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INTERNET  
Das Internet ist der Spiegel der Welt. Was er zeigt, ist nicht Realität, nur ein Abbild der Realität: Wir sehen uns im Spiegel, und dank der Reflexion erfahren wir auch mehr über uns selbst. Etwa, dass wir strubbelige Haare haben. Dann hilft uns der Spiegel, das zu ändern. Doch wir sind es, die uns kämmen, nicht das Spiegelbild.

Im Spiegel des Internets sehen wir alles, was es im menschlichen Leben gibt, vom Schönsten bis zum Schrecklichsten, vom Wertvollsten bis zum größten Unsinn. Das Internet spiegelt – oder simuliert – eigentlich alles, vom Briefeschreiben über das Ansehen eines Fahrplans Link bis zum aktuellen und steuerbaren Blick nach München Link , Zürich Link oder auf die Leipziger Messe Link (falls beide besetzt sind, bietet sich als die Alternative Flensburg mit 3 Kameras an: Link ) oder dem aktuellen Wetterblick aus dem Weltraum Link . Das Internet erlaubt aber nicht nur Fernblicke, auch Fernwirkungen. Durch die Steuerung der oben genannten Webcams oder etwa durch den Bestellklick für ein Buch, durch einen Klick die Landung der Marssonde oder den zum Auslösen der Atombombe. So wirkt die virtuelle in die physische Welt ein, ganz analog dem Körper-Geist-Problem, auch wenn die letztgenannten Aktionsmöglichkeiten glücklicherweise nicht allgemein verfügbar sind.

Das Internet ist der Spiegel der Welt, und Ureda ein Spiegel des Internets. Es ist nur ein Spiegelsplitter, doch bekanntlich spiegelt sich auch in jedem Splitter immer das Ganze. – Nein, halt! Falsch!: Ureda ist zwar ein Spiegel der Möglichkeiten, doch spiegelt es nicht die Welt, denn es fehlt hier, was dort und im Internet eine große Rolle spielt: Sex, Pornografie, Gewalt, Beliebigkeit und Unsinn aller Art. Also ist Ureda eine eigene Welt, kein totes Abbild, nicht Schein, ist eine eigene »Realität« in der Virtualität des Internets und damit paradox.

Dieses Netz aber haben wir noch lange nicht begriffen, geschweige denn verstanden. Technisch ist die Erklärung leicht: Beliebig viele verschiedene Computer mit verschiedenen Betriebssystemen sind auf beliebige Art und Weise miteinander verbunden und tauschen Daten über standardisierte Protokolle aus Link .

Versteht man dieses Netz der Welt besser, das dem der Ökologie ebenso gleicht wie dem der Erkenntnis in unserem Gehirn, wenn man diese sehr pauschale Beschreibung technisch vertieft? Natürlich kann man auf die verschiedenen Ebenen dieser Austauschprotokolle eingehen, vom primären Transmission Control Protocol (TCP, dazu Link ) und Internet Protocol (IP: etwa im Lehrgang von Rudolf Strub: Link ) bis zum WWW Link mit der Hypertextsprache HTML (dazu eine Einführung von Hubert Partl unter Link und sehr detailliert bei Stefan Münz unter Link ). Man kann erklären, was Links, Browser, Server oder Router Link sind, auf Kabel- oder Satellitenverbindungen eingehen oder auf die verschiedenen Dienste, vom E-Mail bis zum Chat. Das wird schon den Kids, beispielsweise unter Link , in einem sehr schönen und überwachten Web-Portal mit Kommunikation, Information, Spielen usw. erklärt, so dass sie einen »Internet-Führerschein« machen können, wie auch bei der Zentrale für Unterrichtsmedien: Link . Ebenfalls sehr verständlich bringt es Barbara Schelkle unter Link nicht nur für Frauen an den Mann. Man kann im »Internet für Einsteiger« unter Link von Wilfried Arimont und Ehrenfried Ehrenstein nachsehen oder vieles im empfehlenswerten Glossar von Alfons Oebbeke unter Link finden. – Aber weiß man mit der Funktion auch schon um das Wesen dieses Dings, das die Welt und uns total verändert, weil Entfernung oder Raum (zum »virtuellen Raum«: Link ), Zeit, Realität, Kommunikation, Information und nicht zuletzt Bewusstsein eigentlich neu definiert, zumindest neu interpretiert werden müssen?

Goethe (dessen Gartenhaus man auch virtuell besuchen kann: Link – für eine virtuelle Begehung VRAM herunterladen und installieren) sagt zu Recht (und Gaarder stellt den Ausspruch »Sofies Welt« voran): »Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.« Die noch kurze Geschichte des Internets ist schnell erzählt: in beinahe tabellarischer Form unter Link , ausführlicher von Horst Rischbode unter Link , mit vielen erklärenden links von Jochen Musch unter Link und in zehn teils noch detaillierteren Kapiteln unter Link . Die am besten mit historischen Dokumenten illustrierte Page aber ist die von Michael Kaul unter Link .

Ja, das bewusste Nachvollziehen dieser Entstehungsgeschichte hilft zum Verständnis, weil der Kern dieses faszinierenden Dings eine ganz simple Sprache ist. Und wie Sprache die Kommunikation zwischen Menschen ermöglichte, ja uns Menschen erst zu sprachlich denkenden Wesen machte, so ermöglichen diese einfachen Regeln die technische Kommunikation. Problematisch aber war die einfache Verständigung zwischen Technik und Mensch, die ein »fachfremder« Atomphysiker (Tim Berners-Lee, siehe unter Genf in Städte der Zuflucht; des weiteren blicke man ins Internetlexikon unter Link und aktiviere bei Interesse seine Homepage unter Link ) mit Hypertext und ein Werkstudent namens Marc Andreessen mit einem Browser ermöglichten (siehe dort, auch zu Andreessen). Damit legten sie nicht nur das Fundament für das World-Wide-Web (WWW, das »Gewebe«, das nicht mit dem Internet, dem »Zwischennetz«, identisch ist, sondern der Teil, der auf Berners-Lees Programmiersprache HTML mit seinen Hyperlinks basiert), sondern es passierte auch etwas Sensationelles: Sie machten ihre Lösungen bzw. Programme jedermann zugänglich! Das trug wesentlich dazu bei, dass das Netz ein selbstknüpfendens wurde und ist: Niemand plante, von den ersten militärischen Wurzeln abgesehen, dieses Netz, niemand regiert es, niemandem gehört es. Es gleicht einer virtuellen Stadt, in der es alles gibt, nur keinen Stadtplan, geschweige denn ein Bürgermeisteramt. Doch diese Stadt wächst, trotz oder wegen der chaotischen Strukturen, schneller als je etwas zuvor in der Geschichte: Die virtuelle Evolution überholt jede physische.

Das ist kein unwichtiger Aspekt! Am stärksten tritt er bisher negativ im völlig unsicheren Verantwortungs-, Haftungs- und Rechtsbereich zu Tage. Wie nichts anderes steht das Internet aber positiv für das neue Denken, das nicht mehr an Naturgesetze, Apriorisches, Geplantes, Geschaffenes, Determiniertes geknüpft ist. Mit der kopernikanischen Wende brach eine Welt zusammen, die die Erde im Zentrum des Universums und den Menschen im Zentrum der Schöpfung sah. Nun ist – beinahe unbemerkt oder noch unbewusst – die von der Evolutionslehre längst beschriebene Selbstorganisation (Definition Link , Theorie Link , sehr umfangreich und gut bei Anette unter Link , im Netz Link sowie Link , in den Mythen Link ) oder gar Selbstschöpfung in einem dialektischen Prozess des Realisierens von Möglichkeiten, der wieder Möglichkeiten schafft, »erlebbar« geworden.

Sich in diesem Sinn die von Goethe geforderte Rechenschaft zu geben, zeigt, dass die Denkbilder, die sich vor 3000 Jahren und spätestens mit Homer und den Vorsokratikern von mythischen zu rationalen wandelten, nunmehr (erneut) eine irrationale Form annehmen, die wir hilfsweise »virtuell« nennen. Es ist der Wandel, den auch Evolution, Ökologie, Relativitätstheorie, Quantenphysik oder Chaosforschung bedingen: Alles ist Werden, nicht abgeschlossenes Sein. Die Raum-Zeit-Kausal-Welt ist nur unsere Denkstruktur. Nicht die Dinge, die Beziehungen zwischen den Dingen sind entscheidend. Wir erkennen nicht, was es schon absolut und menschenunabhängig gibt, sondern wir schaffen unsere Realität durch unser Denken, das wiederum aus dem Stamm zuvor geschaffener Realität wächst.

Wie wird schon in wenigen Jahren diese Realität aussehen, wenn wir – wie in den Abenteuern als »Softwear« beschrieben – nicht nur mit Handys online sind, sondern auch Sender und Empfänger für alles und jedes unmittelbar am Körper tragen werden oder gar integriert in die Körper: direkte Bilderkennung, unmittelbare Sprachübersetzung, sofortiger Abruf aller Daten aus Zentralrechnern an jedem (satellitenüberwachten) Ort und zu jeder Zeit? Wie extrem hoch ist dann die Abhängigkeit der gesamten Lebensführung und der Erkenntnisfähigkeit von der Technik und wie ungeheuer groß die Möglichkeit der Überwachung und Manipulation?

Vor heute schon beinahe unvorstellbar langer Zeit, als lächerlich leistungsschwache Computer noch ganze Stockwerke füllten, keinen Bildschirm kannten und Lochkarten fraßen, nämlich vor mehr als drei Jahrzehnten, beschrieb der visionäre Sciencefiction-Autor Stanislaw Lem (Kurzbiografie Link , mehr unter Link , seine eigene Website unter Link , die lieferbaren Bücher unter Link und, sehr zu empfehlen, eine Vielzahl lesenswerter Kolumnen des Autors in telepolis Link ) bereits die »Phantomologie« ( Link , Link und Link ), die ich mit einem Beispiel frei nacherzählen will:

Eine Maschine übermittelt aufgezeichnete oder simulierte »Sinneseindrücke« an das Gehirn, sie decken alle Wahrnehmungsmöglichkeiten vollständig ab und sind somit logischerweise nicht von »natürlichen« unterscheidbar. Damit wird nicht die Persönlichkeit manipuliert, nicht ihr Meinen, Denken, Wollen usw. direkt beeinflusst, doch die virtuelle Umwelt wird als »Realität« hingenommen. Alle Reaktionen, etwa Bewegungen, des so wahrnehmenden Menschen gehen gleich wieder als Rückkopplung in diese perfekte Simulation ein, die wir heute vom Holodeck der Enterprise kennen. Nutzt man diese Technik wie ein künftiges »Kino«, um etwa einen virtuellen Ausflug durch die Rocky Mountains zu machen, so ist dem, der sich an den Apparat anschließen lässt, natürlich klar, dass nach einiger Zeit, wenn man ihn von der Maschine trennt, die Illusion vorbei ist (zum Begriff Illusion Link , Link und ausführlich Link , zur Wahrnehmungs-Illusion Link und zur Illusion der Willensfreiheit Link ). Er erlebt, wie er von der Apparatur gelöst wird, geht nach Hause, und dabei passiert ein Unfall. Das ist Realität! – Bis, ja bis man die Maschine abstellt und erklärt, dass auch das vorausgegangene Abstellen der Maschine und alles danach Teil der Illusion war, ein »Zusatzprogramm«.

Nun geht der Mensch nach Hause, und dabei passiert etwas! Ist das jetzt »Realität«? Gibt es die überhaupt noch? Kann man Illusion und Realität noch trennen, die »Wahrheit« erkennen? Das neue Geschehen kann ebenso die Wiederholung des »Gags« sein wie »reales« Schicksal. Im Bewusstsein der ersten Erfahrung muss man zweifeln, hat man Unterscheidungsfähigkeit verloren.

Ein perfektes Internet wird zu Lems Maschine oder führt zu dem, was wir schon in beachtlichen Ausformungen als Cyberspace kennen. Werden wir nicht mehr angeschlossen, sondern sind schon durch Implantate stets online, so wird es sehr, sehr schwer, Haltegriffe zu finden: Darauf müssen wir uns einstellen, und es wird gewiss nicht noch einmal drei Jahrzehnte dauern!

Insofern ist es, ob wir es begrüßen oder nicht und unabhängig von den Konsequenzen, richtig, sich mit diesem Medium und diesem Phänomen zu beschäftigen, das bereits über 2 Milliarden Web-Seiten umfasst, zu denen täglich etwa 7 Millionen neue Seiten für die bisher rund 430 Millionen »Online«-Menschen kommen. Wir sollten es aber nicht nur technisch tun, auch wenn das – bis in die Schulen hinein – momentan im Vordergrund steht. Anfangen kann man diesbezüglich etwa bei den Empfehlungen des Fachausschusses »Informatische Bildung in Schulen« Link oder der schulischen Fortbildung zum Thema »Internet« unter Link oder beim »Internet für Einsteiger« unter Link .

Wenn wir eine Spinne im Netz sein wollen, nicht Fliege, es also beherrschen und nicht davon beherrscht werden wollen, dann müssen wir zunächst die Technik kennen und richtig nutzen. Deswegen für die, die mehr wissen wollen, noch einige Hinweise:

Etwas zu kompakt und daher nur bedingt übersichtlich ist vieles, was Jürgen Brauer unter Link zusammengestellt hat. Noch mehr gibt\'s auf der englischen page Link . Unter Link werden von Silke Nunnenmacher auch einige Aspekte der Pädagogik und Didaktik sowie der Gefahren angerissen. Daniel Stoller-Schai meint zum Thema »Internet und Bildung in der Schweiz« unter anderem, dass mehr selbstorganisiertes, selbstgesteuertes und autonomes Lernen an Bedeutung gewinnen wird Link . Selbstorganisation in der Informationsgesellschaft ist auch das Thema von Christian Fuchs Link , und Jochen Frey geht in seiner Diplomarbeit »Public Relations im Internet – Eine systemtheoretische Annäherung« Link auf die Online-Kommunikation im Spiegel von gesellschaftlichen Systemtheorien (v.a. Luhmann) ein.

Das ist auch ein Thema des »Fördervereins Informationstechnik und Gesellschaft« (FITUG), der die Aufklärung über Techniken, Risiken und Gefahren dieser Medien sowie die Wahrung der Menschenrechte und den Verbraucherschutz in Computernetzen zum Ziel hat Link . Das ist nötig, denn der Cyberspace erscheint vielen als Lösung aller Probleme in der wirklichen Welt, die man vermeintlich durch das Überschreiten der technischen Schwelle hinter sich lässt. Es ist die »kalifornische Ideologie«, die irrige Lehre von der Extropie, die die anarchische Freiheit im Netz mit Individualität und Basisdemokratie verwechselt und meint, mit der Flucht aus dem wirklichen Leben die realen Probleme zu überwinden (siehe auch wieder einmal einen guten Beitrag bei Heise: Link ).

Sehr bald muss man dann mit den Solipsisten oder unter Bezug auf die neuen Medien mit Rafael Capurro die Frage stellen, ob die Welt ein Traum ist (Link ). Der Autor – auf dessen gute Linksammlung zu Medientheorie und Informationsethik unter Link ich gerne verweise – geht davon aus, dass die Digitaltechnik zunehmend den Realitätsbegriff umkehrt: Das, was digitalisierbar ist, ist. Der Computer bewirke eine Entmachtung der Wirklichkeit zugunsten der Virtualität wie wir sie ansonsten aus Träumen kennen: »Wenn wir uns in den Cyberspace einloggen, kommt es uns so vor, als ob unsere Alltagswelt bloß eine mögliche Realisierung der virtuellen Welt wäre ... Der Grundzug unseres Seins bestünde dann nicht mehr im In-der-Welt-sein, wie Heidegger gegenüber der Bewußtseinsphilosophie behauptete, sondern im Im-Cyberspace-sein.« Auch Gott wird in dieser Sphäre digital, das Internet zur Heilsutopie: Link .

Noch sind wir nicht so weit, doch das Internet verändert schneller und tiefgreifender die Welt als etwa das Auto, das auch unsere Städte, Landschaften, Lebensführung total veränderte. Ja ist teilweise sogar Auslöser einer Gegenbewegung zu dieser Veränderung und zumindest umweltschonender. Virtualität ist der beste Naturschutz. Denn auch, wenn wir die tiefgehenden Fragen des Selbst- und Weltbewusstseins wegschieben, so ist zu prognostizieren, dass die physische Mobilität der Automobilgesellschaft zunehmend von derjenigen im Netz abgelöst werden wird: Die neue Heimarbeit am PC macht Bürotürme ebenso zu Relikten wie die digitalen Abwicklungen von Geschäfts- und Behördengängen. E-Commerce wird zunehmend die Einkaufsketten auf der »Grünen Wiese« durch den Lieferanten ersetzen, vielleicht bald die Nutzung der von Lem beschriebenen Maschine den realen Urlaubsflug in die Rocky Mountains – zudem mit Schönwettergarantie. So man will: Wie werden wir künftig Wille (Link und Link ) definieren, wenn der Klick auf das Erfüllungsprogramm genügt?


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