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ZEITRAUM  
ist der zeitliche Abstand vom Jetzt zum vergangenen oder zum künftigen Ereignis. – Aber ist eine Zeitdifferenz Raum? Ist die Vergangenheit die Zeile, die Sie gerade gelesen haben, die Zukunft die nachfolgende? Was wäre, wenn Sie die gar nicht lesen?

Die Vorsokratiker definierten Zeit schon aus Bewegung, liebten die Beschäftigung mit dem Raum in der Geometrie, die ihnen geradezu identisch mit Mathematik war. Oder sie lehnten, wie die Eleaten, jede Bewegung als Trug der Sinne ab. Galilei brauchte die Zeit, um in seinen Experimenten die Bewegung im Raum zu messen, zog Pulsschlag und Pendel heran. Bei Newton waren Raum und Zeit absolut, voneinander und von uns Menschen unabhängig. Kant sah sie als apriorische Kategorien unseres Denkens. Doch Einstein verband die Dimensionen von Raum und Zeit zu einem relativen Kontinuum. Die moderne Erkenntnistheorie macht sie nunmehr zu Ordnungskriterien in uns selbst: Das Bewusstsein erzeugt durch die Aufnahme in das Gedächtnis ein Stück der Vergangenheit und macht sie zur erinnernden Gegenwart.

Das Wechseln der Bewusstseinsbilder produziert, wie Im Spiegel der Möglichkeiten gleichnishaft ausgeführt, ein Zeit»gefühl« (zu Zeiterleben und Zeitgefühl Link von Sandra Irmer). Die durch die neuen Medien erlebbar gewordene Virtualität wirft nunmehr wieder den Gedanken der Eleaten auf: Raum und Zeit, ja alle Existenz, könnten – was auch der Solipsist meint (hier spreche ich bewusst im Singular) – Betrug sein, keine »echte« Existenz besitzen: Sind sie nur Chimären in uns selbst, weil sie Teile eines sich selbst bewussten Systems sind, das Umwelt immer nur interpretieren, nie wirklich erkennen kann? Was, wenn es diese Umwelt gar nicht gibt (weil wir eine Simulation sind) oder zumindest in ihr nicht diese Ordnung nach Zeit und Raum und Kausalität? Denn natürlich bedingen sich auch Zeit und Kausalität, weil die Wirkung auf die Ursache zu folgen hat.

Alles Quatsch? Dann sind auch die Atomphysiker durch die Bank Verrückte, denn in der Welt der Quanten, die sie zumindest so beherrschen, dass wir schon längst in der Elektronik und im Alltag davon profitieren, gibt es diese Kategorien nicht. Oder, wenn wir sie sprachlich doch verwenden, weil uns eine andere fehlt, müssen wir sagen, dass subatomare »Teilchen« rückwärts durch die Zeit laufen, dass sie zugleich an zwei Orten sind oder Folgen den Ursachen vorausgehen. Man, konkret das Team um Anton Zeilinger (zur Person: Link , zu seinem Teleportationsexperiment für hartgesottene Formelverständige: Link ), hat sogar schon mit Fullerenen (Link Link und Link ), kleinen »Fußbällen« aus 60 Kohlenstoffatomen, auf eine mikroskopische Torwand geschossen und für solch große Objekte das festgestellt, was man durch den berühmten Doppelspaltversuch mit Photonen schon als unerklärlich ansehen muss, wenn man nicht zwei sich in der Logik ausschließende Wahrheiten zugleich akzeptiert (vgl. Link und Link ): Die Bälle fliegen – solange man nicht sie, sondern das Ergebnis beobachtet – wie eine Welle durch beide Wandlöcher zugleich. Beobachtet man sie aber, entscheiden sie sich für eine Öffnung und erzeugen ein anderes Ergebnis (siehe auch Schrödingers Katze, Unschärferelation oder lese gleich die Abenteuer).

Zeitraum: Ein kleines und alltägliches Wort. Und doch ein gewaltiges Rätsel, wenn man es nicht so oberflächlich wie die meisten Links im Internet verwenden will, die für irgendetwas werben oder sich einfach auf einige Jahre im Lauf der Geschichte beziehen. – Zeitraum ist Kultivierung einer Ordnung, die wir als bewusste Wesen durch Austausch und Abgleich gemeinsam der Evolution gegeben haben. Es ist eine Ordnung, in der die Vergangenheit die Ursache für das Jetzt ist, das sonst zeitlos ewig wäre. Es ist eine Ordnung, die Zeit und Raum schafft. Sie kann aus Möglichkeit neue Möglichkeiten hervorbringen, wieder ein Nach, die Zukunft. Zeitraum ist Bewegung, der wir eine Richtung geben. Wir können ihn als Ausfaltung eines Ganzen sehen oder auch diesen Zeitraum kollabieren lassen, weil wir dem denkenden Ding die Basis entziehen: durch falsche Selbstüberwindung, wie die Extropier es wollen, oder durch Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen in einem kosmisch gesehen winzigen, kaum atomaren Lebensraum namens Erde. – Möge dieser kleine Erdball durch keine dieser fatalen Raumzeitöffnungen getreten werden!


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