Gedanken zu dem, was vor der ersten Bewegung war und hinter der letzten und uns immer verborgen bleibt. Manches davon kann man Im Spiegel der Möglichkeiten nachlesen und zugleich erfahren, wie er von Albertus Magnus und Thomas von Aquin in die dogmatische Welt des Mittelalters eingeschmuggelt wurde und sich erneut in die heutige einzuschleichen gedenkt. Einiges mag die Tabelle unter Zur Vertiefung kann auf eine Vielzahl von Schriften über ihn und seine Lehre ( Die Gegenpositionen zu Platon stehen im Vordergrund bei Wer lieber hier verweilen will, dem seien auch noch einige Angaben zu Leben und Werk des Aristoteles (nicht zuletzt nach Höffe) gegeben: Geboren wurde Aristoteles 384 v.Chr. in Stageira auf der Halbinsel Chalkidike. Sein Vater war Leibarzt des makedonischen Königs, und auch Aristoteles sollte Arzt werden. Die naturverbundene und praktizierende Grundeinstellung blieb für ihn prägend, auch nachdem er mit 17 Jahren in die Akademie des Platon eingetreten war, das damalige Zentrum griechischer Philosophie. Aristoteles verbrachte zwanzig Jahre, erst als Schüler, bald als Lehrer, an dieser ersten abendländischen Hochschule. Bald gab man ihm dort den Spitznamen »der Leser«, denn in einer Zeit, in der die Vorlesung wirklich noch wörtliche Vorlesung war (eine Form, die heute in den noch immer so genannten Lehrveranstaltungen an Akademien und anderen Hochschulen verpönt ist), las er – zurückgezogen – selbst. Ja, statt eine einzige Lehrmeinung zu vertreten, sammelte er systematisch Schriften und fertigte Auszüge an, die er thematisch ordnete, verglich, analysierte, neu interpretierte und zur Grundlage letztlich eines Universalwerks machte, das nahezu das gesamte Wissen des Altertums vereinte. In dieser ersten Athener Zeit verfasste Aristoteles seine frühen Schriften zur Logik und Wissenschaftstheorie (später im »Organon« zusammengefasst), entwarf seine Naturphilosophie (»Physik«), seine Fundamentalphilosophie (»Metaphysik«) und wesentliche Schriften zur Ethik, Politik und Rhetorik. Zunehmend teilte er die idealistische Lehre des über vierzig Jahre älteren Platon nicht mehr. Dies mag auch dazu beigetragen haben, dass der »Metöke« (ein Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis in Athen) nach Platons Tod nicht dessen Nachfolge in der Schulleitung antreten konnte, zumal sich politisch zunehmend Spannungen zwischen Athen und Makedonien anbahnten. Daher ging er 347 nach Assos im Nordwesten Kleinasiens, wohin ihn der Diktator Hermias, ein ehemaliger Mitschüler, gerufen hatte. Dort heiratete er Pythias, die Schwester oder Nichte (hierzu gibt es unterschiedliche Darstellungen) des Hermias, die ihm eine Tochter gleichen Namens gebar sowie später den Sohn Nikomachos, dem er seine Ethik widmete. Doch schon zwei Jahre später wird der Herrscher gestürzt, und Aristoteles flieht nach Mytilene auf Lesbos, wo er mit seinem Schüler und Freund Theophrastos biologische Studien betreibt. Dann ruft ihn weitere zwei Jahre später König Philipp, der mit militärischen Mitteln die Vorherrschaft in Griechenland übernahm, als Erzieher für den damals dreizehnjährigen Sohn Alexander, den man später »den Großen« nannte, an den makedonischen Hof (weitere Infos unter Es ist nicht abwegig anzunehmen, dessen logische und naturwissenschaftliche Schulung habe dazu beigetragen, dass die späteren Feldzüge Alexanders in für damalige Zeit ungewöhnlicher Form logistisch und mit geografischen Erkundungen vorbereitet und durchgeführt wurden. Auch wurde Alexander sicher durch die »Ilias« geprägt, die er als Aufgabe seines Lehrers abschreiben musste, denn er indentifizierte sich geradezu mit Achill. Auch die Vision des Alexander, ein multikulturelles Weltreich in Überwindung der damaligen Kleinstaaterei zu schaffen und Verständigung und kulturelle Entwicklung voranzutreiben, dürfte hier ihre Wurzeln haben, auch wenn die Praxis dem später nur bedingt entsprach. 336 wurde Philipp ermordet, und Alexander trat die Herrschaft an. Aristoteles zog nicht mit, als Alexander 334 zu seinen Feldzügen aufbrach. Er ging vielmehr erst nach Delphi und dann – nach diesen so genannten »Wanderjahren« – nach Athen zurück, das nun abhängig geworden war. Dort gründete er seine Schule: das Lykeion (Lyzeum). Sie war nicht nur Unterrichts-, sondern auch Forschungsstätte und besaß eine große Bibliothek, eine Sammlung aller damals bekannten Staatsverfassungen (angeblich 160) und nahezu aller Pflanzen und Tiere der damals bekannten Welt. Während dieses zweiten, zwölfjährigen Athen-Aufenthalts überarbeitete er die alten Schriften, revidierte teilweise seine damals noch zu sehr von Platon geprägte Lehre (etwa zur Seele) und leitete wohl so etwas wie ein erstes Forschungsteam mit Theophrast, Eudemos und Menon. Nach dem plötzlichen Tod Alexanders im Jahr 323 v.Chr. wird Aristoteles der Gotteslästerung angeklagt. Er will aber »den Athenern nicht zum zweiten Mal Gelegenheit geben, sich gegen die Philosophie zu versündigen« und flieht nach Chalkis auf Euboia, wo seine Mutter lebte. Doch schon bald überfällt ihn ein Magenleiden, und der größte Systematiker des Altertums, später oft einfach »der Philosoph« genannt, stirbt nach wenigen Monaten im Jahr 322 v.Chr. mit 62 Jahren. Er, der sich auch mit Poesie beschäftigte – was oft vergessen wird, so wie man bei Goethe oft nicht daran denkt, dass dieser auch Naturwissenschaftler war –, wollte »das Seiende überhaupt erkennen« und ging davon aus, dass »nur das Einzelne wirklich ist«. Dies war für ihn, einen der wichtigsten Beweger, der aus Möglichkeit Realität schuf, nicht Widerspruch sondern Beweggrund seiner Arbeit. |
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